Tag 21 – Bergfest (vielleicht) und viel liebe Post

Nachdem der Wecker um 06:40 Uhr Rabbaz gemacht hatte stand ich auf, schlüpfte in die Sportklamotten und eilte zum Frühsport in Raum Wuppertal. Hm. Frühsport nervt zwar (also, insbesondere das „Früh“), aber es ist nicht so anspruchsvoll wie teilweise „Trainingsgruppe“ oder „Sport und Bewegung“. Und ich muss feststellen, dass ich, obwohl ich auch die Sporttherapeutinnen durchaus schätze, einfach lieber bei den Männern Sport mache. Dieselbe Meinung habe ich auch schon von einer der Mitpatientinnen gehört, liegt also nicht unbedingt daran, dass ich selbst ein Kerl bin.

Nach dem Sport ging ich frühstücken, danach traf sich die Gruppe in Raum Wuppertal II. Nur leider kam keine Therapeutin. Auch wenn das nicht jeder in der Gruppe mitbekommen hatte, so hatte unsere Bezugstherapeutin gestern gesagt: „Egal was im Therapieplan steht, wir treffen uns morgen um 08:30 Uhr“. Und wir waren ja auch da. Aber nach 30 Minuten ohne Therapeutin (natürlich versuchten wir, sie aufzutreiben, aber sie war nicht mal im Haus, wir argwöhnten schon, dass sie wegen des Sturms hier womöglich Schwierigkeiten hatte, herzukommen) lösten wir die Runde auf. Ich hatte zwei Stunden Zeit bis zu meiner nächsten Anwendung und machte einen Sojourner-Spaziergang.

Die nächste Anwendung wäre Walking gewesen. Wegen der Unwetterwarnung waren alternative Sportmöglichkeiten angeschlagen. Ich entschied mich mit einer Mitpatientin, zu einer Geh-Meditation in den Enspannungsraum zu gehen. Dort erwarteten uns eine Sporttherapeutin und eine weitere Patientin. Wir waren also insgesamt nur zu viert, und das war auch sehr gut so, weil wir Platz gebrauchen konnten. Zuerst setzten wir uns auf den Boden, und die Therapeutin erklärte, wie das ablaufen würde. Im Wesentlichen geht es darum, so langsam wie möglich durch den Raum zu gehen. Je langsamer, desto besser. Dabei soll man dann seine Aufmerksamkeit komplett auf die Körperempfindungen während des Gehens lenken. Wenn doch Gedanken kommen – was bei Anfängern in meditativen Übungen eigentlich immer passiert, dass soll man die beobachten. Nicht unbedingt wegschieben oder ziehen lassen, sondern versuchen, „von außen zu betrachten“. Ein Ziel für Anfänger ist nämlich, dieses Turbo-Gedankenchaos, welches wir normalerweise den ganzen Tag im Kopf haben, überhaupt erst einmal als solches wahrzunehmen. Sozusagen eine Bestandsaufnahme. Das kam aber erst bei der Retro nach der Meditation so richtig zur Sprache. Das Gehen fand zu meditativer Musik statt. Als die Musik nach 20 Minuten endete, sollten wir uns dort, wo wir gerade waren, auf den Boden setzen. Nach fünf weiteren Minuten ertönte eine Klangschale, und die Meditation war beendet. Natürlich war die ganze Zeit mal Klappe halten angesagt, und auch sowas wie einem Juckreiz nachgeben und kratzen oder so sollte möglichst unterdrückt werden.

Es war eine ganz interessante Erfahrung, so langsam wie möglich zu gehen und dabei den ganzen Bewegungsablauf bewusst wahrzunehmen. Das ist anstrengender, als man denkt, denn erstens steht man länger auf einem Bein (was ich eh nicht gut kann), und zweitens hat man keinen Schwung, den man nutzen kann. Je weniger ich mich konzentrierte, desto schneller ging ich. Trotzdem war ich recht langsam, die Frau vor mir lief mir weg, und die hinter mir holte auf. Achja, man sollte den Blick auf den Boden vor den Füßen richten, damit einen nichts ablenkt. Aber irgendwann sah ich, nach einer halben Runde durch den Raum, die Füße der Therapeutin vor mir. Krass, die war überhaupt fast gar nicht vom Fleck gekommen. Schon ein lustiges Konzept, dass mal nicht der schnellste, sondern der langsamste „gewinnt“, auch wenn es ja kein Wettkampf ist. Da die Therapeutin quer zu mir ging, musste ich mir dann irgendwann noch ein „Konzept ausdenken“, um nicht mit ihr zu kollidieren. Klingt total bescheuert, aber wenn man sich so langsam bewegt, hat man ja Zeit, sich das zu überlegen. „Passe ich da durch? Links vorbei? Rechts?“ Und auch die Ausweichbewegung, das Drehen der Füße, als Abwechslung zum Geradeauslaufen, all das, was sonst völlig automatisch abläuft, habe ich total bewusst wahrgenommen.

