Auf dem Tempelberg

Ich besorgte mir beim ATM meines Vertrauens noch 400 NIS und holte mir beim „Bagel Bite“ zwei Bagels, einen Blaubeer-Muffin und einen großen Capuccino to go. Ich frühstückte also unterwegs zur Alten Stadt. Dort suchte ich das Marokko-Tor, welches der Touri-Eingang zum Tempelberg ist. Es war schon fast halb eins. Ich landete natürlich erstmal am falschen Tor und wurde von der Polizei zum Marokko-Tor verwiesen.

An dieser Stelle muss ich betonen, dass die Alte Stadt zwar super aufregend und spannend und auch irgendwie einfach schön ist (der Flair ist schon gewaltig), aber sie ist auch ein Labyrinth mit vielen Sackgassen. Viele Straßen sind einfach unterbrochen. Ich habe es heute auch mit einer konventionellen Karte aus dem Reiseführer versucht, aber die war nicht detailliert genug. Ich kam mir wirklich vor wie eine Versuchsratte im Labyrinth, ein ganz doofes Gefühl.

Gasse in der Alten Stadt

Gasse in der Alten Stadt mit kreativer Verkabelung.

Ferner versuchen alle möglichen Händler, einem irgendeinen Tand anzudrehen, oder Leute bieten sich als Führer an und wollen unverschämte Preise dafür. Darauf bin ich einmal auf dem Weg zum Tempelberg reingefallen. Zwar war mir schon klar, dass der junge Mann das nicht umsonst machen würde. Ich bot ihm 20 NIS an. Er wollte 50 (etwa 10 Euro). Unverschämt für das Führen um drei Ecken in 5 Minuten. Aber ehe er seine Brüder holt…

Western Wall Piazza

Western Wall Piazza

Um es kurz zu machen, mit fehlen zwei wichtige Eigenschaften, die man, wenn man alleine in der Alten Stadt unterwegs ist, einfach braucht:

  1. Orientierungssinn
  2. Die Fähigkeit, höflich, aber bestimmt (und gegebenenfalls abnehmend höflich und zunehmend bestimmt und beliebig oft) NEIN sagen zu können.

Sonst kann die Alte Stadt erstens nervig und zweitens teuer werden. Ich erreichte aber (durch eine Sicherheitsschleuse) zunächst mal den „Western Wall Piazza“, einen großen Platz vor dem Tempelberg. Vor einem anderen Eingang feierte offenbar eine jüdische Familie unter Singen, Klatschen und Trommeln ein Fest, vielleicht eine Bar Mizwa. Vom Platz führt eine Brücke zum Tempelberg, aber ich fand den Weg dahin nicht, deswegen verließ ich den Platz wieder und checkte an anderer Stelle nochmal durch eine andere Sicherheitsschleuse direkt am Eingang der Brücke ein. Dann konnte ich endlich über die Brücke den Tempelberg betreten. Als erstes bot sich wieder einmal jemand an, mich zu führen. Aber die zwei wesentlichen Gegenstände meines Interesses, der Felsendom und der Kettendom, waren absolut nicht zu verfehlen, selbst durch mich nicht.

Der Kettendom

Der Kettendom

Der Felsendom ist lt. Wikipedia das vermutlich bekannteste Wahrzeichen Jerusalem und ist das älteste erhaltene Bauwerk des Islam. Es markiert – zumindest für die Gläubigen – die Stelle von Mohammeds Himmelfahrt und zugleich die Stelle, in der Abraham seinen Sohn Issak opfern wollte.

