Der Topf voll Bier unter dem Regenbogen am Ende der B68. Vielleicht.

Vorgeschichte

Der Plan war folgender: Freitag, wenn möglich,  zwei Stunden früher Feierabend (die letzten Bereitschaftsstunden abfeiern), ab zum Bahnhof, nach Lüneburg fahren. Dort von meiner lieben Schwester abholen lassen, einen gechillten Restabend, dann einen gechillten Samstag verbringen. Sonntag dann mit Elisabeth und meinem Oberneffen Pascal nach Hamburg, im CCH die Rocky Horror Show ansehen. Am Montag gegen Mittag wieder zurück nach Osnabrück fahren (Montag und Dienstag Urlaub), Dienstag noch ein paar Einkäufe erledigen, Mittwoch morgen ab nach Wuppertal, zu einer sechswöchigen Kur. Wie gesagt, das war der Plan. Wie so manchmal, es kam alles anders…

Am Wochenende stand auch eine Chorfreizeit in Jever an. Ich mag meinen Chor. Und mein Chor, zumindest so eine bestimmte Kerntruppe, mag mich – wie es aussieht. Jedenfalls wurde ich beim Bier nach der Chorprobe am Dienstag vor einer Woche von ein paar Leuten knappe zwei Stunden lang bearbeitet, doch nach Jever mitzukommen, ich könne doch Sonntag immer noch zur Rocky Horror Show nach Hamburg fahren. Obwohl ich bis zum Schluss nach außen hin nicht einknickte, hatte mich das Kommando Überredungskampfkunst unter der Federführung von SM am Ende ziemlich mürbe gemacht. Okay, okay, ich komm ja mit… Ich guckte dann zuhause noch nach Zugverbindungen… hm, dreieinhalb Stunden Fahrt, dreimal umsteigen, nervig irgendwie. Ich schrieb meiner Schwester, dass ich „womöglich“ erst am Sonntag und dann direkt nach Hamburg führe. Eine Nacht später war mir das eigentlich alles schon wieder zu anstrengend und nervig. Zack, ab nach Lüneburg, gechillte Tage verbringen und gut (siehe oben).

Nach der Arbeit fand ich zuhause eine E-Mail von meiner Schwester vor: „Natürlich fährst Du mit auf Chorfreizeit, wenn Deine Leute das alle wollen!“ (Grummel, spielt denn keine Rolle, was ich will?) Aber: Wenn die große Schwester das sagt, dann muss man sich ja daran halten. Also textete ich die Leiterin des Überredungskampfkunst-Kommandos an, die mir noch ins Ohr geflötet hatte, sie würde mich dann auch abholen und mitnehmen, dass man mich endgültig gargekocht hätte und ich gegen 16 Uhr am Arbeitsplatz an der Hannoverschen Straße abholbereit wäre.

Es war eine anstrengende Woche gewesen. Natürlich gibt es viel an Arbeit zu übergeben und wenn möglich schon ein bisschen vorzubereiten, wenn man sich insgesamt (mit ein wenig Urlaub vorher und nachher) sieben Wochen abzuseilen gedenkt. Dazu kamen zwei Arzttermine, an einem Tag musste ich mittendrin nachhause, um Heizungsableser in die Wohnung zu lassen, ein Sitzungstermin (ich habe normalerweise nicht viele Sitzungstermine wahrzunehmen, vielleicht ein Termin pro zwei Wochen oder so) und so weiter. So kam ich dann Freitag auch ein wenig ins Schwitzen, machte aber fast rechtzeitig einen Schluss-Strich, und Steffi musste nicht allzu lange auf mich warten.

Die Fahrt war ohne Navi alleine mit einem kleinen, handschriftlichen Zettel an Steffis Amaturenbrett problem- und ereignislos und angenehm. Wir unterhielten uns angeregt, so dass es mir so vorkam, als wären wir nicht sehr lange unterwegs gewesen. Okay, ganz am Ende verpasste Steffi in Jever eine Straße, und wir ließen uns von Frau Google eben zur Jugendherberge führen.

Apropos Frau Google: Unten auf der Luftansichtskarte sieht man in der Bildmitte die Jugendherberge von oben. Das wie ein Y geförmte Haupthaus im Süden enthält Speisesaal, Küche, Rezeption und Gemeinschaftsräume, die verstreuten Gebäude nördlich davon sind die Unterkünfte. Ich wohnte in Haus 4, das ist das Haus links unten von den vier kleinen Häusern parallel zur „Spiegelachse“ ganz oben.

