Im Fadenkreuz von Major X-Ray

Ich hatte einige Stunden Schlaf. Immerhin. Man wird ja bescheiden. Ursprünglich hatte ich ja geplant, am Montag nachhause zu fahren und dann Dienstag noch einige Sachen einzukaufen. Aber ich entschied mich schnell, noch bis Dienstag in der Obhut meiner Schwester bzw. Davina zu bleiben. Also verbrachte ich einen sehr entspannten Tag in der Schlafanzughose, ließ mich von meiner Schwester bekochen, warf fleißig Schmerzmittel ein und gewann auf der Zielgeraden eine Partie Topwords um eine Nasenlänge gegen meine Schwester. Dem Bein ging es wieder etwa so, wie am Vortag vor der Rocky Horror Show, also akzeptabel und aushaltbar. Nachmittags legte ich mich auch noch mal schön ein, zwei Stündchen aufs Ohr, ich hatte schließlich Schlaf nachzuholen. Abends kam Davina wieder und brachte noch 600er-Ibos für mich mit.

Am Dienstag stand ich gegen halb sieben auf. Ich hatte ganz gut geschlafen. Meine Schwester war schon vorher auf den Beinen und hatte für Frühstück gesorgt. Danach fuhr sie mich mit dem T6 nach Lüneburg zum Bahnhof. Es war echt knapp, obwohl wir nicht später als geplant losgekommen sind. Ich brauchte noch eine Karte, und als ich die hatte, stand der Zug nach Hamburg bereits auf dem Gleis gegenüber. Ich sprintete los wie eine Schnecke, die unglücklich an einem Kaugummi festklebt, brachte Unterführung und Treppe zum Gleis hinter mich und schaffte den Zug gefühlt anderthalb Minuten vor Abfahrt. Mein nur teilweise innerlicher Triumphschrei (ich ließ ein halblautes „Gechascht!“ zwischen den zusammengebissenen Zähnen, in denen auch noch das Zugticket steckte, vernehmen) wurde weitgehend von anderen Fahrgäste ignoriert.

Es folgte das übliche Procedere, Umsteigen in Hamburg. Der Zug war pünktlich und voll, aber ich konnte einen Sitzplatz ergattern. In Osnabrück nahm ich mir ein Taxi nachhause. Ich musste zuerst einmal zu meinem Kopf-Doktor, der zu entscheiden hatte, ob ich Reha-fähig wäre oder nicht. Dazu brauchte ich einen Wisch von der Klinik zur Unterschrift. Dieser lag aber leider zuhause, weil ich ja eigentlich geplant hatte, schon am Vortag wieder in Osnabrück zu sein. Also mit dem Taxi nachhause, Rucksack abgeschmissen, Wisch mitgenommen, und zurück mit demselben Taxi in die Stadt. 25 Euronen, dankeschön, bitteschön.

Der Kopf-Doktor sagte „Nein“. Wenn das ein Muskelfaserriss wäre, hätte ich vier Wochen was davon, bei einer Zerrung immer noch zwei, und ich könne dann nicht an den Sportveranstaltungen der Reha teilnehmen. Ich begehrte ein wenig auf, und er meinte, ich könne ja noch zum Orthopäden in der Nähe gehen, vielleicht wäre der ja anderer Meinung, und er könne mich da vielleicht als Notfall einigermaßen zeitnah reinkriegen. Einigermaßen zeitnah hieß in diesem Fall 14 Uhr. Es war kurz vor 11 Uhr. Grrrr! Keine Reha, und dann drei Stunden Wartezeit. Nachhause fahren lohnte sich ja auch irgendwie nicht. Also ging ich erst mal in einer Bäckerei am Rosenplatz einen Kaffee trinken und ein Stück Nervennahrung essen. War beides nicht besonders, der Kaffee in der Jugendherberge war besser gewesen.

Lecker Frühstück

Einmal das Invaliden-Menü: Capuccino, Schweinekugel, Wasser, Ibo.