Der Felsendom aus einer anderen Perspektive

Der Felsendom aus einer anderen Perspektive – natürlich habe ich den von allen Richtungen, oben und unten sowie aus verschiedenen Entfernungen fotografiert…

Nun, ich machte eine angemessene Menge Fotos von beiden Sakralbauten aus verschiedenen Perspektiven. Ich war eigentlich gar nicht so scharf darauf, die Gebäude zu betreten. Fotografieren ist verboten, und das sind für mich doch eher muslimische Heiligtümer, mir bedeutet das nicht so viel. In Bethlehem hätte mich womöglich tiefe Ehrfurcht befallen, hier aber nicht. Trotzdem, ich war ja nun einmal da, also begann ich, meine Schuhe auszuziehen, was Pflicht ist. Aber da sagte mir der Posten an der Tür mal wieder „It’s closed!“ (jedenfalls für Nicht-Muslime). Ich glaube, man kann den Feldendom schon betreten, aber durch welchen Eingang zu welcher Zeit wusste ich nicht, und das kann sich nach der politischen Situation und Lust und Laune der Verantwortlichen ebenso spontan mal ändern, wie der Zugang zum Tempelberg im allgemeinen. Zum Glück war es mir ohnehin nicht wichtig.

Tempelkatze

Wach-Katze am Eingang zum Tempelberg

Was also nun? Ich hatte mein Ziel Tempelberg erreicht. Entweder, noch irgendwo was essen wie gestern, oder vielleicht nochmal ins Neue Jerusalem? Erstmal musste ich natürlich wieder mal durch das Labyrith des muslimischen Viertels mit allen seinen Gefahren. Ich kam dann an einer Stelle heraus, wo ich gestern schon einmal war: Am Cardo. Unmittelbar vor der Abzweigung konnte ich ein wenig einer deutschsprachigen Führung zuhören: Demnach wurden große Teile des Jüdischen Viertels im Sechstagekrieg 1967 von der jordanischen Armee zerstört. Als Israel das Jüdische Viertel wieder aufbaute, nutzten Archäologen die Chance, bei der Gelegenheit mal nachzubuddeln, was wohl noch von den Römern übriggeblieben war, die hier ja auch schon mal das Sagen gehabt haben.

Poser-Katze mit eigenem Bild

Poser-Katze mit eigenem Bild – daran sieht man, dass die Viecher hier einfach dazugehören. Sie werden von den Einheimischen auch oft gefüttert und bedienen sich an sonsten am Müll.

Man hatte angenommen, dass die Römer hier einen Cardo (als Säulengang ausgeführte Hauptgeschäftsstraße, meist Nord-Süd-Achse) errichtet hatten, war sich aber nicht sicher wo. Doch man fand bei den Grabungen tatsächlich noch beachtliche Überreste des Cardos.

Überreste des Cardo

Überreste des Cardo – alte Säulen (links) und neue Säulen (rechts). Hab es sicherheitshalber dran geschrieben, damit man sich zurechtfindet…

Hier ganz in der Nähe ist der Harva-Square und die Harva-Synagoge, hier hatte ich gestern länger draußen bei Bier, Cappuccino und Milchshake (also, nicht alles gleichzeitig, natürlich) gesessen und Postkarten geschrieben. Ich setzte mich wieder an einen der Tische. Aber ich wurde eine Weile nicht bedient, und irgendwie entschied ich mich dann doch, das Weite zu suchen und die Alte Stadt, in der ich mich zunehmend irgendwie eingesperrt fühlte, endgültig zu verlassen.

Die Hurva-Synagoge

Die Hurva-Synagoge – ich hab das Ding gestern anders bezeichnet, nämlich so, wie es dran steht. Auf dem Reiseführer steht aber „Hurva-Synagoge“ und „Hurva-Square“. Naja, eine Frage der Sprachen vielleicht.

Ich irrte eine Weile mithilfe von Reiseführerkarte und Open-Cycle-Map durch die Gegend, fand dann schließlich einen Weg zur Mauer, folgte dieser bis zum Zion-Tor, verließ die Alte Stadt durch dieses und machte außerhalb zwischen Zion- und Jaffa-Tor erstmal Pause auf einer Bank. Ich trank etwas Wasser und futterte einen Bagel, praktischerweise schien auch ein wenig die Sonne gerade zwischen den Wolken hervor.

Immer an der Wand lang

Immer an der Wand lang… auf dem Weg vom Zion-Tor zum Jaffa-Tor.

