42 Tage in Wuppertal – eine Kurzgeschichte

„Sind Sie denn bescheuert, die Therapeutin ‚Frau Specht‘ zu nennen?“ Der stellvertretende Chef-Lektor des Suhrpampenverlags (Name geändert) funkelte mich über den Rand seiner randlosen Brille an. „Da weiß doch jeder, wer gemeint ist, und ratz-fatz sitzt der Anwalt der lieben Dame genau da, wo sie gerade meine Couch abnutzen!“ „Aber ich dachte, als kleine Hommage…“ „Sie dachten, Sie dachten! Ich denke, die Prozesskosten möchte ich meinem Arbeitgeber ersparen! Und überhaupt! ’42 Tage in Wuppertag – Ein Tagebuch aus der Reha‘ – wer soll denn das lesen? Die Leute sind doch schon depressiv genug! Und wie banal kann es noch werden:“ Er hob mein Manuskript mit spitzen Fingern vom Tisch auf, als sei bereits ein Pfund Zander darin eingewickelt gewesen, und begann zu lesen. „Die Therapiegruppe E tagte im Raum Wuppertal 2. Frau Specht erklärte die Evaluation von Zielen anhand zweier Akronyme und einem sprachlichen Bild. Man solle seine Ziele in einen SMART packen und damit die ALPEN hochfahren. In mir entstand mein eigenes Bild. Vor meinem inneren Auge sah ich auf meiner Schulter einen kleinen Specht sitzen, der in regelmäßigen Zeitintervallen seinen Schnabel stimmulierend in meine Großhirnrinde bohrte…“
„Aber ich dachte, das muss doch authentisch…“ „Papperlapapp, authentisch! Zeitgeist, Herr Karl, die Leute wollen Zeitgeist! Lesen sie mal die Werke von Thommy Jaud, der hat Verve! Und apropos Specht: Ich muss mich jetzt weiter durch eine halbe Tonne Makkulatur von Nachwuchs-Schmierfinken wie Ihnen kämpfen. Guten Tag!“

„Völlig entnervt ließ ich die PMR bei Herrn Hund über mich ergehen. Ich war noch total frustriert davon, dass mich Frau Balkoni beim Walking aussortiert hatte, weil ich wegen meines Hüftschadens eher ‚Hinking‘ praktizierte. ‚Und sagen Sie nun in Ihren Gedanken „Ich bin ganz ruhig“ ‚. In Gedanken zeigte ich der PMR-Pissnelke einen mentalen Mittelfinger, aber dann war es überstanden.“ Völlig entnervt klappte ich meinen Laptop zu. Ich hatte versucht, einigen Passagen meines Manuskriptes Feinschliff zu verpassen. Aber ich konnte mich nicht konzentrieren. Aus Vorbei. Nachdem ich alle kleinen, konzernfreien Verlage, die man bei Google finden kann, abgeklappert hatte, hatte ich den Stier bei den Hörnern gepackt und es bei den Großen der Branche versucht. Leider genauso erfolglos. Kein Verlag wollte mein Reha-Tagebuch. Lustlos holte ich mir einen frischen Kaffee aus der Küche und klappte den Laptop wieder auf.

Wo war doch gleich die Stelle? Achja, Kapitel 5 „Mit dem SMART sicher durchs Therapieplan-Chaos“. Genau, da war der Abschnitt mit dem Einzelgespräch bei Frau Vogel. Nachdem wir einige Dinge, die im therapeutischen Alltag so vorgefallen waren, besprochen hatten, durfte ich meine Hausaufgabe vorlesen, die sie mir aufgegeben hatte: „Schreiben Sie Kurzgeschichten über Ihre möglichen, beruflichen Zukunftsszenarien.“ Bei der Variante „Ich werde ein erfolgreicher Autor“ hatte sie viel geschmunzelt und an einigen Stellen herzhaft gelacht. „Ja!“, hatte sie ausgerufen, „super Geschichte, aber wenn Sie mich wirklich ‚Frau Spatz‘ nennen, sitzt mein Anwalt aber ratz-fatz auf der Couch bei Ihrem Verleger, darauf können Sie sich verlassen!“

Bei dem Cappuccino, den ich ihr für den Namen „Frau Spatz“ ausgeben musste, sprachen wir über meine berufliche Zukunft. Schreiben, so war das Credo, sei meine große Begabung, und es sei quasi meine Pflicht, die Welt daran teilhaben zu lassen. Und vor allem könne ich das ja völlig risikolos neben meinem Beruf abends tun. So wurde das Ziel verabschiedet, innerhalb eines Jahres einen verlagsreifen Roman zu verfassen, nachdem wir es schnell nach SMART (sozialverträglich, marktreif, authentisch, relevant, temporeich) evaluiert hatten.

