Falken, Tauben und Kaninchen

Hocke wieder im Hotelzimmer und gucke nebenbei ukrainische Musikvideos. Eine Freundin von mir sagt, ein Fernseher sei für sie, wenn sie alleine sei, eine „sprechende Lampe“. Das helfe, sich nicht so alleine zu fühlen. Nun, meine spricht oder vielmehr singt zwar ukrainisch, aber passt schon. Sie könnte auch deutsch sprechen, aber das ist RTL, das kann ich nur bedingt ertragen.

Der Duc de Richelieu

Statue vom Duc de Richelieu. Der Groß-Enkel von Kardinal Richelieu wurde von Marie-Antoinette seinerzeit aus Frankreich rausgeschmissen, diente dann in der russischen Armee und wurde dann Gouverneur von Odesse. Seiner Planung hat die Stadt viel zu verdanken.

Ich war heute in der Umgebung unterwegs. Eigentlich gibt es nicht so viel zu erzählen, denn ich habe nicht wirklich viel erwähnenswertes erlebt. Also werde ich viele Worte über das, was nicht so erzählenswert ist, verlieren müssen.

Blick auf das See-Terminal Odesse

Das See-Terminalwurde 1967 gebaut und 2000 modernisiert.

Als ich gegen Mittag endlich in die Socken kam, ging ich erstmal wieder zum Hafen, genauer gesagt zum See-Terminal. Hier lag so eine Art kleines Kreuzfahrtschiff, die „Dnieper Princess“, wie zu lesen war. Davor sind zwei Kunstwerke, darunter die Bronze-Skulptur „Das goldene Kind“ zu sehen, dahinter steht das „Hotel Odessa“, eine kleine Kirche, es gibt ein Restaurant und Yachtliegeplätze. Hier liegen auch ein paar ganz nette Eimer, einer stach durch seine Größe heraus. Noch nicht so ganz Abramowitsch, aber größer als die Durchschnittsyacht.

Nette Zweityacht

Nette Zweityacht im Hafen von Odessa

Nachdem ich hier noch ein paar Fotos bei besserem Licht als gestern gemacht hatte, ging ich die Potemkin-Treppe wieder hoch. Hier konnte man sich immer noch oder schon wieder mit wahlweise imposanten Falken oder niedlichen Kaninchen fotografieren lassen. Da stellte sich mir die Frage, ob nicht vielleicht die gefiederten Räuber der Lüfte irgendwann mal ihre Erziehung vergessen werden, und dann die niedlichen Pelzviecher zum Lunch verputzen.

Ich ging wieder stadteinwärts, ohne bestimmtes Ziel, außer vielleicht, mal irgendwo was zu essen zu finden. In der Nähe der Außengastronomie, die ich gestern schon gesehen hatte, lärmte ein Dieselaggregat. Es blieb nicht das einzige, ich sah und hörte dann die ganze Straße entlang diverse Hondas am Rödeln. Die Häuser hatten offenbar regelrechte Möglichkeiten, so ein Ding davorzustellen, einen Stecker in die Wand zu schieben und den Saft dann in die Hauselektrik einzuspeisen. Offenbar war gerade Stromausfall, dass man darauf offenbar bestens vorbereitet war, zeigt, dass dies hier offenbar nicht selten vorkommt. Ups – gerade habe ich mal den Akku vom eeePC eingeschoben, man weiß ja nie. Der Lärm ging mir allerdings auf den Keks.

Oper und Ballett-Theater Odessa

Oper und Ballett-Theater Odessa, ich hab es auch erst per Internet rausgefunden, was dieser Prachtbau eigentlich ist.

Ich folgte einer Querstraße zu einem großen, reich mit Skulpturen verzierten Gebäude. Keine Ahnung, wie es heißt oder was das ist – auf Google Maps steht ja auch alles auf Kyrillisch. Oh, doch – es handelt sich um das Opernhaus und Ballettheater. Imposanter Bau. Davor standen auf einem großen Platz einige Stretchlimousinen, die offenbar für Brautpaare gemietet waren. Es wurde heute viel geheiratet in dieser Stadt. Eines dieser Autos war ein BMX X5L. Ich wusste gar nicht, dass BMW sowas baut, naja, vielleicht eine Spezialanfertigung.

