Sinnlos im Atomschutzbunker (29.01.2011)

Vögelsen, bei Lüneburg. Der Plan: 9 Uhr aufstehen, 10 Uhr frühstücken, 11 Uhr losfahren. Mit Schwester Elisabeth und den Neffen René und Pascal. Wir schafften es angesichts der Großzügigkeit dieser Zeitplanung etwas früher, unser Gepäck im übrsichtlichen Kofferraum des Renault Modus unterzubringen und loszueiern.

Es war kalt und regnerisch, die Windschutzscheibe fror immer wieder zu, und uns ging das Scheibenwaschwasser aus. Also füllten wir welches bei auf ner Tankstelle in der ehemaligen Zone auf und holten außerdem zwei Tüten Gummitiere eines von Thomas Gottschalk beworbenen Süßwarenherstellers da raus.

Einfach, aber sauber

Einfach, aber sauber, praktisch und preiswert: Das Zimmer im Etap Hotel

Angekommen in Berlin lotste uns das Navi von der Autobahn runter zum Etap-Hotel nicht weit vom Alexanderplatz im ehemaligen Ostteil der Stadt. Wir verstauten den Modus in der Tiefgarage, checkten ein und bezogen unsere zwei Zimmer im siebten Stock des Hotels. Die Neffen bekamen die 726, meine Schwester und ich nahmen die 730. Etap gehhört zum Accor-Konzern, die Zimmer sind spartanisch aber modern und sauber. Alles ist auf Kosteneffizienz ausgelegt, daher sind die Zimmer einfach gehalten. Ein Doppelbett, ein weiteres Etagenbett darüber (als Familie mit einem Kind kann man so ein Zimmer zu dritt nehmen, wenn das Kind nicht über 12 Jahre alt ist), ein winziger Schreibtisch mit Stuhl und „Multimedia-Hub“ (kleiner Fernseher, an den man Spielekonsolen und so anschließen kann), eine kleine Nasszelle mit automatischer Beleuchtung und eine Toilette mit zweilagigem Klopaper sowie ein Waschbecken bilden die gesamte Ausstattung. Aber was braucht man mehr, wenn man eh nur zum Schlafen da ist.

Alexanderplatz

Fernsehturm und Park Inn am Alexanderplatz

Es war früher Nachmittag, also gingen wir zum Alex in ein Café und nahmen dort Kaffee und Kuchen (bzw. in Renés Fall heisse Schokolade) ein. Danach bestiegen wir die U2, stiegen bei Gleisdreieck nochmal um in die U1 und fuhren zur Uhlandstraße. Wieder im ebenerdig  angekommen, fanden wir uns auf dem Ku’damm wieder. Wir gingen ein paar hundert Meter weiter und fanden unser Ziel, die Ausstellung „The Story of Berlin“ im Ku’damm-Caree.

The Story of Berlin

Das hier sieht vielversprechend aus - eine amerikanische Flugzeugtragfläche. Leider nur ein Replika...

Die Ausstellung beschäftigt sich mit der Geschichte Berlins etwa seit Friedrich II. bis zur Wiedervereinigung. Die unterschiedlichen Epochen sind zunächst in an einen „Timetunnel“ ganannten Korridor angrenzende Räume unterteilt. Hier geht es dann thematisch darum, wie Berlin etwa die industrielle Revolution oder den ersten Weltkrieg erlebte. Die jüngere Vergangenheit, die Weimarer Republik, die „goldenen Zwanziger“, das Aufflammen des Nationalsozialismus, der Holocaust, der zweite Weltkrieg, Luftbrücke und Mauerbau und schließlich Mauerfall und Wiedervereinigung, wird deutlich üppiger abgehandelt. Für meinen Geschmack gibt es leider recht wenige echte Exponate zu sehen, viel besteht aus Bild- und Texttafeln oder Rauminstallationen, auch Multimediale Elemente (vor allem Videos, auf teilweise raffiniert in die Räume integrierten Monitoren) kommen zum Einsatz. Allerdings ist die Art und Weise, wie alles gestaltet ist, doch schon ziemlich gut gemacht. Ein besonderes Schmankerl, für das wir unsere Reise durch die Zeit unterbrachen, ist eine Führung durch den Atomschutzbunker unter dem Ku’damm-Caree.

