„Dat is’n Dampfmaschien!“

9.58 Uhr, Zug Richtung Nachhause. Fortsetzung Tagesbericht vom 08.02.2013

Propeller

70 Tonnen Bronzelegierung… und ich

Der Seemann hatte zwischendurch bisschen Zeit, also begaben wir uns runter ins Dock, wo es schlammig, aber interessant war. Denn dort konnte man aus nächster Nähe bewundern, wie der Kiel des 7.100 TEU-Kolosses auf den Blöcken lag. Ist schon ein merkwürdiges Gefühl, direkt unter zigtausend Tonnen Stahl spazieren zu gehen. Ich warf einen Blick auf Heck- und Bugstrahler, Anoden, Kühlwassereinlässe und natürlich Propeller (ca. 8m Durchmesser, 70 Tonnen Bronzelegierung) und Ruder. Der Seemann knipste ein paar lustige Bilder von mir in Warnweste und Helm, danach gingen wir mit reichlich zugeschlammten Schuhen wieder an Bord, wo er wieder an die Arbeit musste.

Unter dem Heck der "Santa Clara" im Trockendock. Der Typ unter dem Ruder bin ich.

Unter dem Heck der „Santa Clara“ im Trockendock. Der Typ unter dem Ruder bin ich.

Zurück auf der Kammer griff ich mir meinen aktuell sich in der Mache befindlichen Andreas Eschbach „Perfect Copy“. Eigentlich auch ein Jugendbuch, aber es hat mich, wie so oft bei Eschbach, gleich von Anfang an gepackt. Ich mag seinen Stil einfach.

Der Seefahrer hatte gesagt, ich solle mittags man in die Galley gehen und mir was zu essen besorgen. Ich zauderte erst ein wenig, aber dann ging ich doch essen. Es gab gebratenes Seelachsfilet mit Kartoffelpüree, Spinat und Blumenkohl. Es schmeckte wieder hervorragend. Auf die Vorsuppe hatte ich verzichtet. Am Tisch war noch der erste Offizier, der Deutsch mit einem Mann sprach, den ich, dem Dialekt nach, für einen Holländer hielt. Mein Freund meinte später, das sei wahrscheinlich ein Inspektor (der Reederei) gewesen, der skandinavischer Herkunft sei. Ich hielt mich nach dem Essen nicht lange auf und verzog mich wieder auf die Kammer auf dem E-Deck.

Kurz darauf kam der Seefahrer und meinte, er habe jetzt nicht mehr zu tun, und man solle sich schnell an Land verkrümeln, ehe irgendwas kaputt ginge und er wieder an die Arbeit müsse. Also rein in Schuhe und Jacke und ab an Land. Natürlich hatte ich wieder mein Visitor-Anmeldeformular an Bord vergessen, same procedure as yesterday. Wir gingen die ca. 2 km zur Metrostation und fuhren zur mit der C Richtung de Terp bis zur Station Beurs. Ziel war das Marinemuseum. Wäre eigentlich Sation Stadthuis, aber für eine Station weiter lohnt sich das Umsteigen ja nur bedingt.

Zunächst suchten wir einen der ausgesprochen dicht gesiedelten McDonald’s auf, der Seefahrer hatte ja, im Gegensatz zu mir, noch nix zwischen die Kiemen gekriegt. An der Bevölkerung war uns aufgefallen, dass sie zum einen ziemlich „bunt“ (was Hautfarben angeht) und zum anderen ziemlich jung war. Ältere Menschen sind uns in der Innenstadt kaum begegnet. Da gibt es wohl eine große Zielgruppe für die Leute mit dem goldenen M. Wie auch immer, für den Elektriker gab es Burger, Fritten und Cola, für mich ein McFlurry-Eis.

Schiffsmodelle im Marinemuseum

Schiffsmodelle im Marinemuseum

Danach ging es ins Marinemuseum. Auf vier Etagen gab es viele Schiffsmodelle, ein großes Modell des Hafens Rotterdam, und Ausrüstungsgegenstände zu sehen. Ferner gab es eine große Ausstellung über Piraterie (eher für Kinder und JUgendliche gemacht) sowie diverse Multimedia-Beiträge zu Themen wie Navigation früher und heute. Neben der Geschichte der Seefahrt im Allgemeinen wurde natürlich auch auf die Geschichte des Hafens Rotterdam und Hollands traditionell große Rolle in der Handelsschifffahrt eingegangen. Obwohl ich ja öfter mal nach Hamburg komme, habe ich das dortige Marinemuseum bisher noch nie besucht, und auch sonst noch keines. Ich war nicht so begeistert. Freund Seemann, der schon mehrere derartige Museen besucht hat, war auch eher enttäuscht. Wir erkundigten uns noch an der Information, welche Schiffe und Boote draußen noch zum Museum gehörten. Es gab da ein schick restauriertes Kanonenboot aus der Zeit vor dem ersten Weltkrieg, welches einst zum Museum gehörte, nun aber gesperrt sei. Andere alte Boote gehörten zu einem anderen Museum, der Eintritt hier sei frei.

