Intrepid Empire

Nach nicht so ganz durchgeschlafener Nacht (ist bei mir insbesondere an fremden Orten normal) wachte ich auf, als mein Handy-Wecker dudelte (obwohl ich das nicht hörte, ich hatte im Laufe der Nacht doch Ohrstöpsel eingesetzt). Das war jedenfalls um neun Uhr, weil ich bis 10.30 Uhr zu frühstücken hatte. Im ersten Moment fand ich das Büffet im Vergleich zum Eindruck, der im Internet vermittelt wurde, etwas enttäuschend. Aber es wurde auf Wunsch Spiegel- oder Rührei oder Omelett auf einer elektrischen Kochplatte von einer farbigen Frau gemacht, es gab leckeren French Toast und die Muffins schmeckten auch erstaunlich gut. Noch eine Orange für später und einen Kaffee für auf’m Zimmer abgegriffen, dann dort nochmal das heutige Ziel im Netz recherchiert.

Flugzeugträger USS Intrepid

Die "Intrepid", von der 42th. West aus gesehen. Leider habe ich wegen eines Fehlers im Weißabgleich viele solche blaustichigen Fotos aufgenommen. Mist.

Dieses war das „Intrepid Sea Air and Space Museum„. Es besteht im Wesentlichen aus dem ehemaligen Flugzeugträger USS Intrepid (was übrigens „unerschrocken“ bedeutet, verschiedene US-amerikanische Schiffe trugen schon vorher diesen Namen, und auch bei „Raumschiff Enterprise“ kommt ein Schiff dieses Namens vor). Ferner gehört eine auf dem Pier 86 geparkte Concorde und ein mit Marschflugkörpern bestücktes U-Boot aus den 60ern, die USS Growler, dazu. Wer mich kennt, weiß, dass ich alleine über dieses Museum einen ellenlangen Artikel schreiben könnte, aber ich versuche, mich zurückzuhalten. Ich war nach zwölf Uhr da und hatte bis 17 Uhr Zeit. Und die habe ich auch genutzt.

A-12 Oxcart

A-12 Oxcart. Seltsamer Name für ein Flugzeug, welches Mach 3,35 erreichen kann. Es wurden nur 13 Stück davon gebaut. Auf dem Heck dieses Flugzeugs stehend schlug Will Smith in dem Film "I am Legend" Golfbälle Richtung Manhattan. Sehr effektvoll.

Ich begann auf dem Flugdeck, auf dem in Gruppen 23 Flugzeuge (darunter auch fünf Hubschrauber) ausgestellt waren. Es waren auch Jets, die keine Trägerflugzeuge waren sowie eine ganze Reihe nichtamerikanischer Flugzeuge dabei. Insgesamt gab es unter anderem eine F16 Falcon, eine F14 Tomcat, eine A6 Intruder, eine F8 Crusader, eine E-1 Tracer, eine F4 Phantom, eine Sea Cobra, einen Huey, eine Mig-15, eine Mig-17, eine französiche Entendart und eine israelische Kfir zu sehen. Das beeindruckenste Flugzeug allerdings dürfte die A-12 Oxcart sein. Ich weiß nicht, wieso die Amis ein stromlinienförmiges Flugzeug, welches mehr als dreifache Schallgeschwindigkeit erreichen konnte und seiner Zeit weit voraus war, „Ochsenkarren“ nannten, aber die Amis sind manchmal erfrischend selbstironisch. Dabei handelt es sich um den Vorläufer der berühmten SR-71 Blackbird, die fast identisch aussieht, allerdings ist sie größer, schwerer und hat im Gegensatz zur A-12 zwei anstatt nur ein Besatzungsmitglied. Die SR-71 war ein bekanntes Aufklärungsflugzeug, welches noch heute diverse Geschwindigkeitsrekorde für Flugzeuge mit Luftatmenden Triebwerken hält, u.a. für die schnellste Atlantiküberquerung.

Nachdem ich alle Flieger an Deck ausgiebig geknipst hatte, ging ich erst auf die Flagg- und Navigationsbrücken, dann aufs ehemalige Hangar-Deck. Hier waren zwei weitere Flugzeuge, ein Avanger-Torpedobomber aus dem zweiten Weltkrieg (Präsident George W. Bush der Erste flog so’n Ding) und eine A4 Skyhawk, und zwei Hubschrauber ausgestellt. Außerdem war hier der Information-Desk, es wurden einzelne Teile wie z.B. Schleudersitze, ausgestellt, außerdem gab es Filme, interaktive bzw. edukative Knopfdruck-Ausstellungsstücke (wie funktioniert ein Triebwerk, warum fliegt ein Flugzeug u.ä.) und Modelle von Raumkapseln Mercury, Gemini und Soyus. Die „Intrepid“ diente nämlich nach dem 2. Weltkrieg und dem Vietnam-Krieg als Bergungsträger für die ersten amerikanischen Raumkapseln. Die Kapseln selbst und die Astronauten wurden von den Hubschraubern der „Intrepid“ eingesammelt und zum Träger verfrachtet.

