High on the hills of the town of Jerusalem

(Hoffentlich versteht niemand den Titel falsch, das ist wörtlich gemeint, Ihr Banausen!)

GPS-Tracking Fußweg in Jerusalem

Meine Smartphone-App behauptet, ich hätte heute mehr als 16 km zu Fuß zurückgelegt. Man beachte die „Knoten“, wo ich mich verirrt habe.

Nach dem Frühstück ging ich die Hebron wieder Richtung Norden, zurück zur Alten Stadt. Der Plan war, den Gang über die Stadtmauer zu machen und den Tempelberg zu besuchen. Nachdem ich durch das Jaffa-Tor gegangen war, musste ich erstmal suche, wo die Tour denn starten sollte. Außerdem ging ich noch Postkarten einkaufen.

Schließlich fand ich, nachdem ich mir Auskunft geholt hatte, den Eingang und die Ticket-Verkaufsstelle für die „Ramparts-Tour“. Ich erstand also für 16 NIS ein Ticket, hielt es an der Drehtür an den Barcode-Leser und erklomm über eine steile Treppe die Mauer. Auf Baumwipfel bzw Dachhöhe hatte ich super Aus- und Einblicke nach ins alte und neue Jerusalem. Es machte auch Spaß, diese Treppen hoch und runter zu klettern, von Türmen herunterzuschauen und über Dächer zu stiefeln. Das war schon eine tolle Sache, und ich machte gefühlte 300 Fotos. Und auch ein paar Videos.

Auf den Stadtmauern der alten Stadt

Auf der Mauer, auf der Lauer, läuft ein kleines Karlchen…

Der Weg führte vorbei an einer katholischen Schule für Jungs, mehreren Fußball- und Basketballfeldern, Spielplätzen, einer „bescheidenen Familienmoschee“ (lt. Infotafel), dem Rockefeller-Museum für palestinänsische Geschichte, einem alten Friedhof und vielem mehr. Die Sicht reicht auch bis zum Felsendom.

Bescheidene Familien-Moschee

Bescheidene Familien-Moschee

Der Weg führte nicht ganz um die Stadt, sondern nur etwa zur Hälfte, bis zum Löwen-Tor, das ist die jüdische Bezeichnung, die christliche ist St. Stephanus-Tor, nach dem ersten christlichen Märtyrer. Hier grenzt direkt der Tempelberg an, was wahrscheinlich auch der Grund ist, dass der Rundgang hier zuende ist. Ich kletterte an der Sackgasse also die Mauer herunter und machte mich auf in Richtung Tempelberg. Die verschiedenen Zugänge wurden alle durch einen schwer bewaffneten Polizisten (oder Soldaten?) bewacht. Als ich da durch wollte, entgegenete der Posten „It’s closed. Muslims only.“ Mist, das wollte ich mir so gerne ansehen. Ulli war da, sie meinte, man müsse da recht früh auflaufen. Die Infos im Netz über die Zugangmöglichkeiten widersprechen sich zum Teil, aber die können sie wohl ohnehin auch täglich ändern. Ich bin noch nicht sicher, ob ich das morgen nochmal versuchen werde.

Der Felsendom - leider noch weit weg

Der Felsendom – leider noch weit weg

Zu der Zeit hatte ich lt. meiner Navigations-App, in der ich den gesamten Tag tracken ließ, schon über acht Km zu Fuß zurückgelegt. Dass das mit dem Tempelberg nicht geklappt hat, nervte mich irgendwie, und ich war ein bisschen müde und wollte mich am liebsten erstmal irgendwo hinsetzen, was essen, was trinken und mich ausruhen. Nachdem ich die Mauer verlassen hatte, war ich im muslimischen Viertel, ich machte mich erstmal auf die Suche nach einem Café oder so, wo ich draußen sitzen könnte. In der Nähe war zwar was in der Richtung, aber da war nichts frei. Also drang ich in die Katakomben der Alten Stadt ein. Diese sind ein Labyrinth von Gassen und Straßen, die teilweise überdacht sind oder durch Gebäude hindurchführen, durch Torbögen, vorbei an riesigen Märkten, Tandläden mit billigem Tand aus China, Schuhgeschäften, Restaurants, Kunsthandwerker-Geschäften und und und…

