Happy Farming in Odessa – und bu’vai.

Wie schon erwähnt, war die Situation ja die, dass ich jede Menge Zeit totzuschlagen hatte. Gleichzeitig war ich aber durch meinen Koffer im Aktionsradius begrenzt. Was tut man nun als Ingress-Spieler? Farmen, natürlich! (Das bedeutet, sich in die Nähe der schon oft zitierten „Portale“, das sind meist Sehenswürdigkeiten wie z.B. die Potemkin-Treppe, zu begeben, diese zu „hacken“ und dadurch virtuelle Gegenstände zu erwerben,die man im Spiel benötigt.)

Zuerst wollte ich mal meine restlichen Postkarten loswerden. Der Briefkasten befand sich nicht ganz dort, wo die Openbikemap auf dem Schlaufon angab, aber in der Nähe. Stattdessen fand ich eine lustige „Android & Apple“-Installation, die auch ein Ingress-Portal ist, dort, wo lt. Map der Briefkasten sein sollte.

Android und Apple einträchtig beieinander

Android und Apple einträchtig beieinander – und meine quietschorangene Hartschale. Ist auch ein Ingress-Portal – also, Android und Apple, ohne meinen Koffer.

Der Gang durch den Park lohnte sich nicht so wirklich. Es gab noch zwei Level-7-Portale. Ansonsten versuchte ich, Material sinnvoll loszuwerden, weil ich schon am Item-Limit (liegt bei 2.000 Gegenständen, mehr kann man nicht „lagern“) war. Das bedeutet, ich wollte mein Material so optimieren, dass ich weniger interessante Gegenständen noch sinnvoll irgendwo loswerden wollte, um wieder mehr Platz für coole Sachen (Burster! Das sind die Waffen, mit denen gegnerische Portale angegriffen werden) zu haben.

Danach wollte ich nochmal zum Passagier-Terminal. Inzwischen waren durch meinen längeren Aufenthalt im „Granat“ soviel Zeit vergangen, dass die Burnout-Zeit verstrichen war und ich wieder von vorne anfangen konnte. Vorher wollte ich mir allerdings noch die Portal links von der Potemkin-Treppe ansehen, in die Richtung war ich zuvor noch gar nicht gegangen.

Gebäude mit Säulen, Nähe Potemkin-Treppe

Gebäude mit Säulen, Nähe Potemkin-Treppe

Ich konnte ein paar Portale übernehmen und stieß dann auf ein Gebäude mit vielen Säulen. Es genügte mir nicht, das mit dem Schlaufon zu knipsen, also fahndete ich in meinem vollen Rucksack nach meiner Kamera – und fand sie nicht. Ach mann, wie furchtbar! Eigentlich gar nicht so sehr der Verlust der Kamera selbst. Die ist 5 Jahre alt, nur eine simple Knipskamera. Auch nicht wirklich der Verlust der Bilder – die hatte ich vorher immerhin schon auf mein iPad kopiert. Was mich aber am meisten ärgerte ist, dass ich offenbar nicht auf der Lage bin, auf meine Sachen aufzupassen. Ständig vergesse oder verliere ich Jacken, Handschuhe, Handys, Kameras… Das kostet Kohle, nagt an meinem Selbstvertrauen und geht mir einfach auf den Keks! Trotzdem, ich hatte gerade keine Lust, mich darüber übermäßig zu ärgern. Ich wollte noch nicht einmal sofort zurück zum „Granat“ um nachzufragen. Denn ich hatte geplant, dort ca. 20.00 Uhr zum Abendessen wieder hinzugehen und bis ca. 22.00 Uhr dort zu bleiben, um dann zum Bahnhof zu gehen.

Statue mit Columbus 2

Statue mit Columbus 2 – ich hab da mal was verbessert, wirkt doch gleich viel autentischer…

Also doch erstmal wieder zum Terminal, um zu hacken. Da ich mir nicht so sicher war, ob ich wirklich die Bilder der „Columbus 2“ schon auf dem iPad gespeichert hatte, fotografierte ich alles nochmal im Nachmodus meines Schlaufons. Die Farben sind nicht ganz so schön, aber für ein Telefon macht das Teil gar keine so schlechte Bilder, wenn man weiß, wie. Also fuhr ich mit der Zahnradbahn wieder herunter. Ich bin mir übrigens gar nicht so sicher, ob das technisch gesehen, überhaupt eine Zahnradbahn ist. Die Kabinen werden mit Schleppseilen gezogen. Dabei nutzen die Kabinen sich nicht gegenseitig zum Gewichtsausgleich, sondern haben jeweils ein eigenes Gegengewicht. Dadurch können die unabhängig voneinander operieren.