BMW X5L

Strechlimo zum heiraten.

Seitlich der Oper gab es wieder Möglichkeiten, sich mit Falken oder wahlweise mit weißen Turteltäubchen fotografieren zu lassen. Nöööö…. immer noch nicht. Also weiter. Ein paar Straßen weiter gab es ein Lokal, wo man „draußen“ in einem Zelt sitzen kann, die Preise schienen mir günstig. Aber ich wurde leider nicht bedient. Ich vertrieb mir die Zeit, in meinem „Odessa in your pocket“ aus der Touristeninformation zu lesen. Irgendwann verlangte ich nach der Karte, aber mein „Menu bud’laska“ war vielleicht zu unverständlich. Ich muss gestehen, ich hab auch schon gewisse Berührungsängste, wenn ich mit Englisch nicht weiterkomme. Jedenfalls habe ich es dann vorgezogen, mir woanders was zu essen zu suchen.

Katze

Entweder, ich bin noch in Israel, oder vielleicht hat sich das Tier bis heute in meiner quietschorangefarbenen Hartschale versteckt.

Nach einem weiteren Gang schaute ich mal auf meine Bikemap-Karte auf dem Schlaufon. Ich hatte mir natürlich die Openbikemap der Ukraine auf das Gerät runtergeladen. Damit finde ich, solange ich Saft drauf habe, zumindest offline immer wieder zum Hotel, weil ich ja auf dem Display sozusagen eine Brotkrumen-Spur hinterlasse. Ich stellte fest, dass es sich anbot, einmal im Carée zu gehen. Der Plan war, nochmal zum Pier zu gehen, um dort das Restaurant zu testen.

Kanone am Hafen

Alte Regel: Wer Hafen hat, hat auch Kanone. Nur, warum ist diese hier auf das Foyer des Hotel Odessa gerichtet?

Das tat ich dann auch. Die Kellnerin war sehr hübsch, konnte aber kein Englisch. Die Karte allerdings war auch in Englisch verfügbar, was hier nicht selbstverständlich ist. Der typische Touri kommt hier ja eher aus Russland, anderen GUS-Staaten oder Staaten des ehemaligen Warschauer Paktes, vielleicht noch aus der Türkei. Schon möglich, dass man manchmal mit Polnisch mehr erreicht als mit Englisch, mit Russisch auf jeden Fall. Es gab dann eine Unstimmigkeit, als ich bestellen wollte, und die hübsche Bedienung schickte einen Kollegen. So ganz klappte es aber immer noch nicht mit der Verständigung, ich bestellte schließlich was anderes.

Das war dann ein Nackensteak mit Pommes und gegrilltem Gemüse. War ganz okay, auch wenn das Gemüse (Auberginen und Paprika) einen komischen Nebengeschmack hatte. Gekostet hat die Mahlzeit mit einem Heineken dabei 260 UAH (Hrywnja, sprich etwa „Kriwnia“), was vor allem für hiesige Verhältnisse recht teuer ist. Hier im Hotel habe ich für ein Borschtsch, Boeuff Stroganoff und ne Cola weniger als 200 UAH geblecht. Aber egal, ich habe Urlaub.

Nach dem Essen ging ich ein zweites Mal an diesem Tag die Potemkin-Stufen hoch, ignorierte die Falken-Jungs und ging noch in den kleinen Supermarkt, der trotz des Sonntags geöffnet hatte. Hier ging während des Einkaufens Hauptbeleuchtung und Musik aus, offenbar noch ein Stromausfall. Die Notbeleuchtung machte ausreichend Licht, und die Kassen waren vom Ausfall nicht betroffen, daher ging es einfach normal weiter. Als ich bezahlt hatte, ging die Hauptbeleichtung auch wieder an. Draußen auf der Straße war auch kein Dieselaggregat mehr zu hören.

