Tag 17 – Hiphop und die Hand am Stab des Nebenmannes

Der Wecker piepte um 06:30 Uhr, und ich stellte ihn weiter auf 06:45 Uhr. Dann schälte ich mich aus dem Bett, zwängte mich in meine Sport-Pelle und eilte zur Sporttherapie. Um dort niemanden vorzufinden. Okay, falscher Ort, Frühsport ist in Wuppertal (im Raum Wuppertal). Auf dem Weg dahin begegnete mir ein Sporttherapeut, der seinen Plan ziemlich genau zu kennen schien. Jedenfalls besser, als ich meinen, denn er meinte „Herr Karl, sie haben erst um 07:30 Uhr bei mir, sie können aber schon jetzt mitmachen.“ Mist. Es war nicht nur der falsche Ort, auch die falsche Zeit. Nun, ich setzte mich mit einem Tee in die Lobby und um 07:30 Uhr ging es dann wirklich los. Bekanntlich stehe ich nicht so besonders auf Frühsport, aber bei dem Sporttherapeuten, der den einen oder anderen, lockeren Spruch abließ und am Ende allen „ein geiles Wochenende“ wünschte, machte es fast Spaß.

Nach dem Frühsport ging es zum Frühstück. Danach hatte ich anderthalb Stunden Zeit. Zuerst machte ich meinen Sojourner-Spaziergang, anschließend legte ich mich noch eine halbe Stunde hin.

Um 10:00 Uhr war Therapiegruppe. Der Flugzeugabsturz und die besonderen Umstände, der erweiterte Suizid (so heisst es wohl, wenn beim Suizid andere Menschen mit in den Tod gerissen werden, ein unscheinbarer Begriff für eine Wahnsinnstat, finde ich), waren ein Thema. Es waren einige Patienten neu zur Gruppe gestoßen, daher gab es noch eine Vorstellungsrunde. Alles weitere ist natürlich Verschlusssache.

Unmittelbar nach der Therapie besprachen wir in der Gruppe noch schnell unsere Wochenendpläne und überlegten uns ein Thema für die nächste Therapiegruppe. Danach gab es Mittagessen.

Danach war Patientenforum angesagt, d.h. die neuen Patienten stellten sich vor, der Inhalt des Kummerkastens und die Reaktionen der Klinikleitung darauf wurden verlesen. Darauf folgte noch eine Stellungnahme eines Oberarztes. Schließlich wurden neue Patientensprecher gesucht. Diese müssen normalerweise nicht gewählt werden, weil es eher schwierig ist, überhaupt Kandidaten zu finden. Die Aufgaben der Patientensprecher sind übersichtlich, man führt am Dienstag, Mittwoch und Donnerstag die Neuankömmlinge durch das Haus, leert den Kummerkasten, bespricht den Inhalt mit der Klinikleitung und moderiert am Freitag das Patientenforum. Natürlich bietet man sich auch als Ansprechpartner an, aber wenn es darum geht, Neuen die Wege zu zeigen, ist hier eigentlich jeder, der sich auskennt, hilfsbereit. Aber immerhin, man muss für die Hausführung ein wenig Zeit investieren und auch den Mut haben, vor Leuten zu sprechen, sowohl vor den Gruppen der Neuankömmlinge als auch vor dem gesamten Forum. Die Abläufe, worauf man bei Führungen und beim Forum zu achten hat, stehen in einem Ordner, so dass man sich vorbereiten kann.

Ich habe mir von Anfang an gedacht, dass ich das mal machen möchte. Probleme, vor Leuten zu sprechen habe ich ja nicht, und da kann ich mich mal einbringen. Aber gerade auch für Leute, die ein bisschen schüchtern sind, wird schon sehr empfohlen, sich da einmal auszuprobieren und so solche Ängste zu überwinden. Wie auch immer, nach zwei Wochen fand ich die Zeit reif, mich zu melden. Der zweite Patientensprecher musste erst etwas länger gesucht werden. Da meldete sich eine nette, junge Mitpatientin, die eine Woche nach mir ankam und eigentlich auch noch warten wollte. Sie ist auch in meiner Gruppe, und ich kann sie sehr gut leiden, so dass es mich freut, den Job mit ihr zusammen zu machen. Am kommenden Dienstag machen wir also die erst Hausführung. Ich fragte noch die amtierenden Patientensprecher, wo denn nun eigentlich Thron und Zepter herumstünden bzw. lägen, aber ich bekam keine Antwort. Seltsam.