Typische Gasse im muslimischen Viertel

Typische Gasse im muslimischen Viertel – T-Shirts, Nüsse und Tand aus China

Der Charakter ändert sich, je nachdem, ob man sich im muslimischen, jüdischen, christlichen oder armenischen Viertel befindet. Ich war nicht überall, aber im muslimischen Viertel fühlte ich mich nicht so wohl. Ulli hatte gestern auch schon soetwas gesagt. Es ist einfach nur fremd, die Gänge sind eng, fremdartige Gerüche liegen in der Luft, und vor allem ist es nirgendwo so voll wie hier. Ich mag einfach keine Menschenmassen. Für die Osnabrücker: War fast ein bisschen wie Maiwoche in der großen Straße ohne Bieranstich. Es gab eine unenedliche Auswahl an Obst, Gemüse, Süssigkeiten, Backwaren, Gewürzen und Kräutern zu kaufen. Manche Betreiber von Geschäften versuchten sehr hartnäckig, Leute zum Kauf von irgendetwas zu bewegen. Irgendwie bin ich wohl zu xenophob für diese Nummer, es hat mir vor Augen geführt, dass mir schon eine gewisse Weltoffenheit einfach abgeht. Immer noch. Leider.

Jewish Quarter Street

Jewish Quarter Street – Übergang vom muslimischen zum jüdischen Viertel. Und ohne einen schwerbewaffneten Sicherheitsposten dazwischen!

Irgendwann gelangte ich ins jüdische Viertel und fühlte mich gleich viel wohler. Vor der Beit Yaakov Synagoge auf einem großen Platz fand ich ein Café oder sowas ähnliches, wo ich mich längere Zeit niederließ. Ich bestellte ein Omelett mit geräuchertem Lachs und Salat sowie ein Goldstar. Ich verweilte länger, schrieb Postkarten und orderte noch einen Capuccino und danach einen Milschshake. Die berühmte Limonade mit Minzblättern gab es leider nicht. Mir ist inzwischen aufgefallen, dass die Küche hier entweder amerikanisch orientiert ist, d.h. es gibt Bagels, Sandwiches, Burger, Steak, Pommes und und überhaupt viel Fleisch, oder sie ist eher mediterran mit viel Salat, Olivenöl, kaum Fleisch, eher vegetarisch oder mit Fisch.

Streuner-Katze am kalten Buffet

Streuner-Katze am kalten Buffet

Besagte Speisen und Getränke sowie sechs Postkarten später war nun die Frage, was mit dem Rest des Tages anzufangen wäre. Irgendwie war ich müde und hatte auch keine richtige Idee. Natürlich gibt es tonnenweise Museen und Sakralbauten, aber so richtig mein Ding ist das ja nicht wirklich. Ich hätte eigentlich nur mal in einen meiner Reiseführer schauen müssen, die ich ja dabei hatte, aber ich kam nicht mal auf die Idee in dem Moment. Das – zumindest für Urlaubsverhältnisse – frühe Aufstehen (8.00 Uhr) und späte ins Bett gehen (kann schon mal 3.00 Uhr werden) – fordert irgendwie seinen Tribut.

Obwohl es erst Nachmittag war, merkte ich, dass ich eigentlich zum Hotel zurück wollte. Also machte ich mich auf die Socken, aber es fiel mir schwer, den Weg zu finden. Vielleicht hätte ich doch mal eine konventionelle Karte zu Rate ziehen sollen. GPS funktionierte auch nicht immer, weil die Gassen und Gänge in der Alten Stadt zum Teil eben komplett überdacht sind. Ich landete zwischenzeitlich im christlichen Viertel, dann wieder im muslimischen, machte zwischendurch noch ein Video von einem Teil dieser Odyssee und fand schließlich meinen Weg heraus aus dem Labyrinth. Kurz bevor ich das Jaffa-Tor erreichte, passierte mir allerdings noch ein ziemlich unangenehme Sache, über die ich aber nicht bloggen möchte. Jedenfalls versaute mir das die Laune ziemlich.

Kirchturm bei Marias Grabkirche

Kirchturm bei Marias Grabkirche und Mond

Es war schon dunkel, und ich wollte wenigstens noch die Gelegenheit nutzen, ein paar Nachtaufnahmen von der Alten Stadt von außen zu machen. Dabei betrat ich auch die Straßenbrücke, auf der ich immer schon gewesen bin. Eine dunkelhäutige Aktivistin, die eine Tafel mit einer Bibelstelle (Joshua) trug, erzählte mir auf Englisch, was alles falsch läuft, und auf wen man hören sollte und auf wen nicht, und, und und. Ich muss gestehen, ich habe nicht alles verstanden, ihr Englisch war zwar gut, aber schnell, und ich war irgendwie nicht mehr so aufnahmefähig. Es ging irgendwie darum, dass die Israelis alles falsch machten, die Amerikaner die Rebellen (oder auf jeden Fall die falsche Seite) im Kongo unterstützten, um ihren Kapitalismus zu schützen und ähnliche Dinge mehr. Wer weiß, vielleicht ist ja sogar was dran. Führte jedenfalls dazu, dass ich mich noch mehr als ignorantes, materialistisches und blödes Arschloch aus dem Westen vorkam als ohnehin schon.