Ich ging erstmal an der Mauer entlang bis zum Jaffa-Tor und entschied mich, doch nochmal in die Neu-Stadt zu gehen, ich wollte vielleicht noch T-Shirts einkaufen. Also ging ich weiter an der Mauer entlang und enterte über die Jaffa Rd. die Neustadt. Die Jaffa Rd. ist die Haupt-Einkaufsstraße von Neu-Jerusalem, hier verkehrt seit zwei Jahren auch eine Straßenbahn. Allerdings gibt es wenig Spektakuläres zu sehen.

Mike's Place, Jerusalem

Mike’s Place, Jerusalem – und ich hatte nicht mal danach gesucht.

Immerhin erblickte ich, ohne danach gesucht zu haben, auf der linken Straßenseite unvermittelt das hiesige „Mike’s Place“. Na, da war ein Besuch natürlich Pflicht! Eine große Portion Pommes und ein Goldstar mussten schon an den Start. Naja… Ohne die Jungs aus Manchaster, den Strand und die Bedienung mit dem waffenscheinpflichtigen Lächeln aus Tel Aviv ist „Mike’s“ einfach nicht dasselbe… Außerdem nervten mich, als ich eigentlich nur noch auf die Rechnung warteten, innerhalb einer Minute gleich zwei Leute, die mir irgendwas andrehen wollten. Mann, ich war doch extra aus der Alten Stadt hierher geflüchtet, nicht mal bei „Mike’s“ ist man sicher…

Auf der Jaffa Rd.

Auf der Jaffa Rd.

Ich ging noch weiter die Jaffa Rd. entlang. Dabei erspähte ich eine Art „Kick“-Billigladen, wo ich für 20 Schekel zwei T-Shirts kaufte. Anschließend folgte ich der Straße weiter, bis zu einer Stelle, wo ich mit Ulli schon mal gewesen bin. Da gibt es so ein großes, markantes Gebäude mit einem Loch drin. Ich entschied, dass es genug war und ich mich nun auf den Weg zum Hotel machen würde, was ich auch tat.

Gebäude mit Loch

Gebäude mit Loch an der Jaffa Rd.

Hier angekommen entlud ich wie immer meinen Rucksack, entschied mich aber, anstatt dem Laden meines Vertrauens wie bisher, mal einem anderen, größeren Supermark (der in der Umgebungskarte, die ich am Desk bekommen hatte, verzeichnet war) einen Besuch abzustatten. Hier war dann auch alles ein bisschen billiger, aber: Kein Eis für den Behelfskühlschrank! Also doch noch zum Laden meines Vertrauens. Das mit dem Eis hatte mich von Anfang an total überzeugt.

Katzeklo

Katzeklo, Katzeklo… (aufgenommen an der Jaffa Rd., Neu-Jerusalem) Pfui!

Als ich zuhause dann meinen Rucksack nach den Einkäufen auspackte, fand ich darin noch eine Zigarre, die ich heute gekauft und danach wieder vergessen hatte. Also setzte ich mich hier in der Nähe auf eine Bank, rauchte die wahrscheinlich letzte Zigarre des Jahres und trank ein Goldstar.

Das Abendessen fiel wieder aus, ich hatte ja schon Fritten bei „Mike’s“ gegessen, nicht mehr genug Schekel (ich muss ja morgen noch zum Ben Gurion kommen) und außerdem noch paar Feigen, Chips und einen Bagel. Lecker Abendessen, oder?

Nun, vor dem bloggen musste ich noch meinen Abflug planen. Ich konnte online einchecken, aber irgendwie hatte ich nicht die Option, den Boarding Pass auf mein Smartphone zu schicken. Also PDF runtergeladen (drucken konnte ich ja auch nicht) und ab damit zum Desk. Hier tat eine sehr sympathische und durchaus auch attraktive, junge Dame Dienst, die zwar offenbar perfekt Habräisch spricht, aber irgendwie nicht wie eine Israelitin aussieht. Ich hatte sie zuvor für einen Gast des Hauses gehalten. Ich schickte ihr mein PDF und sie druckte den Boarding Pass für mich aus.