Netterweise habe ich schon positives Feedback bekommen, bevor ich den Job angetreten habe. Eine Dame, die ich nur vom Sehen kenne und mit der ich bisher noch nie gesprochen hatte meinte, sie fände es gut, dass ich mich als Patientensprecher gemeldet habe, ich würde das bestimmt gut machen. Als ich etwas entgeistert bemerkte, dass sie mich doch gar nicht kennen würde, meinte sie nur, „wir kennen Dich alle von den Vorträgen“ (wo ich gelegentlich mal Fragen stelle). Hm, seltsam, aber nett.

Allerdings hatte ich auch ein negatives Feedback. Eine andere Dame warf mir in der Essenschlange vor, nicht richtig zuzuhören, wenn sie mit mir redet, andererseits aber selber beachtet werden wolle. Das bezog sich auf eine Szene am Abend zuvor. Ich antwortete erst einmal in einem neutralen Tonfall „Danke für’s Feedback“. Danach dachte ich während der Mahlzeit und danach mindestens eine halbe Stunde darauf herum. Ich kam zu dem Ergebnis, dass die Dame Recht hat. Da habe ich die Aufmerksamkeit, die die Höflichkeit geboten hätte, wohl vermissen lassen. Deswegen möchte ich die Dame dafür auch noch um Entschuldigung bitten. Bisher habe ich sie ein paar Mal gesehen, hatte aber noch nicht die Chuzpe gehabt, sie anzusprechen und um ein Wort unter vier Augen zu bitten. Sie hatte mich auch recht heftig und aus heiterem Himmel abgebügelt. Mal schauen, ob ich das noch hinbiegen kann. Immerhin bin ich ein bisschen stolz auf mich, dass ich keine aggressive Affektreaktion gebracht, sondern in Ruhe reflektiert habe.

Um 14:00 Uhr folgte dann „Sport und Bewegung“. Eigentlich nicht so mein Ding, auch wenn es genau wie Frühsport nützlich für die Beweglichkeit und Balance ist. Diesmal ging es um Koordination und Reaktion. Es ist nicht einfach, auf einem Bein stehend mit dem anderen Fuß eine liegende Acht zu beschreiben und gleichzeitig einen Ball zu werfen und zu fangen. Ehrlich gesagt, für mich ist es sogar nicht einfach, überhaupt längere Zeit auf einem Bein zu stehen… Aber die Sache mit der liegenden Acht ist eine gute Übung für meine Hüfte, weil sie die Gelenkschmierung verbessert.

Nach einigen Übungen mit Bällen (vorwärts/rückwärts/seitwärts gehen und werfen/fangen oder prellen) haben wir ein kleines Spielchen gemacht. Es hieß „Schildball“. Zwei Spieler (in diesem Fall zwei echt sportliche Jungs) bildeten ein „Angriffsteam“ (oder so ähnlich) mit einem blauen Ball. Alle anderen waren Läufer. Die Angreifer sollten die Läufer jagen und mit dem Ball zwischen Schultern und Gürtellinie treffen. Dazu durften sie jeweils nur zwei Schritte machen und mussten dann entweder den Ball zum Partner passen oder auf einen Läufer werfen. Die Läufer können zur Abwehr ausweichen, oder ihren Ball wie einen Schild benutzen, um den blauen Ball abzuwehren. Der erste getroffene Läufer sucht sich einen Läufer, der noch im Spiel ist, fast diesem an der Schulter an, läuft mit diesem mit und versucht, ihn vor den Angriffen mit dem eigenen Körper zu verteidigen. Am Ende bleibt natürlich nur noch ein Läufer mit einer Horde Schutzleute übrig. War ganz spassig.

Danach folgte ein weiteres Spiel. Jeder bekamt einen etwa armlangen Stock. Zunächst wurde etwas geübt, den senkrecht auf den Boden zu stellen, möglichst in Balance, und dann mit einer Hand loszulassen, diese auf den Rücken zu legen und den Stock vor dem Umfallen mit der anderen Hand zu fangen, bevor er umfällt. Danach stellten wir uns im Kreis auf. Beim Kommando „Hep!“ gehen alle einen Seitschritt nach rechts und fassen den Stock des rechten Nachbars, bevor dieser umfällt. Bei „Hip!“ dasselbe, aber links herum. Und bei „Hop!“ bleibt man stehen. Derjenige, der den Nachbarstab nicht mehr vor dem Umfallen fängt, ist raus. Die beiden letzten haben gewonnen.

