Tag 3 – Gruppentherapie: feucht, aber nicht fröhlich

Hallo aus dem schönen Oberbarmen. Mein Tag begann heute um halb sieben. Um 7:30 Uhr hatte ich Frühsport, also dachte ich, besser vorher um siebenhundert Frühstücken. Unter der Dusche dachte ich wieder: Fehler, ich habe doch einiges an Sport heute, besser hinterher duschen!

Nach dem Frühstück also in die Turnhalle in den Keller. Lockeres Aufwärmen, danach ein paar Dehnübungen. Insgesamt nur 30 Minuten, das war es dann schon. Im Prinzip werden hier die drei Basis-Erfordernisse der physischen Ertüchtigung abgedeckt: Ausdauer, Beweglichkeit und Kraft. Ersteres z.B. durch Walking, zweiteres durch Dehn-, Gleichgewichts- und Koordinationsübungen, letzteres durch Zirkeltraining im Fitnessraum. Mittlerweile wurde ich in alle drei Spielarten zumindest eingeführt.

Nach dem Frühsport stellte ich fest, dass ich auch eine halbe Stunde länger hätte schlafen können, weil danach genauso 30 Minuten Zeit zum frühstücken sind, wie davor. Groß in Schweiß bin ich nicht gekommen, so dass eine weitere Dusche entfallen konnte. Der nächste Termin war um 10 Uhr, so dass ich die knapp 900 Meter (habe ich nun mit dem Handy genau abgemessen) bis zum Kreisverkehr ging, um dort meinen „Hack des Tages“ zu machen. Danach gab es noch einen Café Latte, und um 10 Uhr zur ersten Gruppentherapie in meiner Gruppe.

Nun, was in der Gruppe gesagt wird, bleibt natürlich in der Gruppe. Aber ich kann mal grob erzählen, was so ungefähr war. Zuerst sprach die Therpeutin mit, bzw. über ein Gruppenmitglied, die kommende Woche die Klinik verlassen wird. Die hat hier viel erreicht und wird die Klinik mit dem nötigen Rüstzeug, sich auch künftig ihren Problemen zu stellen, verlassen. Dann erzählte ein anderer Patient seine Lebensgeschichte. Das war nicht ohne, es flossen einige Tränen, bei ihm selbst, aber auch bei einigen anderen. Es wurde noch viel über das Thema „Ängste“ im Kontext zu den Problemen einzelner Patienten aus der Gruppe gesprochen.

Insgesamt ist die Klinik sehr stark auf Gruppentherapie ausgerichtet. Es gibt pro Woche und Patient nur eine begleitende Einheit im Einzelgespräch mit dem Bezugstherpeuten, aber mehrere in der Gruppe. Es gibt natürlich diverse Klischees durch Filme wie „Die Wutprobe“ zu solchen Gruppensitzungen. Ich finde es erst einmal sehr interessant. Es kann schon emotional sehr anstrengend sein. Es bildet sich leicht der Eindruck, die eigenen Probleme seien vergleichsweise harmlos mit den eigenen, aber das kann sehr leicht täuschen, denn wie man mit seinen eigenen Problemen klar kommt, ist nun einmal sehr individuell. Die Pakete, die wir zu tragen haben, sind eben unterschiedlich schwer, aber genauso ist das, was wir individuell zu tragen imstande sind, eben auch unterschiedlich.

