Under the Bridge (and over it, too)

Heute wachte ich später auf, erst so gegen neun. Ich gammelte noch ein wenig im Bett herum und versuchte dann, mich im Badezimmer fertig zu machen. Also die tägliche Katzenwäsche.

Das war aber nicht so einfach, weil auf BBC 1 eine interessante Sendung lief. DAS nationale Top-Thema hier ist natürlich das anstehende Referendung über die Unabhängigkeit Schottlands am 18. September. Ich finde, dass ist auch eine echt heisse Kiste. Sollte Schottland tatsächlich unabhängig werden, so hat das eine ganze Menge Folgen für das Vereinigte Königreich. Beispielsweise … Vereinigtes Königreich? Wenn Schottland unabhängig wird, dann passt das ja nicht mehr richtig. Ein BBC-Mensch meinte, man könnte das wie der Musiker Prince machen, der sich „The Artist formerly known as Prince“ nannte: „The Kingdom formerly known as United Kingdom“. Die Flagge passt auch nicht mehr, denn das war eine Mischung der Fahne des englischen und des schottischen Königs, als man die Krone vereinigt hat. Das UK verlöre ein Drittel seiner Landfläche und 5 Millionen Leute an Bevölkerung. Es hätte wirtschaftliche Folgen: Zwar fließt eine Menge Geld des UK in das soziale System Schottlands, andererseits prifitiert es von Öl-Erlösen durch schottische Nordseeborungen – noch. Es wurde auch viel über militärische Folgen gebracht: Das UK verlöre Stützpunkte, Männer und Material, welches Schottland dann als Grundlage für eigene Streitkräfte beanspruchen würde. Außerdem bildet die in zwei schottischen Marinestützpunkten stationierten Atom-U-Boote mit ihren Trident-Raketen das Rückrad der britischen Nuklarstreitkräfte. Da ein unabhängiges Schottland atomwaffenfrei sein will, müssten die U-Boote mitsamt ihren Raketen da verschwinden – und das innerhalb von vier Jahren. Es wird aber kaum möglich sein, in dieser Zeit anderswo entsprechende Stützpunkte einzurichten. Es wird sogar prophezeit, dass das das Ende von Großbrittannien als Atommacht bedeuten könnte. Man merkte schon deutlich, dass man beim BBC nicht allzuviel von einem unabhängigen Schottland hält. Jedenfalls fand ich es superinteressant und bin deswegen im Badezimmer nicht so schnell voran gekommen…

Achja, und ich musste ja auch noch meinen Verband erneuern. Ehrlich gesagt, es musste auch rechts wieder ein neuer Verband dran. Ich konnte mich nicht beherrschen und habe an der verschorften Wunde herumgespielt und da ziemlich Bockmist verzapft (das gibt Mecker von Doc Dope). Deswegen musste da nun auch ein Verband dran.

Ich frühstückte bescheiden und machte mir in meinem Zimmer eine Tasse Tee mit dem bereitstehenden Wasserkocher und einem Teebeutel aus der Auswahl, die hier am Start ist. Außerdem gibt es hier ein paar Kekse, und ich hatte noch Madeleines aus dem Supermarkt.

Straßenszene London-Süd

Straßenszene London-Süd

So gestärkt verließ ich erst gegen 11 Uhr das Haus. Wie immer hatte ich allenfalls nur einen vagen Plan, was diesen Tag angesagt wäre. Natürlich gab es Ingressmäßig immer was zu tun. Und ich hatte einfach Lust, mal mit so einem Doppeldecker-Bus zu fahren. Dabei könnte man prima die Portale hacken, an denen man vorbeikäme. Wohin eigentlich? Zweitrangig. Nachdem ich per Internet herausgefunden hatte, dass ich mit meiner Oyster-Card auch Bus fahren konnte, hüpfte ich tatsächlich auf den nächstbesten Bus Richtung… hab ich vergessen. Jedenfalls ging es nach Hackney und an der Hackney Station vorbei. Und durch typische, Londoner Geschäftsstraßen. Ich saß natürlich oben und vorne und hatte so eine tolle Sicht. Und viele unique Hacks.