Blick von Mt. Zion

Blick von Mt. Zion

Nachhause, oder nochmal rauf auf den Mount Zion, Nachtfotos schießen? Schwerfällig enterte ich doch noch die Stufen hoch, um den Gebäudekomplex um „David’s tomb“ und Marias Grabkirche nochmal bei Dunkelheit zu knipsen, es wird eben alles schön angestrahlt.

In Marias Grabkirche, wo ich kurz innehielt, um zu beten, waren gerade zwei deutschsprachige Brüder dabei, Stühle umzustellen. Tja, es gibt hier halt praktizierende Anhänger von drei Weltreligionen. Ich machte dann noch ein paar Bilder, ein paar davon sind, glaube ich, ganz gut geworden.

Danach war der Tag im Prinzip zuende. Fußmarsch nachhause, Rucksack entladen, zum Laden, Eis, Wasser, und Goldstar einkaufen, zurück ins Hotel und bloggen.

Morgen ist mein letzter Tag. Ich wollte ja eigentlich gerne noch nach Bethlehem. Aber ich habe bei BBC gerade die dortigen Aufstände gesehen. Die Reporterin trug Helm und Flakweste und flüchtete während der Übertragung, weil eine Menschenmasse auf sie zukam. Sowas brauche ich echt nicht, und ich weiß nicht, ob die Waffenruhe da auch für ruhigeres Fahrwasser sorgt. Vielleicht versuche ich es doch noch mal mit dem Tempelberg.

Jetzt ist also Waffenruhe. Mein Hotelfernseher behauptet das jedenfalls. Hm… Ich bin skeptisch. Das mit der Busexplosion finde ich schlimm, das war lt. Nachrichten das erste Mal sein sechs Jahren. Versteht mich nicht falsch, die Leute im Gaza-Streifen zahlen ein Vielfaches an Blutzoll, und das finde ich natürlich auch schlimm. Mit solchen Bomben können militante Israel-Gegner in Tel Aviv und Jerusalem vermutlich mehr Schaden anrichten, als die wenigen, ungezielten und dann auch noch von Iron Dome teilweise abgefangenen Raketen es vermögen. Und das gefährdet die Waffenruhe und führt damit indirekt eben nicht nur zu israelischen, sondern auch neuen Opfern im Gaza-Streifen.

Nun, mal sehe, wie es bei mir weitergeht. Bis morgen!

Advertisements

Über michikarl

Ich möchte den Werbetreibenden, die heutzutage mehr Daten über Individuen sammeln als die Geheimdienste dieser Welt, nicht kostenlos Informationen zur Verfügung stellen. Obwohl ich das mit Sicherheit auch hiermit bereits getan habe.
Dieser Beitrag wurde unter Jerusalem veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

5 Antworten zu High on the hills of the town of Jerusalem

  1. Joab schreibt:

    Hey, lieber Bass-Kollege, es grüßt der bereits länger abwesende Joab.
    Ich verfolge dich virtuell schon einige Zeit – aber du sollst dich ja nicht verfolgt fühlen – deswegen passiert das eher stumm.
    Nun, in Jerusalem aber fühle ich mich heftig erinnert an meine eigene Reise nach Israel. Die ist allerdings schon 15 Jahre her, erfolgte in einer Gruppe von 20 Personen, mein (christlicher) Theologie-Prof hatte die Reise geplant, es führte uns 14 Tage lange eine (jüdische) israelische Reiseführerin, gefahren wurden wir von einem (muslimischen) Palästinenser. Faszinierend, kann ich dir sagen, mit echt guten Gesprächen mit allen dreien!
    Tel Aviv mit Ben Gurion und Jafo hatten wir nur eine Nacht und einen Tag – an die Gassen von Jafo kann ich mich gut erinnern. Dann ging es in den Norden.
    Und später eben waren wir eine Woche lang in Jerusalem – in einem Hotel am Ölberg. Immer wieder haben wir die Altstadt erkundet, deswegen finde ich deine Eindrücke herrlich – mir ging es ähnlich.Die Begehung der Mauer vollzog ich allerdings vom Löwentor zum Jaffator.
    Das Stadtmodell bei der Stadt Davids habe ich auch gesehen – und Fotos gemacht. Allerdings Dias, so ca. 500 Stück. Nicht vom Modell – auf der gesamten Reise.
    Blogs gab es da noch nicht – sonst hätte die folgende Geschichte da sicher gut Platz gefunden. Ich wusste, dass eine Bekannte aus Osnabrücker Tagen (ich selbst wohnte damals in Hannover) zu der Zeit in Israel arbeitet (für ein halbes oder ganzes Jahr) – allerdings nicht wo. Als wir sonntags in der christlichen Kirche (Namen weiß ich nicht mehr) in Jerusalem im Gottesdienst saßen, sah ich sie plötzlich zwei Reihen vor mir! Das war doch sehr überraschend – die Welt ist einfach klein. Sie arbeitete in dem von dir schon angesprochenen Hospiz. Da besuchte ich sie am nächsten Tag – auch vor 15 Jahren lobte man schon Aussicht und das Cafe. Stimmt!
    Ich wünsche dir noch gute Eindrücke – mittlerweile wohl mit vereinbartem Waffenstillstand und eine gesunde Rückkehr.
    Oha! Grüße aus OS.