Leider hat unsere Therapeutin in der kommenden Woche Urlaub, so dass sie vertreten wird. Nach zwei Stunden Gruppentherapie gab es Mittagessen. Lachsfilet mit Tomatensauce und Reis in meinem Fall. Ich hatte wieder nur eine halbe Stunde Zeit zum essen (weniger, weil das Anstellen und Essen aufgabeln schon weitere zehn Minuten brauchte), denn danach war für alle Neuzugänge seit Dienstag noch eine Begrüßung durch die Chefärztin und jeweils einen Repräsentanten jeder Fachrichtung (Pflege, Sporttherapie, Ergotherapie etc.) angesagt. Es gab natürlich zum vierten Mal eine Einweisung in die Hausordnung. Anschließend war für alle Patientenforum, sozusagen Vollversammlung. Diese wird von den Patientensprechern geleitet. Die Tagesordnungpunkte sind im Wesentlichen das Verabschieden der in der kommenden Woche abreisenden Patienten, die dann noch Gelegenheit haben, sich beim Stab zu bedanken und etwas vorzutragen, das Verlesen von Lob, Kritik und Anregungen aus einem Kummerkasten, und die Aufstellung von neuen Patientensprechern. In diesem Fall bleibt einer der beiden vorigen im Amt, und wir haben eine neue Sprecherin. Es musste nicht gewählt werden, weil es ohnehin nur mit Müh und Not eine Kandidatin gab. Die Aufgaben der Sprecher sind die Hausführung am Dienstag, Mittwoch und Donnerstag für die Neuanreisenden, das Sichten der Zettel im Kummerkasten (und das Einholen der Antworten von der Klinikleitung) sowie das Leiten des Patientenforums. Ich denke, ich werde den Job auch mal eine oder zwei Wochen übernehmen, sofern man mich will, aber nicht unbedingt gleich kommende Woche.

Anschließend hatte ich nur kurz Pause, denn um 14 Uhr folgte „Sport und Bewegung“, wieder in der Turnhalle. Auf dem Programm standen Gleichgewichts- und Koordinationsübungen. In der Halle war ein Parcours aufgebaut: Kegel, um die man im Slalom herumlaufen sollte, Ringe, in die man zu treten hatte, Seile auf dem Boden, über die es zu laufen galt, und so komische, nachgiebige Dinger, die schwer zu beschreiben sind, über die man laufen musste. Erst zwei Runden gehen, dann laufen, dann rückwärts gehen. Danach das vorwärts gehen und dabei einen Tennisball in der rechten Hand hochwerfen und auffangen, dann dasselbe mit der linken Hand. Danach galt es, im Stehen, mit einer Hand ein Seil rotieren zu lassen und mit der anderen einen Ball hochzuwerfen und wieder aufzufangen. Dann Handwechsel, Ball und Seil vertauscht. Dann das Ganze erst auf dem rechten, dann auf dem linken Bein stehend. Dann das ganze mit einem Sandsäckchen auf dem Kopf, das nicht runterfallen sollte. Dann mit einem Partner, gleichzeitiges Ballzuwerfen mit rechts, mit links, prellend, nicht prellend, mit Sandsäckchen auf dem Kopf. Schließlich ein Kreis mit allen, im Kreis Tennisbälle gleichzeitig dem rechten Nebenmann/-frau zurollen, rechtsrum, linksrum. Dann das gleiche, aber Sandsäckchen zuwerfen. Klingt öde, hat auch nicht immer ganz so toll funktioniert, war aber ganz lustig.

Nach dem Sport hatte ich eine Weile Zeit, ich nahm einen Kaffee und eine Mandelecke und las die „Bunte“, die irgendwo rumlag. Irgendwo muss ich mich ja über Flolene Fischereisen informieren. Öhm… gerade überlege ich, wie das auch heißen könnte… Helrian Silberfisch… echt, ’n Brüller! Egal. Nach dem Sport ist vor dem Sport. Um 15:30 hatte ich „Fitnessraum Einführung“.