Google Karte von London Screenshot Handy

Wo bin ich denn hier gelandet? (Siehe blauer Punkt im Südwesten)

Irgendwann schaute ich mal auf Google Maps und stellte fest, dass ich schon nicht mehr in der Londoner Innenstadt weilte. So weit wollte ich dann doch nicht raus und verließ den Bus. Ich hatte ein bisschen Durst und besorgte mir ein Getränk in einem naheliegenden Supermarkt, der offenbar von orthodoxen Juden betrieben wurde. Erinnerte mich natürlich sofort an Brooklyn. Danach ging es von der anderen Straßenseite wieder in die Gegenrichtung. Diesmal allerdings nahm ich etwas gezielter einen Bus nach Aldgate – das ist eine Station (auch U-Bahn) im Bankenviertel, die ich schon kannte. Ich wollte noch mal an die Themse, diesmal aber ans andere Ufer.

"The Shard" und Southwark Cathedral

Hier wieder eine von Londons typischen Alt/Neu-Mischungen: „The Shard“ (links) und Southwark Cathedral (rechts).

Also stieg ich in Aldgate in die Tube, wechselte dann bei Moorgate in die Northern Line und unterquerte damit die Themse, um schließlich an der Station London Bridge auszusteigen. Die ursprüngliche London Bridge war die erste Themse-Brücke Londons überhaupt. Sie wurde allerdings in den 60er-Jahren von einem amerikanischen Entrepeneur gekauft und in den USA wieder aufgebaut. Die neue London-Bridge ist demzufolge ein moderner Zweckbau. Hier war ich ganz in der Nähe von „The Shard“ (übersetzt „Die Scherbe“), einem pyramidenförmigen, über 300 Meter hohem Wolkenkratzer, dem höchsten in London und dem zweithöchsten in Europa. In der Nähe war auch Sir Francis Drakes Galeone „The Golden Hinde“ ausgestellt. Hier gab es auch ein Lokal mit Terasse mit Aublick auf den Fluß. Es war schon Mittag, die Sonne hatte sich gegen die Wolken durchgesetzt, und ich ließ mich dort nieder. Dann passierte aber gefühlt zu lange nichts. Ich bekam auch nach einem schüchternen Apell an eine Kellnerin in akzeptabler Zeit keine Karte, also suchte ich mir woanders etwas zu essen. Das war dann ein Lokal unmittelbar vor der Southwark Cathedral. Hier war Self-Service angesagt, was ich aber recht schnell merkte. Ich wollte erst ein Sandwich nehmen, entschied mich dann aber für ein Gericht mit Huhn, Gemüse und neuen Kartoffeln und ein London Pride aus der Flasche. Es war – natürlich – teuer, aber ganz gut.

"The Golden Hinde"

„The Golden Hinde“: Sir Francis Drake’s Galeone

So, nehmt es mir nicht übel, ich muss mal erstmal ins Bett. Ich schreibe dann morgen weiter… Dann gibt es auch Bilder.

Übrigens, die Schmerzen wegen der Hexenschuss-Sache sind fast weg. Am ersten Abend fiel mir erst nach dem Einkauf diverser Bierreserven auf, dass Schmerzmittel und Alkohol nicht gut zusammen gehen. Ich entschied mich dann, es drauf ankommen zu lassen und hatte ein paar Biere am ersten Abend. Am Morgen des ersten, kompletten Tages in London wachte ich praktisch schmerzfrei auf und nahm dann auch kein Schmerzmittel. Und das klappte auch. Bis auf ein wenig Schmerz, wenn ich echt viel gelaufen bin, ist da kaum noch was zu spühren.

So… geschlafen habe ich. Weiter geht’s. Nach dem Lunch überlegte ich, was nun zu tun wäre. In unmittelbarer Nähe lockten „The Shard“ und die Tower Bridge. Ich liebe es ja, in großen Städten eine Aussichtsplattform in luftiger Höhe zu entern und den Blick von oben zu genießen. Und Fotos zum machen. Vor allem bei Nacht. Ich schlenderte aber zunächst Richtung Ost am südlichen Themseufer entlang. Hier gab es viele Bars und Restaurants mit Blick auf den Fluß. Auf der anderen Seite waren die Handvoll Wolkenkratzer des Bankenviertels zu sehen, u.a. das brandneue „The Walkie-Talkie“ und „The Gherkin“. Und der Tower. Dabei kam ich an der HMS Belfast, dem leichten Kreuzer, der im zweiten Weltkrieg und im Koreakrieg gedient hat, vorbei. Eine Besichtigung sollte, glaube ich, um die 20 Pfund kosten. Nein danke. Ich gucke mir zwar so ein Schiff ganz gerne an, aber das war mir zu teuer. Und letztenendes… Wenn man schon mal auf so einem Schiff war, dann sieht man als Laie sowieso immer nur das Gleiche. Die Unterschiede sind Details, die sich nur nautischen Fachleuten erschließen, ich würde nur Dampfkessel, Geschütze und veraltete Navigationsinstrumente sehen. Wie einst auf der „USS Texas“, die ich mir vor 11 Jahren mit einem Freund in den USA angesehen habe.