So war „Sport und Bewegung“ doch zuletzt recht vergnüglich. Anschließend hatte ich genug Zeit, zu duschen und die Klamotten zu wechseln. Danach hatte ich den letzten Termin, MAT (mentales Aktivierungstraining). Diesmal gab es ein Tiergitterrätsel: In einem Buchstabensalat versteckten sich 44 Tiere horizontal, vertikal und diagonal. Wir hatten 20 Minuten Zeit. Zuerst markierte ich alles, was ich so spontan sah. Danach ging ich systematisch vor und checkte alle Horizontalen und Vertikalen und schließlich die Diagonalen. Naja. Horizontal, was natürlich am einfachsten ist, hatte ich alle gefunden. Vertikal fehlten mir drei oder vier. Diagonal hatte ich nur vier von zwölf oder so gefunden. Ein gewisser Ehrgeiz stellte sich beim Lösen zwar ein, aber ich war mit meinem Ergebnis nicht unzufrieden. Die Therapeutin meinte hinterher, diese Art von Rätsel sei ein gutes Training für die grauen Zellen, besser als Kreuzworträtsel.

Danach war dann Feierabend. Es war erst 16:00 Uhr, also noch zwei Stunden bis zum Abendbrot. Ich wollte erst in der Lobby Kaffee trinken und lesen, aber mit dem Lesen klappte es mal wieder nicht – zu viel los. Leider bekam ich beim Café Dalucci keine frisch gebackene Waffel mehr, aber noch einen Latte Macciato. Ich hockte längere Zeit auf dem Sofa und unterhielt mich mit verschiedenen Leuten. Zwei Mitpatienten, eine davon meine Patientensprecher-Kollegin, wollten zum Kreisel, um sich dort mal den Laden für Dampfmaschinen und technisches Spielzeug von innen anzusehen. Es dauerte eine ganze Weile, bis meine Kollegen noch hier und da mit Leuten Sachen abgesprochen hatte und schließlich mit uns loszog.

Der Laden (ich hatte ihn in meinem ersten oder zweiten Beitrag zum Thema „Wuppertal“ erwähnt) war der absolute Hammer! Wir gingen hinein, und ein schon recht betagter Mann, der an einem Modell des „Kaiserwagens“ der Wuppertaler Schwebebahn werkelte, sagte, er würde uns gleich ein paar Sachen erklären und vorführen. Ich fragte, ob ich fotografieren dürfe. Ich durfte und tat desgleichen.

Stirlingmotoren

Eine Auswahl an Stirlingmotoren. Unter die großen Glaskolben wird als Wärmequelle ein kleiner Spiritusbrenner gestellt. Leider ist das Modell, welches uns vorgeführt wurde, nicht dabei.

Es gab so viel interessante Mechanik zu sehen. Der Mann, offenbar der Inhaber des Ladens, erklärte auf Anfrage, er verkaufe hauptsächlich über das Internet, und zwar in alle Welt. Das kann ich mir gut vorstellen, weil solche Läden weltweit selten sein dürften. In den Kinderzimmern wurde die Dampfmaschine vermutlich von all den Nintendos und Playstations größtenteils verdrängt. Die meisten Sachen – neben ein paar Autos für Modelleisenbahnanlagen und kleinen RC-Helikoptern – werden vor Ort selbst gefertigt. Es gibt vor allem winzigkleine Dampfmaschinen, kleiner als eine Zigarettenschachtel, die z.B. kleine Autos, Motorräder oder Draisinen antrieben. Oder auf eine ebenso kleine Transmissionswelle einwirken, um winzige Maschinen anzutreiben. Faszinierend. Außerdem gab es ein Arrangement von Stirling-Motoren. Der Inhaber erklärte uns, warum Stirling sich das ausgedacht hat – Dampfmaschinenkessel-Stähle waren früher nicht genormt, weshalb manchmal Dampfkessel mit verheerenden Folgen explodierten. Stirling hat sich überlegt, was mit Überdruck geht, müsste auch mit Unterdruck gehen. Allerdings arbeitet ein Stirling-Motor nur mit sehr geringem Unterdruck. Vorteil: Keine Implosionsgefahr. Nachteil allerdings: Sehr wenig Leistung. Deswegen hat sich der Stirlingmotor nicht als Alternative zur Dampfmaschine durchgesetzt. Dennoch hat der Stirlingmotor noch eine Menge anderer Vorteile, weshalb er immer wieder verbessert wird und für verschiedene Anwendungen auch heute noch infrage kommt, Stichwort z.B. Blockheizkraftwerke/Kraft-Wärme-Kopplung. Der Stirlingmotor, der uns vorgeführt und in seiner Funktionsweise erklärt wurde, trieb übrigens einen kleinen Generator an, der eine LED zum Leuchten brachte.