Pritschen im Atomschutzbunker unter dem Ku'Damm Carée

Pritschen im Atomschutzbunker unter dem Ku'Damm Carée

Um 18 Uhr wurden wir von Vivian, unserer meinen Neffen zufolge etwas „schnepfigen“ Führerin, am Sammelpunkt eingesammelt, um uns aus der Ausstellung heraus in den Bunker hinein zu führen. Dazu geht es ins Parkhaus, einige Treppen hinunter und durch eine offene Luftschleuse hinein in die Schutzräume. Hier sollten bis zu 3.535 Menschen im Falle eines nuklearen Schlages gegen Berlin zwei Wochen lang ausharren. Anschließend, so dachte man in den 70ern, sei der nukleare Fallout so weit abgeklungen, dass man den Bunker hätte verlassen und unverseuchtes Gebiet aufsuchen können. Es war ziemlich gruselig. Mir ist die Möglichkeit der weltweiten, nuklearen Vernichtung aus dem Kalten Krieg aus der Jugendzeit noch sehr präsent. Auch heute noch ist der Einsatz von Atomwaffen, auch gegen unser Land, ja durchaus noch denkbar, wenn auch die Wahrscheinlichkeit seit Ende des Kalten Krieges abgenommen hat. Mittlerweile allerdings erscheint so ein Bunker eher lächerlich. Beispielsweise gab es für die statistisch über 1.700 Männer, die hier womöglich Schutz gefunden hätten, ganze 32 WCs, 28 Pissoirs und 30 Waschbecken. Durch die Körpertemperatur der Menschen hätte die Raumtemperatur um die 36 Grad bei 90% relativer Luftfeuchtigkeit betragen, was die Verbreitung von Krankheiten begünstigt hätte. Ob die Luftfiltersysteme genügend Sauerstoff hätten liefern können, erscheint aus heutiger Sicht zweifelhaft. Darüber hinaus hätten die Schutzsuchenden selbstständig Dinge wie medizinische Versorgung, Sicherheit und Ordnung sowie Lebensmittelausgabe und -zubereitung organisieren müssen, denn für alle diese Dinge stand kein Personal zur Verfügung. Man ging einfach davon aus, dass statistisch gesehen ein Anteil an Ärzten, Krankenschwestern, Sanitätern und Polizisten zur Verfügung gestanden hätte… Die allgemein vorherrschende Meinung meiner Reisebegleiter: „Ich wäre lieber draußen geblieben!“

Pedalbetriebener Luftfilter

Pedalbetriebener Luftfilter aus einer Luftschutzeinrichtung der DDR - ob das wohl gegen die Bombe geholfen hätte?

Wir absolvierten den Rest der Ausstellung (etwa Nazi-Regime bis Wiedervereinigung) und verließen dann auch ungefähr bei Toresschluss gegen 20.00 Uhr die Ausstellung. Auf dem Plan stand, im nahegelegenen „Hard Rock Café“ ein überteuertes Abendessen einzunehmen (die Neffen stehen halt drauf). Wir trafen uns dort mit der älteren Schwester Franziska der Neffen und ihrem Freund, einem Kanadier. Nachdem wir erst nur einen Platz an der Theke bekommen konnten, setzte man uns in den ersten Stock. Ich hatte einen soliden 280gr. Burger mit Pommes und drei 0,5 Liter Berliner Pilsener vom Fass (ganz lecker).

Bemalter Trabant, ehemalige U2 Bühnendekoration bei der "Achtung Baby"-Tour

Bemalter Trabant, ehemalige U2 Bühnendekoration bei der "Achtung Baby"-Tour, im Hard Rock Café

Hinterher fuhren wir mit den beiden noch zusammen mit der U1 bis zum Kotbusser Tor und von da mit der U8 zurück zum Alex. Von dort aus bewältigten wir den Rest des Weges zum Hotel zu Fuß. Feierabend.

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Über michikarl

Ich möchte den Werbetreibenden, die heutzutage mehr Daten über Individuen sammeln als die Geheimdienste dieser Welt, nicht kostenlos Informationen zur Verfügung stellen. Obwohl ich das mit Sicherheit auch hiermit bereits getan habe.
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