Hays Gallery

Hays Gallery: Ein eindrucksvolles Einkaufszentrum am Südufer der Themse in der Nähe der Tower Bridge

Weiter ging es an der Hays Gallery und der etwa halbkugelförmigen, vollverglasten City Hall vorbei. Der Boris hat schon einen eindrucksvollen, wenngleich etwas seltsamen Bürokomplex hier. Ich kam zur Tower Bridge und unterquerte sie erstmal, um weiter das Themseufer entlangzuwandern. Ich überquerte eine Art kurzen Nebenarm (ich weiß nicht, wie ich das sonst nennen soll) der Themse und gelangte zu einem großen Wohngebäude mit ansprechenden Balkonen mit Flußblick. Man kann schon sehr nett wohnen… wenn man es sich leisten kann.

Schöner wohnen an der Themse

Schöner wohnen an der Themse: Ich habe vergessen, wie das da heißt und Google Maps sagt mir das auch nicht. Aber diese Balkone mit Themse-Blick wirken echt lauschig. Muss echt teuer sein, hier zu wohnen.

Hier machte ich kehrt. Inzwischen hatte ich via Smartphone im Internet recherchiert, dass „The Shard“ zwar über eine Aussichtsplattform verfügt, der Spaß aber knapp 30 Pfund kosten sollte, zumindest wenn man nicht vorgebucht hat. Dann würde das immer noch 25 Pfund kosten. Hm… so teure gebäude wollen refinanziert sein! Bei aller Liebe, das war mir einfach zu teuer. An der Tower Bridge gab es einen Hinweis auf eine die Brücke betreffende Ausstellung, und man könne sich die Maschinen aus viktorianischer Zeit ansehen, mit der damals die Brücke für die Schiffe geöffnet und geschlossen wurde. Da ging ich neugierig rein und erfuhr, dass das der letzte Teil des Brückenrundgangs sei und dass ich nebenan im Souveniershop Tickets erwerben könne. Die Tour umfasste beide Türme der Brücke, drei kurze Filmvorführungen, den Gang über beide Fußgangerbrücken in luftiger Höhe von 43 Metern und eben das Maschinenhaus, welches der letzte Teil der Tour war. Ich erstand bei einer sehr hübschen, jungen Dame ein Ticket für günstige neun Pfund.

Da die Tour auf der anderen Seite der Themse, im Nordturm, startete, musste ich erstmal die Themse überqueren und über die Brücke gehen. Und die Straße einmal überqueren, weil der Eingang zum Turm auf der anderen Seite lag. Schließlich war ich am Start der Tour angekommen, zeigte mein Ticket und fuhr mit dem Aufzug (mit anderen Touristen und einem Fahrstuhlführer) den Nordturm hoch. Hier wurde erst ein sehr ansprechend gemachter Film gezeigt, der Horace Jones in seiner Bibliothek zeigte. Es ging darum, wie sein Entwurf der dringend benötigten (die London Bridge war zu der Zeit völlig überlastet), neuen Brücke sich gegen andere durchsezte (das Projekt war ausgeschrieben worden, und Horace Jones gewann mit seine Entwurf). Das war richtig gut gemacht.

Danach ging es über die östliche Fußgängerbrücke wieder zurück über die Themse, super Aussicht inklusive. Es gab auch viele, informative Tafeln, aber ich nahm mir nicht soviel Zeit, sie zu lesen, weil es schon nicht mehr so lange hin bis zum Toresschluss war. Angekommen im Südturm wurde man in die westliche Fußgangerbrücker komlimentiert, in der gerade eine Fotoausstellung zu den wilden Sechzigern in London zu sehen war (plus super Aussicht in die andere Richtung). Die Ausstellung handelte vom Lebensgefühl und den britischen Stars der 60s, also Rod Steward, Twiggy, Sean Connery, Beatles, Who, Stones etc. sowie den damaligen Jugendströmungen Mods, Teds etc.

