Tag 16 – Halt die Fresse, Paul!

Der Tag begann um 07:45 Uhr. Rein in die Sportklamotten (ich würde zwei Einheiten Sport haben und erst hinterher duschen und andere Klamotten anziehen) und ab zum Frühstück.

Um 8:30 Uhr stand ein Gesundheitsvortrag an. Auf dem Plan stand „Abgrenzung“ als Thema. Das Thema war dann aber „Selbstwert“. Abgrenzung ist immerhin ein Aspekt davon, genauer gesagt, mangelnde Abgrenzung als Folge von einem niedrigen Selbstwert-Gefühl. Wer von sich nicht viel hält, tendiert dazu, anderen zu unterstellen, das genauso zu sehen – auch wenn das oft nicht stimmt. Als Folge tritt oft mangelnde Abgrenzung auf, d.h. man versucht als Kompensation, es den anderen so recht wie möglich zu machen, z.B. kann man dann schlecht „Nein“ sagen. Der Vortrag war wie üblich aufgebaut, d.h. es ging um Ursachen, Wirkungen und Möglichkeiten, aus der Nummer wieder herauszukommen. Die Vortragende Psychotherapeutin war sehr hübsch, und als sie davon sprach, dass geringes Selbstwertgefühl unter anderem dazu führt, dass man keine Komplimente annehmen mag, hätte ich ihr am liebsten sofort gesagt, dass ich finde, sie sei eine sehr schöne Frau. Sowohl als Test als auch weil ich das wirklich fand. Ich machte das dann nach dem Vortrag, und sie freute sich drüber und nahm es an.

Insgesamt habe ich mich in diesem Vortrag mit allem drum und dran absolut wiedererkannt. Da trafen nicht nur vereinzelte Aspekte, sondern eigentlich alle bei mir voll ins Schwarze, sowohl die Ursachen als auch die Folgen. Insofern fand ich es äußerst interessant. Wichtig ist jetzt für mich, daraus die richtigen Handlungsweisen abzuleiten. Die Vortragende, die nicht nur hünsch war, sondern auch einen guten Job machte, brachte es sehr anschaulich auf den Punkt: „Stellen Sie sich vor, sie hätten einen guten Freund, der mit Mitte 50 seinen Job verloren hat. Was würden sie dem sagen? Sowas wie ‚Da hast Du aber versagt, Deine Arbeit war wohl nicht so toll, und Du hast keine Chance, jemals wieder einen Arbeitsplatz zu finden‘? Nein? Warum würden Sie das dann bei sich selbst machen?“ Der Knackpunkt bei Leuten mit geringem Selbstwertgefühl ist, dass sie sich einfach schlecht behandeln. Und das muss man ändern, das geht natürlich nicht auf Knopfdruck, sondern das muss man trainieren. Dazu muss man zum Beispiel dem „inneren Kritiker“ widersprechen, der immer so Sachen sagt wie „Du kannst das nicht. Du schaffst das nicht. Was Du gemacht hast, war nicht so toll.“ Die Therapeutin sagte, sie nenne ihren „inneren Kritiker“ Paul, nach einem Paul, den sie nicht so mochte. Man muss lernen, Paul zu widersprechen, ihm den Mund zu verbieten. Und sich selbst so gut zu behandeln, wie man einen guten Freund behandeln würde, nicht schlechter. Ich werde meinen inneren Kritiker auch Paul nennen, denn es gibt auch in meiner Vita einen Paul, mit dem ich nicht so ganz gut klargekommen bin.

Um 9:30 Uhr folgte mein therapeutisches Einzelgespräch. Leider hatte ich zwischenzeitlich nicht genug Zeit für einen Kaffee oder Tee. Als das Gespräch anfing, plante meine Bezugstherapeutin erst einmal an ihrem Rechner ihre kommende Woche. Zuerst sprach sie dabei mit mir, danach klickte sie nur noch mit ihrer Maus herum, und ich war still und wartete darauf, dass sie fertig würde, um sich mit mir zu beschäftigen. Gerade, als ich auf die Uhr schaute und zu argwöhnen begann, dass es sich bei der Sache um einen Test handeln könnte, meinte sie „Das ist die Hölle für Sie, oder?“ Sie hatte mich kalt erwischt. Bei der Sache wollte sie prüfen, wann ich denn mal aus meiner Höhle käme, um für mein gutes Recht, meine Therapiezeit, einzutreten, käme. Fieser Trick, aber gut gemeint. Im weiteren Gesprächsverlauf ging es um Ereignisse, die sich in der Gruppe zugetragen haben und über die ich nicht schreiben darf und auch nicht schreiben will. Mein in der ersten Kunsttherapie angefertigtes Bild mit den „Säulen, die mein Leben tragen“ wurde auch thematisiert. Ansonsten äußerte sich die Therapeutin recht optimistisch bezüglich meiner Entwicklungschancen und sagte auch noch was Nettes über meinen Humor. Dementsprechend guter Dinge verließ ich das Gespräch.

Um 11:10 Uhr stand Fitnesstraining auf dem Programm. Wir absolvierten den Zirkel zwei Mal und ich hatte ein ganz cooles Erlebnis. Bei einer Station haben wir eine Matte mit drei „Plattformen“, auf denen man balancieren üben kann, mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden. Das schwierigste Ding ist eine Scheibe mit einer Halbkugel darunter, auf die man sich stellen kann. Bisher ist es mir so einigermaßen gelungen darauf zu balancieren. Heute hat es richtig gut geklappt, ich habe das Teil fast in Ruhe ausgerichtet bekommen. Der Trick ist einerseits, so wenig Korrekturen wie möglich zu machen, aber auch „den Blick nach innen“ zu richten, also auch Ruhe in die Gedanken zu bringen. Das war eine interessante Erfahrung.

