Motorroller fahrende Giraffen, sprechende Ampeln und Tel Aviv von oben

Okay, der Tag ist zuuende, ich bin im Hotel und muss nun den Blog-Flickenteppich des Tages zusammenstricken. Ich habe nämlich an schon ein bisschen anderswo vorgeschrieben:

Ich bin unlängst von einem längeren Ausflug in die Stadt zurückgekommen und habe überlegt, ob ich erst bloggen oder erst Zigarre rauchen und Bier trinken am Strand sollte. Dann dachte ich mir, was soll’s, mache ich doch beides gleichzeitig. Schließlich brauche ich zum schreiben nicht online zu sein, obwohl ich festgestellt habe, dass ich das WLAN des Sheraton hier noch einigermaßen kriege… Also sitze ich jetzt hier auf einem Trainingsgerät, welches, glaube ich, für Sit-Ups gedacht ist (hier habe ich gestern schon ein Eis gegessen) und höre dem Rauschen der lächerlichen Wellen hier zu. Eine Mondsichel steht am Himmel, hier ist kaum was los, auch wenig Verkehr. Alles sehr friedlich, wenn man vom zweiten Luftalarm des Tages vor ner Dreiviertelstunde oder so absieht. Dazu später…

Bauhausstil-Hütte

Bauhausstil-Hütte – nehme ich Architektur-Banause einfach mal an.

Ich hatte heute nicht so den Masterplan, was heute zu tun wäre, aber ich entschied, doch noch die Sheinkin St. zu besuchen, wo angeblich die Hippen und Schönen shoppen gehen. Ich hatte zwar nichts mehr zu shoppen, aber ich wollte mal die Hippen und Schönen sehen, wer weiß, vielleicht wäre ja ne 79Z dabei…

Also bisschen Obst, Coke, Wasser und Müsliriegel eingepackt und ab. Ich schmiss eine virtuelle Beachboys-Kassette ins Smartphone und schritt die Herbert Samuel mittellaut mitsingend herunter: „If everybody had an ocean across the USA, then everybody’d be surfin‘ like Californ-I-A…“ (Der Texter des Songs muss ein Genie sein!)

Bei der Allenby bog ich links ab Richtung Osten, weg von der Wasserkante. An der Kreuzung Allenby/Tchernichovsky war ein Platz mit T-Shirt-Läden und so Gedöns. Hier war eine Gruppe Polizisten und Soldaten (letztere mit großen Sturmgewehren ohne Magazin, welches sie stattdessen am Gürtel trugen) dabei, sich von und mit einer Touristin ablichten zu lassen. Ich produzierte ein kleines Filmschnipsel für mein vlog. Man beachte die Soldaten darin, sie sind auch kurz zu sehen, und mir wurde auch ein wenig mulmig dabei, weil sie schon ein wenig misstrauisch guckten.

Gruppenbild mit Touristin

Tja, man weiß es nicht genau, was soll es bedeuten. Jedenfalls sieht es eher nach Präsenz-zeigen als nach großer Wehrhaftigkeit aus, weil die Magazine im Gürtel, nicht in der Waffe getragen werden. Andererseits ist das ne Sache von vielleicht vier Sekunden im Notfall…

Dann ging es weiter zur Sheinkin St. Und hier ein größes Geständnis: Ich habe vorgestern behauptet, ich hätte mich nicht verlaufen. Habe ich auch nicht direkt. Aber ich bin episch komplett völlig falsch gegangen, weil Google Maps mit die Sheinkin an ganz anderer Stelle angezeigt hat, als sie war. Ich hätte da lieber mal in meinen Reiseführer oder auf Open Cycle Maps gucken sollen! Das hatte ich heute morgen herausgefunden, und diesmal erreichte ich die angebliche Schön-und-hipp-Straße mit nur einem ganz kleinen Umweg.

Sheinkin St - Motorrollerfahrende Giraffe

Sheinkin St – Motorrollerfahrende Giraffe. Hier gibt es nicht viel Schönes und Hippes, aber der gefleckte Freund auf dem Zweitakt-Hobel ist beides.

