Tag 8 – Indi Stress, Erbsenaufstrich und Powerauflauf

Dieser Artikel ist 100% Ingress-frei!

Mein Therapieplan von heute:

08:30 Uhr – Indi Stress

10:15 Uhr – Fitnesstraining

11:00 Uhr – Kochgruppe

15:45 Uhr – Therapeutisches Einzelgespräch

17:30 Uhr – Einführung Sozialdienst

19:00 Uhr – Abendrunde

Der Wecker piepte um 07:15 Uhr. Ich hatte meine erste Anwendung erst um 08:30 Uhr, „Indi Stress“, was immer das heißen sollte, in der Therapiegruppe. Zuerst war die Frage, wo das denn womöglich wäre. Auf dem Zettel stand HS1 Paris. Vielleicht würde es aber auch bei Wuppertal 2 bleiben, wo wir uns mit der Gruppe normalerweise treffen. So setzte sich ein Teil der Gruppe in Wuppertal 2, und jemand ging Paris checken. Der Aufklärer kam zurück, wir gingen hoch zum Therapiezentrum, und dort hockte der Therapeut bereits mit einer anderen Gruppe. Wir wurden mit dieser also zusammengelegt, da Paris aber zu klein für die beiden Gruppen war, zogen wir in den Vortragsraum um. Dort bildeten wir einen Stuhlkreis.

Es wurde dann eher ein Vortrag, aber ein guter. Der sympathische Therapeut (ich kannte den bisher nicht, es war nicht die übliche Vertretung unserer Bezugstherapeutin durch den Oberarzt) sprach über unsicheres, sicheres und aggressives Verhalten. Er führte Situationsbeispiele an und beschrieb dann die drei Verhaltensvarianten in der jeweiligen Situation, und das anschaulich, sympathisch und humorvoll. Ich konnte sehr gut zuhören. Er sprach über verschiedene Techniken des Nein-Sagens, z.B. „Sprung in der Platte“ (nicht zu verwechseln mit „Sprung in der Schüssel“, das ist was anderes…). Das bedeutet: Einfach nur wiederholen „Nein, ich möchte nicht“. Das wirkt natürlich unhöflich bis bescheuert, weshalb man die Technik des „Vernebelns“ hinzufügen kann, das bedeutet in der Praxis in etwa „Du, finde ich total lieb, dass Du fragst, aber ich möchte gerade nicht.“ Und dann kam auch die sogenannte „Sandwich-Technik“ zur Sprache: Vernebeln, dann etwas eher unangenehmes sagen, wieder vernebeln, z.B. „Du, schön dass wir uns endlich mal wieder treffen. Ich wollte Dir aber schon immer mal sagen, es ist nicht so schön, dass Du mich kaum zu Wort kommen lässt. Aber ich rede trotzdem immer gerne mit Dir.“ (hm, die Worte des Therapeuten waren noch eleganter gewählt, aber inhaltlich war es etwa so).

Das Handout dazu basierte, dem Therapeuten zufolge, auf einem Buch namens „Sag nein ohne Skrupel„, welches er aber dennoch nicht unbedingt empfehlen wollte.  Stattdessen empfahl er zu dem Thema ein anderes Buch namens „Die Psychologie des Überzeugens – wie Sie sich und ihren Mitmenschen auf die Schliche kommen.“ Er erwähnte dieses Buch im Kontext zu Manipulationstechniken. Dabei ging es ihm weniger darum, uns das Manipulieren von Mitmenschen ans Herz zu legen, als eher Manipulationstechniken, die andere an uns anwenden, schnell und sicher zu erkennen. Auch dazu nannte er Beispiele (auch eine Situation, die er selbst erlebt hatte) und auch ein Experiment, welches dazu mal durchgeführt wurde. Klassisches Beispiel ist: Der Chef lädt zu Weihnachten sein Team zum Essen ein, lobt alle für die gute Arbeit… und nächstes Jahr, naja, da werden die Anforderungen steigen, und alle müssen noch mal bisserl mehr Gas geben, aber es war ein sehr gutes Jahr, vielen Dank an alle. (Übrigens typisches Sandwich.) Manche Leute in der Gastronomie haben ihre Techniken, um mehr Trinkgeld zu bekommen. Man muss immer auf der Hut sein, wenn Freundlichkeiten kurz darauf irgendeine Bitte, oder auch eine Verhandlung folgt. Der Mitarbeiter einer Hilfsorganisation, der einem einen Aufkleber „schenkt“ und dann um eine Spende bittet, zum Beispiel. Ich bin auch schon einmal im Urlaub sehr heftig und erfolgreich manipuliert worden, danach fühlte ich mich richtig ätzend. Es schadet nicht, sich dagegen wappnen zu können. Aber was „Indi Stress“ eigentlich bedeutet, weiß ich immer noch nicht.

