Tag 34 – Man kann auch ohne Alkohol lustig sein… unter Bekloppten

Ich hatte den Wecker deaktiviert und beliebte, auszuschlafen und auf das Frühstück zu verzichten. Leider hab ich nicht ganz so gut geschlafen und war zwischendurch mal wach. Gegen 08;30 Uhr, also spät für hiesige Verhältnisse, dämmerte ich langsam dem Tag entgegen und stand kurz 09:00 Uhr auf. Also zu spät für das Frühstück. Aber dafür trotz allem recht ausgeschlafen.

Ich duschte, zog mich an und stiefelte mit meinem Laptop und Portemonnaie bewaffnet in die Lobby, um Kaffee zu trinken und Blog zu schreiben. Dazu erwarb ich beim Café Dallucci ein Salamibrötchen. Mit dem Schreiben klappte es immer zwischendurch wieder ein wenig, aber in einer Sitzecke hockten nicht unerhebliche Teile meiner Therapiegruppe. Ich erzählte von meinem Ausflug nach Düsseldorf und erntete bei einer jungen Dame aus meiner Gruppe ein gestrenges Stirnrunzeln mit dem Kommentar, ich sei ja wohl in die falsche Stadt gefahren… Ups. Die ist mehr in Bonn und Köln zuhause… Jetzt muss ich womöglich auch nach Kölle, um das wieder gut zu machen. Na, vielleicht kommendes Wochenende, mein vielleicht letztes hier.

Es war ganz gemütlich, der Kaffee war lecker, und ich verbrachte einige Zeit in der Lobby. Vor dem Mittagessen verbrachte ich meinen Laptop in mein Zimmer und ging dann essen. Wie im vorangegangenen Beitrag beschrieben, stand auf meinem Therapieplan lediglich ein Job on / Job off Termin um 14:15 Uhr. Allerdings hatte inzwischen ein Kollege aus meiner Therapiegruppe, der von ein paar scheidenden Mitgliedern der Gruppe darum gebeten worden war, bei unserer Bezugstherapeutin um einen Sondertermin heute zur Verabschiedung gebeten, den wir prompt auch bekamen.

Zunächst hatte ich nach dem Mittagessen noch eine gute Stunde Zeit bis zu Job on / Job off. Ich nutzte diese, um meinen Blogeintrag von gestern weiter zu schreiben.

Bei Job on / Job off ging es um das Thema „Kündigungsformen“, d.h. welche Möglichkeiten Arbeitgeber haben, Angestellten zu kündigen, was sie dazu nachweisen müssen und was man als Angestellter ggf. dagegen tun kann. Bei einer personenbedingten Kündigung ist der Arbeitgeber in der Beweispflicht und muss drei Sachen nachweisen:

  • negative Gesundheitsprognose des Arbeitnehmers per ärztliches Gutachten für die kommenden 24 Monate (bei psychischen Erkrankungen fast nicht machbar)
  • Interessenbeinträchtigung des Arbeitgebers
  • Interessenabwägung des Arbeitnehmers (z.B. Betriebszugehörigkeit, Alter…)

Lt. der vortragenden Dame bedeutet das in der Praxis, dass der Arbeitgeber in diesem Fall vor dem Arbeitsgericht normalerweise den Kürzeren zöge. Schadet natürlich nicht, so etwas zu wissen, obwohl der Arbeitgeber vielleicht eine andere Möglichkeit findet, den unerwünschten Arbeitnehmer loszuwerden.

Zuvor hatte allerdings die Vortragende gefragt, ob wir Fragen zu anderen Themen hätten, die ihr Fachgebiet (Sozialdienst) beträfen. Ich erkundigte mich nach IRENA. Das steht für Intensivierte REhabilitations NAchsorge. Das wurde immer mal in Zusammenhang für weitere Maßnahmen nach der Reha genannt, außerdem gibt es hier in der Klinik auch abends IRENA-Gruppen.

Wir erfuhren, dass sich das Angebot nur auf ehemalige Reha-Patienten bezieht und 26 Sitzungen (inkl. eine Aufnahmesitzung und ein Abschlussgespräch nur mit dem Leiter) in Gruppentherapie beinhaltet. Das Ganze dauert so ein halbes Jahr (bei wöchentlichen Sitzungen) in Gruppen von ca. 12-15 Personen. Kostenträger ist die Rentenversicherung, man kann einmal wechseln oder die Therapie auch abbrechen, wenn sie „nicht passt“.

Ich würde das sehr gerne als anschließende Maßnahme nach der Reha machen. Das muss beantragt werden, und natürlich hängt es davon ab, ob ich eine Gruppe in der Nähe von Osnabrück finde, wo ich mit dem Rad oder öffentlichen Verkehrsmitteln gut einmal pro Woche nach der Arbeit hinfahren kann. Hm, ich habe das gerade im Netz nachgeschlagen, die nächste Möglichkeit für mich wäre wohl in Bad Essen. Wäre schon aufwändig… aber machbar. Alles eine Frage der Prioritäten. Aber es wäre schlecht, wenn das mehr Stress verursachte, als Probleme zu lösen.

Nach dem Job on / Job off – Termin hatten wir dann nach einer Pause den 15:30 Uhr – Sondertermin mit unserer Bezugstherapeutin, den wir – nach anfänglichem Zaudern – auf der Terasse verbrachten. Es war nicht allzu warm, aber sonnig. Unsere Therapeutin freute sich offensichtlich, auch noch einmal die scheidenden Gruppenmitglieder zu verabschieden. Sie sprach im Wesentlichen mit den drei Personen, darüber, was sie in der Reha erreicht haben und was sie nach der Reha erreichen wollen. Die Stimmung war so gut wie noch nie in so einem Gruppentermin, obwohl ich bestimmt nicht der einzige in der Gruppe bin, der ein bisschen traurig darüber ist, dass drei Leute morgen gehen. Ich finde es schade um jeden einzelnen von den dreien, der geht, ich mag sie nämlich alle.