Hm. Okay, hier gibt es so Marken-Läden wie Nike, Diesel und so und ein paar Boutiken mit Schuhen und Handtaschen (sorry Mädels, diesmal keine Bilder! Sonst meldet eine promovierte 79Z aus dem eContent nur wieder Ansprüche an wie letztes Jahr!) Gut, vor einem dieser Läden stand eine hübsche Israelitin in Lederhosen, aber ansonsten: Fehlanzeige! (Kurze Randbemerkung: Die Israelitinnen sind wirklich oft sehr hübsche,junge Frauen. Schlank, sportlich, dunkle Augen, schwarze Haare, hüsches Gesicht, leicht dunkler Teint, nur leider oft in Uniform der IDF…) Die Sheinkin St. war eher leer, die Architektur überwiegend marode, Pressslufthammerlärm und mittendrin ein Saugrüsselfahrzeug, welches seinen Saugrüssel in die Kanalisation steckte, was einen Geruch weit ab von Douglas und allem, was hipp und schön sein soll, verbreitete.

Rotschild Avenue

Allez, allez, allez… Tel Aviv allez! Eine Straße, viele Bäume, ja das ist eine Allee! (In diesem Falle die Rotschild Ave)

Okay. Nächstes Ziel: Asrieli Observation Deck. Lt. Reiseführer das Empire State Building Tel Avivs, was den Ausblick angeht, nur ohne Schlangen. Und ich hätte mich auch besser auf meinen Reiseführer als auf Google Maps verlassen, denn auch hier zeigte mir Google Maps etwas völlig Falsches an. Auch hier hätte ein genauerer Blick auf Open Cycle Maps mir die Richtige Position gezeigt, aber das habe ich erst kapiert, als ich den Turm schon gefunden hatte. So irrte ich natürlich doch mal wieder in die falsche Richtung, weil Google Maps den besten Treffer bei Ecke Rotschild/Balfour anzeigte. Immerhin, die Rotschild Allee, deren Fußgänger- und Fahrradwege und dem Bätterdach von Bäumen inmitten der beiden Fahrspuren des Autoverkehrs (mit einem schönen Abstand dazwischen) liegen, ist eine echt nette Straße zum Flanieren.

Ich nahm dabei fleißig die wechselnde Architektur Tel Avivs mit meiner kleinen Canon unter Beschuss (man möge mir die Ausdrucksweise angesichts der Lage verzeihen, aber ich habe ein Recht auf schwarzen Humor und kann nix dafür, wie die Japaner ihre Kameramarken benennten). Hier gibt es verfallene Bauhaus-Stil-Gebäude (für die Tel Aviv zum UNESCO-Welterbe gehört), sanierte Bauhaus-Gebäude, verfallene Gebäude, die nicht Bauhaus-Stil sind, aber in denen trotzdem Leute wohnen (ganz normal hier, wie gesagt, wir Deutschen jammern in allen Dingen auf hohem Niveau), protzige Glas-und-Stahl-Hochhäuser… und alles bunt durcheinander. Es wird auch weiter fleißig gebaut und saniert überall, heute morgen hörte ich die Presslufthämmer schon von Hotel aus. Israel ist ja wohl eine reiche Nation mit boomender Wirtschaft, gutem Bildungswesen, und eine führende High-Tech-Nation, es gibt wohl durchaus Geld und Investoren hier. Mal sehen, ob das auch so bleibt, oder ob jeder Investor befürchten muss, seine Investments gehen hier durch eine dauerhafte Destibilisation der Region und resultierenden, anhaltenden Raketenbeschuss den Bach runter…

Rubinstein House

Rubinstein House – keine Ahnung, was drin ist. Wahrscheinlich Büros und das unvermeidliche Einkaufszentrum. Draußen wacht jedenfalls so ne Art Blueman-Group. Oder es sind Schlümpfe, die ihre Mützen vergessen haben.

Ich landete schließlich über Rotschild, Sheinkin und Lincoln an der Menahem Begin Rd, an der das Azreili Center (Nr. 132) lt. Reiseführer liegen sollte. Nur hatte ich irgendwie die Seite im Reiseführer erstmal nicht wiedergefunden, wo das stand. An der Kreuzung Lincoln/Menahem Begin befindet sich das Rubinstein House, ein riesiges Glas-und-Stahl-Gebäude. Ich war nicht drin, habe also keine Ahnung, was drin ist, aber außerhalb gab es Sitzgruppen, wo ich Pause machte und ne Banane und nen Müsliriegel mit Coke Zero verdünnt meiner Persistaltik in Arbeit gab. Außerdem war der Business-Tempel nett zu fotografieren.