Ähm. Jugendherberge… Es ging in eine helle, großzügige Empfangshalle, in der wir von freundlich lächelnden Menschen an einer Rezeption begrüßt wurden und elektronische Schlüssel für unsere Zimmer erhielten – jeder einen eigenen! Ich hielt Ausschau nach einem potentiell grantigen „Herbergsvater“, aber so jemand war nirgendwo zu sehen, zumindest niemand, der dem 80er-Jahre-Prototyp des Homo pater domus iuvenalis auch nur annähernd ähnelte. Hobi, unser Chef-Organisator, hatte mich schon in sein Zimmer mit reingelegt, nachdem ich ihm last Minute noch mitgeteilte hatte, dass ich mitkäme.

An dieser Stelle darf eine kleine Laudatio nicht fehlen: Hobi hat die Chorfreizeit organisiert, und er kümmert sich überhaupt um so unheimlich viel, und das mit einer Freude und Selbstverständlichkeit, die ihresgleichen sucht. Auch andere Leute engagieren sich und investieren viel Freizeit, z.B. Stefan, der die Chorproben aufnimmt, schneidet und die einzelnen Stimmen zum Üben zur Verfügung stellt. Aber Hobi ist schon ein Phänomen für sich.

Wie gesagt, Jugendherberge… es gab ersteinmal Abendessen. Also, ich war halt irgendwie wohl zum letzten mal vor 25 oder 30 Jahren in den 80ern in einer Jugendherberge gewesen. Und so ereilte mich einfach ein gelinder Kulturschock. Was ist aus den dunklen Speisesäälen mit tiefen Decken geworden? Was aus den silbernen Kannen mit Pfefferminztee? Was aus „bis zu einer Sorte Käse und schlimmer Augenwurst“? Es gab warmes Essen, Nudeln mit zwei verschiedenen Soßen zur Wahl, Salat mit verschiedenen Dressings, Brot, diverse Aufschnitt, Obst und Vanillepudding. Und es schmeckte gut.

Nach dem Essen wurde dann die erste Probeneinheit angesetzt. Uns stand dazu ein großer Raum zur Verfügung, größer als unser Raum im Gemeindehaus. Aber ziemlich schalltot. Doch das stellte sich als gar nicht schlecht heraus – ohne Nachhall können Fehler besser identifiziert werden, und was in einem Schalltoten Raum schon gut klingt, klingt in einer Kirche richtig super! Zuerst hatte Kai, unser Chorleiter lediglich mit seinem Fußpedal zu kämpfen, welches sich auf dem glatten Fußboden permanent vor dem Einsatz drücken und enteilen wollte. Aber etwas Paketband schaffte ausreichend Abhilfe. Wir begannen mit ein paar neuen Liedern. Da wir planen, ein bisschen Pop in unser Repertoire zu bringen und auch ein Konzert in dieser Richtung im Sommer zu veranstalten, nahmen wir uns ein paar Gassenhauer aus den letzten 40 Jahren Popgeschichte vor. Die Proben verliefen insgesamt disziplinierter und konzentrierter als unter der Woche, vielleicht weil man nebenher genügend Zeit zum Schnacken hatte.

Um 23 Uhr schlossen wir die Chorprobe und zogen uns in einen uns ebenfalls zur Verfügung stehenden Gemeinschaftsraum zurück. Hier standen ein Billardtisch, ein Kicker, gekühlte Getränke (Preise oberhalb Einkaufspreis, unterhalb Gastronomiepreis) und eine professionalle DJ-Anlage bereit. Das Ding bestand aus einem Endverstärker, einem sehr komliziert aussehenden Equilizer, einem Doppel-CD-Player mit externer Bedienungseinheit und einem Mischpult. Ein 3,5 mm-Klinkensteckerkabel für den Anschluss von MP3-Playern, Handys, Laptops oder was immer war ebenfalls angeschlossen. Ich halte mich ja für einigermaßen technisch begabt und dem Umgang mit Unterhaltungselektronik mächtig, aber ich brauchte auch einen Moment, bis ich klar kam, weil ich höchstens den Sinn der Hälfte aller zur Verfügung stehenden Knöpfe verstand. Wie auch immer, kurze Zeit später war aus einzeln stehenden Tischen eine große Tafel zusammengestellt, Getränke kamen an den Start, ich legte bisschen was aus meinem Repertoire meines Schlaufons auf, und es wurde ein munterer Abend. Es wurde auch getanzt, auch ich probierte mein Restwissen aus dem Tanzunterricht mit Moni und Steffi aus. Leider habe ich nicht so wirklich auf dem Schirm, was man wozu tanzen kann.

