Schneeschmerzen

Ich schlief in einem Bett mit solidem Lattenrost tief und fest. Meinen „Waitin‘ on the ADAC“-Wecker hörte ich erst in der letzten Strophe, und diverse andere Wecker, die schon vorher losgegangen waren, gar nicht. Das ist ungewöhnlich, ich habe einen eher leichten Schlaf. Da das Bad noch besetzt war, konnte ich noch ein wenig snoozen. Dann Duschen, Zähne putzen, anziehen und ab zum Frühstück.

WTF? Bin ich wirklich in einer Jugenherberge gelandet?

WTF? Bin ich wirklich in einer Jugenherberge gelandet?

Wieder rieb ich mir verwundert die Augen. Brötchen? Müsli, Smacks, Fruchquark? Biohonig? Drei Sorten Marmelade, Nutella, Obst, Kaffee aller Art? Nunja, man kann sich daran gewöhnen. Leute, die auch in letzter Zeit verschiedene Jugendherbergen besucht hatte, wiesen mich darauf hin, dass das hier keine Ausnahme, sondern der aktuelle Standard sei.

Deutlich besser als Bürokaffee!

Deutlich besser als Bürokaffee! Diese Maschine niederländischer Herkunft offeriert normalen Kaffee, Milchkaffee, Latte macciato, Cappuccino, heißes Wasser – und ist vom Personal konfigurierbar, was freigeschaltet ist und was nicht.

Nach dem Frühstück folgte eine Zusammenkunft im Übungsraum. Wir bildeten einen Stuhlkreis und machten Kennenlernspiele. Zunächst sollte sich jeder mit einem Eigenschaftswort mit dem selben Anfangsbuchstaben des eigenen Vornamens und einer passenden Geste vorstellen. Aus mir wurde so der „muntere Michi“ mit einer eher nichtssagenden Geste. Den „machtgeilen Michi“ und die Geste, eine imaginäre Katze zu streicheln, hatte ich als unzutreffend verworfen. Es kamen also ein paar schöne Alliterationen zusammen. In der zweiten Runde sollte man dann jeweils sein Gegenüber wieder mit Adjektiv und Geste identifizieren. Ausgerechnet ich hatte den „hyperschlaraffigen Helmar“ (oder so ähnlich) gegenübersitzen und versagte gleich als erster. Als Nächstes sollte jeder einen Schuh ausziehen und in die Mitte werfen. Olfaktorische Nebeneffekte blieben zum Glück aus, es war ja noch früh man Tag… Man sollte sich einen Fremdschuh aussuchen, den dazugehörigen anderen Schuh mitsamt dem Träger / der Tragerin da drin finden und mit diesem Gemeinsamkeiten entdecken. Bei mir war es spontan ein Schuh, in dem man den halben Rubbenbruchsee unterbringen könnte, der Träger war Detlef, und wir fanden heraus, das wir beide Katzen mögen (doch Machtgeilheit?) und gerne an Ziele reisen, wo wir zuvor nie waren.

Schuhe vom Chor

„Wenn der Schuh passt, zieht man ihn an!“ (Pavel Andreievich Chekov, Star Trek 6 – Das unentdeckte Land)

Zwischendurch kamen noch einige Chormitglieder dazu, die erst am Samstag angereist waren. Diese wurden natürlich sofort mit einbezogen. Es wurde ein Stuhl entfernt. In diesem Spiel sollte der, der „dran“ war, einen Satz mit einer möglichst exotischen Sache sagen, die derjenige noch nie gemacht hat, etwa „ich war noch nie fallschirmspringen“. Wer das schon einmal gemacht hat, durfte sitzenbleiben, alles anderen mussten sich einen neuen Stuhl suchen. Wer übrig blieb, war „dran“. Nach einer Weile mit langweiligen Sachen wie Wildwasserrafting, Ubootfahren, Kampfflugzeugfliegen, Häkelkursen etc. setzte der Chorleiter eine Marke mit „Ich war noch nie in einem Erotikfachgeschäft“ (hallo, wer soll ihm denn das abkaufen?), um uns Spießer ein wenig auf Touren zu bekommen. Nun, darauf kamen dann doch ein paar Sex- und Drogen-Aussagen, und ich lernte, dass ich doch ein ganz schöner Spießer bin. Aber wir wollen dann doch als braver, braver, braver … usw. Kirchenchor hier besser den Mantel des Schweigens ausbreiten.

Es folgte eine Pause. Da es munter gescheit hatte und viele von uns (egal welchen Alters) uns wie Jugendliche auf Klassenreise fühlten, ging es sofort raus in die weiße Pracht, um entweder einen Schneemann zu bauen oder eine gepflegte Schneeballschlacht zu zelebrieren. Eine Chorschwester drohte mich „einzuseifen“ und ich trat die Flucht nach hinten an – und stolperte. Ich merkte einen Schlag am linken Oberschenkel, stand aber bald wieder senkrecht und beteiligte mich wieder an der Erforschung der ballistischen Eigenschaften von wohlgeformtem, kristallisiertem Wasser.

