Nachmittag am Strand

Ich machte mich strandfertig, packte ein paar Sachen in eine Plastiktüte. Ist zwar ein bisschen assig, aber erstens hatte ich nichts besseres, zweitens signalisiert das auch „hier ist nix zu klauen“. War auch nicht, weil ich nur so 17 Schekel für ein Eis in Münzen, Solarprotektionsfluid, Sonnenbrille, Apfel, Banane, Flasche Wasser und Handtuch mitnahm, nebst Keycard.

Am Strand schnappte ich mir eine Liege vom Stapel und schleppte sie ans Wasser. Hier wurde ich von einem dunklem Menschen in Frishman-Beach-Shirt in gebrochenem Englisch gefragt wurde, ob es ein Sonnenschirm und eine Liege sein solle. Ich erwiederte, dass ich kaum Geld dabei hätte und das auch nicht brauche. Keine Ahnung, ob es Abzocke oder legitim war, schon möglich, irgendwer muss ja so Liegen und Sonnenschirme anschaffen und auf- und abbauen lassen. Egal. Ich breitete mein Handtuch in der Nähe eines „Swimming prohibited“-Schildes aus und ging schwimmen. Denn diese Schilder werden hier von jedem einfach nur ignoriert.

Ich bin ja kein erfahrener Badeurlauber, schon gar nicht am Mittelmeer. Erst im Wasser fiel mir auf, was es hier alles nicht gibt, was ich von Nordsee oder Atlantik gewohnt bin: Tide, Dünung, Muscheln, Seetang, Strandgut, Quallen, im Wasser und am Strand war einfach mal so nix. Nun, das meiste davon will man eh nicht, und auf das andere kann man auch verzichten. Der Salzgehalt schien mir heftig, brannte ziemlich in den Augen, aber die Temperatur war sehr angenehm. Ich blieb nicht lange im Wasser, sondern verzog mich bald auf mein Handtuch.

Ich schmierte mich, so gut es ging, mit Solarprotektionsfluid ein und machte mich horizontal. Hatte noch keine Lust, zu lesen, stattdessen beobachtete ich träge den Strom von Passagier-Jets, der unablässig recht tief Richtung Ben Gurion einschwebte. Meistens eher kleine Jets, aber es waren auch zwei A380-Dickschiffe dabei. Zwischendurch holte ich mir für 15 Schekel ein Eis, welches ich auf einem Trainingsgerät sitzend, verzehrte. Anschließend nochmal ins Wasser.

Ein wenig sportlicher Ehrgeiz flammte auf, ich nahm mir vor, einmal Sheraton – Orchid Plaza und zurück zu schwimmen. Den Versuch brach ich aber ab, weil es plötzlich zu seicht wurde. Das Höhenprofil unter Wasser ist recht unberechenbar, an einigen Stellen hat man das Gefühl, das Mittelmeer bis Frankreich zu Fuß durchqueren zu können, an anderen fällt es sehr steil ab.

Nach der zweiten, längeren Einheit im Wasser, zog ich mir wieder ein T-Shirt an und begann in einem Buch zu lesen, welches mir meine lieben Frankfurter Gastgeber geschenkt hatten. Sehr unterhaltsame und lustige Lektüre, übrigens! (Katinka Buddenkotte, „Betreutes Trinken“). Ich glaube zwar, die Zielgruppe sind eher Mädels, aber ich amüsiere mich trotzdem sehr gut. Sehr zeitgeisty!