Immer noch ohne Ahnung, in welche Richtung ich mich wenden sollte, machte ich mich natürlich erstmal auf den Weg in die Falsche. Klar, das Observation Deck würde auf einem der höheren Türme liegen. Ich sah mich also um und zog den Levinstein-Tower und besonders den ovalen Sonol-Tower in Betracht. Am Sonol-Tower checkte ich endlich nochmals den Reiseführer und fand endlich Absatz und Hausnummer wieder und machte mich auf den Weg gen Norden.

Der Azrieli-Komplex

Der Azrieli-Komplex, eigentlich sind es drei Türme: Ein runder, ein quadratischer und ein dreieckiger.

Irgendwann traf ich dann auch an einem riesigen Hochhauskomplex ein, den ich für das mögliche Ziel hielt. Es gab eine Taschenkontrolle am Eingang, was in meinen Augen die Trefferwahrscheinlichkeit erhöhte. Ich fragte einen Soldaten mit Magazinlosem Sturmgewehr am Eingang und sagte ihm, ich suche das Azreili Oservation Deck (oder so ähnlich), sein Englisch war nicht so spitze, aber er sagte, es sei der Azreili-Komplex, und ich solle mich halt durchfragen. Also ging ich durch die Taschenkontrolle.

Einkaufszentrum im Azrieli-Komplex

Einkaufszentrum im Azrieli-Komplex: Ziemlich schön und hipp hier, alles.

Im Innern erwartete mich zunächst mal ein wahnsinnig riesiges Einkaufszentrum. Echt Hammer, HIER würde ich die Schönen und Hippen tausendmal eher erwarten als in der Shenkin St. !!! Das ist mal ne Mall… Aber ich wollte ja nicht shoppen, und das mit den Hippen und Schönen hatte ich abgehakt, die interessieren sich eh nur für ihresgleichen, ich wollte aufs Observation-Deck. In diesem Gebäude liefen auffallend viele Soldaten und Soldatinnen herum, auch zwei, die ihr Magazin nicht am Gürtel, sonden in der Waffe trugen, die Wumme des einen hatte außerdem ein Zielfernrohr.

Baustelle auf dem Aussichtsdeck

Baustelle auf dem Aussichtsdeck – symptomatisch für Tel Aviv.

Der Gebäudekomplex besteht aus drei Glas-und-Stahl-Türmen (einem runden, einem quadratischen und einem dreieckigen), ich hatte kein Navi dabei, fand aber trotzdem wohl eher zufällig meinen Weg zu einer Art Concierge, die gleichzeitig mit Handy und Festnetztelefon telefonierte. Ich wartete geduldig, sagte, was ich vorhatte, blechte 22 NIS und begab mich in Richtung Aufzug. Ich wollte noch mal zurück und fragen, ob ich einfach nur in den 49. Stock fahren solle, aber die hübsche Dame hatte ihre Ohren bereits wieder mit ein bis zwei Telefonen vernetzt…

Sonnenuntergang über Tel Aviv

Sonnenuntergang über Tel Aviv vom Azrieli Observaory aus geknipst.

Also rein in den Lift und den Wurstfinger auf die 49. Wow, ich hätte gerne eine Waage dabeigehabt, um zu checken, wieviel mehr Gewicht ich bei der Beschleunigung aufbrigen kann! (Bzw. runter wieviel weniger…) Die Dinger in diesem Turm hatten ne solide Beschleunigung am Start, in beide Richtungen. Im Lift sprach mich ein Hemd-und-Krawatte-Träger häbräisch an, ich reagierte wie immer mit „Pardon“, er meinte, ich wollte wohl zum Observation Deck und solle die 49 drücken (was ich schon getan hatte). Er meinte außerdem nicht unfreundlich, es sei eine Fehlplanung, einen Büroturm mit einem Observation-Deck zu verbinden. Glaubt der, das sei beim Empire-State-Building anders?

Langzeitaufnahme vom Asrieli Observatory aus

Langzeitaufnahme vom Asrieli Observatory aus

Oben angekommen war die fast leere Aussichtsplattform, die man auch für Events exklusiv mieten kann. Ich hatte Glück, dass sowas gerade nicht anstand, der Reiseführer hatte empfohlen, vorher anzurufen, aber ich habe es einfach mal drauf ankommen lassen. Auf einem Tisch standen einige Teller mit getrocknetem Obst (soweit ich sehen konnte), welches sich einige Leute schmecken ließen. Außerdem wurde hier gebaut, hier lagen Werkzeuge, Eimer mit Sand und ähnliches herum, und einige Ecken wurden offensichtlich gerade rennoviert. Irgendwie symptomatisch für die ganze Stadt… Auch einer der Bänke an den Aussichtsfenstern schlief ein Mann auf dem Schoß seiner wachen und sehr hübschen Freundin.

