Tag 2, Teil 2 – Entspannen Sie sich!

Ich legte mich vor dem Mittag nochmal kurz hin und stellte mir sicherheitshalber den Wecker – was sich auch als nötig erwies, denn ich schlief auch ein. Dann gab es Mittagessen, Schwein mit Gemüse und Wedges. Dann musste ich zur Sportaufnahme, wo ein sympathischer Sporttherapeut mich noch mal nach meinen Befindlichkeiten fragte, um zu checken, was ich machen könne und was nicht, und um ein paar Worte zu den Sportangeboten zu sagen. Es gibt halt Pflichtveranstaltungen, jeden Tag ist mindestens einmal eine sportliche Aktivität angesagt, aber auch Zusatzangebote, an denen man freiwillig teilnehmen kann. Teilweise ist das einfach Sport, teilweise eher Bewegungstherapie. Gegenwärtig stehen z.B. Feldenkrais, Qi Gong, Yoga und Pilates auf dem Zettel. Ich weiß noch nicht, ob ich davon irgendwas machen möchte, aber vielleicht sollte ich einfach mal alles ausprobieren. Es muss halt schon irgendwie in die Lücken des Therapieplans passen.

Heute war der noch ziemlich human für mich, ich glaube, morgen liegt mehr an. Jedenfalls hatte ich nach der Sportaufnahme wieder mehr als eine Stunde Zeit. Ich holte mir im Café Delluci (das von derselben Firma betrieben wird wie die Küche und sich neben der Rezeption in der Lobby befindet) einen Capuccino, setzte mich mit meinem Tablet in eine Sitzecke und las die Wikipedia-Artikel über die Feldenkrais-Methode, Qi Gong und Yoga, um mir schon mal ein Bild zu machen. Qi Gong und Yoga haben demnach beide jahrtausendealte Ursprünge, die zum Teil auch mit Religionen zu tun haben. Die modernen, westlichen Varianten sind davon allerdings zum Teil sehr weit entfernt. Zum Teil ist mir das alles ein bisschen zu sehr esoterisch angehaucht, aber vielleicht versuche ich es trotzdem mal.

Pappvögel

Kunsttherapie: „Herr Doktor X, vielleicht sollten wir LSD als therapiebegleitende Medikation besser absetzen!“ „Wieso denn, Herr Doktor Y, die sehen doch cool aus!“

Anschließend hatte ich die erste Veranstaltung in meiner Therapiegruppe. Es war Kunsttherapie. Überall hier in der Klinik sind Werke zu sehen, die offenbar Patienten, zum Teil in Gruppenarbeit, erstellt haben. Zum Teil sehr schöne Arbeiten. Wir hatten gleich, wie auch die Kunsttherapeutin zugab, ein recht heftiges Kaliber für den Anfang. Ich habe vergessen, wie die konkrete Maßnahme hieß. Jedenfalls ging es darum, dass wir unser Dasein in der Regel auf bis zu fünf Säulen gründen: Erfüllende Tätigkeit (Berufung), Beziehungen/Familie, Gesundheit (Körper/Geist), Wohlstand (Finanzen/Zeit), Persönlichkeit (Werte/Lebenssinn). Jeder aus der Gruppe sollte dazu ein Bild malen, indem der gegenwärtige, persönliche Zustand dargestellt werden sollte. Ich ordnete die Säulen erstmal für mich persönlich nach der Größe. Als die stärkste Säule stellte ich die Persönlichkeit (Werte) da, und ich unterteilte sie in verschieden große und verschieden geformte Bausteine wie Zuverlässigkeit, Ehrlichkeit, Humor, Mitgefühlt etc. Die anderen vier Säulen kamen in absteigender Reihenfolge daneben und bestanden ebenfalls aus unterschiedlichen Bausteinen, die teilweise etwas wackelig und schief aufgebaut waren oder Risse hatten. Auf den Säulen ruhte eine gemauerte Platte, ich mit „Mein Leben“ beschriftet hatte, und darauf stand einfach nur „ICH“. Die Platte und damit auch das „ICH“ hatte aber ziemliche Schlagseite, weil die Säulen unterschiedlich groß waren. Erst als ich fertig war, stellte ich fest, dass die Symbolik nicht ganz passte: Es ist nämlich gar nicht so wichtig, dass die Säulen alle gleich groß sind. Wichtig ist, dass sie da sind. Die Therapeutin sagte, man könne stabil auf drei von den fünf Säulen ruhen, optimal natürlich auf allen fünf.