Zurück im Südturm konnte ich einen kurzen Film mit einer ebenfalls ansprechenden Animation betrachten, die den Bau der Brücke Schritt für Schritt zeigte. Die etwas protzigen Türme der Brücke wirken ja sehr altertümlich. Ich wußte zuvor nicht, dass dieser Baustil damals sozusagen künstlich auf alt getrimmt worden war. Der übliche Baustil des späten, neunzehnten Jahrhunderts hätte normalerweise eine nüchterne Stahlkonstruktion hervorgebracht. Es war aber eine Bauvorgabe, dass sich die Tower Bridge architektonisch dem Tower annähern sollte. Und so IST die Tower Bridge im Inneren eine nüchterne Stahlkonstruktion – allerdings mit einer Steinverkleidung außen, die diese Brücke so altertümlich und ein bisschen protzig wirken läßt. Aber protzig oder nicht: Ich bin ziemlich begeistert von diesem Meisterwerk der Ingenieurskunst seiner Zeit. Es macht optisch und technisch echt was her, und ich finde es echt SEHR traurig, das Horace Jones die Eröffnung seines größten Werkes nicht mehr miterlebte.

Ich ging über die Treppe den Südturm runter (und nutzte die Chance, hier einen Restroom zu nutzen) und gelangte dann unten angekommen in den Engine Room. Hier waren die ursprünglich zum Heben der Brückenflügel (der Baskülen, wie man dazu sagt, weiß ich auch erst seit gestern) verwendeten Dampfmaschinen untergebracht und zu besichtigen. Schautafeln verdeutlichten das technische Prinzip von der Kohleanlieferung über die Themse bis zum Öffnen der Brücke. Mit der Kohle wurden Dampfkessel befeuert, um Dampfdruck zu erzeugen. Dieser speiste in der Regel eine von zwei Dampfmaschinen (damit während Wartungsarbeiten an einer Maschine die Brücke weiterhin betrieben werden konnte). Die Dampfmaschinen betrieben Hydralikpumpen, die Hydraulikdruck erzeugten (tatsächlich noch mit Wasser, nicht mit Hydrauliköl). Dieser wurde genutzt, um dann an den Baskülen (der Maschinenraum war am Ufer) Hydraulikmotoren (Kolbenmotoren mit automatischer Ventilsteuerung) anzutreiben, die über ein Untersetzungsgetriebe die Baskülen öffneten und schlossen. Außerdem konnte Hydraulikdruck in zwei gewaltigen Akkumulatoren gespeichert werden, zwei riesigen Kolben, die in einem eigenen Turm durch den Druck in die Höhe geschoben wurden. Wenn die voll „geladen“, also ganz oben waren, konnte mit deren Hilfe einfach per Schwerkraft die Brücke geöffnet werden. Das hydraulische System war notwendig, weil die Dampfmaschinen selbst zu groß waren, um direkt bei den Baskülen in die Brücker eingbaut zu werden. Die Hydraulikmotoren hingegeben waren kompakt genug und Hydraulikdruck das ideale Mittel der Leistungsübertragung inkl. des Energiespeichersystems der Akkumulatoren. Ich war echt ziemlich begeistert von dieser genialen Konstruktion, die zu ihrer Zeit High-Tech war. Die Ausstellung war die neun Pfund absolut wert. Wahrscheinlich war die Sache vergleichsweise günstig, weil die Brücke nach über hundert Jahren inzwischen bezahlt ist („The Shard“ aber vielleicht noch nicht…)

Dampfmaschine

Eine von zwei Dampfmaschinen, die bis in die 70er (!) Hydraulikdruck zum Brückenbetrieb erzeugte. Heute läuft das elektrisch. Früher mit Dampf dauerte das Öffnen 60 Sekunden. Heute dauert es, wie ich hörte, 90 Sekunden… All das spricht für die Genialität der alten Konstruktion.