Gut, die Veranstaltung hat mir also gefallen, ein bisschen Pause. Ich legte mich noch mal kurz auf’s Ohr. Danach ging es zum Fitnesstraining. Übrigens mit derselben Sporttherapeutin, die mich am Vortag beim Walken aus dem Verkehr gezogen hatte.

Und daran erinnerte sie sich auch und fragte nach meinem Befinden. Wahrheitsgemäß gestand ich, dass ich mit den Hüftgelenken, besonders rechts, und mit Knie- und Fußgelenk links Probleme hätte und dass das Fahrwerk daher bei Belastung an verschiedenen Ecken rumzickt. Sogleich verbot sie mir vorerst alle Maschinen, die die unteren Extremitäten belasten, und das ist halt mal gut die Hälfte. Auch doof, aber ich hatte meinen Frust schon im Wesentlichen gestern abgelassen und auch damit gerechnet, so dass es sich diesmal sehr in Grenzen hielt. War trotzdem bisschen blöd, immer die gleichen Maschinen zu benutzen und so viel nicht machen zu dürfen. Da ich um 11 Uhr kochen hatte und da nicht in meinen Sportklamotten auflaufen wollte, entschuldigte ich mich um 10:45 Uhr vor dem Ende der Einheit und ging mich umziehen. Ich hatte nicht viel geschwitzt, so dass ich nicht unbedingt duschen musste.

Menü und Vollkornbrötchen

Das Menü mitsamt Rezepten und ein letztes Vollkornbrötchen, welches übrig geblieben war

Also ging ich kochen. Das fand in der sogenannten „Lehrküche“ statt, unter Anleitung einer Diätassistentin. Es war übrigens dieselbe, deren Vortrag über Cholesterin ich vor kurzem nicht so toll gefunden hatte. Aber in der Lehrküche machte sie einen guten Job, sie war sympathisch und hatte für uns ein schönes, vegetarisches (manch einer mag hier schon Widerspruch wittern) Menü zusammengestellt. Als ich das zunächst auf dem Handout-Zettel las, war ich erst mal nicht so begeistert:

Brotbelag: Zucchini, Erbsenaufstrich, Rote-Bete-Aufstrich

Vollkornbrötchen

Bunter Salat

Powerauflauf

Obstsalat

Uff.. das klingt aber mächtig grünlich. Wir waren übrigens sechs Leute plus Diätassistentin. Als die Aufgaben verteilt wurden, entschied ich mich feige für den bunten Salat. Ich hatte also Eisbergsalat, Möhre, Schnittlauch, Petersilie und Kohlrabi zu schnibbeln und ein Dressing aus 1 EL Senf, jeweils 2 EL Essig und Öl (Tipp: Senf verbindet Essig und Öl) zusammenzurühren und mit Zucker, Salz und Pfeffer abzuschmecken. Das war dann auch keine so große Herausforderung.

Alle machten einen guten Job, es war alles gelungen. Zuerst gab es die Brötchen wahlweise mit gebratenen Zucchinischeiben, Erbsen- oder Rote-Bete-Aufstrich als Antipasti. Den Erbsenaufstrich fand ich lecker, ich probierte sogar den Rote-Beete-Aufstrich, aber naja, ich mag das Zeug immer noch nicht. Dann gab es den Powerauflauf, bestehend aus Getreide, Spinat, Tomaten, Zwiebeln, Knoblauch, Käse und Gewürzen. War ganz lecker, und die Getreidekörner gaben dem Ganzen angenehm Biss. Als Nachtisch gab es dann halt den Obstsalat. Alles ganz sättigend und lecker. Mal sehen, die Rezepte habe ich natürlich noch, auf Anfrage hacke ich sie hier gerne rein.