Gut, wir standen also mit ca. 14 Leuten in der Muckibude, in der sich fast ebensoviele Trainingsgeräte befanden. Alles Geräte mit einstellbaren, hydraulischen Widerständen, ohne Gewichte. Maschinen zum Training der verschiedenen Muskeln, Arme, Beine, Schultern, Rücken, Bauch. Außerdem ein Ergometer, ein Laufband und ein Crosstrainer sowie drei Trainingsmatten zu verschiedenen Zwecken. Eine normale Fitnesseinheit wird als Zirkeltraining durchgeführt, was die Ausdauer-Maschinen (Ergometer, Laufband, Crosstrainer) normalerweise nicht mit einschließt. An der Decke ist eine fernbedienbare Rundumleuchte angebracht, wenn die vom Trainer eingeschaltet wird, heisst das, Station wechseln. Wer ein Gerät z.B. von Rücken- oder Knieschmerzen absolut nicht nutzen kann, kann zur Not auf eine der Ausdauer-Maschinen ausweichen. Außerdem steht der Fitnessraum den Patienten natürlich auch sonst zum Training (nach 17 Uhr) zur Verfügung, aber hier gilt die drei-Leute-Regel. Nachdem die Sporttherapeutin jedes Gerät demonstriert hatte, durften wir selbst alle Geräte einmal ausprobieren. Ich denke, ich kann alle benutzen, zumindest, wenn ich den Widerstand nicht zu hoch einstelle.

Anschließend war Abendessen angesagt. Heute gab es verschiedene Salate, u.a. einen Reissalat mit Currysauce und Fleisch, Wurstsalat, vegetarischen Reissalat. War ganz lecker. Anschließend stand „Wochenendplanung“ (selbst) auf dem Programm, HS1 London. (Das bedeutet soviel wie Haus 1, Raum London – das ist im Therapiezentrum, dort heißen viele Räume nach europäischen Hauptstädten.) Ich war um 19 Uhr da – aber sonst keiner, und der Raum war auch abgeschlossen. Man sagte mir, das fände in Wuppertal II statt (einem Raum neben dem Speisesaal im EG, in dem meine Bezugstherapeutin bevorzugt ihre Gruppensitzungen abhält), hier saßen nur zwei Leute aus meiner Gruppe. Ich wurde aufgeklärt, dass der Termin wohl eher pro forma sei und ihn wohl kaum jemand wahrnähme. Allerdings unterhielt ich mich noch eine Weile mit meinem einen Kollegen aus der Gruppe.

Damit war also nun Feierabend. Ich wusste, dass sich ein paar Leute, mit denen ich beim Abendessen am Tisch gesessen hatte, sich zum Kickern und Billard im „Pub“ im Keller verabredet hatten, darunter auch welche aus meiner Gruppe. Ich schaute also dort vorbei, guckte eine Weile zu und hatte auch Gelegenheit, zwei Runden zu kickern. Es gab da so eine 5er-Clique, die viel Spaß hatte, aber ich fühle mich da (noch?) nicht so richtig zugehörig. Mal sehen.

Bisher fühle ich mich zwar jeden Tag etwas wohler, so langsam bin ich halt angekommen. Aber auch wenn ich ein paar Leute sympathisch finde, so richtig dazu gehöre ich bisher noch nicht. Allerdings finde ich das nicht so schlimm. Schließlich bin ich noch nicht so lange da, und da mache ich mir keinen Stress. Natürlich wäre es schöner, Anschluss zu haben, aber ich kann mich auch noch eine Weile zur Not alleine beschäftigen.

Tja, inzwischen bin ich halt wieder in meinem Zimmer, blogge und gehe wohl gleich ins Bett. Ich kann wohl bis 7:30 Uhr schlafen, danach frühstücken und dann walken gehen. Anschließend ist dann Wochenende.

… und meine Wochenendplanung?

Noch keine ganz konkrete Ahnung. Das Wetter soll leider nicht so schön werden. Es wurde davor gewarnt, morgen in die Wuppertaler Innenstadt zu fahren, weil es dort eine große Pegida-Demo inklusive Gegendemo geben wird – mit angeblich 1.000 Polizeikräften. Vielmehr wurde empfohlen, nach Düsseldorf oder Köln zu fahren. Hm. Ich denke, mit meiner Bahncard kann ich recht günstig beide Städte erreichen. Hm… Köln ist mir doch mit einer Bahnfahrt von ca. 1:40 h zu weit weg – in der Zeit komme ich auch nach Osnabrück! Düsseldorf wäre etwa in einer Stunde zu erreichen. Sohlingen wäre noch ’ne Möglichkeit.