Meine Route am 29.09.

Meine Route am 29.09.

Anschließend ging ich wieder ins Hotel, Fernseher an. Auf M1 lief schon wieder Titten-TV. Dieselben Mädels wie gestern, diesmal allerdings in Bikinis mitten im Schnee, äh, stelle ich mir nicht gesundheitsfördernd vor. Auf RTL erklärte mir Dingsbums, ähm, keine Ahnung, warum Boris Becker jetzt nach der Veröffentlichung seines Buches doof ist. Warum denn das? Also, warum erst jetzt doof? Der Typ konnte mal richtig gut Tennis spielen, ansonsten fand ich den noch nie besonders prickelnd. Na, Ihr seht schon, ich erzähle, was hier im Fernsehen kommt, daran sehr Ihr, viel zu berichten gibt es eigentlich nicht. Aber gut, deswegen wünsche ich mir nicht die Raketen von Tel Aviv zurück.

Insgesamt bin ich irgendwie nicht so gut drauf. Vielleicht hätte ich mir doch kein Ex-hinter-dem-eisernen-Vorhang-Ziel suchen sollen, oder einen wärmeren Ort. Oder einen, wo es Museen mit Flugzeugen gibt. Ich fühle mich bisschen einsam, und ich fürchte, ich habe hier die Zeit für diese Stadt zu großzügig angesetzt, keine Ahnung, ob ich jeden Tag noch was entdecke. Aber ich muss mich vielleicht auch nur mal mehr aus meinem Loch hier trauen. Auch leicht gesagt, mit einer leichten Basis-Depression im Nacken. Naja, hilft ja nix, mal sehen, was der nächste Tag bringt.

Bis bald!

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Über michikarl

Ich möchte den Werbetreibenden, die heutzutage mehr Daten über Individuen sammeln als die Geheimdienste dieser Welt, nicht kostenlos Informationen zur Verfügung stellen. Obwohl ich das mit Sicherheit auch hiermit bereits getan habe.
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3 Antworten zu Falken, Tauben und Kaninchen

  1. Elisqbeth schreibt:

    Hi Bruderherz, liebe Gruesse aus aubagne in der provence. das Hotel hat einen computer im foyer. so konnte ich jetzt alle verpasste information nachhole. dass du in odessa bist, hatte mir allerdings unsere mutter schon am telefon erzaehlt. HM? Die franzoesiche Tastatur ist immer wieder gewoehnungsbeduerftig… Also, ich hatte ja vor Abfahrt auch groessere Anstrengungen unternommen, indem ich versuchte, die Schnittmenge aus den Reisefuehrer-Programmen von Marco Polo und Reiseknowhow, der Liste visumsfreier Laender des Auswaertigen Amtes sowie den Laendern mit exotischer Waehrung und nichtroamanischer Schrift zu finden – dabei musste man nur den richtigen film kennen!

    Ich hoffe, dass dir dein Urlaubsziel noch etwas mehr ans herz waechst und werde mich jetzt mal wieder dem meinen zuwenden – vielleicht zunaechst mal mit einem kleinen spaziergang am fluesschen Huveaune…

  2. satayspiess schreibt:

    Ach, Michi, Kopf hoch, wirst schon noch warm werden mit Odessa! Du wolltest doch Abenteuer mit nix Sprache verstehen usw.! 🙂
    Eine Stadtrundfahrt ist bestimmt auch dann witzig, wenn man nix versteht … deine beiden Reiseführer geben dir bestimmt auch genug Anhaltspunkte. Und man kommt ein bisschen rum und kann gucken, was man sich gerne mal genauer angucken möchte.
    Wenn alle Stricke reißen such dir einfach einen schönen geschützten Platz am Strand, die Sonne scheint ja zu scheinen, und lies was. Ist doch URLAUB, man muss ja nicht immer rum rennen! 🙂

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