Schwimmender Krämerladen

Ein schwimmender Krämerladen mit Bier, Milch, Obst und anderen Lebensmitteln. Dieses Boot versorgte lange Seeleute mit leckeren Sachen.

Also raus aus dem Museum und rauf auf den Bootssteg. Dort lagen verschiedene kleine Boote und Schiffe, auch einige Plattboden-Schiffe, wie sie auf dem Ijsselmeer verkehren. Auf einem kleinen, alten Schlepper lief ein 6-Zylinder-Diesel im Leerlauf, durch offene Luken konnte man die arbeitende Ventilsteuerung arbeiten sehen (und hören). Für Freund Seemann klang das wie Musik, und wir gingen an Bord, um uns das aus der Nähe anzusehen und zu -hören.

Und zu riechen, denn auch der Ölgeruch ist für den Elektriker wie Parfüm, denn obwohl sein Metier ja eigentlich elektrische Maschinen sind, hat er doch sehr viel mit der Treibstoffvorwärmung und -reinigung für die Hauptmaschine zu tun. Irgendwie hat er also doch Diesel im Blut, das wurde mir jetzt klar, und alleine an der Lego-Technik-Vorliebe erkennt man deutlich seine Leidenschaft für Mechanik. Er schnackte noch mit einem Mechaniker-Veteran mit weißem Vollbart an Bord, der sich wohl ehrenamtlich um die Maschine des Bootes kümmerte, und tauschte Maschinendetails aus (natürlich war der hiesige Sechszylinder ein Spielzeug allein im Vergleich zu jedem der vier Hilfdiesel der Santa Clara).

Dampfmaschine im Getreidesauger

„Dat is’n Dampfmaschien!“ (zumindest ein Teil davon)

Anschließend gingen wir auf den Kahn auf der anderen Seite des Bootssteges, das war ein alter Getreidesauger. Der diente dazu, mit vier Schläuchen Getreidetransporter sozusagen leerzupumpen und das Getreide wieder auf Schuten zu laden. Wir gingen auf Einladung eines weiteren, weißbärtigen Veterans unter Deck. „Dat is ’n Dampfmaschin!“ verkündete Freund Seefahrer mit wachsender Begeisterung. Der Kahn verfügte über keinen eigenen Antrieb, die ansehnliche Zweizylinder-Dampfmaschine diente allein zur Vakuumerzeugung in den Elevatoren zum Löschen von Getreide. Der Veteran zeigte und die voll lauffähige Maschine des aus den 20er-Jahren stammenden Kahns, die in den 50ern von Kohle- auf Ölfeuerung umgerüstet worden war, sowie den Kesselraum. Die letzten Zeitgenossen, die noch das nötige Know-how zum Betrieb dieser alten Dampfmaschinen haben, sind nun alle in ihren 80ern, infolgedessen drohen mit dieser „Generation Dampf“ auch die Maschinen auszusterben. Um das zu verhindern, bildeten die Veteranen einige interessierte Studenten technischer Hochschulen aus, damit das Know-how nicht völlig verlorenginge, erzählte uns der Veteran.

Getreidesauger

Der Getreidesauger von außen. Vorne und achtern sind jeweils die Ansaugrohre zu sehen. Außerdem der Schornstein der Dampfmaschine. In dem großen Turm wurde das Getreide unter anderem gefiltert und gewogen, bevor es auf Schuten geladen wurde.

Als wir den Kahn verließen, war es schon reichlich nach vier, also begaben wir uns auf die Suche nach einer Kneipe, um ein paar Bier zu verhaften. Das hätte man zwar auch an Bord tun können, aber nicht so gemütlich, und vor allem mit dem ständigen Risiko eines meinen Elektriker-Freund in den Maschinenraum zitierenden Anrufes. Wir ließen uns bei einem noch komplett leeren Italiener nieder und orderten zwei Bavaria. Drei weitere, kleine Biere später verließen wir das mittlerweile schon recht gut gefüllte Lokal, um noch ein paar Einkäufe zu erledigen. Allerdings suchten wir vergeblich nach einer Apotheke, ich hätte gerne Ohrstöpsel gegen den Hilfsdiesel gekauft. Drogerien gab es viele, aber ne Apotheke war so nicht zu finden, und Google streikte gerade auf dem Schlaufon, vermutlich hatte ich mein Roaming-Dateivolumen für den Tag schon verbraten. Stattdessen gingen wir in einen kleinen Laden, Poffertjes essen. Das ist wohl sowas wie Kaiserschmarrn, geschredderte Pfannkuchen mit Puderzucker. Für Freund Seemann wie immer Tee dazu, für mich Kaffee. Lekker, das Ganze!