Wie auch immer, auf jeden Fall: Raus hier aus der Klinik, sich als freier Mensch fühlen (ja, auch nach drei Tagen wäre das schon ganz angenehm), bisschen was anderes sehen und natürlich Ingress auf bisher von mir unberührtem Terrain zocken! Und ein paar Sachen einkaufen, z.B. habe ich Briefpapier zuhause vergessen.

Aber ich bin mir noch nicht sicher, ob ich wirklich Wuppertal verlasse. Vielleicht eier ich auch einfach erst mal die Schwebebahnstrecke hin und zurück. Eine Bus-Tageskarte kostet 6,irgendwas Euro, ist hier an der Rezeption zu bekommen und schließt die Schwebebahn mit ein. Vielleicht gucke ich mir die Demo auch mal an. Was soll’s, die Stimmung wird sicherlich unschön sein, aber andererseits habe ich auch nicht so wirklich Bock, mich davon vertreiben zu lassen. Bisher habe ich von diesen Pegida-Leuten nur in der Presse gelesen, vielleicht kann ich ein wenig live mitbekommen, was da läuft. Und wenn man aufpasst, dann kann man sich sicherlich aus dem gröbsten raushalten.

Hinfallen. Aufstehen. Krone richten. Weitermachen.

Das Bild habe ich für die sportliche Steffi gemacht. Der gefiel der letzte Spruch auf der Tafel nicht. Vielleicht findet sie den hier ja besser. Man beachte: Meine Rübe mit dem „Heiligenschein“ (Lampe hinter mir) gehören eigentlich nicht zu dem Bild, sind aber trotzdem sehr dekorativ…

Unter dem Strich werde ich einfach aus dem Bauch raus spontan entscheiden, wie ich es halt gerne tue, wenn ich alleine irgendwo unterwegs bin, wo ich mich nicht auskenne. Mal sehen, was draus wird. Und nun: Gute Nacht!

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Über michikarl

Ich möchte den Werbetreibenden, die heutzutage mehr Daten über Individuen sammeln als die Geheimdienste dieser Welt, nicht kostenlos Informationen zur Verfügung stellen. Obwohl ich das mit Sicherheit auch hiermit bereits getan habe.
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9 Antworten zu Tag 3 – Gruppentherapie: feucht, aber nicht fröhlich

  1. sportliche Steffi schreibt:

    Der Spruch gefällt mir 😁. Ich hab ein Brillenputztuch auf dem steht: „hinfallen, aufstehen, Körnchen richten, weitergehen“.

  2. sportliche Steffi schreibt:

    Das war aber mutig, vorm Sport zu frühstücken, wenn du noch nicht wusstest ob es sehr anstrengend wird. Oder hast du dich extra zurück gehalten?

    • michikarl schreibt:

      Ich hab mich etwas zurückgehalten, sonst hätte es vielleicht ein zweites Brötchen oder Brot gegeben. Der Sport war aber auch halb so wild, da wird ja nicht groß an meine Grenzen gegangen. Heute Walken war eher bisschen mehr die Kondition ansprechend, aber auch kein großes Problem.

  3. sportliche Steffi schreibt:

    Hihi, auf dem Bild spiegelt sich dein Heiligenschein!

  4. Le Petit-Duc Scops schreibt:

    Warum sehen deine Ohren so zwergenmäßig aus? Die sind ja voll spitz… Dazu die Haltung und Gestik der Hände, der spiralförmige Fokus auf dir. Könnte auch ein Plakat für ’nen Science-Fiction Movie sein… mit nem .. ehm.. jetzt kenne ich mich mit solchen Namen nicht aus. Gibt bestimmt eine Star-Wars Figur, die Ähnlichkeiten hat.. sollte mal Moira fragen..

    • michikarl schreibt:

      Ja, der Fokus ist mir auch aufgefallen. Hat schon was, das kleine Zufallsprodukt. Spitze Ohren haben Yoda (Star Wars) und Mr. Spock (Star Trek). Ich weiß gar nicht, welcher Spezies Yoda eigentlich angehört, Mr. Spock ist natürlich Vulkanier, die haben alle so spitze Ohren.

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