Nach dem Essen hatte ich erst um 15:45 Uhr den nächsten Termin, also über zwei Stunden Zeit. Zuerst nutzte ich das für meinen täglichen Spaziergang für den Hac…, äh, um mal nachzugucken, ob auch keiner den Kreisel geklaut hat. Dem war nicht so, also konnte ich beruhigt zurück zur Klinik gehen und noch richtig ausgiebig an der Matratze horchen, bevor ich um viertel vor vier mein therapeutisches Einzelgespräch hatte.

Dies fand bei – weil unsere und damit auch meine Bezugstherapeutin im Urlaub weilt – wieder mal einer anderen Therapeutin statt. Ich kannte sie schon von einem Vortrag über das Buch über den Gefühls- und Befürfnisnavigator. Hübsche Frau, eigentlich will ich keine hübschen, jungen Therapeutinnen, damit ich mich voll auf den Therapieinhalt konzentrieren kann. Außerdem missfällt es mir sowieso gerade ein bisschen, dass ich wegen des Urlaubs meiner Bezugstherapeutin so ein Bäumchen-wechsel-dich-Spiel angesagt ist. Aber ich kann es halt nicht ändern.

Es war dann ein ganz angenehmes Gespräch. Ich erzählte ihr natürlich von meinem Grätenfrust nach dem abgebrochenen Walking und dass ich das dann vor die Gruppe gebracht habe, was sie mutig von mir fand. Wir kamen dann über meine Hinweise, dass es mir nicht nur aus Machismo, sondern auch aufgrund von Pflichtbewusstsein stört, nicht alle Übungen mitmachen zu können, auf das Thema „Nein sagen“ und „eigene Bedürfnisse erkennen und achten“. Sie meinte am Ende, ich würde oft „ich muss…“, „ich sollte…“ und „ich darf nicht…“ sagen. Es gab dann als Hausaufgabe, etwas dazu zu schreiben, woher diese Sätze meiner Ansicht nach kämen. Und nach welchen Sätzen ich leben möchte. Das bekommt dann meine Bezugstherapeutin.

Danach hatte ich eine Stunde Pause. Ich wollte einen Kaffee aus dem Café Dallucci und ging mit meinem Laptop in die Lobby, ein bisschen Blog schreiben, während ich meinen „Sweet Love“ (Latte mit Amaretto-Aroma) schlürfte. Viel geschrieben habe ich nicht, obwohl ich mich ein wenig abseits in eine Art kleinen Wintergarten (ich kann es gerade nicht besser beschreiben, auch wenn das nicht ganz passt) gesetzt hatte. Denn ich habe mich trotzdem eine Weile mit einem Kollegen aus der Gruppe unterhalten, der sich aus technischer Sicht für den Blog interessierte, und dem ich ein wenig über die Möglichkeiten von WordPress erzählte.

Anschließend folge ein Vortrag über den Sozialdienst. Das ist hier ein Team aus zwei Frauen, die Hilfe bei Anträgen verschiedener Art, z.B. für Nachsorge oder Wiedereingliederungsprogramme etc. anbieten. Es war der erste von insgesamt drei Vorträgen. Es ging unter anderem um die 10 Euro Zuzahlung pro Tag (die ich zu löhnen habe, also 420 Euronen) bzw. wer davon befreit ist. Und um Übergangsgeld. Vieles ist für mich, zumindest jetzt und hoffentlich nie, nicht relevant. Aber es gibt hier Leute, die seit langem krank geschrieben oder arbeitslos sind. Ziel ist natürlich, aus den Patienten wieder Stützen der Gesellschaft zu machen, und dafür gibt es natürlich Programme zur stufenweisen Wiedereingliederung, Umschulung und so weiter. Und dabei hilft der Soziale Dienst.

Mit den Vorträgen ist es so, dass die Patienten angehalten sind, während ihres Aufenthaltes in der Klinik mindestens vier zu hören. Aber alle stehen immer im Therapieplan, weshalb ich das anfangs für Pflichtveranstaltungen gehalten habe. Bisschen doof ist, dass im Therapieplan immer ziemlich vage steht, um was es eigentlich geht – genaueres steht nur am schwarzen Brett. Naja, ich denke, ich werde weiterhin zu vielen Vorträgen gehen, es soll wohl nicht schaden.