Gefährliche Steine

Gefährliche Steine. Die waren bei der Schneeballschlacht voll von frischem Schnee bedeckt. Der rechte, halb verdeckte Stein könnte derjenige welche gewesen sein.

Dann ging es weiter mit der Probe. Eine Chorschwester, die am kommenden Tag Geburtstag hatte, wurde von ihrem ebenfalls anwesenden Freund abgefangen, so dass wir das Geburtstagsständchen schon mal üben konnten. Dabei fingen dann die Schmerzen an – und nicht zu knapp. Ich schaffte es, die Schmerzen auszuhalten, bis wir mit dem Geburtstagslied durch waren. Anschließend ging es an ein sehr fröhliches Lied mit einem sehr fröhlichen Text. Mein Gesichtsausdruck und meine Gefühlslage waren inzwischen das exakte Gegenteil. Es ging nicht mehr. Mit schmerzverzerrtem Gesicht humpelte ich unter den besorgten Blicken des Chores aus dem Raum. Sofort war Bernd, der Arzt im Chor, bei mir und meinte, zuerst müsse man eine Funktionsprüfung machen. Es hieß Hose runter, dann ließ er mich einzeln auf beiden Beinen stehen und den jeweils anderen Oberschenkel anziehen und nach außen drehen. Gebrochen sei wohl nichts, sonst wäre das nicht möglich gewesen, er diagnostizierte einen Muskelfaserriss mit Einblutung. Der Oberschenkel war schon sehr stark geschwollen. Ich bekam Iboprofen aus seinem Vorrat und versuchte dann, weiter an der Probe teilzunehmen. Keine Chance, das Schmerzmittel reichte nicht aus, ich hatte zu starke Schmerzen. Daraufhin half mir Bernd bis zu meinem Bett und fuhr schnurstracks zur nächsten Apotheke. Er kam mit weiteren Schmerzmitteln, Schmerzgel und einem wiederverwendbaren, elastischen Verband wieder, den er mir anlegte. Er ging dann wieder zum Rest der Probe und sagte, er würde mich zum Mittagessen abholen.

Zum Mittagessen wurde ich also abgeholt. Durch die Schmerzmittel ging es mir etwas besser. Die Schmerzen waren von „die Wand hochgehen“ auf ein auszuhaltendes Niveau runtergegangen, vermutlich dank der Schmerzmittel. Ich weiß nicht mehr, was es zum Mittagessen gab, aber es war wieder lecker. Anschließend gingen die Proben weiter. Ich hütete mich davor, mich auf mein Zimmer zurückzuziehen und alleine meinen Schmerz zu genießen, es schien mir besser, die Proben mitzunehmen und abgelenkt zu sein. Ich verbreitete allerdings hier und da allgemeine Unruhe, wenn ich mal aufstand und ein paar Schritte humpelte, etwa um eine Flasche Wasser zu holen. Dabei knickte ich teilweise fast ein. War auch nicht schlau von mir, ich hätte mir besser helfen lassen sollten. Ich wollte mich nur bewegen, um beweglich zu bleiben. Aber es ist dann besser, auf kurze Gänge zu verzichten und längere Gänge zu unternehmen, dann gewöhnt sich der beschädigte Muskelstrang irgendwann an die Bewegung, und der Schmerz lässt nach. Es gäbe halt erst einmal den sogenannten „Anlaufschmerz“. Das erklärte mir Bernd später, und die Erfahrung bestätigte das auch.

Gefühlt sehr bald nach dem Mittagessen gab es Kaffee aller Art, Waffeln, Sahne und Kirschen. Ich unternahm mit der kleinen Steffi, die mich gefahren hatte, einen Spaziergang durch den Wald, und auch wenn so mancher Schritt nicht so toll war, es ging irgendwie. Steffi ist sehr sportlich, sie macht Kickboxen, schwimmt gerne, ist ziemlich fit und hat immer Bewegungsdrang. Darauf ergab sich in der Situation etwa in etwa folgendes Gespräch: Steffi meinte, Bewegung sei immer gut. Ich entgegnete, ein vollbesetztes Passagierflugzeug, welches mit 850 km/h auf einen Berggipfel zuflöge, sei auch eine Bewegung, aber nicht unbedingt gut. Steffi meinte daraufhin sinngemäß, der Vergleich würde doch reichlich hinken (give me ambiguity or give me something else…).