Die Scorecard der Intrepid

Die "Scorecard" der "Intrepid" aus dem 2. Weltkrieg.

Jedenfalls habe ich den starken Eindruck erhalten (wenn mir das nicht schon vorher klar war), dass Krieg bei den Amerikanern manchmal mehr als eine Art Sport gesehen wird. Sehr deutlich wurde das anhand einer riesenhaften „Scorecard“ der „Intrepid“, auf der alle abgeschossenen japanischen Flugzeuge und versenkten japanischen Schiffe verzeichnet sind. Für mich ist eine Scorecard eigentlich eher etwas, was man zum Minigolf oder Bowlen verwendet, zumeist geht das ohne menschliche Verluste aus. Vielleicht wird dieser „Sportsgeist“ von Militärs und/oder Politik ja auch gewollt, weil es psychologisch dem Krieg vielleicht ein wenig seinen Schrecken nimmt, was ich für bedenklich halte.

Regulus-Marschflugkörper

Vor dem Turm zu sehen: Ein Regulus-Marschflugkörper. Gut, dass die niemals eingesetzt wurden.

Da ich gelesen hatte, dass die Besichtigungs des U-Bootes „Growler“ nur bis 16 Uhr möglich wäre, sah ich nach dem Aufenthalt im Hangar-Deck zu, dass ich dahin kam. Die „Growler“ ist ein Relikt des kalten Krieges. Ausgerüstet mit vier Marschflugkörpern des Typs „Regulus„, diese jeweils einem nuklearen Sprengkopf von 2 Megatonnen, lauerte das Boot auf Patrouille in internationalen Gewässern nahe der Sovietunion. Hauptziel: Abschreckung. Man ließ die Soviets über die Existenz solcher Boote nicht im Dunkeln und konnte so vermitteln, dass die Soviets nach einem erfolgreichen, nuklearen Erstschlag auf jeden Fall mit massiver Vergeltung zu rechnen hatten. Die Regulus-Marschflugköper konnten nicht getaucht abgefeuert werden. Vielmehr musste das Boot auftauchen, danach wurde eine Regulus aus dem Hangar am Bug gezogen, auf einen Launcher gestellt und dann diagonal abgefeuert. Das Verfahren dauerte 17 Minuten. Moderne U-Boote können Marschflugköper und ballistische Raketen getaucht abfeuern, und das Ganze geht viel schneller. Nicht unbedingt beruhigend… Nunja, ich sah mir das Boot halt von innen an und machte diverse Fotos. Insgesamt war das Boot erheblich geräumiger als die beiden U-Boote, die ich zuvor anderswo besichtigt hatte.

Concorde

Eine Concorde der British Airways

Die Concorde konnte leider von innen nur von Gruppen mit geführter Tour besucht werden. Sehr schade, das hätte ich mir auch gerne einmal angesehen. Aber ich machte diverse Detail-Fotos von außen. Dann ging ich die restliche Zeit nochmal zurück auf die „Intrepid“, ich hatte da einiges ausgelassen, um rechtzeitig auf der „Growler“ zu sein. Ich sah mir dann noch die Schleudersitz-Ausstellung, die Pantrys und Schlafräume an. Ein paar Sachen habe ich nicht mehr geschafft, mir anzusehen, darunter das CIC (Combat Information Center). Ich verließ den Träger dann zehn Minuten vor Toresschluss.

USS Intrepid beleuchtet

Die USS Intrepid, die "Insel" wird in den amerikanischen Farben illuminiert.

Anschließend machte ich kurz Pause auf einer Bank vor dem Pier mit meiner Orange und ner Dose Coke. Es war inzwischen dunkel, und ich spazierte auf den Pier, um noch ein paar Fotos vom patriotisch beleuchteten Träger und von der Skyline zu machen.

Danach war es schon Zeit zum Abendessen (jedenfalls angesichts der Tatsache, dass das Mittagessen ausfallen musste), ich fand in der Nähe ein Diner, in dem ich ein Chickensandwich und ein Budweiser verdrückte. Sehr lecker.

