Odessa, again

Hotel Arcardia Plaza, Odessa, 13.16 Uhr. Angekommen.

Nachdem ich meine zwischenzeitliche Basis im Bahnhofscafé verlassen hatte, ging ich erstmal ein wenig an die frische Luft. Das Wetter war ja nicht übel, und draußen am Kreisverkehr konnte ich ein wenig an ein paar Ingress-Portalen naschen gehen. Ich zog mir meinen Energy-Drink rein und mampfte ein bisschen von den mitgebrachten Sachen aus meinem Rucksack. Ich musste mal für Odessa-Rückkehrer, deswegen ging ich, nachdem ich meinen Akku mit Flüssig-Energy aus der Dose nachgeladen hatte (wieviel Milliampèrestunden hat eigentlich eine Dose Red-Bull? Könnte man aus den Kilojoule tatsächlich umrechnen…) zum Schotten. Erstmal einen großen Kaffee für 15 UAH. Dann Stoffwechsel-Endphase einleiten. Außerdem lieferte mir McDonald’s kostenlos (oder im Preis des Kaffees inbegriffen) ein solides WLAN. Also war ein Blick auf E-Mails, Google Maps und meine Hangouts (das ist eine Art Instant Messenger ähnlich What’s App von Google, über den ich mit der Ingress-Clique kommuniziere) drin. Ich brauchte gefühlt recht lange für den Kaffee, ich hatte auch gerade sowas wie einen toten Punkt. Ein Freund riet mir per E-Mail, es doch gleich im Hotel zu versuchen, unabhängig der Check-In-Zeit. Gute Idee. Mitten in der Nacht wollte ich da zwar nicht auftauchen, aber mittlerweile war es ja schon fast 11 Uhr.

Als ich den Kaffee auf hatte, holte ich mir noch zwei Cheeseburger, die ich dann draußen verfutterte. Dabei warf ich mal wieder mein Schlaufon runter, aus geringer Höhe auf Steine. Diesmal nahm es mir das übel. Spider-App. (Das bedeutet, dass sich Sprünge spinnennetzartig über das Glas des Displays ziehen, der Begriff hat sich etabliert, weil das nicht so selten vorkommt). Mist… aber immerhin tut das Gerät noch. Was soll’s, ist ein Gebrauchsgegenstand, und zwar einer, der jeden Tag stark genutzt wird, also sein Geld auch wert ist. Wahrscheinlich werde ich das Teil weder reparieren (lassen), noch mir ein neues kaufen, als Mahnung an mich selbst, dass ich sorgfältiger mit meinem Kram umgehen muss. Das nächste Gerät muss besser geschützt werden, aber erstmal gibt es, wie gesagt, kein neues.

Also, zu Fuß würde ich lt. Google Maps so eine Stunde bis zum ca. 4 km entfernten Hotel benötigen. Das war der Plan, das Wetter war ja gut, und ich hatte es ja auch nicht eilig. Also los. Ich hatte zuvor die Adresse über Google Maps mit meiner Bikecomputer-Karte abgeglichen und einen Marker gesetzt. Was Bikecomputer nicht kann (wie auch offline…), ist Suchanfragen bearbeiten – man muss schon wissen, wo das Ziel ist, zu dem man möchte.

Kirche mit Tram

Eine von den beiden prunkvollen Kirche in der unmittelbaren Nähe des Bahnhofs

Zuerst war ich ja noch mitten im Stadtzentrum, was ein wenig wegen des massiven Verkehrs nervte. Außerdem sind die Gehwege teilweise Gift für die Rollen meiner quietschorangenen Hartschale. Ich brauche davon mal irgendwann eine SUV-Variante, die geländegängig ist. Na, mal im Ernst, ich bin einfach Masochist genug, die Angebote aller Taxifahrer der Innenstadt in den Wind zu schlagen, um zu Fuss zum Hotel zu latschen. Aber mein armer Rollkoffer, der für kurze Entfernungen auf planen Untergründen westlicher Flughäfen konstruiert wurde, muss unter meiner Engstirnigkeit leiden. Ich habe das Gerät nun schon kilometerweit über die brökkelige Bürgersteige von Brooklyn, Tel Aviv, Odessa und Sewastopol geschleift. Ich mache mir echt ein wenig Sorgen, dass da irgendwann mal das Fahrwerk versagt und ich das Teil den Rest der Reise schleppen muss. Schade, dass da kein Kilometerzähler dran ist.

Meine Laune hatte ein wenig unter dem Schlaufon-Vorfall (bzw. Runterfall) gelitten. Außerdem konnte ich keine Musik hören. Der ursprünglich vermisste In-Ear-Ohrhörer war unverhofft wieder aufgetaucht, aber da hatte ich dann plötzlich einen Pümpel verloren, so dass ich ihn nicht nutzen konnte. Und der neue war nicht am Mann (hat sich aber im Koffer angefunden). So, an dieser Stelle: Ich hab keine Lust mehr auf diese Ohrstöpsel. Heuzutage gibt es wieder viele total gute und leichte on-ear- und over-ear-Kopfhörer. Ich habe da in meiner Familie so einen jugendlichen Experten, der einen Großteil seiner mageren Freizeit opfert, Kopfhörer zu bestellen, testzuhören und wieder zurückzuschicken. Und ich hab bald Geburtstag.

Hage, Familie! Hier winkt kein Zaunpfahl, sondern ein ganzer Regenwald! Wenn Ihr mir was Gutes tun wollt, dann vereint fachliche und finanzielle Resourcen und helft mir bei der Lösung meiner ständigen Stöpsel-Probleme… Wenn ich mir sowas selber kaufen würde, würde ich vermutlich zwischen 50 und 200 Euro anlegen, wobei teurer hier nicht automatisch besser heißt. Aber ich würde mich mittlerweile auch vom Wannen-Experten der jüngeren Generation beraten lassen…

Geschütz

Mit Artillerie kenne ich mich nicht die Spur aus. Keine Ahnung, ob das eine Kanone, Haubitze, Selbstfahr-Lafette oder was auch immer ist.

