Die Welt ist nicht das, was sie zu sein scheint

Unterwegs mit Ingress: Ein Erfahrungsbericht

Kurz ein paar Worte vorweg: Ich habe diesen Artikel ursprünglich für die NOZ, nicht für diesen Blog geschrieben. Dachte, es wäre vielleicht mal ein Thema für das Wochenendjournal. Die Kollegen aus der Red. waren auch bzgl. des Themas recht positiv, fanden den Artikel jedoch zu detailiert. Stattdessen wollte man lieber eine Art Reportage machen. Herausgekommen ist dieser Artikel auf NOZ.de

Es war nicht mein Plan, mit Foto und Namen aufzutauchen, habe das Spiel aber dann mitgemacht. Mein Plan (und ursprünglicher Artikel) war das Folgende:

„Können Sie mich hören? Es ist wichtig, dass Sie mich hören. Seien sie nicht nervös. Dies ist Routine. Sie haben etwas heruntergeladen, von dem Sie glauben, es handle sich um ein Spiel, aber es ist keines. Es gibt eine Energie unbekannten Ursprungs, die in unsere Welt sickert. Sie ist bekannt unter dem Namen Exotic Matter.“ Mit diesem Text in gesprochener und geschriebener Sprache auf dem Smartphone-Display (allerdings auf Englisch) startet die erste Trainingsmission von Ingress, Googles Augmented Reality Game (etwa „Erweiterte-Realtität-Spiel“).

Ingress – it’s time to move. Virales Video auf Youtube

Zunächst einmal zum realen Teil: Ein Kollege, der mir schon öfter von einer Art virtuellem Geo-Caching mit einer mysteriösen Rahmenhandlung erzählt hatte, bot mir kürzlich an, mir eine Einladung zur Teilnahme zu schicken. Ich könne mich dann auch an diesem Spiel beteiligen. Zunächst lehnte ich ab. Zum einen mit dem Argument, dass ich keine Zeit für derartigen Spielkram hätte, zum anderen, weil ich Google nicht noch mehr meiner wertvollen, persönlichen Daten in den Rachen werfen wollte. NianticLabs@google, die das Spiel entwickelt und nach einigen vagen Ankündigungen im November des vergangenen Jahres als Android-App veröffentlichte, gingen sehr geschickt an den Start. Sie brachten einen mysteriös anmutende Game-Trailer auf Youtube und ließen zunächst nur sehr wenige Teilnehmer an der Beta-Version ihres Spiels teilnehmen. Das Video verbreitete sich unter Liebhabern mysteriöser Inhalte viral, und die begrenzte Teilnahme verlieh dem Ganzen den Glamour eines exklusiven Clubs, was umso mehr Begehrlichkeiten unter potentiellen Mitspielern weckte. Und so bewog eine gewisse Neugierde auch mich, es mir anders zu überlegen.

Statue am DGB

Eines der Portale auf meinem Arbeitsweg ist die Statue am DGB in der Nähe des Bahnhofs.

Ich ließ mir also einen Zugangscode zu Ingress an mein Google Mail-Konto schicken – als Android-Nutzer habe ich natürlich eines, auch wenn ich es sonst nie benutze. Dann lud ich die App aus dem Google Play Store herunter und gab den Zugangscode ein. Ich wurde aufgefordert, mir einen Codenamen für meine „Agentenidentität“ auszuwählen und eine Seite zu wählen. Denn bei Ingress spielen weltweit zwei Seiten gegeneinander: „The Enlightened“ (die Erleuchteten), im Spiel mit der Farbe grün gekennzeichnet, sowie „The Ressistance“ (der Widerstand), im Spiel die Blauen (was dieser Fraktion innerhalb des Spiels und im Google+ Netzwerk bereits weitläufig den Spitznamen „die Schlümpfe“, oder englisch „the smurfs“, eingebracht hat). Natürlich wählte ich die Seite des Kollegen, der mich eingeladen hatte. Und tauchte ein in die Geschichte von Ingress.