Columbus 2 bei Nacht

Columbus 2 bei Nacht

Unten angekommen, machte ich weitere Bilder von der „Columbus 2“, ging wieder zu meiner windgeschützten Ecke, zündete mir eine weitere Zigarre an (zwei am Tag, mache ich sonst nie), öffnete ein Bier (mehr als zwei am Tag – kommt vor, vor allem im Urlaub) und fing an, die fünf 7er am Ende des Pier auszubrennen. Es kam wieder eine Menge interessantes Material dabei rüber. Zwischendurch konnte ich mir die Zeit damit vertreiben, mit den Kollegen zuhause zu chatten. Die haben gerade einen Material-Engpass, besonders die Kollegen aus Osnabrück-Wüste. Denen hätte ich ja gerne ein Care-Paket mit Zeug aus der Ukraine geschickt. Nun, wenn ich das nicht zwischenzeitlich in Sewastopol selber auf den Kopf haue, kann ich davon ja etwas abgeben, wenn ich wieder in Osnabrück bin.

Statue mit Columbus 2 bei Nacht

Statue mit Columbus 2 bei Nacht

Gut, wieder waren die Portale erneut „ausgebrannt“, außerdem war ich wieder am Item-Limit. Ferner war es Zeit für das Abendessen. Ich ging wieder zum „Granat“, wo mir eine hübsche Angestellt am Eingang steckte, kein Tisch sei mehr frei. Hatte ich ja schon einmal – der Laden ist eben polulär. Abends ist es echt schwierig, einen Tisch zu bekommen. Ich wollte schon gehen, brachte aber doch noch meine Kamera zur Sprache. Das konnte die Mitarbeiterin sprachlich nicht regeln, aber ein Kollege schaffte Abhilfe. Inzwischen hatte mich auch der Kellner entdeckt, der mich nachmittags bedient hatte – die Kamera war da. Glück gehabt.

Flusskreuzfahrtschiff bei Nacht

Flusskreuzfahrtschiff bei Nacht

Also musste als Ausweichlösung wieder das „Pizza & Grill“ herhalten. Erst sah es da auch schlecht aus, aber ich bekam doch noch einen kleinen Tisch. Es war noch einiges an Zeit zu überbrücken, die ich für eine grilled chicken Pizza, ein großes Bier und anschließend einem Stück Country Cake mit Capuccino als Dessert investierte. Uff. Ganz schön üppig, der Tag, so gastronomisch gesehen. Aber erstens: Was soll man schon außer Farmen mit der Zeit anfangen, zweitens ist der Lebensmittelkonsum halt tauglich als Legitimation, trocken und warm irgendwo sitzen zu können und drittens würde es vermutlich bis zum Nachmittag des kommenden Tages allenfalls Wasser und Müsliriegel geben. Auch am Nebentisch wusste man, es sich gutgehen zu lassen, da war schon wieder eine Sisha am Start.

Würfelrauchen

Hier werden lustige Glühwürfel geraucht. Keine THC-haltigen Substanzen, sondern wahrscheinlich Kirsch-Vanillie-Banane-Aroma oder sowas.

Nach dem Abendessen, es war so ca. 21.30 Uhr, zog ich dann los in Richtung Bahnhof. Der Plan war, so anderthalb Stunden vor Abfahrt da zu sein, falls ich für das Ticket anstehen müsste oder noch Zeit zur Orientierung benötigen würde. Unterwegs knipste ich noch ein paar Sachen ein zweites Mal mit dem Schlaufon, ich wollte probieren, welche Bilder besser wären, die von der Kamera oder dem Telefon. Ein wenig mehr Zeit als geplant hatte ich ja noch.

Opernhaus Odessa von vorne bei Dunkelheit

Opernhaus Odessa von vorne bei Dunkelheit

Danach machte ich mich zügig auf Richtung Bahnhof. Aufgrund des Item-Limits lauerte ich nicht mehr auf benutzbare WLANs und Ingress-Portale auf dem Weg wie zuvor, sondern benutzte das Schlaufon nur zur Orientierung und um AC/DC abzuspielen.

