Tag 30 – Sag mir, wer ich bin!

Der Wecker, das blöde Schwein, weckt mich um 07:40 Uhr. Sportklamotten, Frühstück, Ihr kennt das ja mittlerweile. 08:30 Uhr war ein Gesundheitsvortrag angesagt. Leider war das dann nicht, wie auf dem Plan stand, Thema „Motivation“ (hätte meine Bezugstherapeutin gehalten, aber die ist diese Woche ja noch im Urlaub), sondern bei einer Dame vom Sozialdienst das Thema „Versorgungssysteme in Deutschland“ oder so ähnlich. Ich sah gleich an der ersten Folie, dass ich den Vortrag schon gehört habe.

Mir war nicht danach, wieder ins Bett zu gehen, also gönnte ich mir einen Tee und arbeitete an einer Hausaufgabe weiter. Viel Schreibkram, den ich langsam mal zu einem Ende führen muss.

Der nächste Termin war um 09:30 Uhr Visite bei meiner Ärztin. Wir kauten meinen Physio-Kram bzgl. Hüfte und Knie nochmal durch. Ich sagte ihr, dass ich beim Treppe hoch steigen Beschwerden hätte, und sie gab mir einen Tipp mit, wie ich mich bewegen solle, ich sollte das aber noch mal mit meiner Sporttherapeutin besprechen, insbesondere, ob ich vielleicht lieber Aufzüge verwenden sollte. Normalerweise vermeide ich das, weil ich die Bewegung mitnehmen möchte. Wir würden uns um 14:30 Uhr zum therapeutischen Einzelgespräch wiedersehen und besprachen, dass wir uns mit dem Thema „ADHS“ auseinandersetzen würden. Außerdem brachte ich zur Sprache, dass ich mir eine Verlängerung wünschen würde, insbesondere vor dem Hintergrund, dass meine Bezugstherapeutin während meiner Zeit hier zwei Wochen im Urlaub war und es daher kaum einen therapeutischen, roten Faden gab. Die Ärztin sagte, sie würde das aufnehmen und mich auf die Liste setzen, aber wahrscheinlich würde es nicht klappen, weil das Haus voll sei. Aber es wird auf jeden Fall besprochen, und es hängt halt u.a. davon ab, wer noch eine Verlängerung bekommen soll etc. Kommende Woche ist ja meine Bezugstherapeutin wieder da, die frage ich dann auch nach ihrer Meinung, und vielleicht weiß ich dann mehr.

Ich hatte anschließend knapp anderthalb Stunden Zeit. Das Wetter war ausnahmsweise der Hammer, blauer Himmel, Sonnenschein, sogar recht warm. Daher machte ich einen spontanen Sojourner-Spaziergang zum Kreisel.

Elektroschrott

Unverhofft stieß ich auf dem Weg zum Kreisel an einem Container, in dem man Elektrogeräte entsorgen kann, dieses Technikmuseum. Es sieht mir eigentlich nach einem uralten Oszilloskop aus, obwohl die Beschriftung der Schalter mir nicht bekannt vorkommt. Ist lange her, dass ich so ein Ding mal (in modern) benutzt habe…

Danach musste ich noch mein Handtuch aus dem Zimmer holen und kam fünf Minuten zu spät zum Fitnesstraining. Naja, ich war nicht mal der letzte… Jedenfalls schaffte ich deswegen nicht zwei volle Zirkel.

Anschließend gab es Mittagessen. Ich hatte mich eigentlich für einen Entlastungstag eingetragen (mit Obst und Reis, weiß auch nicht, was mich da geritten hat). Aber als ich das alternative Essen nirgendwo sah, nahm ich dann doch, wie ich zu meiner Schande hiermit gestehe, den Hackfleischauflauf und Apfelquark…

Da ich schnell und pünktlich zu Mittag gegessen hatte, hatte ich danach noch eine knappe Stunde Zeit für einen Mittagsschlaf.

Danach hatte ich 13:30 Uhr Walking. Ich ging wieder mit der schnellen Gruppe, diesmal eine Strecke, die ich noch nicht kannte. Es gibt hier, wie ich wahrscheinlich schon erwähnte, eine ehemalige Eisenbahntrasse, die asphaltiert zum Fahrradfahren, joggen, walken, etc. genutzt werden kann. Diese führt auch durch den über 700 Meter langen Scheetunnel. Eigentlich sind es zwei parallele Tunnel, der andere ist gegenwärtig nicht zugänglich, um die Fledermäuse, die dort nisten, nicht zu stören. Unser Sporttherapeut, der aus Wuppertal kommt, erzählte, dass während des zweiten Weltkriegs in den Tunnels mit Zwangsarbeit Flugzeugteile für Messerschmidt hergestellt wurden. Lt. Wikipedia für das erste in Serie gebaute Flugzeug mit Strahltriebwerken überhaupt, die Me 262. Nach dem Tunnel gingen wir weiter auf der Trasse, an beiden Seiten murmelte ein Bächlein, und es war einfach grandios bei dem Wetter.