Achja, die sportliche Steffi hatte zwei Paar Boxhandschuhe dabei („Musste ich einpacken, weil noch soviel Platz im Koffer war und sonst alles durcheinandergepurzelt wäre!“) und animierte mich zu einem kleinen Boxkurs. Sie zeigte mir die Grundhaltung auf den Fußballen federnd, wie man die Deckung hochhält, gerade Rechte und gerade Linke sowie seitliche und Aufwärts-Haken. Sie hoffte, mich soweit zu kriegen, dass man ernsthaft boxen könne. Aber erstens war ich schon ein bisschen auf und bin im Moment sowieso alles andere als fit. Und zweitens… Steffi ist zwar durchtrainiert und taff, aber trotzdem eine kleine, zierliche Person mit einem hübschen Gesicht… die kann ich doch nicht ernsthaft ins Gesicht schlagen! Geht gar nicht! Andererseits – sie kann das mit dem Boxen, also würde wohl eher ich Prügel beziehen. So richtig konnte ich mich weder mit der einen, noch der anderen Variante anfreunden… Sorry, sportliche Steffi!

Meine Unterkunft: Ich wohnte in 4b

Meine Unterkunft: Ich wohnte in 4b

Wenn ich mich richtig erinnere, war gegen halb drei Feierabend für die Letzen, zu denen ich natürlich mal wieder gehörte. Also zog ich mich in das kleine Häuschen mit der Nummer 4B zurück, wo ich noch ein wenig Mühe der bereitgestellten Bettwäsche hatte. Aber Ralf, der über mir schlief, half mir dabei. Ich stellte meinen Schlaufon-Wecker, der zur Zeit recht dezent mit „Waitin‘ on the ADAC“ weckt, auf acht Uhr. Ab in die Heia.

Über michikarl

Ich möchte den Werbetreibenden, die heutzutage mehr Daten über Individuen sammeln als die Geheimdienste dieser Welt, nicht kostenlos Informationen zur Verfügung stellen. Obwohl ich das mit Sicherheit auch hiermit bereits getan habe.
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10 Antworten zu Der Topf voll Bier unter dem Regenbogen am Ende der B68. Vielleicht.

  1. Elisabeth schreibt:

    Moooment mal! Ich weiß ja, dass ich Schuld bin, aber ich hatte nach Deiner Mail durchaus das Gefühl, dass Du nach so viel Bauchpinselei nicht abgeneigt warst, an der Chorfreizeit teilzunehmen. Du hast schließlich gefragt, ob das für uns ok wäre! Von wegen Dich fragt ja keiner…

    • michikarl schreibt:

      Wenn überhaupt einer Schuld ist, dann ja wohl einzig und alleine ich. Natürlich bin ich schon groß und kann eigene Entscheidungen treffen. Auch wenn es mir manchmal sehr schwer fällt. Also, für die, die das oben ernst genommen haben: Es ist, wie Elisabeth schreibt, ich fühlte mich in der Tat sehr gebauchpinselt und geneigt, mitzufahren.

  2. Elisabeth schreibt:

    Na, ernst genommen habe ich das natürlich auch nicht, nicht das mir gleich wieder vorgeworfen wird, ich verstünde keinen Spaß… wollte nur mal ein bisschen rumstänkern! Und das hast Du, Bruderherz, hoffentlich auch verstanden. 🙂

  3. sportliche Steffi schreibt:

    „unter der Federführung von SM“…SADOMASO!!!
    Ich muss aber mal klugscheißen: Es war 17 Uhr

    • michikarl schreibt:

      *unschuldig* was kann ich für Dein Kennzeichen? Geschweige denn für Deine Initialen? Und außerdem… das mit dem Boxen geht ja wohl schon in die Richtung, oder? Aber nochmals bitte ich um Entschuldigung für die Verzögerung…

      • sportliche Steffi schreibt:

        pssst jetzt hast du ja verraten dass das nur Initialen sind.
        Jedenfalls MIR ging beim Boxen noch nichts ab… (Ausgenommen Adrenalin und was beim Sport sonst so in einem passiert)

      • michikarl schreibt:

        EY! Das ist MEIN Blog! Der einzige, der hier nach Herzenslust rumferkeln darf bin ICH!

  4. sportliche Steffi schreibt:

    oink

  5. ducrene98 schreibt:

    Ich denke es ist an der Zeit, dass die Jugend auch mal ein Wörtchen spricht: Ich glaube ihr habt da eine der neusten Jugendherbergen abbekommen…zwar sind die meisten schon renoviert und schön oder frisch gebaut, doch weiß ich aus verschiedenen Familienfreizeiten, dass Silberkannen noch aktuell sind, wenn auch meistens das Essen und die Auswahl erheblich besser sind als der Fraß in den 80ern (mit Ausnahme von Lübeck, wo man Kartoffeln innen weich und außen hart kocht…).
    What more… wenn Passi dich schon schlagen kann, dann muss jemand, der den Namen „Sportliche Steffi“ verwendet und Boxen kann das auch schaffen können. Man stelle sich Pauli in älter und guter Form vor… autsch, Mädchen aus …nicht Ost, aber Berlin.

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