Jedenfalls wurde dann die Frage gestellt, welche der Säulen für jeden die jeweils stärkste wäre, wie es einem zur Zeit allgemein gerade ginge (und warum) und die klischeehafte Frage „wie geht es Dir dabei?“ (also just in Bezug auf das gerade gemalte Bild). Die anderen hatten teilweise ähnliche Bilder wie ich gemalt, teilweise war es eher auf Säulendiagramme hinausgelaufen, bei zwei Leuten auf Torten- bzw. Ringdiagramm, eine hatte ein Bild von einem Strand gemacht, auf dem verschiedene Elemente die Säulen symbolisierte, und eine hatte eine Waage gemalt.

Ein Gruppenkollege ist wohl ganz arm dran, am Anfang meinte er, er könne das Blatt ganz weiß lassen, so schlecht ginge es ihm in jeder Hinsicht. Er hat sich dann doch zusammengerissen und ein Balkendiagramm mit sehr kurzen Balken gezeichnet. Wie auch immer, die Therapeutin riet uns, die Bilder aufzubewahren, mit unseren Bezugstherpeuten zu besprechen und nach dem Aufenthalt mal zu prüfen, ob sich vielleicht was verbessert hat.

Anschließend hatte ich eine halbe Stunde Pause, danach war „Einführung Entspannung“ angesagt. Das fand in einem speziellen Raum statt, der mit altertümlichen Möbeln, besonderen Deckenleuchten und Deckenspiegeln ausgestattet ist. Die Therapeutin setzte uns in einen Stuhlkreis und blätterte ihre Teilnehmerliste durch. Einige Teilnehmer waren nicht erschienen, dafür auch eine Teilnehmerin, die nicht auf der Liste stand, was für ein wenig Verwirrung sorgte. „Entspannen Sie sich mal!“, konnte ich mir nicht verkneifen zu sagen, aber sie nahm es mit Humor, sowieso fand ich sie sehr sympathisch.

Dann erklärte sie uns, die beiden angewandten Entspannungstechniken seien hier in der Klinik Autogenes Training und Progressive Muskelentspannung nach Jakobsen. Sie erklärte auch gleich, dass fünf oder sechs Wochen nicht reichen würden, um genug zu lernen, um selbstständig die Technik an sich anwenden zu können, dazu würde man eher zwölf Wochen benötigen. Der Sinn der Sache wäre also einerseits, für den Moment Wohlbefinden durch Entspannung hier in der Klinik zu bewirken, zum anderen zur Orientierung, dass wir die richtige Methode für uns finden können. Damit könnten wir dann nach dem Klinikaufenthalt im Rahmen von Kursen weitermachen, bis wir die Übungen selbstständig durchführen können. Natürlich könnten wir uns auch für Qi Gong oder Yoga oder Meditation oder was auch immer, was uns helfen kann, entscheiden (über das freiwillige Kursprogramm kann man ja vieles ausprobieren), aber diese Methoden seien vergleichsweise einfach anzuwenden und erscheinen offenbar am meisten Erfolg zu versprechen.

Sie gab Tipps zur richtigen Sitz- oder Liegehaltung und ging auf das ein, was uns erwarten würde. Auch darauf, dass wir möglicherweise einschlafen könnten und geweckt würden, wenn wir zu laut schnarchten. Oder auch, dass der Darm es ziemlich klasse fände, wenn die Bauchdecke entspannt ist, und gerne die Gelegenheit nutze, sich dann anders anzuordnen. Und dass dabei auch Grummelgeräusche entstehen oder „Winde abgehen“ könnten. Und dass man sich damit vorher arrangieren solle, damit einem das, wenn sowas vorkäme, nicht die Entspannung kaputtmacht. Das hat sie sehr lustig erzählt.