Anschließend gab es Abendessen. Eine Patientin hatte am schwarzen Brett gefragt, wer noch Lust hätte, nach Bochum zum Musical „Starlight Express“ zu fahren. Ich fragte die Leute an meinem Tisch, ob die jemand kennen würden, und siehe – es war eine an meinem Tisch. Sie führe mit dem Auto, hätte noch Platz, sie hätte telefonisch bestellt, und sie könne ihr Ticket dann an der Abendkasse abholen. Ich hatte Interesse, schließlich habe ich musicaltechnisch Nachholbedarf.

Nach dem Abendessen brachte sie die Telefonnummer und eine weitere, interessierte Frau mit in die Lobby. Zwar begann ein weiterer Vortrag, der nur mit „Abendrunde“ auf dem Plan stand (vage hatte ich mitbekommen, dass es womöglich um irgendwelche Öle zur Aromatherapie gehen sollte), aber ich schwänzte den dann doch, weil ich Tickets bestellen wollte. Ich wählte also die Nummer, um für mich und die dritte Patientin zwei Karten zu bestellen. Hm, ich bekam schnell einen Gesprächspartner, der mich aber sogleich weiterleitete. Als ich mein Anliegen vorbrachte, wurde ich nochmals weitergeleitet. Bei der dritten Person stürzte dann während des Prozederes der Computer ab. Ich habe keine Handyflatrate und telefonierte schon über sieben Minuten mit dem Gurkenverein und wurde auch langsam richtig sauer und ließ mich zurückrufen. Ich ging auf mein Zimmer und begann, zu bloggen.

Es dauerte eine halbe Stunde, bis die Dame zurückrief, und bei der Eingabe meiner Daten stürzte ihr Computer angeblich noch mal ab, so dass sie nochmals zurückrufen musste. Dann allerdings klappte es (hoffe ich zumindest). Jedenfalls habe ich jetzt eine Auftragsnummer, so dass die zwei Tickets für mich und die andere Patientin auf Plätzen neben dem der Initiatorin der Aktion am kommenden Mittwoch an der Abendkasse bereit liegen sollten. Ich bin gespannt. Wenn man schon krank ist, darf man sich auch mal was gönnen, finde ich.

Ich beendete den Blog-Eintrag vom Vortag… und nun auch den von heute.

Mein Therapieplan für morgen:

07:30 Uhr – Frühsport

09:30 Uhr – Therapeutische Gruppe

13:00 Uhr – Patientenforum

14:00 Uhr – Sport und Bewegung

15:30 Uhr – MAT Gruppe

19:00 Uhr – Wochenendplanung

MAT bedeutet, glaube ich, „mentale Aktivierung“. Was das genau ist, weiß ich nicht, aber das ist wohl eine Therapie, um die „kleinen grauen Zellen“ irgendwie anzuregen. Hatte ich noch nicht, aber morgen weiß ich ja mehr. Wochenendplanung ist ja auch eher so ein pro forma Termin, da wird wohl wieder nicht wirklich etwas draus. Theoretisch könnte ich mich morgen nach der MAT in die Stadt absetzen, aber ich weiß noch nicht, ob ich Lust dazu habe. An sich wäre anstatt Elberfeld mal Barmen angesagt, das soll auch eine interessante Einkaufsgegend sein, wo es auch viele Port… äh, interessante Geschäfte gibt. Mal sehen. Gute Nacht.

Advertisements

Über michikarl

Ich möchte den Werbetreibenden, die heutzutage mehr Daten über Individuen sammeln als die Geheimdienste dieser Welt, nicht kostenlos Informationen zur Verfügung stellen. Obwohl ich das mit Sicherheit auch hiermit bereits getan habe.
Dieser Beitrag wurde unter Ingress, Wuppertal veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Tag 8 – Indi Stress, Erbsenaufstrich und Powerauflauf

  1. Elisabeth schreibt:

    Hey Michi,

    die Rezepte kannst Du gern mal rüberrücken, ab und zu versuche ich ja auch mal, so etwas „Grünes“ zu kochen, vor allem auch, wenn die vegetarische Schwiegerfreundin kommt. Aber „grün“ ist ingressmäßig gesehen doch genau die richtige Farbe…

    Cool, dass Du zu Starlight fährst! Bin mal gespannt, wie du es findest.

    Liebe Grüße, Elisabeth

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s