Tag 19 – ein ruhiger Tag in der Klinik und ein Haar im Salat

Mein Wecker meldete sich mit seiner Piepshow um 08:10 Uhr, von wegen Frühstück bis 09:00 Uhr. Egal. Aus das Ding, umdrehen und weiterschlafen bis nach 10:00 Uhr. Es ging und war auch mal wieder schön. Duschen und anziehen.

Ich machte mir einen Instant-Cappuccino und aß ein paar Kekse. Dann überprüfte ich in der Waschküche, ob was frei wäre… war nicht, aber ich habe mich für morgen eingetragen. So verbrachte ich einen sehr entspannten Vormittag, ein bisschen herumlungern in der Lobby, Cappuccino schlürfen und ein Schwätzchen hier, ein Schwätzchen da.

Irgendwann gab es Mittagessen, und ich nahm teil, obwohl ich mich ausgetragen hatte. Da an meinem Standard-Tisch keiner saß und eine hübsche, junge Dame aus meiner Gruppe alleine an ihrem Tisch aß, fragte ich mich, ob ich mich dazu setzen dürfte. Ich durfte, und wir unterhielten uns sehr angeregt beim Essen. Wir hatten uns in den vergangenen zweieinhalb Wochen noch nie so unterhalten (sie ist länger hier als ich und verlässt die Klinik kommende Woche), wir haben uns gegenseitig unsere Vitae erzählt und so weiter. Nach dem Essen setzten wir das noch bei einem Kaffee vom Dallucci eine ganze Weile fort. Sie ist jetzt ein bisschen alleine hier, weil die Leute, mit denen sie in der Gruppe angefangen hat, schon alle weg sind. Sie hat hier zwei Wochen Verlängerung bekommen, aber die sind nun auch fast zuende.

Nach dem Essen machte ich meine „Hausaufgaben“ und schrieb einen zweiseitigen Aufsatz zum Thema „Was wollte ich als Kind?“ (ich denke, gemeint war, beruflich, jedenfalls habe ich das geschrieben). Das hatte mir meine Bezugstherapeutin beim Einzeltermin aufgegeben. Aus Spaß verfasste ich das ganze wie einen Brief mit „Liebe Frau xxx, ich soll aufschreiben, als Hausaufgabe, was ich als Kind werden wollte. Mit einem Wort: Erfinder.“ Danach folgte die lange Version. Und die zwei Seiten endeten mit „So, ich hoffe, ich habe Ihre Aufmerksamkeit bis hierher fesseln können. Sie hätten sich ja auch für die Kurzversion („Erfinder“) entscheiden können. Also beschweren Sie sich bitte nicht über die Länge. ‚Thema verfehlt, 6, 10 Stockhiebe und 1 Cappuccino für mich!‘ werde ich nicht akzeptieren. Herzlichst sowie hochachtungsvoll (ehrlich!), Ihr Michael Karl.“ Das mit den 10 Stockhieben (wahlweise Peitschenhiebe) und dem Cappuccino, den man ihr ausgeben soll, ist eine Art running gag. Bin gespannt, was sie dazu sagt. Ich schätze, es wird ihr gefallen.

Danach habe ich kurz mit meinem Vater telefoniert. Ich wollte einen Brief an meine Mutter beginnen und überflog den ihren an mich zuvor noch mal, da stand etwas drin, was ich kurz und unverzüglich besprechen wollte. Das war mir beim ersten Lesen noch gar nicht so aufgefallen.

Danach wollte ich den Brief beginnen, aber dann war ich aus irgendeinem Grund noch mal unten, und da lief mir die Frau über den Weg, die diese Tassen gestaltet (siehe vorangegangener Artikel). Ich wollte ja eine davon als Geschenk für eine Mitpatientin aus meiner Gruppe kaufen, die heute Geburtstag hat. Kurze Zeit später tauchte der Mann der Tassenfrau mit ein paar Sätzen Tassen hier auf, und ich konnte ein Exemplar erstehen. Also ging ich zurück in mein Zimmer, habe das ganze mit Tee, Instant-Kaffee, Trinkschokolade und Süssigkeiten aufgemotzt, schön verpackt, noch eine Karte dazu geschrieben, und fertig war das Geschenk.

