Das teuerste Bier meines Lebens

Okay, ich bin dann mal Essen gegangen. Direkt hier nebenan, ins „Opera“. Ich hab nicht groß drüber nachgedacht. Das Teil ist auf demselben Areal wie das Hotel, es ist in ähnlichem Stil gehalten, also dachte ich zuerst, es gehört dazu.

Opera von außen

Das „Opera“ von außen

Drinnen im Empfang saßen so ein paar Männer, die in Filmen für „osteuropäische Schlägertypen“ gecastet werden. Als ich das Etablissement betrat, war ich sofort auch schon halb wieder draußen. Edel gedeckte Tische mit Weingläsern auf weißem Tuch, und überhaupt alles sehr edel anmutend. Dann aber fand ich einen sofortigen Rückzug uncool und außerdem hätte ich mir dann ja was anderes suchen müssen. Dazu hatte ich aber keine Lust.

Opera von innen

So sieht der Laden innen aus. Auf die Schnelle habe ich mit meinem Schlaufon kein besseres Foto hinbekommen.

Ich wurde von einem Mitarbeiter angesprochen und fragte „Do you have an english menue?“ „Of course!“, war die Antwort. Na, so selbstverständlich war das nach meiner Erfahrung nicht. Ich bekam umgehend eine Karte und wurde gefragt, was ich trinken wolle. Bier, natürlich. Der gute Mann empfahl mir Bourgogne des Flandres Brun/Bruin. Ich passte überhaupt nicht auf, guckte mir weder den Preis an noch verstand den Namen so richtig.

Das teuerste Bier meines Lebens

Das teuerste Bier meines Lebens – nicht wegen irgendwelcher Folgen wie Autounfall oder spontaner Verlobung, sonder es geht um das Bier an sich.

Irgendwann brachte mir ein Kellner ein Glas und eine verkorkte Flasche, die eher nach Wein oder Champagner als nach Bier aussah, und einen Kühler. „Sorry, I ordered a beer…“, protestierte ich Naseweis. „This is beer.“, antwortete der Kellner ungerührt, entkorkte die Flasche und schenkte mir ein Glas voll. Ich betrachtete die Flasche genauer: Tatsächlich, Bier, 0,75 Liter.

Ich hatte außerdem Pork Chops mit gebackenen Bohnen geordert. Im ersten Moment kamen mir die Preise auf der Karte sehr gesalzen vor – bis ich bemerkte, dass ich mal wieder auf die Preise in Rubel geschaut habe. Für einen UAH bekommt man so vier Rubel, und auf den meisten Karten war der Preis in beiden Einheiten angegeben. Die Preise in UAH waren zwar für hiesige Verhältnisse nicht ohne, aber nach westlichen Maßstäben akzeptabel.

Das Essen kam, das Nackensteak war okay, die gebackenen Bohnen mit einer speziellen Sauce fand ich total klasse. Viel war indessen nicht los, ein oder zwei Tische waren voll besetzt, der Rest leer. Zwei Jungs, vielleicht fünf und sieben Jahre alt, flitzten um die Tische und wurden zunächst von niemandem daran gehindert. Später wurde ihnen Malzeug gebracht.

An den Wänden flimmerte auf diversen Bildschirmen der „Odessa Fashion Channel“. Wow, sowas gibt es? Ansonsten flimmerten fast über mir nicht weniger als 9 Spiegelkugeln unterschiedlicher Durchmesser, und auch sonst war Discobeleuchtung am Start. Irgendwann wurden die Tische von Abendessen auf Lounge umkonfiguriert, d.h. die Tischtücher, Servietten und Gläser verschwanden und die blanken Tische wurden kurz abgewischt. Das ging alles sehr schnell.

Irgendwann wurde die Musik dann sehr laut, und ich sah, dass eine junge Frau zum Playback sang. Es klang nicht schlecht, dabei bemerkte ich anhand der Texte auf den Bildschirmen, dass es offenbar Karaoke war. Dafür scheint man hier eine Schwäche zu haben, ich habe so einige Läden gesehen, die das anboten. Auch eine andere Dame sang später, wenn es nur nicht so entsetzlich laut gewesen wäre…

Als ich mein Gericht verzehrt hatte, ließ ich mir nochmals die Karte bringen, weil ich vielleicht noch ein Dessert wollte – ich hatte nämlich Crème Brulée entdeckt, und die mag ich halt gerne. Außerdem wollte ich mal einen Blick auf die Preise werfen, ich befürchtete nämlich, zu wenig Geld dabeizuhaben.