  2. michikarl schreibt:

    Joab? JOAB! Hi, danke für den interessanten Kommentar. Tja, ich tauche hier ja in den acht Tagen nur einn wenig meinen Zeh in Israel. So richtig klar sehe ich noch nicht, aber wer tut das schon… Ich kann nur sagen, es ist faszinierend, und ich würde gerne einmal wieder kommen.

  3. satayspiess schreibt:

    Es macht mir einen riesigen Spaß, von dir per Video durch Jerusalem geführt zu werden. Sieht wirklich sehr faszinierend aus! Und es ist toll, all die Geräusche mit anhören zu können. Schade, dass Gerüche nicht mit übertragen werden können, aber vielleicht wäre das auch manchmal gar nicht so angenehm. 😉
    Übrigens, die Einstellung ganz am Anfang vom 2. Video heute, wo du noch sagst, dass du keine Ahnung hast, was das da alles ist: Das könnte tatsächlich das King David Hotel gewesen sein. Jedenfalls habe ich mal ein Foto davon gesehen, da sah das ganz ähnlich aus.
    Ich hoffe, dass das, worüber du nicht bloggen wolltest, keine nachhaltigen Auswirkungen hat und wünsche dir an deinem letzten Tag in Jerusalem nur schöne Erlebnisse!

    • michikarl schreibt:

      Hallo Ceri,

      ich freue mich immer sehr über Deine Kommentare. So wie mancher Leser mir geschrieben hat, er oder sie fühle sich, als wäre er oder sie hier dabei, so helfen mir die Kommentare, mich hier nicht so alleine zu fühlen.

      Übrigens, an die Sache mit den Gerüchen habe ich selbst auch schon gedacht, aber Du hast recht, das würdest Du nicht immer wollen. Im muslimischen Viertel gibt es schon fremde und intessante Grüche hier und da, aber anderswo riecht es auch einfach nur nach menschlichen Ausscheidungen.

      Das wäre ja was mit dem King David Hotel, das muss ich also mal Jan zeigen. Oder selbst im Netz recherchieren. So, ich muss nun meinen Abflug planen, habe mir gerade von einer sehr sympathischen jungen Dame am Desk meinen Boarding-Pass für den Heimflug drucken lassen.

      Jetzt schreibe ich den wohl vorletzten Eintrag dieser Reise…

      Liebe Grüße auch an Thomas. Dein Michi

      PS. Ich hoffe schon, dass sich aus dem unangenehmen Vorfall nachhaltige Folgen ergeben, nämlich positive: Das ich draus lerne.

      von einem Gerät, mit dem man E-Mails verschicken kann, verschickt.

      • satayspiess schreibt:

        Ich weiß noch sehr gut, wie ich mich vor 1 Jahr immer über Kommentare gefreut habe. Obwohl ich natürlich wusste, dass Viele an mich denken und auch den Blog lesen, ist es noch schöner, das auch in einer Antwort bestätigt zu sehen.
        Zugegebenermaßen war ich da diese Woche auch in einer guten Position, denn krank geschrieben und den ganzen Tag zu Hause war es immer eine tolle Abwechslung zum abwechselnden Lesen, Inhalieren, Rätseln und Schlafen. 😉
        Nun bist du hoffentlich wieder gut in Deutschland gelandet und feierst – wer weiß – vielleicht mit deinen lieben Gastgebern in Frankfurt Wiedersehen. 🙂

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s