Ich erinnerte mich, wie euphorisch ich ans Werk gegangen war, welche Blockade und Rückschläge ich hatte überwinden müssen. Wie zufrieden ich mit mir gewesen war, als ich meine Rohfassung fertiggestellt hatte. Und dann… Ablehnung nach Ablehnung, „Wir senden Ihnen zu unserer Entlastung Ihre Unterlagen zurück“, „Wir bedauern, Ihr Werk nicht veröffentlichen zu können“, nein, nein, NEIN! In einem Anfall von Zorn und Frustration markierte ich die Textdatei mit der Maus, klickte rechts, „Datei endgültig löschen“, klick links. Was ziemlich theatralisch und witzlos war, schließlich hatte ich eine Sicherheitskopie auf einer externen Festplatte. Irgendwo.

Mein Handy vibrierte. WhatsApp-Nachricht von Melanie. Da klickte etwas in meinem Kopf. Mein Blick blieb unwillkürlich an meinem eBook-Reader hängen. Melanies Schwester Elisabeth schrieb seit Jahren erfolgreiche Lokalkrimis, die sie über Amazon zunächst ausschließlich als eBook vertrieben hatte. Quasi über Nacht hatte sie so viele eBooks verkauft, dass sie ihren Beruf aufgeben und ausschließlich vom Schreiben leben konnte. Wir hatte ich das nur vergessen können? Ja! Das war der Weg. Das könnte, nein, das würde funktionierten. Mist! Wo war nochmal diese Festplatte? Genau da, wo sie hingehörte, in der dritten Schublade meines Rollcontainers. Und die Datei war auch noch drauf und intakt. Puh. Glück gehabt.

Ein Jahr und 125.000 verkaufte eBooks später…

Ich feilte gerade am Schluss der Fortsetzung „Die Häkelnadel des Grauens“, als das Telefon dudelte. Ich drückte auf den grünen Hörer und meldete mich: „Amt für literarische Terroranschläge und mutwillige Buchstabenverschwendung, Sie sprechen mit Michael Karl. Was kann ich für Sie tun?“ „Ähm…“ Sicher, das. Die Verarbeitung konnte noch so 20.000 Millisekunden dauern, also wartete ich geduldig. „Sind Sie das, Herr Karl?“ Nein, Barak Obama. Also weiter geduldig warten, danke für das Training, Vollpfosten. „Und ist zu Ohren gekommen, dass man in der Autorenszene munkelt, Sie arbeiteten an einer Fortsetzung zu ’42 Tage in Wuppertal‘. Hier spricht Degenhardt Schmidtbauer, stellvertretender Chef-Lektor des Suhrpampen-Verlags. Wollen wir bei einer Tasse Kaffee einmal über die Veröffentlichungsrechte sprechen?“ Weihnachten, Ostern, mein neunter Geburtstag und der Tag, an dem „Battlefield 4“ veröffentlicht wurde, verschmolzen in meinem Kopf zu einem bunten Reigen. „Nein danke. Kein Interesse. Ihre Couch ist mir zu abgenutzt.“, trällerte ich in den Hörer, „Guten Tag.“ Mit mir und der Welt im Reinen drückte ich auf die Taste mit dem roten Hörer.

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Über michikarl

Ich möchte den Werbetreibenden, die heutzutage mehr Daten über Individuen sammeln als die Geheimdienste dieser Welt, nicht kostenlos Informationen zur Verfügung stellen. Obwohl ich das mit Sicherheit auch hiermit bereits getan habe.
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5 Antworten zu 42 Tage in Wuppertal – eine Kurzgeschichte

  1. Elisabeth schreibt:

    Wow – du solltest das vielleicht ernsthaft mal ins Auge fassen…

    Übirgens habe ich neulich mal Deine Klinik gegooglet, weil ich die Adresse brauchte. Ich kam u.a. auf ein Werbe-Video auf Youtube und von dort weiter auf ein Video-Kliniktagebuch eines Menschen mit dem Pseudonym Carlos, der allerdings in einer anderen Klink war. Carlos hat auch ein Buch geschrieben: „Burnout, Depression, Borderline – ein harter Kerl im Tal der Tränen“ http://www.carlosmilk.de/

  2. michikarl schreibt:

    Mann, Du bist schnell… demnächst kommentierst Du, bevor ich was veröffentliche. Schreibe gerade den heutigen Blogeintrag.

  3. Elisabeth schreibt:

    Ja, zumal ich ja ohne Smartphone leben und deshalb normalerweise alles später mitbekomme als andere… Aber ich saß gerade am PC, hatte Mails gelesen und und beantwortet und wollte mich ausloggen, da war die Benachrichtigung zu diesem post just eingegangen. Aber jetzt ist schon der nächste Tag, und Dein neuer Eintrag ist noch nicht online…

    • michikarl schreibt:

      Ja, es war schon nach null Uhr. Heute 7:40 aufstehen. 9:30 Gottesdienst. Schreibe ich später fertig. Ich gehe jetzt Zocken, werde wohl etwas in Verzug kommen.

  4. Elisabeth schreibt:

    Na ja, dafür sind ja jetzt (am darauf folgenden Morgen) gleich zwei Einträge da!

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