Das Forschungsinstitut CERN in Genf, so hieß es, habe eine neuartige Energieform namens „Exotic Matter“, oder kurz „XM“ identifiziert, die durch sogenannte Portale in unsere Welt eindringe. Der Ursprung und die Auswirkungen auf uns seien allerdings noch unerforscht. Aus diesem Sachverhalt ergaben sich auch die zwei oben genannten Fraktionen: Während „The Enlightened“ glauben, das XM positive Auswirkungen auf die Menschheit hat, wendet sich „The Resistance“ dagegen, weil sie befürchten, dass XM das Ende der Menschheit bedeuten könnte. De fakto weiß keine der beiden Fraktionen, welche dieser beiden Vermutungen zutreffend ist, daher kann man diese auch nicht in „Gut und Böse“-Schubladen einordnen, weil beide glauben, im Sinne der Menschheit zu handeln und lediglich von gegensätzlichen Ansichten überzeugt sind. Da die XM Gedankenbeeinflussung ermöglicht, versuchen beide Seiten, möglichst große Bevölkerungsanteile unter ihre Kontrolle zu bringen – alles zum Wohle der Menschheit, selbstverständlich.

Erberg-Rathenau

Ein Denkmal für die Verstorbenen des ersten Weltkrieges

Beim Öffnen der App sieht der Spieler zunächst ein rotierendes Gittermodell der Erde, auf deren Landmassen bereits entsprechende Grün- und Blauanteile zu erkennen sind. Per GPS wird der Standort des Spielers ermittelt, und die Darstellung zoomt auf dessen Standort. „Willkommen zurück. Ihr letzer Login war vor vier Stunden“, etwa so begrüßt eine herrlich seelenlose Frauenstimme auf Englisch den „Agenten“. Diesem zeigt sich eine Art Nachtdarstellung einer vereinfachten Google-Maps-Karte, der Standort des Spielers wird durch einen Pfeil markiert, der von einem Kreis umgeben ist. Objekte innerhalb dieses Kreises (etwa ein Radius von 40 Metern um den eigenen Standort) können vom Spieler beeinflußt werden. Diese Objekte sind zunächst einmal XM („Exotic Matter“), diese muss eingesammelt werden, um im Spiel diverse Aktionen überhaupt durchführen zu können. Die XM sickert durch sogenannte Portale in unsere Welt. Diese Portale wurden und werden von den Spielern selbst eingerichtet, indem sie besondere Orte aufsuchen (etwa Sehenswürdigkeiten wie Kunstwerke, Denkmäler, Kirchen, architektonische Besonderheiten), ein Foto davon machen und dies mit Namen und Beschreibung bei NianticLabs einreichen. Dabei werden auch deren Geokoordinaten mit übermittelt. NianticLabs prüft nach ihren Richtlinien die Einsendung und schaltet das Portal bei Gefallen frei.

Ein freies Portal kann von den Spielern für die eigene Franktion in Besitz genommen werden, indem es mit bis zu acht sogenannten Resonatoren bestückt wird, die es mit Energie versorgen. Portale (sowohl die eigenen als auch die gegnerischen) können „gehackt“ werden, wobei für das Spiel wichtige Ausrüstungsgegenstände in das Inventar des Spielers gelangen. Dies können beispielsweise die genannten Resonatoren sein, aber auch XMP-Waffen zum Angriff gegnerischer Portale, Schildgeneratoren zum Schutze der eigenen, sogenannte Portalschlüssel oder Medien. Letztere sind Links zu Videos, Fotos oder Audioaufzeichnungen im Netz, die die Rahmenhandlung weitererzählen. Dazu gehören auch die „Igress-Reports“, professionell produzierte Nachrichtensendungen, die allerdings auch selbstgedrehte Videos von Spielern enthalten, die diese von ihren Aktivitäten gedreht und eingeschickt haben.