Die Musik war zuende, als ich dachte, wir hätten vielleicht 10 Minuten hinter uns. Ich hatte ziemlich genau eine Runde durch den Raum hinter mir, allerdings konnte ich wegen des Ausweichmanövers nicht die volle Raumlänge nutzen. Das Sitzen auf dem Boden war nicht so schön, weil ich nicht gut auf dem Boden sitzen kann. Schneidersitz geht gar nicht, und es gibt einfach keine Position in der ich angenehm lange sitzen kann. So waren die fünf Minuten schon eher lang, weil ich mich nicht bewegen wollte. Schließlich ertönte die Klangschale, und die Übung war beendet. Es folgte noch die Feedbackrunde, das war es dann. Ich fühlte mich anschließend irgendwie gut erholt.

Anschließend gab es Mittagessen, Hühnchen mit Reis und Gemüse in meinem Fall.

Viele schöne Sachen in der Post

Viele schöne Sache in der Post: Schlümpfe, Fröschen, Karten, Briefe, Kaffee, Ostereier und -hase und ein Maulwurfn-Video. Den Maulwurfn hat Bärchen übrigens selbst gemacht.

In meinem Postkasten fand ich einen Brief von einer sehr guten Freundin aus Osnabrück-Schinkel und einen Zettel mit einem Hinweis auf ein Päckchen an der Rezeption vor. Ich holte mir die in Froschkönig-Geschenkpapier eingeschlagene Postsendung ab und eilte auf mein Zimmer. Das konnte ja nun nicht warten! In dem Päckchen war von meiner Chor-Schwester Bärchen und ihrem Freund und enthielt viele tolle Sachen: Eine Packung Haribo Schlümpfe, zum Ausgleich auch eine Packung Haribo Frösche, einen Kopfstand-machenden Bären, der nach dem Aufziehen auf seinen Händen läuft, einen Brief und einen USB-Stick. Ich holte sofort meinen Laptop aus dem Safe und stöpselte das Ding gespannt ein. Er enthielt eine Datei „schlumpfen.mp4“, eigens produziertes Video mit dem Maulwurfn (frei nach René Marek), einem Schlumpf und einem Frosch. Den Stick muss ich aber zurückgeben, weil mich sonst (Zitat) „der Storch holt“.

Der Brief enthielt eine sehr liebe Karte. Gestern schon hatte ich von der „Handtaschenfreundin“ (alte Geschichte) und ihrem Mann ein Päckchen bekommen, da waren schon einmal Osterhasen- und Eier drin, eine sehr liebe Karte und so ein Päckchen Kaffee inklusive Filter für eine Tasse. Ich bin mal gespannt, wie das klappt, muss ich bald mal ausprobieren. Wie auch immer, als ich das alles mal auf meinem Schreibtisch aufgebaut und fotografiert habe, fühlte sich das ein bisschen wie Geburtstag an! Habt Dank, all Ihr Lieben!

Ich suchte danach Raum London für eine PMR auf. Ist ja normalerweise nicht so mein Ding, die Progressive Muskel-Relaxation, aber diesmal tat mir das ganz gut. Die Therapeutin, bei der ich sonst noch nie etwas gehabt habe, hat das ganz gut gemacht. Irgendwer meinte am Ende sogar „Nochmal!“, daraufhin machten wir noch eine kurze Übung, die man zu zweit macht, paarweise.

Nun hatte ich satte zwei Stunden Zeit. Ich ging duschen, zog mir nur meine Schlafanzughose an und legte mich für solide anderthalb Stunden schlafen.

Anschließend ging ich ausgeschlafen zu meiner Bezugstherpeutin. Inzwischen war die da, und ich hatte einen Einzeltermin. Dort kam heraus, dass der Termin heute eigentlich für morgen gedacht war, da hatte sie sich entweder vertan, oder wir haben das kollektiv falsch verstanden. Nun, das ist gegessen. Ansonsten habe ich ihr meine Hausaufgabe in Briefform gegeben. Ich durfte sie ihr dann vorlesen, wobei sie mich bremste, weil ich zu schnell las. Wir sprachen über das Thema, was ich als Kind wollte, was ich jetzt will, und darüber, dass ich immer wieder das Gefühl habe, mein Potential bei weitem nicht abrufen zu können. Es ging auch um das, was ich inzwischen dazu herausgefunden habe und wie so mein Plan aussehen könnte, was gegen das Problem, dass ich sehr ungerne lerne, tun könnte. Insofern war es ganz fruchtbar, auch wenn das alles noch nicht ausgereift ist. Aber ich habe ja noch etwas Zeit hier.