Als ich da saß und schon mal per E-Mail meinen Chef (den von der Arbeit, nicht meinen Vater, den ich im allgemeinen ebenfalls als Chef bezeichne) informierte, kam ich auf die Idee, in der Zwischenzeit einfach ins Büro zu gehen. Da wäre es warm, es gäbe Toiletten, Strom, Internet, alles was das Herz begehrt. Und der Weg war vielleicht 600 oder 700 Meter, zu bewältigen. Also los. Unterwegs konnte ich noch die Farbe bei ein paar Portalen auf grün ziehen.

Angekommen am Arbeitsplatz konnte ich erst einmal die hübsche Anja am Empfang über mein Mißgeschick informieren, dann ging ich an meinen Arbeitsplatz. Keiner da. Es war kurz vor 12 Uhr, man ging allgemein in die Mittagspause. Ich fuhr den Mac hoch, checkte meine Mails, textete ein bisschen via Skype mit Dr. Overesch in Südafrika. Außerdem telefonierte ich mit einem Kollegen aus der Perso der NOZ, um schon einmal über die potentielle Änderung in meiner Abwesenheit zu informieren. Dann begann ich, einen Confluence-Artikel (Confluence ist unser Document-Management-System, die Knowledge-Base in unserer Firma) über die Ausgabe-Codes der Anzeigenblöcke in unserer Webseite noz.de zu schreiben. Das gehörte zu den Vorarbeiten, die ich eigentlich vor der Kur noch erledigt haben wollte. Ich kam aber nicht weit. Die Kollegen und auch mein Chef trudelten von der Mittagspause wieder ein und versammelten sich wie üblich zum Daily Standup (das ist so eine etwa fünfzehnminütige, tägliche Besprechung, bei der jeder sagt, woran er zuletzt gearbeitet hat oder gerade arbeitet, was als nächstes ansteht, wo es vielleicht Probleme gibt, etc.) Okay, das war dann bei mir „Ich bin auf Chorfreizeit gefahren und bin da verunglückt, und die Kur muss wohl verschoben werden. Achja und ich war bei der Rocky Horror Show, echt sehenswert!“

Um mein Bein nicht zu überlasten, bat ich meinen Chef, mich zu 14 Uhr den knappen Kilometer zum Orthopäden zu bringen, was er dankenswerterweise auch tat.

Angekommen in der Praxis, die mein Nervenarzt emfohlen hatte (ein anderer Orthopäde, bei dem ich schon mal war, sitzt vielleicht zwei km weiter weg), war erstmal eine kleine Schlange vor dem Empfangstresen. Nach der Aufnahme dann ins Wartezimmer – naja, eher ein Warteflur. Proppenvoll mit leidenden Menschen. Zwei Stunden warten. Ich hatte meine Schmerzmittel nicht dabei, kein Wasser, nix zu lesen. Also „Focus“ und „Stern“. Nach zwei Stunden Wartezeit kam ich zum Doc und seiner Sprechstundenhilfe. Oh, ist ja ganz geschwollen, Ihr Oberschenkel. Oh, Sie sind also auf einen Stein gefallen, wie interessant. Na, dann gehen Sie doch mal zum Röntgen. Warten sie bitte im Wintergarten. Oh, toll. Im „Wintergarten“, so eine Mansarde oder so, die sich vom Flur aus ausbuchtete, gab es Korbstühle. Meine Oberschenkel sind eh alles andere als schlank, aber so angeschwollen passe ich da einfach nicht richtig rein. Also, anderer Stuhl, anderer „Stern“. Mist, ich hatte die Geschichte im alten noch gar nicht zuende gelesen. Oh, man bittet mich zum Beschuss mit Kathodenstrahlung.