Danach prüfte ich nochmal die Bahnverbindung nach Tel Aviv, ich muss frühestens 9:54 Uhr, spätestestens 11:54 Uhr von Jerusalem Malha aufbrechen. Ich könnte mir vorstellen, den 9:54 vielleicht sogar zu kriegen, aber den 10:54 sollte ich sicher bekommen, auch wenn der Verkehr dicht und das Taxi spät dran ist. Damit wäre ich 12:56 am Flughafen, der Flieger geht um 16:10, also genug Zeit. Bei Tel Aviv Hahagana muss ich umsteigen, 32 Minuten Aufenthalt. Ich denke, der Plan bietet an allen Stellen genügend Zeitreserven.

Auf Wiedersehen, Jerusalem

Auf Wiedersehen, Jerusalem

Das ist dann also wahrscheinlich mein vorletzter Eintrag aus Israel (jedenfalls bei dieser Reise, vielleicht komme ich ja eines Tages wieder). Morgen schreibe ich noch schnell, was ich gefrühstückt habe und was mir noch an Banalitäten in den Sinn kommt… Danach werde ich auf jeden Fall noch ein abschließendes Fazit ziehen. Bis morgen!

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Über michikarl

Ich möchte den Werbetreibenden, die heutzutage mehr Daten über Individuen sammeln als die Geheimdienste dieser Welt, nicht kostenlos Informationen zur Verfügung stellen. Obwohl ich das mit Sicherheit auch hiermit bereits getan habe.
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3 Antworten zu Auf dem Tempelberg

  1. satayspiess schreibt:

    Hm, also, die Trommeln sind afrikanischen Djemben, und ich meinte zwischen drin ein „happy birthday“ heraus gehört zu haben. Aber ich kann mich auch täuschen. 🙂
    Ich kann es sehr gut nachvollziehen, wie enorm es nervt, dauernd von jemandem belatschert zu werden, der einem eine Dienstleistung oder irgendwelchen Schund andrehen will. Keine Ahnung, ob es in Jerusalem so zugeht, wie in der Türkei oder Griechenland. Dort jedenfalls ist es für mich so geendet, dass ich am Ende überhaupt keinen Bock mehr auf Bummeln hatte, denn selbst völliges Ignorieren bewahrt einen nicht. Und wehe, man fängt auch noch an, an meinem Ärmel zu ziehen, dann werde ich echt zum Elch. Leider fällt auf diese Weise ca. die Hälfte der Erdkugel schon mal als Reiseziele weg …
    Ich hoffe, dass du noch einen schönen letzten Abend in Jerusalem haben wirst und morgen komplikationslos zum Flughafen und von dort weg in Richtung Heimat kommen wirst!
    Be safe! 🙂

    • michikarl schreibt:

      Hallo Ceri,

      tja, die Leute, die den Blog abonniert haben, erkennt man immer daran, dass sie den Beitrag schon gelesen haben, bevor ich die Bilder hinzufügen konnte (und daran, dass man die Kommentare nicht genehmigen muss, Du kennst das ja).

      Ja, hast schon recht. Ist echt ein Jammer. Manche sind vielleicht echt bedürftig bzw. müssen irgendwo anders ihre Familien unterstützen. Aber was soll’s, bei allem guten Willen kann man ja nicht die ganze Welt unterstützen. Außerdem wollen ja andere nur die reichen Touristen mal schnell abzocken.

      Allerdings ist es manchmal in der großen Straße in OS ähnlich: Da stehen „normale“ Bettler neben – teilweise dubiosen – Tierschutzorganisationen und religiösen Vereinigungen. Dabei will man doch nur mal seine Mittagspause genießen, ist denn das zu viel verlangt?

      Aber ich hab natürlich an Dich gedacht, als ich die Trommler-Videos gemacht und hochgeladen habe. Wobei meine Schwester ja auch seit einiger Zeit trommelt, wenn auch bestimmt nicht auf dem Niveau wie Du und bei solchen Festivals. Aber in der Christlichen Szene ist das Trommeln mittlerweile auch recht beliebt, hier und da.

      Liebe Grüße, Michi

  2. quickmick schreibt:

    Hi Michael, genieße die letzten Stunden und komm gut zurück. Wir sehen uns am Montag…

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