Es folgte – ungeduscht – das Mittagessen, nach dem dann Walking anstand. Zwischenzeitlich legte ich mich noch eine Dreiviertelstunde auf’s Ohr und kam eine oder zwei Minuten zu spät zum Walken, weil ich noch zuvor paar WhatsApp-Nachrichten mit meinem Neffen in Kanada ausgetauscht hatte. Ich erwischte gerade noch ein paar Stöcke, bevor es losging.

Natürlich ging ich wieder die kurze Runde mit der langsamen Gruppe, aus Rücksichtnahme auf mein Fahrwerk. Bezüglich der Kondition weiß ich, dass ich auch die lange und schnelle Runde schaffe. Wir gingen wieder die übliche, kurze Runde zum stillgelegten Bahnhof Schee an der stillgelegten Trasse, die nun zum Walken, Joggen und Radfahren genutzt werden kann. Aber ich gönnte mir da eine kleine Pause, fummelte meine rechte Hand aus der Stockschlaufe und mein Handy aus der Bauchtasche meines Sweaters. Hah! Der Bahnhof war ein Portal und auch noch grau, also gab es einen Unique Visit und einen Unique Capture. Zurück also wieder den Berg hoch und endlich ab unter die Dusche!

Um 15 Uhr stand Gestaltungstherapie an. Ich machte mir vorher noch einen Cappuccino, schaffte es aber nur knapp, den noch rechtzeitig auszutrinken. Diesmal war wieder eine Einzelaufgabe angesagt, wir sollten für uns unser Ziel (oder unsere Ziele) formulieren und diese dann gestalterisch auf ein A3-Blatt bringen, gemalt, gezeichnet, als Collage, oder Kombination dieser Techniken. Ich entschied mich diesmal für eine Collage, schnipselte alle Begriffe, die ich irgendwie passend fand, aus, und pappte sie auf das Papier. An „Liebe“ nahm ich alles mit, was ich fand (wie im echten Leben…). Wie auch immer, ich mag das alles gerade nicht näher ausführen. Vor der Gruppe habe ich das aber dann in der Retro-Runde gemacht. Einige machten von ihrem Schweigerecht, das alle bei allen Gruppenaktivitäten haben, Gebrauch. Ich habe das noch nie gemacht, zum einen gehe ich grundsätzlich mit meinen Problemen offen um, zum anderen sehe ich auch meinen Therapieerfolg gefährdet, wenn ich das Maul nicht aufmache.

Teeküche

Die kleine Teeküche im Wartebereich/Pflege

Da ich den um 17 Uhr folgenden Vortrag „Soz. Med. 1&2“ lt. meiner alten, abgehefteten Therapiepläne schon gehört hatte, war dann ab 16:30 Uhr Feierabend. Ich trank erst mal einen Tee in der Lobby. Ein Gruppenkollege erzählte mir was über die Ursache des Flugzeugabsturzes in Frankreich – dem absichtlich durch den Co-Piloten herbeigeführten Crash. Unfassbar, vor allem, wenn es kein terroristischer Hintergrund, sondern Selbstmord mit Duldung des Todes von 150 weiteren Personen war. Der Kollege sagte auch, dass er eine Passagierin kannte, weil sie in der Klassenstufe seines Sohnes gewesen sei. Auch eine Tischnachbarin erzählte, dass sie drei der Opfer, eine Familie, Vater und Mutter Mitte 30, dreijähriger Sohn, kannte. Furchtbare Sache!

Nun, ich hatte viel Freizeit. Den Gang zum Kreisel konnte ich mir sparen, weil ich ja schon Bahnhof Schee eingenommen und gehackt hatte. Das Wetter war auch grauenhaft, kalt und regnerisch. Also gab es erst noch einen weiteren Tee in der Sitzgruppe bei der Teeküche im Wartebereich/Pflege. Ich habe schon ein paar Mal versucht, dabei zu lesen, aber das klappt eher nicht wegen der Gespräche der anderen. Diesmal fingen wir an, Witze zu reißen. Dann gab es Abendbrot.

Tja… anschließend war einfach nichts geplant und auch nichts los, also ging ich auf mein Zimmer, um zu bloggen und vielleicht gleich noch ein wenig zu lesen.

Mein Therapieplan für morgen:

07:30 Uhr – Frühsport

10:00 Uhr – Therapie-Gruppe

13:00 Uhr – Patientenforum

14:00 Uhr – Sport und Bewegung

15:30 Uhr – MAT-Gruppe (Mentales Aktivierungs-Training)

19:00 Uhr – Wochendplanung

Brrr… Frühsport und „Sport und Bewegung“… nicht so mein Ding. Aber was soll’s, so schlimm ist das auch nicht, halt das Beste draus machen.

Bis bald.

Über michikarl

Ich möchte den Werbetreibenden, die heutzutage mehr Daten über Individuen sammeln als die Geheimdienste dieser Welt, nicht kostenlos Informationen zur Verfügung stellen. Obwohl ich das mit Sicherheit auch hiermit bereits getan habe.
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