Langzeitaufnahme vom Asrieli Observatory aus

Wenn man kein Stativ dabei hat, muss man improvisieren. Manchmal tun es schon ein gefaltetes Stück Papier (für den richtigen Winkel) und ein Stuhl.

Ich fing natürlich erstmal an, wie ein Besessener dreitausend Fotos zu knipsen. Der Sonnenuntergang ließ nicht mehr lange auf sich warten. Ich machte mit dem Smartphone einen vlog-Beitrag, wobei plötzlich ein junger Mann auftauchte und auf Deutsch dazwischenquatschte. Ich stellte mich vor „Michael, aus Osnabrück“. Er: „Auch so, aus München“. Er erzählte mir, dass er beruflich öfter in Israel sei und dass ich in Jerusalem besser keine Fotos von Polizisten und Soldaten machen solle, wenn ich nicht nen Tag weggesperrt werde wolle. Die seien weniger entspannt als die Sicherheitskräfte hier. Hm, wichtige Info!

Langzeitaufnahme vom Asrieli Observatory aus

Ich liebe lange Belichtungszeiten…

Ich blieb hier noch einige Zeit, fotografierte den wenig spektakulären Sonnenuntergang und machte dann mithilfe einiger Improvisation einige Langzeitaufnahmen von den Straßen der Umgebung und von der Stadt. Leider war halt alles verglast, und die Fenster waren auch noch alles andere als sauber, was man auf einigen Bildern auch deutlich sieht. Ich hatte gelesen, die würden bis 18 Uhr das Deck geöffnet haben, aber ich wurde schon eine halbe Stunde vorher von der telefonierfreudigen Concierge aus Level 3 runterkomplimentert.

Ich fuhr also auf Level Null. Hier stiegen viele Leute aus, hielten ihre Karten an ein elektronisches Lesegerät, worauf sich die moderne Version von Wildwest-Bar-Türen automatisch öffnete und die Leute raus und zu ihren Autos ließ. Hm. Isch haaabe gar kein Auto… und keine schlaue, elektronische Karte. Scheiße. Ich dachte, ich müsse in eine andere Ebene fahren. Die Reinigungsfrau vor Ort konnte kein Englisch. Um es abzukürzen: Zweimal fuhr ich wieder in erheblich höhere Levels (wo z.B. die Bank of America Büros unterhält), zweimal sagten mir hilfsbereite Leute, ich müsse auf Level 0 fahren und dort einen anderen Lift nehmen und ggf. jemanden am Desk fragen. Leider war aber der Desk AUSSERHALB der Wildwest-Bartüren mit der elektronischen Kartenabfrage. Nachdem ich das Spielchen zweimal gespielt hatte, fand ich eine Tür mit Knopf für Rollstuhlfahrer neben den Wildwest-Türchen, und ein einfacher Knopfdruck entließ mich auf die Straße. So einfach kann es sein.

Langzeitaufnahme vom Azrieli Observatory aus

Die Autos hinterlassen immer so schöne Spuren…

So, ich bin mit dieser Geschichte zwar noch nicht durch, aber mit meinen Bier- und Zigarrenvorräten am Strand. Also werde ich mich ins Hotel verfügen, meinen Kram dort abstellen (und ne Stange Wasser, na, Ihr wisst schon) und dann ins Mike’s gehen, ne Pizza verhaften und schauen, ob die Jungs aus Manchaster da wieder rumlungern. Später schreibe ich dann weiter.

Langzeitaufnahme vom Azrieli Observatory aus

Wenn man dieselbe Stelle mehrfach fotografiert, kann man sogar die Ampelphasen rekonstruieren.

Soweit der Teil, den ich am Strand geschrieben habe. Aber damit bin ich noch nicht ganz mit meinem Ausflug in die Stadt durch, also weiter:

Unten angekommen und das Gebäude erfolgreich via Rollstuhl-Taste verlassen habend, musste ich mich erstmal orientieren. Ich ging dann die Eliezer Kaplan westwärts Richtung Strand. Dabei traf ich die titelgebende, sprechende Ampel: Diese sprach mich, nachdem ich den Knopf gedrückt hatte, unvermittelt an. Leider auf Häbräisch, und dafür brauche ich, wie gesagt, noch ein paar Tage, bisher weiß ich nur, was „Hi“ und „Danke“ heißt. Aber in der Ansprache kam „Kaplan“ vor, was der Name der Straße, auf der ich wandelte, war. Eigentlich ne clevere Sache für blinde Mitbürger, wie ich finde.