Danach habe ich dann doch eine Seite an meine Mutter geschafft. Dann war aber schon wieder Zeit für das Abendessen. Ich setzte mich an den Tisch des Geburtstagskindes, an dem reichlich Platz war, offenbar waren viele aus der Tischgruppe noch abwesend. Also konnte ich mein Geschenk überreichen, die Beschenkte hat sich sehr gefreut, ich wurde geknuddelt, und wir beendeten die Mahlzeit gemeinsam.

Eine Dame von einem anderen Tisch wollte mich sprechen, wegen einer Beschwerde. Ich dachte erst, sie wolle sich bei mir über mich beschweren, irgendwas an meinem Verhalten würde ihr nicht passen. Insbesondere, weil es nicht das erste Mal wäre, sie hatte sich bei meinem ersten Walking darüber beschwert, ich redete zu viel und zu laut.

Als ich nach meinem Abendessen mit einem Tee an ihren Tisch kam, hielt sie mir ein Stück Sellerie mit einem Haar unter die Nase: „Kennst Du dieses Haar?“ „Hm, von mir ist es nicht, guck mich mal genau an“, dachte ich. Dann schnallte ich erst, dass sie mich in meiner Eigenschaft als amtierenden Patientensprecher angesprochen hatte. Es wurde kritisiert, und zwar von der ganzen Tischgemeinschaft, dass das Küchenpersonal zwar mittags Häubchen trüge, abends aber nicht. Da im Prinzip das Abendessen schon zuende war, sah ich gerade niemanden vom Personal, ich muss morgen mal darauf achten. Das Haar kann auch von einem Patienten/einer Patientin kommen, die sich alle mal über den Salat beugen. Aber es geht nicht um das Haar, sondern um die Kopfbedeckung. Wenn das stimmen sollte, dann muss sich das ändern. Die können uns hier nicht Hygiene vorne und hinten predigen und das eigene Küchenpersonal (eigen ist so eine Sache, dahinter steht ein Unternehmen namens MediRest) hält das nicht ein. Das muss ich also mal prüfen.

Sellerie und Haar

Das corpus delicti: Sellerie und Haar.

Ein weiterer Punkt war, dass die Wiederverwertung von Lebensmitteln gemutmaßt wurde. Das muss ich absolut so formulieren, denn dass es mittags Wiener Würstchen gegeben hat und abends Wiener Würstchen in der Suppe schwimmen, beweist nicht, dass es sich um dieselben Wiener Würstchen handelt, und wenn es auch noch so naiv sein mag, das Gegenteil anzunehmen. Fakt ist, dass nach der EG Lebensmittelverordnung 852/2004 (ich habe ein wenig recherchiert) Lebensmittel nicht wiederverwertet dürfen, es in der Großküchenpraxis aber, einem investigativen Artikel der „Welt“ zufolge, durchaus werden. Dabei ist von einem britischen Konzern, der Compass Group, die Rede, mit deren Geschäftsführer und anderen hochrangigen Mitarbeitern die Welt auch ein Interview gebracht hat. Da geht es um den Vorwurf der Wiederverwertung, und da wird sogar zugegeben, dass es solche Einzelfälle in Tochterunternehmen gegeben hat. Nun, MediRest ist ebenfalls ein Tochterunternehmen der Compass Group. Grund ist natürlich der Preisdruck. Die Geschäftsführung sagt, Wiederverwertung ist gemäß 852 natürlich streng im Unternehmen verboten, und zuwiderhandelnde Köche würden streng abgemahnt. Die zuwiderhandelnden Köche hingegen sagen, der Einkauf sei ohne Widerverwertung nicht im preislichen Rahmen zu machen, und wenn sie zu viel Geld ausgäben, stünde sehr schnell irgendein Regionalleiter auf deren Matte, um sie zurechtzuweisen. Gut, ich könnte über das Thema noch endlos weiterschreiben, aber ich belasse es mal dabei.

Zwei weitere Punkte der Beschwerde waren die mangelnde Abwechslung, exemplarisch beim Abendessen, und dass das Brot mal trocken war. Dazu habe ich eine abweichende Meinung, aber mein Job ist es wohl, die Beschwerden der Klinikleitung vorzutragen, nicht, sie zu bewerten.