Gegen 14:15 Uhr kamen wir wieder an der Klinik an, ich hatte gut geschwitzt. Eigentlich hatte ich nicht genügend Zeit, aber ich wollte lieber zu spät als so verschwitzt zum Einzelgespräch mit meiner Ärztin gehen, also duschte ich schnell und zog frische Klamotten an.

Das Einzelgepräch empfand ich leider als nicht sehr produktiv, und ich zügelte mich sehr, um mir meinen Unmut darüber nicht anmerken zu lassen. Meine Ärztin hier ist Allgemeinmedizinerin, aber auch ausgebildete Psychotherapeutin. Allerdings in der Fachrichtung Tiefenpsychologie, meine Bezugstherapeutin ist Verhaltenstherapeutin. Und so ein Durcheinander bringt es einfach nicht, d.h. es gibt keinen „roten Faden“. Das weiß die Ärztin auch. Wir hatten ja abgesprochen, dass wir über ADHS sprechen wollten, daraufhin suchte sie hier nach Material, fand keins und hat dann ein paar Seiten aus dem Internet ausgedruckt, die wir dann oberflächlich durchgingen. Nun ja, sowas kann ich auch zur Not alleine machen, wie gesagt, irgendwie empfand ich das für eine der seltenen, wertvollen Einzelgespräche hier eher als wenig tollen Notnagel. Es ging halt um Symptome, die die Ärztin abfragte, und danach kann es gut sein, dass ich das als Kind hatte und vielleicht auch noch immer habe. Sie meinte, ich hätte inzwischen gute Strategien entwickelt, um damit trotzdem einigermaßen im Leben klarzukommen. Wie auch immer, was ich aus diesem Termin mitnehmen kann: Vielleicht lasse ich mich mal darauf testen. Die Ärztin meinte aber, bei mir wäre wohl eine Behandlung, etwa medikamentös (z.B. mit Ritalin) übertrieben.

Unmittelbar anschließend (seit dem Walking ging alles Schlag auf Schlag ohne Pause) hatte ich mit der Gruppe Gestaltungstherapie. Hurra. Darauf hatten viele (vielleicht gar alle) nicht all zu viel Lust. Ich auch nicht. Aber wir waren da etwas voreilig, viele von uns beurteilten im Nachhinein die Einheit als ausgesprochen sinnvoll und interessant. Die Aufgabe lautete: Gestalten Sie Ihr Selbstbild (Zeichnen, Schreiben, Collage – wie sieht man sich selbst, was macht mich aus). Anschließend war der Zettel zu falten und mit Namen zu versehen. Dann gaben alle ihre Zettel zum rechten Nachbarn weiter. Auf den Zettel, den man jetzt vor sich hatte, sollte man die Eigenschaften desjenigen, deren Namen der Zettel trug, schreiben. Da die Zettel gefaltet waren, konnte man die Selbstbilder ja nicht sehen. Man hatte jeweils eine Minute Zeit, dann gingen die Zettel wieder eine Station weiter. Und das Ganze so lange, bis die Zettel einmal im Kreis herumgegangen waren und man wieder seinen eigenen Zettel hatte.

Danach sollte man das von den anderen erstellte Fremdbild (aus deren Fremdwahrnehmung) mit seinem Selbstbild vergleichen. In meinem Falle deckten sich die von mir eingeschätzten, positiven Eigenschaften ganz gut mit denen aus der Gruppenwahrnehmung. Naja, da stand tatsächlich zweimal „Selbstbewusstsein“, und das würde ich bei mir nicht so sehen, dann bin ich allenfalls ein guter Schauspieler. Aber offenbar gibt es doch Situationen, in denen ich so wirke. Es gab auch ein paar negative Sachen, die ich nicht so auf dem Schirm hatte, aber zum Glück nicht viele. Wie auch immer, ich mag nicht so sehr ins Detail gehen, ist ja sehr persönlich. Auf jeden Fall war das für einige sehr bewegend, eine Person aus der Gruppe war ziemlich aufgewühlt, wenn auch – glaube ich – im positiven Sinne. Die hat, glaube ich, ein ziemlich gutes „Zeugnis“ von der Gruppe bekommen. Das ist eine sehr liebevolle Person, die immer da ist und tröstet, wenn irgendwo mal Tränen fließen, was hier immer mal vorkommt. Ich selbst fand es schon interessant, auf jeden Fall konnte ich unter dem Strich mit dem Fremdbild ganz gut leben, auch wenn mir einiges nicht gefallen hat.

Nach der Einheit saß ich noch mit zwei Leuten aus der Gruppe eine ganze Weile zusammen in der Lobby, und wir redeten über die Einheit in der Gestaltungstherapie. Dabei erhielt ich auch ein persönliches Feedback von jemandem aus meiner Gruppe, was ich ganz gut fand, weil das vielleicht so ne Sache ist, an der ich mal mit meiner Bezugstherapeutin ansetzen kann.