Anschließend begaben wir uns bei Stadthuis in die Metro, um den Weg zurück zum Schiff anzutreten. Ich hatte aber vergessen, dass ich noch Geld ziehen wollte, also begaben wir uns bei Boers wieder an die Oberfläche und hauten in der Fußgängerzone zwei Polizisten an, wo denn mal ein Geldautomat sei. Die deuteten grinsend auf eine keine 50m entfernte Geldausgabe-Maschine. Ich besorgte mir ein paar Euros und beglich noch Restschulden bei meinem Kumpel. Nachdem wir uns noch bei dem großen Mediamarkt nebenan umgesehen hatte, ging es endgültig zur Metro und zurück zum Schiff.

Ankerwinsch

Wir waren noch kurz am Bug des Schiffes. Diese Winsch hier hat nichts mit Ankerketten zu tun, sondern ist dafür da, die Festmacherleinen unter Spannung zu setzen, nachdem das Schiff angelegt und die Poller am Pier belegt sind. Rechts ist der Antriebsmotor zu sehen, dahinter der Getriebekasten.

Dort suchten wir zuerst die Galley auf, Freund Seemann hatte beim Smut zwei Teller Sauerkraut-Stew für uns bestellt. Unterwegs dahin trafen wir in einem Büro den Kapitän an, der inzwischen Details zum weiteren Reiseverlauf am Start hatte. Man würde morgen um 7hundert anfangen, das Dock zu fluten um gegen 11 Uhr auszudocken und dann doch noch zum Laden ans Terminal zu gehen. Mein Freund fragte ihn, ob ich bis zum Terminal an Bord bleiben dürfe, und der Kapitän entgegnete, von ihm aus zwar schon, aber ich sei halt bei der Werft und nicht am Terminal als Besucher registriert. Damit hatte er natürlich recht. Also war schon mal klar, dass ich irgendwann zwischen Beginn Wasser reinlassen und Ausdocken von Bord gehen würde. Schon kurz nach Beginn des Flutens würde man die Gangway entfernen, aber ich könne auch später per Käfig am Kran das Schiff verlassen, der Lotse würde später auch so an Bord kommen. Das klang für mich spannend und verlockend. Wir bedankten uns für die Info und gingen in die Galley, wo unser Abendessen schon bereit stand und umgehend in den Molekularbeschleuniger verfrachtet wurde.

Wir nahmen unsere Teller mit auf die Kammer, um dort zu essen. Die Mahlzeit bestand aus Sauerkraut, Kartoffeln, Wurst und Speck und war wieder sehr schmackhaft. Anschließend plünderten wir noch die Vla-Vorräte zum Nachtisch. Danach war dann Filme gucken und Bier trinken angesagt. Zuerst schauten wir einen DVD-Film, den wir beide noch nicht kannten, „Catch 44“ mit Bruce Willis und Forrest Whitaker. Bruce hatte aber nur eine eher kleine Rolle, vermutlich wieder mal leicht verdientes Geld für seinen Namen auf Cast und Cover. Mir gefiel der Film, der vom Stil her (banale Dialoge kurz vor der Schießerei im Diner, zeitlich verhackstückte Handlung, Personenvorstellungen mit riesigen Schrifteinblendungen, Musik) stark an Quentin Tarrantinos Werke erinnerte, recht gut. Kollege Filmfreund war nicht so begeistert. Anschließend warf er noch die amerikanische Version von Stieg Larsons „Verblendung“ von einer seiner Festplatten auf den Bildschirm. Ich hatte bisher keines der Bücher gelesen und keinen Film gesehen. Mit gefiel das zweieinhalbstündige Werk sehr gut, es sieht so aus, als müsse ich doch die Bücher mal irgendwann lesen. Allein das Ende dieser Version fand ich recht traurig, dennoch passte es zum Gesamtbild.

Nach dem Film war die Stimmung immer noch nicht so richtig nach Schlafenszeit, obwohl es schon gegen zwei Uhr war. Also schauten wir uns noch eine Bierlänge lang die Fotos des Tages an und quatschten. Danach ging es dann in die Koje. Der Hilfsdiesel war diese Nacht etwas leiser (jedenfalls behauptete das Freund Elektriker), denn man habe inzwischen zu einer der beiden Steuerbord-Maschinen gewechselt (und seine Kammer liegt auf Backbord). Wie auch immer, ich habe auf jeden Fall tatsächlich viel besser geschlafen als in der ersten Nacht.

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Über michikarl

Ich möchte den Werbetreibenden, die heutzutage mehr Daten über Individuen sammeln als die Geheimdienste dieser Welt, nicht kostenlos Informationen zur Verfügung stellen. Obwohl ich das mit Sicherheit auch hiermit bereits getan habe.
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Eine Antwort zu „Dat is’n Dampfmaschien!“

  1. satayspiess schreibt:

    Boah ey, mein Neid ist dir sicher. Neben dem Bild von mir im Maschinenraum, das ich schon habe, fehlt mir auf alle Fälle ein Bild von mir unter unter Propeller und Ruder (ohne Wasser drumrum)! 🙂

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