Frau Major X-Ray animierte mich mit befehlsgewohnter Stimme, die Hose runterzulassen, meine Familienjuwelen erst in einer Plastiktüte zu verstauen und dann da so einen Bleischutz darüberzuziehen. Okay, offenbar gibt es die nur in einer Größe, da wäre ja noch reichlich Platz für noch einen Satz Fortpflanzungsequipment. Unterhose wieder drüber, und ab auf den Tisch. „So, jetzt kann nichts mehr schiefgehen, ist alles mit Blei verkleidet“, dachte ich, während Major X-Ray ihre Strahlenkanone ausrichtete. Bimmel bimmel, knips knips, oh, ich darf mich noch unbequemer hinlegen? Aber gerne doch. Bimmel bimmel, knips knips. So, Plastiktüre in den Mülleimer, anziehen, raus hier! Aye, Ma’am. Doof nur, dass besagter Mülleimer im Röntgenzimmer, nicht im Vorzimmer stand. Als ich die Tüte in den Eimer entsorgte, hatte Major X-Ray bereits den nächsten Delinquenten auf dem Tisch. Sorry!

Bleischutz für die Genitalien

In Schwarz mit ein paar neckischen Bändchen dran wäre das doch ein schnukkeliges Accessoire für die Rocky Horror Show…

Also, zur Abwechslung mal warten. Dann wieder zum Doc rein, Frau Sprechenstundenhilfe, machen Sie doch dem Mann mal einen Salbenverband. In den letzten Tagen habe ich öfter vor irgendwelchen Frauen die Hosen runtergelassen als in den vergangenen 15 Jahren… Medikamente haben Sie schon? Was denn? Ibo? Na, alles richtig gemacht. Oh, ich darf übermorgen wieder zum Ultraschall kommen? Aber gerne doch. Wiedersehen!

Gesamtdauer der Operation: 3,5 Stunden. Plus drei Stunden warten auf den Termin. Vielen Dank.
Ziemlich genervt ging ich danach zum Neumarkt und nahm einen Bus nachhause.

Ich futterte zwei Brötchen, die ich auf dem Weg zum Bus noch besorgt hatte. Danach erstmal ab ins Bett. Oh, der Verband hat es nicht bis nachhause geschafft.

Später holte mich die kleine Steffi ab und nahm mich mit zur Chorprobe. Hier gab es noch Geschenke für Kai und Hobi, und Marlene bedankte sich beim ganzen Chor für die Unterstützung bei ihrem Solo. Während ich bei der Rocky Horror Show war, hatte der Chor ein Kurzkonzert in Marlenes Heimatgemeinde bei Schortens gegeben, und Marlene hat zum ersten Mal öffentlich ein Solo gesungen – keine Kleinigkeit bei ihrem Lampenfieber und ein großer Schritt über eine Schwelle für sie. Einige der Stücke, die wir am Chorwochenende geprobt haben, waren auch uraufgeführt worden. Es soll toll gewesen sein, nicht perfekt, aber ein dankbares Publikum. Ich bin vor allem froh, dass Marlene das hinbekommen hat. Kai war so freundlich, mir seinen Respekt für mein Durchhaltevermögen bei den Proben am WE auszusprechen. Dann wurde geprobt, wieder die neuen Songs. Irgendwie war die Probe gefühlt sehr schnell zuende. Wahrscheinlich, weil ich vom Wochenende irgendwie mehr proben gewöhnt war. „Bärchen“ hatte noch Muffins und Obst mitgebracht, und nach der Probe saß man wie immer noch lange bei Getränken und Klönschnack zusammen. Ansgar hatte ein Video vom Konzert als Video auf seinem Laptop, und ich bin schon sehr scharf darauf, die geschnittene Variante irgendwann downloaden zu können.

Am Ende des Abends brachte Steffi mich wieder nachhause. Feierabend.

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Über michikarl

Ich möchte den Werbetreibenden, die heutzutage mehr Daten über Individuen sammeln als die Geheimdienste dieser Welt, nicht kostenlos Informationen zur Verfügung stellen. Obwohl ich das mit Sicherheit auch hiermit bereits getan habe.
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3 Antworten zu Im Fadenkreuz von Major X-Ray

  1. Elisabeth schreibt:

    Wow, das war ja mal ein richtig effektiver Arztbesuch! Und die Diagnose? Also, Reha jedenfalls erstmal nicht anscheinend. Aber da Du ja mit Deinen posts noch drei Tage hinterher hängst, wirst du uns sicher demnächst noch mitteilen, wie es weiterging und weitergehen wird… Halt einstweilen die Ohren steif!

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