Achtung, Ingress-Absatz
Nachdem ich mir die Beschwerden angehört hatte, trank ich meinen Tee aus und ging auf mein Zimmer. Dann checkte ich das Wetter durchs Fenster, es regnete gerade nicht, also beschloss ich, meinen Sojourner-Spaziergang zum Kreisel zu machen. Zwar gab es zwischenzeitlich keinen Regen, aber der Wind war sehr heftig. Und ein wenig Nieselregen kam auch wieder dazu. Am Kreisel sagte mir Ingress wieder (ich hatte das völlig vergessen), dass ich ein Update bräuchte. Und das versuchte ich schon den ganzen Tag erfolglos runterzuladen. Und das Problem bestand weiter. Ohne Update -> bye bye, Sojourner-Tage. Nachdem ich alles mögliche versucht hatte, lud ich mir eine apk-Datei von einer zweifelhaften Quelle herunter und installierte Ingress von da. Es funktionierte. Ich blieb etwas da und hackte abwechselnd die beiden Kreiselportale, während ich außerdem parallel mit einem Ingress-Spieler daheim und meinem Neffen in Kanada chattete. Irgendwann, als die Portale ohnehin fast ausgebrannt waren, wurde mir das mit dem Wind zu heftig und ich ging wieder zurück zur Klinik.

Hier ging ich wieder auf mein Zimmer und begann, den Blogeintrag zu schreiben. Zwischenzeitlich kam ich auf die Idee, die Essensangelegenheit bzw. die diesbezüglichen Beschwerden mit meiner Mitpatientensprecherin zu besprechen und dabei noch Wasser zu holen, meinen Kaffeebecher zu spülen und so weiter. Ich traf die junge Dame auch an, und wir sprachen auch darüber.

Und jetzt muss ich auch langsam mal ins Bett. Leider habe ich nur eine Seite des Briefes an meine Mutter geschafft. Ich muss dem mal mehr Priorität einräumen.

Achja… in meinem Schließfach wies mich ein Zettel auf ein Päckchen hin, welches für mich gekommen ist. Als ich den sah, hatte man an der Rezeption aber schon Feierabend. Ich bin gespannt!

Bis bald.

Mein Therapieplan für morgen:

09:30 Uhr – Visite

10:00 Uhr – Therapie-Gruppe

11:30 Uhr – Autogenes Training

14:15 Uhr – Job on/Job off

15:30 Uhr – Trainingsgruppe

Werbeanzeigen

Über michikarl

Ich möchte den Werbetreibenden, die heutzutage mehr Daten über Individuen sammeln als die Geheimdienste dieser Welt, nicht kostenlos Informationen zur Verfügung stellen. Obwohl ich das mit Sicherheit auch hiermit bereits getan habe.
Dieser Beitrag wurde unter Wuppertal veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Tag 19 – ein ruhiger Tag in der Klinik und ein Haar im Salat

  1. Elisabeth schreibt:

    Hm, mir geht das mit dem Verbot der Wiederverwertung ja eher gegen den Strich. Warum sollen Würstchen vom Mittag, die keiner angefasst hat, nicht am Abend in die Suppe geschnippelt werden? Da landen statt dessen Berge völlig intakter Lebensmittel auf Müllkppen, das ist doch abartig! Aber ich verstehe natürlich auch, dass in öffentlichen Einrichtungen und schon überhaupt in Einrichtugen des Gesundheitswesens die Hygienevorschriften andere sein müssen als im Privathaushalt. Dennoch wäre ich die Letzte, die sich über so etwas beschweren würde. Doch Du hast Recht: Hier geht es nicht um Deine Meinung und noch weniger um meine, Du musst das als Patientensprecher einfach nur weitergeben. Finde ich übrigens gut, dass Du den Job übernommen hast!

    • michikarl schreibt:

      Ich finde das auch nicht gut. Von einerm wiederverwendeten Wiener Würstchen stirbt keiner. Aber in Krankenhäusern müssen selbst zurückgehende, ungeöffnete Joghurts weggeworfen werden. Der Patient könnte Krankheitserreger an der Verpackung hinterlassen haben. Unschön, aber wenn Du für die Hygiene verantwortlich bist, stehst Du auch dafür gerade, wenn halt DOCH mal jemand erkrankt, weil man etwas nicht wegwerfen wollte…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s