Später durfte ich mir noch von einer der Physiotherapeutinnen der medizinischen Abteilung des Chores, Nadine, die Lymphe drainieren lassen. Das war größtenteils angenehm und hilfreich. Nach der Lypmphdrainage bekam ich noch Anweisungen zur Zirkulationsgymnastik. Ich habe eben kurz den Wikipedia-Artikel über Lymphdrainage überflogen, demnach soll die „Pumpleistung“ erhöht werden, aber richtig verstanden habe ich nicht viel, ich glaube, dann müsste ich zuvor mehr über das sog. lymphatische System wissen. Ich gewann jedenfalls den Eindruck, dass durch die Lymphdrainage die Verteilung des in der verletzten Region ausgelaufenen Blutes in angrenzende Regionen beschleunigt werden soll. Dies könnte ja einerseits dazu führen, das durch die bessere Verteilung über mehr Volumen insgesamt der Druck und somit der Schmerz nachlässt und andererseits die Resorbtion des Blutes durch eine größere, zur Verfügung stehende Kontaktfläche vielleicht auch beschleunigt wird. Dies ist aber nur meine laienhafte Theorie, das steht nicht in dem Artikel, wohl aber, dass die Lymphdrainage im allgemeinen den Heilungsprozess beschleunigt.

Nun, es gab wieder Proben, irgendwann Abendessen, wieder Proben. Am Ende hatte ich dann, nachdem ich, wie ich finde, insgesamt recht tapfer durchgehalten hatte (immerhin, Nadine hatte gesagt „Der darf jammern, das ist echt schmerzhaft.“) doch den Kaffee ziemlich auf und entsprechend schlechte Laune. Nach Feierabend ging es wieder in den „Partyraum“. Tenor Stefan hatte gefragt, ob ich wieder auflegen würde, und ich versuchte das auch erst mit ein zwei Stühlen, einer Decke und einer Wärmflasche mit Schnee (beides von Chorschwester Nicole herangeschafft) zum kühlen, aber es war einfach nicht angenehm. Weder die Lage, noch den anderen beim Feiern zuzusehen.

Bernd unternahm mit mir noch einen kleinen Spaziergang um die Häuser, weil er sich wohl nochmal ein Bild von meiner Beweglichkeit machen wollte. Ich ließ auch die Hose nochmal runter und kühlte direkt mit Schnee. (Übrigens hatte ich sowieso auf dieser Chorfreizeit nicht so viel zu verbergen. Ich hatte keinen Gürtel dabei und unvorteilhafte Unterhosen, was dazu führte, dass jeder aus dem Chor jetzt mindestens mein Bauarbeiter-Dekolleté kennen dürfte. Wenn nicht mehr. Meine unfallbedingten Behinderungen halfen auch nicht gerade dabei, da ein wenig Kontrolle rein zu bringen.) Danach wollte ich eigentlich nur noch ins Bett.

Aber, wie schon erwähnt, eine von mir Chorschwester, die ich auch gern hab, hatte am Folgetag Geburtstag. Natürlich wurde reingefeiert, ihre Freundin Chorschwester Renate hatte im Geheimen viel liebevoll organisiert. Also raffte ich mich zu Null Uhr noch einmal auf, und ging in den Probenraum, wo ein Gabentisch aufgebaut war. Es gab Knicklichter für alle, natürlich einen Kuchen mit Kerzen, und das Geburtstagskind gab Sekt aus. Das geprobte Ständchen wurde gesungen sowie andere Geburtstagslieder. Ursula (von mir „Bärchen“ genannte) war ziemlich hin und weg von allem, also „mission accomplished“. Da sie sehr gerne bastelt, bekam sie einen Haufen Bastelmaterial und Gutscheine für ein Bastelgeschäft, sowie eine sehr liebevoll gestaltete, selbstgebastelte Karte, auf der alle unterschrieben haben. Ich weiß nicht, wer das Teil gemacht hat, aber es sah super aus, und ich war beeindruckt. Danach gingen dann die meisten noch feiern im „Partyraum“, ich ging ins Bett.

Schlafen ging aber leider nicht. Ich fand keine Position, in der ich schmerzfrei oder zumindest halbwegs ohne Schmerzen war. Irgendwann kamen die ersten Leute zum Schlafen ins Mehrbettzimmer. Ich bat Bassbruder Jörg, Schnee in eine Plastiktüte zu tun, um noch was zum Kühlen zu haben. Aber ich war vorsichtig, weil ich mir schon mal beim Kühlen Erfrierungen zugezogen hatte, von denen ich dann länger was hatte als von der eigentlichen Schmerzursache. Wie auch immer… viel geschlafen habe ich wenig bis gar nicht in dieser Nacht. Wenigstens bekam ich noch zwischenzeitlich sehr netten Kurzbesuch von Steffi auf dem Weg vom „Partyraum“ in ihre Koje. Das hat gut getan.

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Über michikarl

Ich möchte den Werbetreibenden, die heutzutage mehr Daten über Individuen sammeln als die Geheimdienste dieser Welt, nicht kostenlos Informationen zur Verfügung stellen. Obwohl ich das mit Sicherheit auch hiermit bereits getan habe.
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