Die Karte wurde gebracht, und da entdeckte ich, dass das Hautgericht, welches ich hatte, 120 UAH kostet, das Bier hingegen, welches ganz unscheinbar zwischen den üblichen Bieren wie Corona und Heineken stand, 270 UAH, was so knapp 25 Euro sind. Aua! Da habe ich Naivling mich aber auch richtig vorführen lassen! Hilft nix, lernen! Außerdem… ich habe eh noch erwartungsgemäß viel zu viel der hiesigen Kohle. Da war es auch durchaus der Plan, ein paar Kröten auf den Kopf zu hauen (ich weiß gar nicht, ob ich das schreiben sollte, sind das nicht Verwandte von uns Fröschen [Ingress-Ding, weil unsere Farbe grün ist], oder was?).

Crème Brulée

Crème Brulée, in Fachkreisen auch als „Crème Brüller“ bekannt, mit Bier

Was soll’s, ich orderte ungerührt noch die Crème Brulée für 45 UAH. Zwischendurch gab es leider immer wieder laute Karaoke-Darbietungen, die von der Tischgruppe der beiden jungen Damen, die sich da engagierten, laut beklatscht wurden. Wie gesagt, die haben tatsächlich gut genug gesungen, dass ich sie erst für das Entertainment engagierte Sängerinnen gehalten habe.

Ich ließ mir die Rechnung bringen. 430 UAH. Ich packte 500 rein und betrachtete die Angelegenheit als erledigt. Mir wurden dann 70 Flocken wiedergebracht. Nix da. Ich ließ die da fein drin. Wenn schon, denn schon… Ach ja, jetzt glaube ich auch zu wissen, woher die ganzen Porsche Cayennes auf dem Parkplatz kommen, bzw. wo sich deren Besitzer so herumtreiben.

Achso, die Frage, die sich sicherlich ergibt: Hat es denn wenigstens geschmeckt, das Bier? Geht so. Es war, wie der Name ja sagt, ein dunkles Bier, recht aromatisch und süß, mit der Lizenz, einem bei zu viel Konsum am kommenden Tag ordentlich Kopfschmerzen zu machen. Das beste Bier meines Lebens war es sicherlich nicht. Das war vermutlich irgendein billiges Astra im Sommer mit guten Freunden.

Der Plan für morgen:
09.30 Uhr: Aufstehen
10.15 Uhr: Frühstücken
11.00 Uhr: Auschecken und Taxi zum Flughafen Odessa
15.00 Uhr: Flug nach Wien
16.00 Uhr: Ankunft in Wien
18:35 Uhr: Flug nach Frankfurt am Main
20.05 Uhr: Ankunft in Frankfurt
21.15 Uhr: Flug nach Münster/Osnabrück
22.05 Uhr: Ankunft in Münster/Osnabrück
22.40 Uhr: Abfahrt mit X-150 nach Osnabrück
23.20 Uhr: Ankunft Osnabrück Neumarkt

Über michikarl

Ich möchte den Werbetreibenden, die heutzutage mehr Daten über Individuen sammeln als die Geheimdienste dieser Welt, nicht kostenlos Informationen zur Verfügung stellen. Obwohl ich das mit Sicherheit auch hiermit bereits getan habe.
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2 Antworten zu Das teuerste Bier meines Lebens

  1. satayspiess schreibt:

    Soll ich dir mal was Witziges erzählen: Heute um 16.25h stellte ich fest, dass ich seit geschlagenen 4 Tagen neben einem Ukrainer hocke, der auch Solid Edge lernt (CAD-Programm). Habe ihm gleich auf die Nase gebunden, dass ein Freund von mir gerade in der Ukraine Urlaub macht und ganz traurig sei, weil fast niemand dort Englisch spräche. Er guckte mich ganz irritiert an. Ich weiß noch nicht, ob wegen der Tatsache dass ein Deutscher in der Ukraine Urlaub macht. Oder dass von seinen Landsleuten kaum jemand Englisch spricht. Nun, wir haben noch 4 Tage zusammen, vielleicht finde ich das ja noch raus. 🙂
    Dir wünsche ich morgen eine schöne Rückreise! Und, ach ja, herzlichen Glückwunsch zu den Eiern in der Hose! 😉

  2. Navaho schreibt:

    Hallo Michael, ich habe fertig :-). Mich durch deinen Reisebericht gepflügt und gefreut wie er sich entwickelt hat. Nun wünsche ich dir eine gute Ankunft heute in Osnabrück. Und pflege deine orange Hartschale gut. Die muss auf alle folgenden Reiseberichte auch weiter auf den Fotos zu finden sein. Das ist doch wohl kult oder?
    Wie heißt jetzt der Abschluß? „Als ich zum Mann wurde und die eier entdeckte?“ *sfg*

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