Times Square

Times Square - ein Fernseher-Laden für Riesen

Anschließend war ich nicht so sicher, was noch zu tun wäre. Eigentlich war ich schon recht geschafft nach den viereinhalb Stunden im Intrepid-Museum. Andererseits war ich mitten im pulsierenden Manhatten, und es war gerade erst kurz nach 18 Uhr. Ich pilgerte über den Times Square (ganz in der Nähe war ich auch aus der U-Bahn gestiegen, ich kannte das also schon ein wenig), der mit seinen unzähligen, ganze Hochhausfassaden bedeckenden LED-Anzeigetafeln ein wenig wie ein Fernseher-Laden für Riesen anmutet. Schon ziemlich beeindruckend, wenn ich noch ein Junge oder wenigstens Jugendlicher gewesen wäre, ich hätte den Mund wahrscheinlich nicht zu gekriegt. Nicht weit entfernt leuchtete das Dach des Chrysler-Building, also ging ich einfach mal in die Richtung, um vielleicht ein Foto aus der Nähe zu machen. Dabei kam ich dann aber dem Empire State Building recht nahe, welches mich dann (wieder) doch mehr lockte.

Empire State Building

Das Empire State Building aus nächster Nähe, diesmal in Blau. Die Beleuchtung folgt Wikipedia zufolge den Anlässen wie amerikanischen Feiertagen. Einmal im Jahr wird sogar schwarz-rot-gold beleuchtet.

Kurz vor dem berühmten Wolkenkratzer waren schon Männer unterwegs, die die Passanten ansprachen, ob sie nicht eine Tour buchen wollten. So auch mich. Zuerst dachte ich, es sei unseriös, aber die gehörten schon zum offiziellen Team. Man bot mir allerdings eine Tour zum Observation-Deck im 86. Stock an, die doppelt soviel wie die normale kostete, also schweineteuer war. Vorteile: Direkt rein, ohne Schlange zu stehen (kann schon zwei Stunden dauern) sowie ein virtueller Helikopter-Flug über New York. Nunja, direkt rein… vorher hieß es noch, durch den Metall-Detektor zu gehen. Mein Taschenmesser und meine drei Dosen „Miller Light“, die ich zwischendurch in einem Markt erstanden hatte, durfte ich nicht mit hochnehmen… dafür bekam ich einen Abholzettel. Der „Helikopter-Flug“ war dann ganz lustig, auf so ner hydraulisch bewegten Plattform, erzählt von Kevin Bacon und schon beeindruckend, aber den Preis nicht so unbedingt wert. Egal, ich hatte mich entschieden, dass ich da sofort hoch wollte, und das war es mir wert. Ich ließ mich also hineinkomplimentieren, und der Verkäufer, so ein jamaikanischer Rasta-Mann, zeigt mir noch den Weg zum „Sky Ride“. Allerdings würde ich weniger spontan Entschlossenen eher empfehlen, ordentlich Zeit mitzubringen und noch bei Tageslicht hochzufahren. Hoch ging es dann mit einem Express-Lift von Stockwerk 2 (hierher ging es über eine Treppe – zu bemerken ist hier auch, dass die Amerikaner kein Erdgeschoss kennen, 1st. Floor ist das Erdgeschoss, 2nd. Floor also das, was bei uns erst der 1. Stock wäre) zu Stockwerk 80. Hier gab es eine Ausstellung über die Geschichte des Gebäudes. Es ist schon eine beindruckende Leistung, dass dieses Gebäude während der Depression zur damaligen Zeit zwischen 1930 und 1931 in nur 12 Monaten fertiggestellt wurde. Alleine Planung und Logistik muss ein Meisterstück gewesen sein.

Blick vom Empire State Building

Atemberaubender Blick bei Nacht vom Empire State Building.

Dann ging es weiter, mit einem weiteren Fahrstuhl wurden die letzten sechs Stockwerke bewältigt. Zwar kann man auch eine Tour zum 102. Stock buchen, damit wäre man lt. Wikipedia 381 Meter hoch, aber auch das 86. Stockwerk bietet einen atemberaubenden Blick über die Stadt. Nun, es war schon dunkel, was aber umso interessanter aussah. Aber bei Tageslicht hätte die Aussicht auch was für sich gehabt, daher mein Tipp, rechtzeitig da zu sein und Zeit mitzubringen. Ich machte gefühlte 3.000 Fotos.