Angekommen am Bahnhof suchte ich den erstbesten (oder erstschlechten, wie sich zeigte) Schalter auf. Ich hatte mir in kyrillischen Buchstaben inkl. Abfahrtzeiten und Zugnummern die Verbindung aufgeschrieben. Als ich die der gestandenen Dame am Schalter zeigte, griff diese nach einem Telefon, welches vermutlich noch seinerzeit von Joseph Stalin durch ein moderneres Modell ersetzt worden war. Anschließend gab sie mir durch Gesten zu verstehen: Was ich wollte, ginge gar nicht. Sie sprach kein Wort Englisch, davor hatte mein Reiseführer schon gewarnt. Ach, Mist, was jetzt? Ich hatte mir schon vage überlegt, Plan B wäre womöglich, irgendwo eine Unterkunft für die Nacht zu suchen und es morgen nochmal zu probieren. Aber ich wüsste auch gerne, warum das denn jetzt nicht gehen sollte. War meine Info aus dem Internet falsch? Hätte ich früher reservieren müssen? Mir spuckte schon die Idee durch den Kopf, mir irgendjemanden zum Übersetzen zu suchen.

Hauptbahnhof Odessa Gl. bei Nacht

Hauptbahnhof Odessa Gl. bei Nacht

Ziemlich frustriert und unsicher musste ich das erstmal verdauen. Dann entschied ich, mit wenig Hoffnung, es einfach an einem anderen Schalter nochmal zu versuchen. Die Dame dort war wesentlich freundlicher als die andere und gab sich Mühe, zumindest ein paar Brocken Englisch hervorzukramen. Soweit ich sie verstand, ginge nur 2. Klasse, oberes Bett, und nur bis Simferopol, dort würde ich ein neues Ticket benötigen. Na, war doch prima! Mehr wollte ich doch gar nicht! Ich löhnte 309 UAH und bekam zwei Tickets ausgedruckt, auf dem die Dame mir Wagen- und Platznummer zeigte. Allerdings habe ich das mit der Wagennummer zuerst nicht geschnallt, ich dachte erst, es wäre das Gleis.

Gleis 3 - 23:50 Uhr, Zug nach Simferopol

Gleis 3 – 23:50 Uhr, Zug nach Simferopol

Damit begann das nächste Problem: Es gab nur 9 Gleise, da stand aber 13. Ich suchte mehr Gleisen irgendwo, bis ich auf der Anzeige die kyrillische Form von Simferopol sah, die ich mittlerweile einigermaßen kannte. Auch Zugnummer und Abfahrtszeit stimmten. Gleis 3, alles klar. Ich brauchte nicht lange zu warten bis der Zug ca. 23.15 Uhr rückwärts in den Kopfbahnhof einlief. Eine Menge Leute begannen, sich auf die Suche nach ihren Wagen zu machen. Ich fragte eine Dame von der Besatzung, die machte mir dann auch deutlich, dass das, was ich für das Gleis gehalten hatte, die Wagennummer war: 13K. Ich fand den Wagen. Die Türen waren noch geschlossen, und die Leute warteten auf Einlass – so auch ich. Ich fragte mich, mit welchen drei anderen Passagieren ich wohl das Schlafabteil teilen würde. Irgendwann öffnete ein Bahnangestellter die Tür, und das Vorzeigen des Tickets in Verbindung mit dem Reisepass legitimierte das Einsteigen. Die Reise konnte beginnen.

Aber davon erzähle ich später. Ich suche mir jetzt erstmal was zum Abendessen.
Fortsetzung folgt…

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Über michikarl

Ich möchte den Werbetreibenden, die heutzutage mehr Daten über Individuen sammeln als die Geheimdienste dieser Welt, nicht kostenlos Informationen zur Verfügung stellen. Obwohl ich das mit Sicherheit auch hiermit bereits getan habe.
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3 Antworten zu Happy Farming in Odessa – und bu’vai.

  1. Gunnar Bobbert schreibt:

    Na, dann wünsche ich dir eine angenehme Zugfahrt und viele neue Erfahrungen jenseits von „Portalen“ und „Farming-Stress“. Bin schon mal neugierig auf den nächsten Reisebericht und bin schon gespannt auf deine Eindrücke von Sevastopol!
    Viele Grüße
    Gunnar

  2. Peter Karl schreibt:

    Bis auf das „Ingress-Zeug“ ist alles recht spannend. Aber über das dauernde gehacke und gefarme können Deine alten Eltern ja hinweglesen.

    • michikarl schreibt:

      Ja, ich habe schon befürchtet, dass es zuviel Gehacke und Gefarme in den Artkeln gibt. Aber einige Tage, vor allem der letzte in Odessa, bestanden zu einem erheblichen Anteil daraus. Jetzt scheint es sich aber ausgehackt und gefarmt zu haben, denn ich krieg hier außerhalb des Hotels kaum kostenloses WLAN. Ist vielleicht auch ganz gut so. Alleine wie lange so ein Handyakku durchhält, wenn man nicht ständig zockt… Heute habe ich nur beim Frühstück kurz von Hotel aus ein Portal hier direkt vor dem Hotel gehackt, und das mache ich wahrscheinlich gleich nochmal, und das war es dann…

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