Nach der Besichtigungstour gönnte ich mir erstmal ein Pale Ale im Fuß des südlichen Brückengebäudes. Das konnte ich mir an einem Fenster mit Blick auf ein Stück Themse unterhalb des Straßenniveaus schmecken lassen, sozusagen „unter der Brücke“.

„The Shard“ hatte ich abgeharkt, also wohin nun? Es wurde langsam Abend. Daher wollte ich langsam mal was zu Essen suchen, nicht zu teuer und meinetwegen auch „fast“. Außerdem wollte ich warten, bis die Sonne untergegangen wäre, um ein paar Nachtaufnahmen von der Tower Bridge, „The Shard“ etc. zu machen. Was einigermaßen Günstiges zu Essen zu finden hoffte ich eher am Nordufer, also nochmal rüber über die großartige Brücke. Auf der anderen Seite ging ich durch einen Eingang in ein Areal zwischen Tower und Themse. Hier wimmelte es genauso wie sowieso in dem ganzen Bereich von Touris, viele Asiaten, und viele Deutsche. Hm… langsam verstehe ich meine Schwester und meine Neffen. Wenn ich weiter weg oder in weniger Tourimäßigen Regionen (z.B. Ukraine…) mal vereinzelt jemanden treffe, der Deutsch spricht, finde ich das eigentlich eher nett. Aber hier drang derartig viel deutsches Tourigelaber an mein Ohr, das ging mir hier in London schon auf den Keks. Die Asiaten benutzen für ihre Selfies übrigens gerne so ein Teleskopding, in das sie ihr Smartphone vorne einklinken und es damit auf Distanz halten konnten. Ich habe dann aber trotzdem dreimal bereitwillig Fotos von irgendwelchen Leuten vor der Towerbridge gemacht. Meinereiner hatte irgendwie keine Lust auf solche Bilder. Ich brauche keinen Beweis, dass ich hier war, der ist in meinem Kopf und deswegen brauche ich meine Rübe nicht auf demselben Bild wie die Brücke. War auch schon mal anders, etwa in New York, aber im Moment habe ich keine Lust drauf.

Tower Bridge in der Abenddämmerung

Tower Bridge in der Abenddämmerung vom Nordufer aus fotografiert

Ich ging also um den Tower und gelangte auf den Platz, auf dem ich schon am Vortag gewesen bin. Hier waren ja die vielen künstlichen Mohnblumen für die Gefallenen des ersten Weltrieges. Ich hatte schon seit einiger Zeit eine Stimme aus Druckkammerlautsprechern gehört und mich gefragt, was das wohl sei. Innmitten der künstlichen Mohnblumen standen zwei Männer der Towerwache, einer mit dieser typischen, hohen Pelzmütze und roter Uniform, der andere ebenfalls in einem traditionellen Dress. Dieser verlaß offenbar Namen Gefallener, während der andere ein Horn im Anschlag hatte. Nach dem Ende der Lesung wurde also noch ins Horn gestoßen. Verhaltener Applaus der fotografierenden und filmenden Tourimassen. Ich tat weder das eine noch das andere. Es war schließlich keine Show, sondern eine Erinnerung an vor langer Zeit gefallene Söhne, Ehemänner und Väter des Landes. Das als Show oder touristische Attraktion zu betrachten finde ich ähnlich unpassend wie Selfies vor dem 9/11-Memorial in New York. Oder bei Facebook „Mist, ich bin an Krebs erkrankt“ – 39 People like that. Ist schon blöd, wenn vor lauter Konsum die Denkdose nicht mehr eingeschaltet wird.

The Tower of London

The Tower of London – zumindest der Kern davon. Ich finde immer, dass das Ding an sich eher übersichtlich, fast bescheiden aussieht. Aber die Anlage insgesamt mit ihren Befestigungsanlafen und Türmen außenherum ist natürlich schon eine mächtige Festung.

Ich entdeckte ich eine „Fish and Chips“-Bude und holte mir da eine Portion und eine Coke. Der panierte Fisch war recht gut (ich denke, Seelachs), hätte allerdings etwas Würze gebrauchen können. Oder Remoulade oder so. Insgesamt scheinen die Briten nicht viel Gewürz zu gebrauchen… aber das bezieht sich nur auf die bescheidenen Erfahrungen mit dem Fisch und einem Chickensandwich. Ich verzehrte mein Dinner draußen mit Blick auf den Tower. Die Sonne war untergegangen und es wurde langsam dunkel. Also zurück ans Ufer und Fotos machen. Wie viele andere mit professionellerem Equipment auch.