Um 19:30 Uhr stand die Patientenführung an, aber es war unmittelbar nach der Gestaltungstherapie erst 16:30 Uhr. Wir hockten eine ganze Weile bei Kaffee vom Dallucci in der Lobby. Später wollten diverse Leute in der Aal-Kate Fisch oder Sushi essen gehen. Ich hatte auch Lust, mitzukommen, aber nur, wenn ich das rechtzeitig vor der Patientenführung schaffen würde. Das ist ja immer so ne Sache, bis die ganze Bande bereit am Start ist. Wir gingen bzw. fuhren dann auch so ein bisschen grüppchenweise los, ich tigerte mit meiner Mit-Patientensprecherin aus Rostock zu Fuß zur Aal-Kate, während ein paar andere später mit dem Auto losfuhren.

Aal-Kate

Die Aal-Kate mit einer künsterlischen Darstellung der Wupper, der Schwebebahn und ein paar Fischen. Ich weiß nicht, wie es mit den Fischen aussieht, aber Wupper und Schwebebahn sind ein wenig idealisiert dargestellt…

Ich nahm das Tagesangebot, verschiedenen Räucherfisch mit Rührei und Bratkartoffeln, und ein Malzbier. Es war sehr lecker. Meine Mit-Patientensprecherin und ich machten uns dann rechtzeitig wieder zu Fuß auf die Socken zurück zur Klinik.

Wir kamen rechtzeitig an. Aber 19:30 Uhr verstrich, weit und breit keine Neuankömmlinge. Wir sprachen dann zwei Damen, die wir nicht kannten, in der Raucherecke an, und es waren tatsächlich Neuankömmlinge, die hatten den Termin nicht auf dem Therapieplan stehen. Es fehlte noch ein dritter Neuankömmling, der dann aber auch noch auftauchte. Alle drei waren wenig motiviert, die waren von der Anreise platt und wollten eigentlich lieber auf ihre Zimmer. Aber nach ein wenig hin und her scheuchten wir die doch noch ein bisschen im Schnelldurchlauf durch die Klinik, es ist einfach doof, wenn die morgen keinen einzigen Raum finden, der auf deren Therapieplänen steht.

Anschließend hatte ich Feierabend und ging auf mein Zimmer, um zu bloggen. Irgendwann wollte ich Wasser holen, und mir fiel wieder ein, dass ein paar Leute eigentlich einen „Metal-Abend“ im „Pub“ machen wollten. Will heißen, man wollte dort einfach mal laute, harte Musik hören. Also ließ ich die Flaschen auf dem Tresen der Rezeption stehen und ging durch den Tunnel (nicht den oben erwähnten Scheetunnel natürlich, sondern durch den Tunnel, der Haus 3 mit dem abseits stehenden Haus 4 verbindet) zum Pub. Hier war die freche Rostockerin, die gerade Billardkugeln in Stellung brachte und mit ihrem Freund telefonierte. Sie erwartete offenbar noch ein paar Leute. Schließlich beendete sie ihr Telefonat, und wir begannen zu spielen, danach kamen noch meine beiden anderen „Lieblingsmädels“ dazu, dann auch noch zwei ebenfalls geschätzte Kerls aus meiner Gruppe. Ich spielte zwei Runden Kicker gegen eins von den Mädels und eine Runde Billard gegen einen meiner Gruppenkollegen. Der „Metal-Abend“ fiel aber irgendwie aus, es gab nur Musik aus dem Handy, und das war kein Metall.

Danach zog ich mich dann wieder auf mein Zimmer zurück, um den Beitrag hier fertig zu schreiben. Und das war es auch für heute.

Mein Therapieplan für morgen:

07:30 Uhr – Frühsport

09:15 Uhr – Einzel-Physio

10:00 Uhr – Therapiegruppe

12:00 Uhr – Termin bei Frau Mietzner-Liebmann (Verwaltung)

13:00 Uhr – Patientenforum

14:00 Uhr – Sport+Bewegung

15:30 Uhr – MAT Gruppe (Mentales AktivierungsTraining)

19:00 Uhr – Wochenendplanung

(Die Wochenendplanung werden wir sicherlich innerhalb von 5-10 min. unmittelbar nach der Therapiegruppe legen, nicht so bescheuert um 19 Uhr, dass einem das den Feierabend zerschießt)

Mein Patientensprecher-Amt werde ich wohl morgen dann auch abgeben. Es haben sich (ich meine, ich hätte das erwähnt) ja auch schon zwei Interessierte für die Nachfolge gemeldet. Mal sehen, ob die beiden dazu stehen.

Bis morgen!

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Über michikarl

Ich möchte den Werbetreibenden, die heutzutage mehr Daten über Individuen sammeln als die Geheimdienste dieser Welt, nicht kostenlos Informationen zur Verfügung stellen. Obwohl ich das mit Sicherheit auch hiermit bereits getan habe.
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