Am Ende gab die Therpeutin den Scheidenden (und uns allen) noch zwei Geschichten mit auf den Weg. Zu der ersten durfte sich jeder ein paar Böhnchen aus einem Sack nehmen, die gefiel mir auch besser als der zweite Text. Es ging um einen Lebemann, der das Genießen des Tages zu einer Kunstform für sich entwickelt hatte. Für alles, was ihm am Tage gut gefiel, holte er eine Bohne aus der linken Hemdtasche und steckte sie in die rechte. An jedem Abend zählte er dann die Bohnen in der rechten Tasche, als festes Ritual, und freute sich selbst, wenn es nur eine einzige war, an dem, was der Tag ihm Gutes gebracht hat. Das ist Achtsamkeit.

Zu guter Letzt las ich meine eigene Kurzgeschichte vor, die „42 Tage in Wuppertal“, die ich hier auch schon veröffentlicht habe. Es war ja eine Hausaufgabe, die ich von unserer Bezugstherapeutin gestellt bekommen hatte. Jemand aus der Gruppe hatte vorgeschlagen, ich könne das ja zum Abschied der Scheidenden Kollegen mal vorlesen. Also tat ich es. Und das hatte auch den Vorteil, dass ich das jetzt nicht in einer Einzel-Session machen muss, was mir da die Therapiezeit einspart, yippie!

Aber vor allem war die Gruppe echt beeindruckt, ich bekam sehr viel sehr gutes Feedback. Nicht nur unmittelbar, sondern auch später noch mal. Das war natürlich schon echter Balsam für die wunde Seele, und ich kann üben, das auch einfach mal hinzunehmen und nicht gleich zu relativieren. Auch wenn mir das leider auch nicht recht gelingen will.

Artega GT

Auf dem Parkplatz vor unserem Jugoslawen parkte dieser Artega GT. Ein Auto, von dem ich noch nie gehört hatte. Ich hatte schon fast gemutmaßt, die Preise im Restaurant wären nichts für unseren Geldbeutel, lag aber falsch. Naja, ich habe gegoogelt. So ein Ding kostet „nur“ etwa 50.000 – 70.000 Euro gebraucht (neu ist der nicht zu haben, weil in einer Kleinserie produziert, die ausgelaufen ist). Aber zuvor habe ich da auch schon einen Aston Martin gesehen, der ist nicht für Kleingeld zu haben…

Nach der Sitzung hatte ich dann Feierabend. In der Lobby besprachen wir mit einigen aus unserer Gruppe, zusammen zum Abschied essen zu gehen, im Jugoslawischen Restaurant am Kreisel. Leider kamen nicht alle aus der Gruppe mit, und eine von den scheidenden Leuten war zwar auch im selben Restaurant essen, aber mit anderen Mit-Patienten. Trotzdem war es ein sehr lustiger Abend mit den „anderen Bekloppten“. Eins meiner „drei Lieblingsmädels“ ist nicht in unserer Gruppe, aber sie war trotzdem mit. Wir haben richtig viel gelacht. Und so richtig schwer fiel es mir noch nicht einmal, auf ein schönes Pils mit Alkohol zu verzichten – und auf den Slibowiz hinterher aufs Haus.

Wieder zurück in der Klinik hockten wir mit ein paar Leuten noch eine ganze Weile in der Lobby und quatschten. Aber dann ging ich auf mein Zimmer, um diesen Beitrag „en bloc“ zu schreiben. Es sieht so aus, als ob unsere Gruppe jetzt zu so etwas wie einer Einheit zusammengewachsen ist. Wir haben seit heute auch eine Whatsapp-Gruppe, d.h. jeder hat zumindest alle Handynummern und einen Kanal, auf dem wir viel Blödsinn posten können. Mal sehen, einige Kontakte bestehen bestimmt auch über die Reha-Zeit hinaus.

So, ich muss langsam ins Bett. Morgen habe ich Frühsport.

Mein Therapieplan für morgen:

07:00 Uhr – Frühsport

11:00 Uhr – Walking

13:00 Uhr – PMR Gruppe

13:30 Uhr – Depressionsgruppe

15:30 Uhr – SINA/TAF (müsste ausschließlich TAF sein)

Bis morgen!

Nachtrag:

Achja, ich hatte einen Laufzettel in meinem Postfach, d.h. Dinge, die bei verschiedenen Leuten an Papierkram etc. zu klären sind, bevor ich abreise. Außerdem habe ich am Mittwoch einen Termin „Abschlussrunde im Speisesaal“. Das bedeutet, dass ich wahrscheinlich keine Verlängerung bekomme. Ist ein bisschen schade, geschadet hätte mir das bestimmt nicht. Ich denke, ich kann, wenn ich mich am Riemen reiße und nach der Reha für mich die richtigen, weiterführenden Maßnahmen finde, auch so „draußen“ gut zurecht kommen. Aber man lernt schon jede Woche was dazu, was man gebrauchen kann…

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Über michikarl

Ich möchte den Werbetreibenden, die heutzutage mehr Daten über Individuen sammeln als die Geheimdienste dieser Welt, nicht kostenlos Informationen zur Verfügung stellen. Obwohl ich das mit Sicherheit auch hiermit bereits getan habe.
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