Aber mit der einbrechenden Dunkelheit kam bald eine Towerwache und verscheuchte und Touris vom Areal, das geschlossen wurde. Ich ging dann am Man’s Hole am Fuß der Brücke (hier wurden früher die vom Tower und von anderswoher in den Fluß entsorgten Leichen rausgefischt und zwischengelagert, wie ich von einem Schild erfuhr – das Mittelalter war doch wirklich ne echt nette Zeit) wieder die Treppe hoch zum Straßenniveau und ein weiteres mal über die Brücke, um von dort aus Nachtfotos zu schießen. Ich benutzte dazu sowohl mein Handy als auch meine sechs Jahre alte Kompaktkamera mit verschiedenen Einstellungen.

Tower Bridge nachts geöffnet

Tower Bridge, prächtig illuminiert und offen. Angeblich öffnet sie durchschnittlich drei mal pro Tag, was mir echt selten erscheint. In der Zeit, als ich da war, wurde sie alleine drei Mal geöffnet.

Insgesamt will ich mal prüfen, ob es sich überhaupt noch lohnt, die alte Kompaktkamera überhaupt noch mitzunehmen. Ich muss das zuhause am PC mal vergleichen. Das Schlaufon scheint ganz gute Bilder zu machen, aber bei Nachtaufnahmen bin ich nicht so sicher. Irgendwie scheint das Teil nicht so richtig scharf zu stellen, das überzeugt mich noch nicht. Im Moment fotografiere ich alleine schon deswegen viel mit dem Handy, weil ich dann die Bilder nicht erst irgendwo anders hin übertragen muss – ich kann sie vom Schlaufon direkt in den Blog hochladen. Das iPad zickt im Moment beim Einlesen von Fotos von einer SD-Karte (Speicher zu voll, scheint mir). Und so ist das am einfachsten. Ich blogge auch zum ersten Mal mit dem iPad anstelle mit dem Netbook – hm, so ganz überzeugt mich das auch noch nicht. Ich komme klar, finde dafür aber die klassische Bedienung mit nem Mauszeiger doch besser als Touch.

City Hall, "The Shard"

Das kugelige Gebäude links ist die aktuelle City Hall. Das pyramidenförmige, hohe Gebäude rechts ist „The Shard“.

Auf der Brücke ereilte mich noch ein Laune-Killer: Ich hatte das Schlaufon am externen Akku hängen. Bei dem Gerät (ein brandneues Sony Z2) muss man dazu einen Deckel offen lassen, der dann an so nem Plasikriemchen baumelt. Das Deckelchen ist nötig, um den Wasser- und Staubschutz nach IP weißichgradenicht bei geschlossener Abdeckung zu gewährleisten. Und es war plötzlich nicht mehr da. ARRRRRGH! Nicht schon wieder! Ich hatte zwar diesmal eine Versicherung gegen selbstverschuldete Schäden abgeschlossen, aber ich hatte keinen Bock auf das Hinterherrennen. In den Taschen fand ich es nicht wieder. Aber dann glücklicherweise auf dem Boden. Das Blöde ist nur: Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis ich es wieder verliere, so oft wie ich als Ingress-Spieler mit einem externen Akku operiere… Und der Deckel schützt nicht nur den USB-Anschluß, sondern auch die SIM-Karte. Nicht so gut. Trotzdem war ich erstmal froh, das Teil wiederzuhaben.

Wieder am Südufer angelangt war ich ein wenig unschlüssig und wanderte erstmal die Straße weiter Richtung Süden, um da ein paar Portale mitzunehmen. Mein Tagesziel, den unique hack counter auf über 1.800 zu kriegen hatte ich bereits erreicht. Ich erwog, einen Bus zu besteigen, der über die prächtig illuminierte Tower Bridge fahren würde und davon ein Handyvideo zu machen. Aber dazu hätte ich etwas weiter nach Süden wandern und dann checken müssen, welche Linien infrage kämen. Und es wurde immer später (was übrigens überall und immer der Fall ist, nicht nur bei mir abends in London), ich verwarf die Idee.