Wie auch immer, vielleicht war es ein Thema, viel und lustig zu schreiben. Denn jetzt verlangt die gute Frau von mir unter anderem als Hausaufgabe, Kurzgeschichten zu möglichen Zukunftsszenarien zu verfassen. Das wird hart. Ich schreibe zwar Reiseberichte und sowas flockig runter, aber ne Kurzgeschichte, die sich schlüssig liest und sowas wie einen vernünftigen Anfang und ein gutes Ende und auch noch sowas wie einen Clou hat… Puh. Darin bin ich total unerfahren.

Nach dem Termin hatte ich theoretisch Feierabend, aber es war schon Zeit für die Hausführung als Patientensprecher mit den heutigen Neuankömmlingen, derer zehn Personen. Eigentlich fast elf, denn eine war ziemlich schwanger. Auf die mussten wir noch fünf Minuten warten, aber dann ging es los. Wir begannen im Therapiezentrum, deren Räume nach Europäischen Hauptstädten benannt sind (außer Jul 1 bis Jul 4). Die Räume gehen alle von einem Raum mit Couch und Fernseher ab, der nach „Feierabend“ im Therapiezentrum als Aufenthalts- und Fernsehraum genutzt wird. Dann ging es zum großen Schwarzen Brett, erklären, was da alles so angeschlagen wird. Unter anderem kann man sich da in die Fernsehliste eintragen. Dann war der Ordner, wo man sich für freiwillige Zusatzaktivitäten (Pilates, Yoga, Feldenkrais etc.) eintragen kann zu zeigen, der Patientenkühlschrank, die Pinnwand mit Freizeittipps etc. Dann gingen wir in den Vortragsraum, vorbei an Schließfächern und öffentlichem Internet-Terminal und dann Richtung Keller. Hier waren die Sporträume, Schwimmbad, Sauna, Werkräume, der Waschraum und der Pub zu zeigen und alles zu erklären. Immer, wenn ich zu ausschweifend wurde, bremste mich meine Mitpatienten-Sprecherin. Denn sie wollte fertig werden, weil sie noch Fitnessraum- und Saunapläne hatte. Wir beendeten die Führung schließlich wieder in der Lobby, wo wir sie auch begonnen hatten, und es gab dann gleich Abendessen. Später sagte mir eine der neuangekommenen Damen (es gab keine Männer heute neu), wir hätten das sehr gut gemacht.

Nach dem Abendessen machte ich einen weiteren Spaziergang zum Kreisel. Anschließend verzog ich mich in mein Zimmer, um zu bloggen. Und das war es dann auch für heute.

Mein Therapieplan für morgen:

08:30 Uhr – Indi Stress

10:15 Uhr – Fitnesstraining

13:00 Uhr – SINA/TAF (Sinnesaktivierung / Training Arbeitsrelevanter Fähigkeiten)

16:00 Uhr – Einzel-Physio

Nachtrag

Meine Mit-Patientensprecherin meint, ich investiere zu viel Zeit in meinen Blog und sollte nicht immer so viel auf meinem Zimmer hocken. Sie nimmt hier alles mit was geht an Zusammensein mit anderen Patienten und zusätzlichen Freizeit-Angeboten – und meint, das solle ich für mich auch tun. Tja. Einerseits klingt das vernünftig. Andererseits muss ich das für mich selbst entscheiden. Ich blogge halt gern, und ich bekomme viel positives Feedback. Und ich hab einfach auch nicht soviel Lust auf Socialising und neue Leute kennen lernen. Und auch nicht unbedingt auf immer mehr Leidensgeschichten von den anderen.

Als ich meinte, ich habe nicht so viel Bock auf neue Kontakte, weil ich schon so viele Freunde habe, meinte sie, ich müsse vielleicht wen aussortieren, und ob das denn wirklich gute Freunde seien und so. Da riss mir dann doch ein bisschen die Hutschnur, mir von so einem jungen Ding was über den Unterschied von „Bekannten“ und „Freunden“ erzählen lassen zu müssen. Das habe ich ihr auch gesagt. Ich glaube, ich bin in der Lage, „Bekannte“, „Kumpels“ und „Freunde“ zu unterscheiden, und ich glaube, dass ich nicht wenige gute Freunde habe.

Trotzdem, mit der anderen Sache, dass ich meine Zeit hier sinnvoller verbringen könnte, als stundenlang Blogeinträge zu schreiben – damit könnte sie recht haben. Falls ich mal weniger oder nicht mehr jeden Tag schreiben sollte, dann wisst Ihr jetzt, warum.

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Über michikarl

Ich möchte den Werbetreibenden, die heutzutage mehr Daten über Individuen sammeln als die Geheimdienste dieser Welt, nicht kostenlos Informationen zur Verfügung stellen. Obwohl ich das mit Sicherheit auch hiermit bereits getan habe.
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Eine Antwort zu Tag 21 – Bergfest (vielleicht) und viel liebe Post

  1. Elisabeth schreibt:

    Hallo Chorschwester Bärchen und Freund, sehr cool, das Maulwurfn-Video!!!

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