Graffiti an der Eliezer Kaplan

Ein Haufen anhand des charakteristischen Lufteinlasses unterhalb des Rumpfes eindeutig zu erkennender F-16. Die Intension des Künstlers würde mich interessieren. In der Mitte jedoch ist eine eindeutige Botschaft zu erkennen.

Die Kaplan mündet in die „Ditze“, wie ich die Dizengoff St. intern nenne. Unterwegs gönnte ich mir noch eine Flasche Eistee und ein Eis. Die „Ditze“ führt durch das Dizengoff-Center, einem modernen Gebäudekomplex mit Hotel, Einkaufszentrum und was weiß ich. Ich folgte der „Ditze“ weiter, zu einem Platz mit einem sehr modern gestalteten Springbrunnen. Mein Reiseführer sagte was von Wasser- und Feuer-Brunnen, und ich fragte mich, ob das vielleicht dieser sei, aber Feuer habe ich nicht gesehen. Von der „Ditze“ aus bog ich dann nur noch in die Frishman ab, und von da geht es eigentlich nur noch westwärts zu Strand und Hotel.

Springbrunnen oberhalb der "Ditze"

Springbrunnen oberhalb der „Ditze“ – die Dizengoff führt an sich darunter durch.

Anstatt sofort zum Hotel zu gehen, kaufte ich mir beim Laden in der Nähe noch Bier und ne Zigarre. Ich wollte erst noch an den Strand, die Zigarre rauchen und ein Bier trinken. Ich war schon unterwegs dorthin, als der zweite Luftalarm des Tages kam. Wieder die Entscheidung, entweder womöglich den Raketenanflug und vielleicht das Abfangen zu filmen, oder mich in Sicherheit zu bringen. Ich lief zum nächsten Gebäude, auch ein Hotel, aber nicht meins, und rein. Eine Etage tiefer, weg von Fenstern und Touren, waren ich und ein paar andere Leute recht sicher vor den mit nur kleinen Sprengköpfen ausgestatteten Qassams. Wenn es zutreffend ist, dass die nicht mehr als 10 kg TNT an Bord haben, bringen die im Leben kein Gebäude zum Einsturz. Höchstens solche, die ohnehin in den nächsten fünf Jahren auch ohne Raketeneinschlag einstürzen. Von denen es meiner bescheidenen Expertise nach ein paar in dieser Stadt gibt, nebenbei bemerkt. Jedenfalls sind das, im Vergleich zu den Dingern aus dem zweiten Weltkrieg, die in Osnabrück alle paar Monate entschärft werden, bessere Knallfrösche. Allerdings sind heute drei Leute durch diese Dinger im Süden ums Leben gekommen, daher sollte man nicht zu lässig damit umgehen. Direkt daneben stehen sollte man nicht.

Jedenfalls ging ich nach Ende des Alarms doch zurück ins Hotelzimmer, Nachrichten gucken und ne Stange Wasser… Ihr wisst schon. Auf CNN lief nur ein Feature über junge Golf-Talente in der Türkei. Tja, was gestern noch Breaking News war, ist heute schon wieder Routine. So ist das Nachrichtengeschäft. Ich packte dann den eeePC, Bier und Zigarre in den Rucksack, um am Strand schonmal ein wenig vorzuschreiben. Was Ihr dann ja auch schon gelesen habt. Auf dem Weg zum Strand, und das habe ich bisher vergessen zu berichten, wurde ich von einem jungen Mann auf einem Fahrrad angesprochen, ob ich irgendein Gaming machen würde (hab ihn nicht richtig verstanden), ich erinnere ihn an jemanden. Wir kamen ins Gespräch. Isaac kommt aus Washington DC („Really? I’ve been there last year and visited the Smithonian Air and Space Museum! Amazing!“) und studiert hier vier Jahre lang Medizin. War ein echt nettes Gespräch mit der hier üblichen, englischen Verabschiedung: „Be safe.“ „You too“.