Mimuschka

Dieses Portal hat eine Bezeichnung in kyrillischen Buchstaben. Spitzname ist „Mimuschka“

Portale der eigenen Fraktion können mithilfe der Portalschlüssel verbunden werden. Sind mindestens drei Portale miteinander verbunden, entsteht ein sogenanntes Feld (z.B. eine dreieckige Fläche). Je nach der realen Bevölkerungsdichte des betroffenen Gebietes nach Googles Geoinformationen und der Fläche des Feldes, gewinnt die das Feld erzeugende Fraktion eine kleinere oder größere Anzahl an sogenannten „Mind Units“. Da die Resonatoren der eigenen Portale ständig Energie verlieren, müssen sie zum Fortbestand immer wieder von Agenten aufgeladen werden. Gegnerische Portale können mit sogenannten XMP-Waffen angegriffen werden. Verlieren dabei deren Resonatoren sämtliche Energie, so fällt das Portal zunächst in den neutralen Zustand zurück. Verbindungen zu anderen Portalen und somit auch Energiefelder werden dabei aufgelöst, so dass die gegnerische Seite dabei also Mind Units verlieren kann. Das Portal kann nun von der angreifenden Seite in Besitz genommen werden, indem eigene Resonatoren aufgestellt werden.

Es gibt dadurch viele Varianten, wie das Spiel gespielt werden kann – bereits bei einer Busfahrt durch Osnabrück hat man Gelegenheit, ein paar Portale zu hacken, Gegenstände zu sammeln, Resonatoren der eigenen Portale nachzuladen oder hinzuzufügen und den eigenen XM-Vorrat zu ergänzen – einfach im Vorbeifahren. Natürlich kann man auch gezielte Exkursionen zu Fuß, per Rad oder gar Auto unternehmen, um bestimmte Ziele zu erreichen. Dabei kann man sich mit anderen Spielern der eigenen Fraktion auch absprechen und sehr strategisch vorgehen, um eigene Felder aufzubauen und zu verstärken oder gegnerische anzugreifen. Dabei gibt es innerhalb der App die Möglichkeit, sich mit anderen Spielern per Chat auszutauschen und deren Aktivitäten zu beobachten. Auf der Smartphone-App sieht der Spieler jedoch nur Objekte in seiner unmittelbaren Umgebung. Im Netz gibt es eine sogenannte Intel Map (von „Intelligence“, was soviel wie Aufklärung bzw. nachrichtendienstliche Information bedeutet), diese zeigt weltweit alle Portale in der Farbe der sie kontrollierenden Fraktion an – inklusive Details wie Anzahl, Stärke und Ladung ihrer Resonatoren.

Kunst oder kann's wech?

Dieses umstrittene Kunstwerk am Parkhaus an der Vittischanze trägt eigentlich den Titel „Time is turning“ und besteht aus alten Schiffsnockenwellen. Der offizielle Name des Portals allerdings ist „Kunst oder kann’s wech“.

Letzten Endes ist bei Ingress der Weg das Ziel – durchaus auch im wahrsten Sinne des Wortes, denn zum Spielen muss man sich fortbewegen. Vermutlich wird keine der beiden Fraktionen, solange das Spiel gespielt wird, die andere jemals völlig besiegen. Gegenwärtig wogt die Herrschaft der bisher erreichten Mind Units zwischen 40% zu 60%, Gleichstand und 60% zu 40% zwischen den beiden Fraktionen hin und her. Jeder Spieler startet auf Level 1, das persönliche Ziel ist also, möglichst schnell höhere Level bis zum Level 8 zu erreichen. Höhere Level werden durch das Sammeln von sogenannten „Action Points“ (AP) erreicht. So bringt beispielsweise das Hacken eines gegnerischen Portal 100 AP, das Einrichten eines Feldes 1.250 AP. Höhere Level befähigen den Spieler zum Beispiel, Verbindungen zu weiter entfernten Portalen einzurichten, einen größeren XM-Vorrat zu speichern und stärkere Resonatoren und XMP-Waffen einzusetzen.

Einsamer Krieger

Diese Statue, die einen schwer gepanzerten Polizisten darstellt, steht an einer Brücke in der Hase. Auf Knopfdruck kommt ein Wasserstrahl, der auf den Platz am Knopf gerichtet ist, heraus.