Irgendwann begann die Sonne zu sinken, diese geht hier übrigens schon so gegen halb fünf unter. Zum ersten Mal kam mir der Gedanke, dass, wenn wir die Sonne untergehen sehen, sie in Wirklichkeit schon seit ein paar Minuten hinter dem Horizont verschwunden ist, schließlich ist ihr Licht acht Minuten alt…

Als ich mich mit diesen Gedanken beschäftigte, kamen zuerst ein paar Regentropfen aus den dunklem Wolken, die sich inzwischen gebildet hatten. Unmittelbar danach kam ein Luftalarm. Die Leute am Strand reagierten unterschiedlich, einige unternahmen gar nichts, andere rannten Richtung Straße. Ich gehörte eher zur zweiten Gruppe und suchte Schutz zwischen der Strandmauer und einem riesigen Stapel Strandliegen. Hier war auch ein anderer, junger Mann (ich denke, Amerikaner), der erwartungsvoll mit seinem Handy den Horizont filmte. Und dann sahen wir die Rakete, oder besser, ihren Abgasstrahl, als leuchtenden Punkt in vielleicht zweihundert Meter Höhe Richtung Meer rauschen. Aber nur kurz, denn ein oder zwei Sekunden, nachdem ich sie ausgemacht hatte, explodierte sie auch schon in einem kleinen Feuerball in der Luft und hinterließ eine dunkle Rauchwolke. Etwa zehn Sekunden später hörte ich die Explosion. CNN meldet, die Rakete sei von Iron Dome abgefangen worden, und ich denke, so wird es auch gewesen sein, obwohl ich keine zweite Rakete gesehen habe. Vielleicht habe ich auch gar nicht die Qassam gesehen, sondern den Iron-Dome-Flugkörper. Wie auch immer, es machte Kawumm, und ein paar Leute am Strand klatschten. Zugegeben, das hat meinen Puls schon zwischenzeitlich gut hochgetrieben, die Nummer… Danach gab es dann einen richtigen Regenguss, ich verließ meine Deckung und rannte über die Straße zum Strandeingang des Hotels. Hier beobachtete ich, zusammen mit ein paar Amerikanern, den Rest des Sonnenuntergangs. Die Jungs gaben sich lässig, sie gehören wohl zu denen, die nicht in Deckung rennen „Really, it’s more likely to get killed in a car-accident!“ Dem pflichte ich zwar bei, zumindest hier in Tel Aviv, aber ich werde trotzdem weiter in Deckung gehen, wenn ich einen Alarm höre…

Blick vom Balkon

Blick von meinem Balkon – ungefähr in der Mitte des Bildes war der Stelle, wo die anfliegende Rakete (wahrscheinlich) abgefangen wurde. Lt. CNN werden etwa 50% der Raketen aus Gaza von Iron Dome abgefangen. Ich habe gelesen, dass, wenn abzusehen ist, dass die angreifende Rakete keinen Schaden anrichten wird, gar kein teurer Iron-Dome-Flugkörper gestartet wird.

Tja, es ist schon ein merkwürdiges Gefühl, hier die Leute am Strand spielen zu sehen, während die Luftwaffe Gaza bombardiert und sich die Armee für eine, wie ich denke, recht wahrscheinliche und unmittelbar bevorstehende Invasion bereit macht. Irgendwie habe ich deswegen – wenn auch nur im Ansatz – sogar ein schlechtes Gewissen. Die Ratio sagt mir, es ist erstens nicht meine Schuld und zweitens ändert mein Verhalten auch absolute nichts an der Lage. Aber es bleibt ein seltsames Gefühl.

Wie auch immer, ich werde wohl erstmal weitermachen wie geplant weitermachen und vielleicht in ner Stunde zum Mike’s losziehen um dort was zu essen und zu trinken. Vielleicht treffe ich dort Lee und seine Kumpels aus Manchaster wieder, das würde mir gefallen. Bis später.

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Über michikarl

Ich möchte den Werbetreibenden, die heutzutage mehr Daten über Individuen sammeln als die Geheimdienste dieser Welt, nicht kostenlos Informationen zur Verfügung stellen. Obwohl ich das mit Sicherheit auch hiermit bereits getan habe.
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2 Antworten zu Nachmittag am Strand

  1. Frankfurter Gastgeberin schreibt:

    Neuer Versuch, schön immer von Dir zu hören, vor allem dann, wenn es Dir gut geht. Hoffe, Du kannst weiter entspannen und hattest einen guten Abend bei Mike.

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