Anschließend ging es ins „Mikes“, und während ich auf die Rechnung wartete, schrieb ich schonmal folgendes auf dem eierPad:

Nach der Zigarre und den zwei Goldstar am Strand ging ich kurz zurück ins Hotel, tauschte den eePC, mit dem ich normalerweise blogge, gegen das eierPad (auf dem ich paar Fotos habe, die ich den Jungs aus Manchester zeigen wollte), und zog los Richtung „Mike’s“. Mithilfe meiner neuen Kopfhörer ballerte ich mir Faith no more in die Ohren „Collisioooooooooon…“ Irgendwie auch ein passender Titel, wenn man die „Begegnungen“ zwischen Qassam und Iron Dome im Hinterkopf hat, was hier gelegentlich vorkommt.

Im „Mike’s“ lief draußen auf der Leinwand Formel 1 aus Texas (worauf die Amis lt. CNN stolz wie Oskar sind), drinnen lief American Football. Leider traf ich meine Kumpels aus Manchaster nicht an, schade, dabei hatte ich ihnen eigentlich eine wichtige Botschaft meines Bosses zu vermitteln. Aber das Club-Sandwich, die Cheesy-Fries und die zwei Goldstar waren lecker, und das eierPad,  dass ich ja dabei hatte, konnte etwas, was mein Telefon nicht schaffte: Ich konnte es in Mike’s WLAN einklinken. Übrigens, auf der Speisekarte steht, es gibt auch in Jerusalem ein „Mike’s“… Da muss ich hin. Das amerikanische Make-me-Vollformat-Futter ist jedenfalls hundertprozentig.

Ich beantwortete ein paar Blog-Kommentare per E-Mail und konnte mich zwischenzeitlich ein wenig mit der Bedienung mit dem waffenscheinpflichtigen Lächeln unterhalten. Ich fragte sie, ob sie gedient hätte, was sie bejahte. Und ob sie sich Gedanken machen müsse, eingezogen zu werden, was sie eher verneinte, denn zunächst würden diejenigen mit Kampferfahrung gezogen werden, was bei ihr nicht der Fall wäre. Wohl aber bei einem Freund von ihr, der Kampferfahrung hat. Er ist gerade vor einem Monat mit dem Wehrdienst fertig geworden und in die USA gereist, jetzt wurde er gezogen und ist unterwegs, um sich zum Dienst zu melden.

Als ich die Rechnung hatte (wie in den USA üblich in so einem kleinen Heftchen mit Umschlag) und da meine 130 NIS (inkl. Trinkgeld) reingesteckt hatte, ging ich raus aus dem Laden (obwohl da ein Blues-Duo war, das ganz gut klang). Ich entschied mich, auch noch dem Mann vor der Tür die Armee- und Einzugsfrage zu stellen. Er meinte, er habe natürlich gedient (hier ist Wehrpflicht für Männer und Frauen, daher haben sowieso fast alle gedient) und auch Kampferfahrung. Trotzdem würde er, so wurde er angeblich informiert, nur eingezogen, falls die Gegenseite chemische Gefechtsköpfe einsetzte. Keine Ahnung, ob er Döntjes erzählt hat, mir kann man hier natürlich alles erzählen. Aber das ist, was er mir sagte.

Tja, dann halt wieder zurück ins Hotel, Fernseher an (wo auf CNN schon wieder nur Golf läuft) und den Kram von heute blogfertig machen. Morgen geht es nach Jerusaelm. Jetzt noch die Bilder und Videos fertigmachen, und ab ins Bettchen. Bis morgen!

PS: Ich werde wohl nicht alle Videoeinträge hochgeladen bekommen, jedenfalls nicht mehr hier. Eigentlich habe ich hier nur 256 kbit/sec Upload, aber die letzten Tage ging es aus irgendeinem Grund erheblich schneller. Leider ist das jetzt nicht mehr der Fall. Aber vielleicht kann ich die in Jerusalem nachtragen.

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Über michikarl

Ich möchte den Werbetreibenden, die heutzutage mehr Daten über Individuen sammeln als die Geheimdienste dieser Welt, nicht kostenlos Informationen zur Verfügung stellen. Obwohl ich das mit Sicherheit auch hiermit bereits getan habe.
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2 Antworten zu Motorroller fahrende Giraffen, sprechende Ampeln und Tel Aviv von oben

  1. satayspiess schreibt:

    Wow, die Nachtaufnahmen gefallen mir auch ausgesprochen gut! Hast ja echt was gesehen gestern! 🙂

  2. Elisabeth van Nguyen schreibt:

    Tsss – Google Maps, selbst schuld! Was guckst Du auch nicht gleich in Deinen von Deiner liebevollen Schwester überaus liebevoll geschenkten Reiseführer?!

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