Modellschwebebahn

Dieses Modell des „Kaiserwagens“ fährt mithilfe von Akkus und Elektromotoren. Am Anfang und Ende der Strecke gibt es jeweils eine Wendeschleife – wie bei der echten Schwebebahn.

Außerdem gab es ein riesiges Riesenrad aus Märklin Metall, einem Konstruktionsbaukasten, der heute nicht mehr erhältlich ist, Schwebebahn-Modellstrecken mit Zügen des Maßstabes HO und N, elektrisch betriebene Seilbahnen, ferngesteuerte Boote mit echten Dampfmaschinen, Lokomotiven verschiedener Spurweiten mit echten Dampfmaschinen und vieles mehr. Einige nicht selbst gefertigte Artikel waren sonst längst nicht mehr erhältliche Sammlerstücke von hohem Wert. Aber auch die selbst gefertigten Maschinen waren nichts für den kleinen Geldbeutel, das ging so bei ca. 80 Euro los und hörte bei 500 Euro noch lange nicht auf. Aber es gibt auf dem weltweiten Markt Leute, die bereit sind, das für diese einzigartigen Kleinodien auszugeben. Ich musste an meinen Freund, den Seemann denken. Als ich den auf seinem Schiff im Trockendock in Rotterdamm besucht haben, waren wir in einem Marinemuseum, und er bekam bei einer arbeitenden Dampfmaschine leuchtende Augen. Dieses Geschäft hätte ihn wahrscheinlich total umgehauen.

Winzige Dampfmaschinen

Winzige, dampfgetriebene Maschinen. Rechts z.B. eine Draisine, die auf H0-Schienen fährt (Maßstab 1:87).

Nun, wir blieben echt lange in dem Geschäft und bewunderten die vielen kleinen Wunder.  Danach war es fast schon zu spät für’s Abendessen. Aber wir schafften es noch, uns schnell ein Brot zu schmieren und hastig zu verzehren.

Anschließend saß ich bei Tee und Konversation noch für ein oder zwei Stunden in der Sitzecke beim Wartebereich/Pflege und ging dann bloggen.

Morgen haben wir noch eine Einheit Autogenes Training nach dem Frühstück, dann beginnt das Wochenende.

Tja, genau weiß ich noch nicht, was anzufangen wäre. Die beiden netten Mädels gehen mit fünf weiteren Leute irgendwo in der Nähe zu einem Trommel-Workshop für drei Stunden und haben mich gefragt, ob ich mitkäme. Aber ich hab nicht recht Lust. Die Mädels wollen aber auch nach dem Autogenschweißen, äh, -trainig, in die Stadt fahren, um einzukaufen und „rumzudingsen“ (was immer das bedeutet). Da werde ich wohl mit denen zusammen reinfahren und mich dann irgendwann solo machen.

Ich habe Bock, Ingress zu zocken. Da gibt es zwei Alternativen, die sich aber auch kombinieren lassen: Da viele Schlümpfe wie Frösche morgen ausgeflogen sein werden (weil bei einer sogenannten Anomalie in Hannover, einem Riesenevent mit einigen tausend Ingress-Spielern) könnte ich mal Elberfeld umgraben. Aber ich hätte auch Lust, nach Köln, Düsseldorf oder wohin auch immer zu fahren, um dort Uniques zu sammeln. Wenn ich am Hbf bin, werde ich mich da spontan entscheiden.

Sodenn, morgen wissen wir alle mehr. Bis denne!

 

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Über michikarl

Ich möchte den Werbetreibenden, die heutzutage mehr Daten über Individuen sammeln als die Geheimdienste dieser Welt, nicht kostenlos Informationen zur Verfügung stellen. Obwohl ich das mit Sicherheit auch hiermit bereits getan habe.
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3 Antworten zu Tag 17 – Hiphop und die Hand am Stab des Nebenmannes

  1. Le Petit-Duc Scops schreibt:

    Everybody’s preparing for Analomy, farming after farming in different areas. Frogs were out farming from 8-10 and from 10-whatever (pm). Sadly, my family ate too late and the second farming was across the river.

    • michikarl schreibt:

      The poor guy. I have a similar problem right now: I’m quite keen on starting my day-out for farming, glyph-hacking, destroying and deploying (and maybe a mission or two) but I can’t leave until my therapy starting 10:30 AM is over. Actually it’s my goal to finish the 40 million AP sufficient for level 16 this weekend, right now I have about 3.38 million AP. But there is still one onyx badge missing for archiving 16. Gonna get it by walking or glyph-hacking before the year is over.

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