Später hatte ich selbst wieder Gelegenheit, den Clown rauszulassen. Wir machten am Ende nämlich eine kleine Übung. Autogenes Training basiert darauf, dass man mit Worten Körperfunktionen auslösen kann. Das demonstrierte sie uns mit folgender Übung: Sie ließ uns eine entspannte Haltung einnehmen und dozierte dann folgendes:

„Stellen Sie sich vor, sie betreten einen hell erleuchteten Raum. In der Mitte steht ein Tisch, und auf dem Tisch steht eine Schale mit Zitronen. Sie gehen hin und nehmen eine Zitrone in die Hand. Sie fühlen die runzlige Oberfläche der Zitrone. Sie entdecken ein Schneidbrett und ein Messer und schneiden die Zitrone in zwei Hälften, heben eine Hälfte an die Nase und spüren den frischen Duft. Dann beißen Sie in die Zitrone hinein, schmecken die Säure. Sie verlassen den Raum mit dem Tisch.“

„Und was soll ich jetzt mit dem Tisch machen?“

„Wie bitte?“

„Naja, sie haben gesagt, ich soll den Raum mit dem Tisch verlassen.“

„Ähm… ach so. Ja, ich habe das ja auswendig aufgesagt, da war das wohl nicht ganz eindeutig formuliert“

Sie nahm es wieder mit Humor (wie gesagt, sympathische Frau). Aber zurück zum Sinn der Übung: Sie fragte, was passiert sei, als wir in Gedanken auf die Zitrone gebissen haben. Antwort: Speichelfluss, Schlucken (auch bei mir). Das war als Demonstration gedacht, wie bloße Worte Körperreaktionen erzeugen können.

Dann war die Runde beendet, und es gab Abendessen.

Anschließend gab es für alle Neuzugänge seit Dienstag eine Einführung mit der Hausdame. Diese ist sozusagen die Managerin des Haushaltes, Chefin für alles, was das Haus an sich betrifft, sei es Ausstattung der Küche und des Speisesaales, Möbel, Reparaturen, Raumpflege etc. Sie erzählte uns einiges zur Geschichte des Hauses (es war früher ein Golfhotel, und die Einweihung als Klinik war erst 2011 gewesen), zur Hausordnung, Öffnungszeiten der verschiedenen Einrichtungen, Notfallmaßnahmen, und dann gab es noch ein kleines Filmchen zu Wuppertal als Standort. Größtenteils Sachen, die man schon doppelt und dreifach gehört hat, aber was soll’s.

Und das war der Tag, danach hatte ich Feierabend, ging auf mein Zimmer und tippte diesen Eintrag. Ich gehe gleich nochmal runter, neues Wasser holen und einen Blick in mein Postfach werfen. Danach gehe ich wahrscheinlich auch schon ins Bett. Bisher habe ich noch nicht so viel Lust zum Socialising. Zwar fand ich ein paar Leute schon ganz sympathisch (und nebenbei bemerkt, in meiner Gruppe ist auch eine sagenhaft hübsche Frau), aber ich brauche halt immer meine Warmlaufzeit. Und zum Lesen hatte ich bisher auch keine rechte Lust. Nun, mein Tag wird morgen wohl wieder vor sieben Uhr beginnen, was schadet es da, rechtzeitig ins Bett zu gehen.

Mein Therapieplan morgen:

07:30 – Frühsport

10:00 – Therapeutische Gruppe

12:30 – Patientenbegrüßung / Forum

13:00 – Patientenforum

14:00 – Sport und Bewegung

15:30 – Fitness Einführung

19:00 – Wochenendplanung

Okay, sieht aus, als würde ich morgen den größten Teil des Tages in Sportklamotten rumlaufen. Dann nochmal Patientenbegrüßung. Wollen die mich zum vierten Mal über die Alarmknöpfe im Zimmer aufklären oder die Öffnungszeiten oder was? Dann Wochenendplanung. Da steht in der Spalte „Behandler“, die ich hier nicht mit aufführe, „selbst“. Ich frage mich, warum ich dafür einen expliziten Termin benötige. Vielleicht findet das in der Gruppe oder so statt, damit man sich mit anderen zusammenfindet. Klar, ich habe nichts dagegen, mit anderen zusammen um die Häuser zu ziehen, aber ich würde auch gerne mal alleine los. Hm, vielleicht dürfen wir das auch nur zu dritt machen? Es ist halt so, dass man sich hier mit teilweise eingeschränkten Freiheiten abfinden muss. Wenn man in zur stationären Behandlung in einem Krankenhaus ist, ist das wohl noch restriktiver gehandhabt, als hier.

So, das war’s für heute. Ich melde mich ab. Gute Nacht!

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Über michikarl

Ich möchte den Werbetreibenden, die heutzutage mehr Daten über Individuen sammeln als die Geheimdienste dieser Welt, nicht kostenlos Informationen zur Verfügung stellen. Obwohl ich das mit Sicherheit auch hiermit bereits getan habe.
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