Baskülen geöffnet aus unmittelbarer Nähe

Baskülen geöffnet aus unmittelbarer Nähe

Stattdessen ging ich auf der anderen Straßenseite wieder ein letztes Mal zurück über die Brücke zum Nordufer. Meine Schwester hatte in einem Kommentar noch geschrieben, dass es bei den Katherine’s Docks nett sein sollte. Diese Marina lag in unmittelbarer Nähe, also riskierte ich einen Blick. Hm, teure Yachten, aber nicht viel los. Ich stellte fest, dass ich mal dringend für große Globetrottel musste, also wollte ich mir irgendwo einen Pub für ein Pale Ale suchen und dort meinem Bedürfnis nachkommen. Ich betrat ein Restaurant an der Marina, wurde da aber sofort wieder bedauernd herauskomplimentiert, weil man schlösse. Oder lags am Dress Code?

Ich verließ den Bereich um die Marina und befragte Google nach Pubs in der Umgebung. Der am nächsten gelegene Laden war nicht zu finden, der zweite hatte geschlossen, beim dritten (übrigens inmitten einer blauen Level-8-Farm) wurde ich dann fündig. Ich holte mir an der Theke ein Epa Pale Ale (war mit unter vier Pfund/Pint recht günstig, aber schmeckte mir nicht so gut wie z.B. London Pride) und besuchte die Örtlichkeiten.

Nachdem ich ausgetrunken hatte, befragte ich Googe nach der nächten Tube-Station, das war Aldgate East. Dort angekommen stand ich vor verschlossnen Türen, lt. Zettel aus Sicherheitsgründen, und ich solle es an dem anderen Eingang hinter mir versuchen. Das habe ich erstmal mißverstanden, der Eingang, den ich dann als nächstes fand, war ebenfalls verrammelt. Ich überlegte schon, eine Station weiter zu gehen, das wäre Aldgate, fand dann aber doch noch einen unverrammelten Eingang. Dann überlegte ich noch kurz, ob ich nicht einfach zu Fuß gehen sollte, denn Aldgate East bis Liverpool Street ist nur eine Station, dann umsteigen und dann wieder nur eine Station bis Bethnal Green dauert wahrscheinlich genauso lange – oder gar länger. Ich nahm aber doch die Tube. Und prompt den falschen Zug. Das lag daran, dass ich mich irgendwie in Aldgate wähnte (nicht Aldgate East), und von dort fährt jeder Zug nach Liverpool Bridge). Mist. Also an der nächsten Station Tower Hill raus, umsteigen und über Aldgate zur Liverpool Street. Hier in die Central (die diesmal zwar auch voll, aber nicht soo gerammelt war wie am Vortag) und eine Station weiter in Bethnal Green aussteigen. Von dort dann zu Fuß ins Hotel.

Dort angekommen war es dann schon nach ein Uhr, und ich hatte nicht mehr die Ausdauer, diesen Eintrag fertig zu schreiben. Ich hätte auch noch zwei, drei Stunden gebraucht.

Ausblick: Heute ist der letzte Tag, erste Priorität hat Westminster. Klar, Houses of Parliament mit dem Big Ben und der Westminster Abbey. St. Paul’s Cathedral steht auch noch auf der Liste. Vielleicht das London Eye Riesenrad, wenn ich auch nicht damit fahren möchte. Ich werde mal versuchen, die Zeit etwas zielgerichteter zu nutzen und nicht so viel unschlüssig rumzuschlendern. Bis denne.

Über michikarl

Ich möchte den Werbetreibenden, die heutzutage mehr Daten über Individuen sammeln als die Geheimdienste dieser Welt, nicht kostenlos Informationen zur Verfügung stellen. Obwohl ich das mit Sicherheit auch hiermit bereits getan habe.
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Eine Antwort zu Under the Bridge (and over it, too)

  1. Elisabeth van Nguyen schreibt:

    Hey Michi, super schöne Fotos! Am liebsten mag ich die Tower Bridge in der Abendsonne, aber auch alle anderen inklusive dem, das jetzt immer oben erscheint. St. Katherine Dock fand ich interessant, weil es plötzlich so eine andere Welt mitten in London ist, aber ich wäre hätte mich da wahrscheinlich in kein Lokal getraut angesichts des Geldbeutels der Leute, die in dem Viertel wohnen…

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