Ähm. Ich bin nur ein ganz bisschen abgeschweift. Musiklos aber Planvoll schleifte ich meinen Koffer Richtung Hotel. Irgendwann änderte sich das Stadtbild. Die Gebäude worden immer moderner und höher. Ich kam an mehreren großen Grünanlagen vorbei. Und an diversen Geschützen, die an den Eingängen zu den Parks aufgebaut waren. Auf dieser Seite des ehemaligen, eisernen Vorhangs steht man den Amerikanern darin, Gebrauchtwaffen überall in der Gegend herumstehen zu lassen, in keiner Weise nach.

Noch ein Geschütz

Noch ein Geschütz, schick mit Weißwandreifen. Ganz wichtig ist, dass die Parkeingänge gut durch großkalibrige Artillerie geschützt sind. Bei dem jugendlichen Sprayer- und Skater-Gesindel, welches seit dem Fall des eisernen Vorhangs die Vorstädte hier unsicher macht… Dieser späte Sieg des westlichen Imperialismus muss mit allen Mitteln verhindert werden!

Als ich mich meinem Hotel näherte, war ich in einem Gebiet, welches wenig mit der Umgebung meines ersten Hotels in Odessa zu tun hatte. Hier ragten moderne, aber seelenlose Betonbauten hoch in den Himmel. Dazwischen erblickte ich weitere dieser Kästen, die sicher gerade im Bau befinden. Offenbar wird hier gerade viel neue Wohn- oder Bürofläche für wen auch immer benötigt. Dies hier hatte mit dem Charme der vielen griechisch geprägten Gebäude, der üppigen Außengrastronomie und dem selbst zu dieser Jahreszeit beachtlichen Publikum auf den Straßen in der Nähe der Potemkin-Treppe nichts mehr zu tun.

Hochhäuser

Diese Hochhäuser gehörten zu den schöneren Hochbauten hier in der Gegend. Da ich ja gerne von oben fotografiere, sollte ich mal herausfinden, ob es ein Observation Deck gibt.

Ich warf schon mal einen Blick auf potentielle Gastro-Kandidaten für das Abendessen und erreichte schließlich mein Hotel. Das Arcadia Plaza ist allerdings keiner von den Glas- und Stahlbeton-Klötzen, sondern ein nur wenige Stockwerke hoher Bau mit vielen Säulen und kunstvoller Fassage. Ich checkte ein, und man hatte dann um 12 Uhr auch ein Zimmer am Start. Ein Mitarbeiter brachte meinen Koffer in den ersten Stock, wartete aber nicht ab, bis ich ihm einen Tip aus meinem Portemonnaie gepuhlt hatte. Nun, wer nicht will…

Arcadia Plaza Hotel

Arcadia Plaza Hotel – hier schlafe ich die nächsten zwei Nächte.

Und jetzt? Erst mal Fernseher an, M1 selbstredend. Der tote Punkt war überwunden. Wenn ich ins Bett ginge, würde ich wahrscheinlich den Rest des Tages verschlafen, aber wozu? Dringender als nach Schlaf verlangte es mich vor allem nach einer Dusche, die ich mir auch umgehend genehmigte. In frischen Klamotten wieder einigermaßen Mensch, setzte ich mich, diesen Beitrag zu schreiben. Nach einem Tag auf den Beinen mit der Nacht im Zug, ist es herrlich, wieder „eine feste Adresse“ zu haben, falls Ihr versteht, was ich meine. War schon so, als ich in Sewastopol ankam. Und hier habe ich sogar wieder einen ordentlichen Fernseher und WLAN auf dem Zimmer, jippieh! Und die beste Dusche bisher, bei den bisherigen Hotels kam das Wasser nur sehr spärlich aus der Leitung.

PECTOPAH (= Restaurant). Vielleich ein Kandidat fürs Abendessen?

PECTOPAH (= Restaurant). Vielleich ein Kandidat fürs Abendessen?

So, ich werde es den Rest des Tages sicherlich ruhig angehen lassen. Aber vor allem möche ich jetzt ans Wasser. Wenn ich Google Maps richtig deute, dann ist die Wasserkante ca. 1 km entfernt. Und sollte ein Sandstrand sein. Das Wetter ist nicht mehr so toll wie gestern und vorgestern oder wie der Morgen es suggeriert hat, es hat sich zugezogen. Aber trotzdem… Vielleicht finde ich irgendwo noch ne Zigarre und ein paare Biere. Und ich werde die Pectopahs (PECTOPAH = Restaurant) eruieren, die an meinem Weg liegen. Oder kurz gesagt: Es wird Zeit, die Umgebung zu sichten.

Säule im Kreisverkehr

Auch hier entdeckt man durchaus Ähnlichkeiten zu US-amerikanischen Objekten. Der US-Amerikaner hat ganz offensichtlich eine Schwäche für Obelisken, und wenn ich mich nicht falsch erinnere, so zeigt der Bug des Museum-Schlachtschiffes USS Texas (San Jactino, bei Houston) sogar auf einen Obelisken mit einem Stern an der Spitze. Dies ist zwar kein Obelisk, aber eine schlanke, hochaufragende Struktur allemal.

Wird fortgesetzt…

Über michikarl

Ich möchte den Werbetreibenden, die heutzutage mehr Daten über Individuen sammeln als die Geheimdienste dieser Welt, nicht kostenlos Informationen zur Verfügung stellen. Obwohl ich das mit Sicherheit auch hiermit bereits getan habe.
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