Der mündige Patient

Ich saß also „oben“ auf meinem Stühlchen, bloggte via Schlaufon und machte ein Foto von einem Plastikelefanten. Zwar hatte ich etwas zu lesen dabei, aber mir war eher danach, ein Nickerchen zu machen. Nach einer Stunde wurde ich aus meinen Träumen gerissen. „Herr Karl, bitte!“ „Brigitte, bist du’s?“, dachte ich, als ich zu mir kam. Ich solle „unten“ nachfragen, in welchen Raum ich solle. Also fragte ich das am Tresen Brigittes Kollegin, aber die meinte „Woher soll ich denn das wissen?“ und verwies mich an eine nicht sichtbare Kollegin am Ende des Warteflurs. Nun, ich traf da dann doch auf die Sprechstundenhilfe, die mich in einen Raum komplimentierte.

Dort beobachtete ich noch 20 Minuten, wie eine 3D-gerenderte Uhrzeitanzeige immer zwischen zwei Monitore hin- und hereierte. Der Bildschirmschoner ist ein Windows-XP-Klassiker, und ich sehe, auf modernste Ausstattung und Sicherheit der Patientendaten wird hier echt Wert gelegt. Naja, vielleicht haben die ja auch das XP-Sicherheitspaket gekauft wie die Bundesregierung…

Irgendwann kam der Doc, Pfötchen geben, Hose runter, „Oh, das ist aber blau!“. Naja, es war eher so in der Art unausgesprochenes „Was soll ich eigentlich mit Ihnen machen?“ Ich erklärte, dass der andere Doc mir halt gesagt hat, ich solle am Montag noch mal auf der Matte stehen. „Ahja“. Er fragte mich, ob ich schon Lymphdrainagen bekommen hätte. Ja gerade. Und warum ich denn keinen Kompressionsverband bekommen hätte. Keine Ahnung, stand, glaube ich, auf dem Rezept drauf, welches die Lypmph-Drainierer nebenan bekommen hätten. Ich hätte nicht dran gedacht, dass das vielleicht gemacht werden solle. Das sei ja auch nicht mein Job, sagte der Doktor. Oh, fein. Er war schon weg, als mir einfiel, Moment, wenn dieser Arztbesuch auch nur ein kleines bisschen Sinn ergeben sollte, bräuchte ich eine neue AU. War offenbar mein Job, DARAN zu denken. Also schnackte ich die Sprechstundenhilfe an, die leitete meine Anfrage an den Doc weiter, und nur habe ich gelbe Scheine bis einschließlich 09.02.

Also ging ich nochmal zurück zum Lymph-Kontrollzentrum und brachte die Sache mit dem Verband vor. Ja, da müsse ich halt schon Verbandszeug mitbringen! Wie jetzt? Also entweder, das ist Quatsch, oder der Doc hätte mal ne klare Ansage machen können, dass ich mit dem Rezept selber bei der Apotheke Material besorgen müsste.

Wie auch immer: Ich habe den Eindruck, wenn ich nicht überall selber genaustens nachfrage, was ich wie zu machen und wo zu besorgen habe, dann klappt bei dem ganzen Verein mal so rein gar nichts. Oder anders formuliert: Entweder, man ist ein mündiger Patient, gut informiert und engagiert, ansonsten hat man eben verloren, weil die Leute offenbar davon ausgehen, dass man über alles Bescheid weiß. Naja, und es ist auch in einer Praxis für Orthopädie, wo Patienten ja vielleicht ein Problem mit den Beinen oder dem Rücken haben, offenbar zuviel verlangt, dass das Praxispersonal die Patienten fragt, ob man denn überhaupt eine Stunde im Stehen warten KANN. Und dann ggf. einen Stuhl besorgt oder von sich aus eine Ansage macht, dass man auch woanders warten darf.

Insgesamt anderthalb Stunden Zeit für eine AU (und die auch nur, weil ich danach gefragt habe, nicht etwa der Arzt mich, so wie ich das sonst kenne) und die Verbandsinfo (die mir vielleicht auch schon sein Kollege am Donnerstag hätte geben können). Hier werden Sie geholfen!

Über michikarl

Ich möchte den Werbetreibenden, die heutzutage mehr Daten über Individuen sammeln als die Geheimdienste dieser Welt, nicht kostenlos Informationen zur Verfügung stellen. Obwohl ich das mit Sicherheit auch hiermit bereits getan habe.
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Eine Antwort zu Der mündige Patient

  1. Elisabeth schreibt:

    Unglaublich! Vielleicht verderben ja Leute wie unsere liebe Tante die guten Sitten, indem sie gleich mit einer kompletten Buchführung über ihre gesamten Blut- und sonstigen Werte sowie mit fertiger Diagnose in der Arztpraxis erscheinen. So geht nämlich das Katzenlied! Nein, im Ernst, es ist skandalös, was man und frau in manchen Arztpraxen für Erfahrungen machen kann, vor allem, wenn man, wie ich, Einsicht in die Rechnungen hat und weiß, was die dafür bekommen! Ich erinnere mich übrigens an ganz ähnliche abstruse Erlebnisse in einer orthopädischen Praxis in Osnabrück vor 25 Jahren nach meinem Bänderriss. Ich weiß nicht mehr, wie der Laden hieß, war ganz in der Nähe des Marien-Hospitals, glaube ich, ob das vielleicht derselbe ist?? Heutzutage kann man seinem Ärger aber wenigstens auf quype und ähnlichen Portalen Luft machen – vielleicht solltest Du da mal Ausschnitte Deines posts als Bewertung hinschicken…

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