Empire State Building Mast

Bedrohlich wie eine Energiewaffe gen Himmel gerichtet: Der Mast des Empire State Buildings. Einer Idee der Erbauer nach sollte dieser als Ankermast für Luftschiffe dienen. In dieser Höhe ist es dafür aber zu windig, deswegen kam es nie dazu.

Dann fuhr ich wieder runter, vergass erst, an der richtigen Stelle mein Bier und mein Taschenmesser zurückzufordern und ging dann wieder zurück. Der eine Security-Mensch begleitete mich dann mit meinem Taschenmesser noch ein Stück und wies mich an, es sofort wieder in meinem Rucksack zu verstauen. Mann, wie kann man nur so paranoid sein…

Eislaufen in Manhattan

Glückliche Menschen beim Eislaufen. Ich glaube, Bryant Park hieß die Ecke.

Ich latschte mal wieder erst in die falsche Richtung, sah mir zwischendurch noch Eislaufende, glückliche Menschen auf einer Eislauffläche (wie die berühmte beim Rockefeller Plaza) an, die ich zuvor schon aus 300 Meter Höhe gesehen hatte, kehrte um und war dann wieder beim Timessquare. Danach bestieg ich die U-Bahn, wechselte noch zweimal die Line und ging dann von Flushing Ave zu Fuss zurück zum Hotel. Zum Thema U-Bahn wollte ich noch eins erwähnen: Irgendwie erinnert die Begeisterung des Mannes vom Tonband, der immer „Stand clear from the closing doors“ sagt, an die eines Autoverkäufers, der versucht, die Toyota Camry-Modelle des Vorjahres an den Mann zu bringen. Für heute: Sayonara!

Über michikarl

Ich möchte den Werbetreibenden, die heutzutage mehr Daten über Individuen sammeln als die Geheimdienste dieser Welt, nicht kostenlos Informationen zur Verfügung stellen. Obwohl ich das mit Sicherheit auch hiermit bereits getan habe.
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4 Antworten zu Intrepid Empire

  1. Gunnar Bobbert schreibt:

    Hallo Michi!
    Wiederum sehr nett zu lesen! Wenn du wieder zu Hause bist, musst du mir unbedingt mehr von dem Museum erzählen.
    Einen Flugzeugträger habe ich leider noch nie richtig aus der Nähe besichtigen können. Nur die Enterprise – wo wir gerade bei den Namen der Star-Trek-Raumschiffe sind – habe ich mal aus der Ferne an mir vorbeifahren sehen.
    Und, was machst du am heutigen Abend noch? Bin schon gespannt, mehr von deinen Reiseberichten zu lesen.

    Grüße
    Gunnar und Anja

    • michikarl schreibt:

      Wow! Die Enterprise? Die „Big E“? Wo und wann hast Du die denn gesehen und in welchem Meer? Das natürlich auch ein legendäres Gerät, der erste atomgetriebene Träger der Navy. Seit 1960 im Dienst. Acht Reaktoren. Krasses Teil.
      Das Space Shuttle „Enterprise“, welches meines Wissens nach einer Unterschriften-Aktion von Star Trek Fans so benannt wurde, soll übrigens vom Smithonian Air and Space Museum nach New York zum Intrepid Museum kommen. Das Smithonian in Washington DC soll die „Discovery“ bekommen und gib dafür die „Enterprise“ nach New York ab. Die Enterprise war der Shuttle-Prototyp, der für Flugtests innerhalb der Atmosphäre gebaut wurde. Im All war das Teil nie. Aber es sieh genauso aus, wie die Shuttles. Ich werde sie wohl in DC noch sehen.

      • Gunnar Bobbert schreibt:

        Moin!

        Die habe ich vor, ich weiß nicht mehr genau, 8 oder 10 Jahren vor Wilhelmshaven in der Nordsee gesehen. Das Ding konnte aber nicht dort anlegen, da der Tiefgang für den alten Hafen zu groß war und lag dann ein paar Tage etwas außerhalb des Hafens. Konnte den Träger sogar vom Fenster der Familienresidenz aus sehen. Habe noch nie ein Schiff gesehen, dass dort derartig imposant über den Deich hinausragte!

  2. Mac schreibt:

    Hallo Michi, wir lesen jetzt (fast) jeden abend zwei Blogs. Es ist hochgradig spannend: dein Blog aus New York und Gydes und Thorstens Blog im Moment von Bali (Kanns du dir ja auch mal ansehen, bei Google „Gyde und Thorsten“ eingeben) . Viel Spaß noch und schreib recht fleissig.
    Liebe Grüße
    Kirsten und Markus

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