In der realen Welt stellt sich der kritische Teilnehmer unweigerlich die Frage: „Was springt eigentlich für Google dabei heraus?“. Zunächst einmal ist zum Spielen die aktive Nutzung diverser Google-Produkte unerlässlich: das Smartphone-Betriebssystem Android (für iPhone- iPad-Nutzer gibt es die Ingress-App zur Zeit nicht), Google Mail (wird z.B. für die Ersteinladung und das Einreichen neuer Portale benötigt), Youtube (für die Videos mit der Rahmenhandlung), Google Maps (für die Kartendarstellung) und Google+ (hier tummeln sich die Communities beider Fraktionen). In der Produktstrategie des Marktführers in Sachen Web-Suchmaschinen stellt dies sicherlich einen beachtlichen Nutzen dar. Ferner nutzt NianticLabs@google die Informationen über die Sehenswürdigkeiten dieser, realen Welt (die ja mitsamt Foto und Geokoordinaten von den fleißigen Spielern als Portale eingereicht werden) für deren App „Field Trip“.

Solara

Dieses quietschbunte Werk steht im Schlossgarten, also an der Uni. Es heißt „Solara“ und rotiert mithilfe von Sonnenenergie. Ursprünglich nur eine Leihgabe der schweizer Künstlerin, wurde es auf eine Unterschriftenaktion (eine Initiative Osnabrücker Schulkinder) von der Stadt Osnabrück gekauft.

Oder steckt gar noch mehr dahinter? In Ingress geht es um die Kontrolle des Bewußtseins der Massen mithilfe einer unbekannten Technologie. In gewisser Hinsicht wird dies ansatzweise durch das Spiel in der Realität erreicht. Schon am ersten Tag sah ich Personen mit Smartphone in der Hand und Kopfhörern in den Ohren mit plötzlichem Argwohn an. Spielt diese junge Frau dort am Heger Tor womöglich auch das Spiel? Und wenn ja, in meiner Fraktion, oder etwa für den Gegner? Ich ertappte mich auch dabei, wie ich fast riskierte, einen Bus oder einen Zug zu verpassen, um noch „mal eben“ ein Portal zu hacken. Außerdem frage ich mich, ob ich jemanden aus dem Freundeskreis für meine Fraktion rekrutieren soll, oder lieber nicht, damit demjenigen nicht dasselbe passiert. Denn wer weiß – vielleicht ist Ingress wirklich nicht nur ein Spiel, sondern ein großangelegtes Experiment zur Massenbeeinflussung. Und niemand kann hinterher sagen, er sei nicht gewarnt worden.

PS: Natürlich muss ich an dieser Stelle die Objektivität waren. Aber sollten Sie doch erwägen, teilzunehmen… grün ist zur Zeit unheimlich angesagt.

Advertisements

Über michikarl

Ich möchte den Werbetreibenden, die heutzutage mehr Daten über Individuen sammeln als die Geheimdienste dieser Welt, nicht kostenlos Informationen zur Verfügung stellen. Obwohl ich das mit Sicherheit auch hiermit bereits getan habe.
Dieser Beitrag wurde unter Ingress veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Die Welt ist nicht das, was sie zu sein scheint

  1. satayspiess schreibt:

    Ach so! DAS machen also all diese Leute, die ständig ihre Nase überm Smartphone hängen haben! Nachdem ich seit ein paar Wochen auch so ein Spielzeug habe, hatte ich mich schon gefragt, was für eine App mir wohl noch fehlt, damit auch ich ständig mit dem Gerät beschäftigt bin! Prima hört sich an, dass die Spieler raus an die frische Luft müssen, bravo. Und scheinbar gibt es ja auch IRL-Treffen, das finde ich auch gut. Aber ansonsten scheint das Ganze doch sehr alltagsbeherrschend zu sein. Zum Glück sind rot und schwarz meine Lieblingsfarben! 🙂

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s