Tag 37 – Mal‘ mal meditativ

First things first: Mein Therapieplan heute:

08:30 Uhr – Gesundheitsvortrag

09:30 Uhr – Abschluss Facharzt

11:15 Uhr – Fitnesstraining

13:30 Uhr – Walking

15:00 Uhr – Gestaltungstherapie

Ich stand um 07:30 auf, schlüpfte in die Sportklamotten und ging frühstücken. Danach taperte ich zum Gesundheitsvortrag, der diesmal nicht von einer Psychotherapeutin, sondern von einem Sporttherapeuten gehalten wurde, denn es ging darum, wie Sport uns helfen kann, unsere Gesundheit, Fitness und Leistungsfähigkeit möglichst lange möglichst gut zu erhalten. Allerdings wollte der Laptop erst einmal ein Update, so dass es etwas verzögert losging.

Zunächst gab es statistische Antworten aus irgendeiner Studie der WHO zum Thema „Was beeinflusst Gesundheit & Lebenszeit?“, deren Ergebnis so aussah:

  • 25% genetische Faktoren
  • 25% nicht beeinflußbare Fakturen (Luftqualität, Lebensmittelqualität, Gesundheitssystem etc.)
  • 50% beeinflußbare Faktoren (Lebensstil, z.B. Ernährung, Sport, Rauchen, Alkohol, Stress)

Ich spare mir an dieser Stelle ein Tortendiagramm. Bei der Präsentation gab es auch keins. Dafür zeichnete der Therapeut eine Kurve an das Flipchart: Leistungsfähigkeit (y-Achse) in Abhängigkeit zum Lebensalter (x-Achse). Er fragte, ob jemand Müller heiße – tatsächlich meldete sich niemand, worauf der Therapeut verkündete, die Kurve zeige die Leistungsfähigkeit für die Person „Lieschen Müller“. Das schreit wieder nach ein bisschen Kritzelei mit einem Stylus (Stift, mit dem man auf Touchscreens von Tablet-PCs oder Smartphones schreiben und zeichnen kann) auf dem EierPad:

Leistungsfähigkeit in Abhängigkeit zum Lebensalter

Die Leistungsfähigkeit von „Lieschen Müller“. Okay. Die konnte also unmittelbar nach der Geburt einen Marathon laufen… Die rote Kurve soll im Vergleich zur schwarzen zeigen, wie das mit und ohne Sport aussehen kann. Das ist Wissenschaft…

Da die Kurve bereits im Alter 0 Jahre die maximale Leistungsfähigkeit zeigte, fragte ich den Therapeuten, ob Säuglinge denn schon einen Marathon laufen könnten, worauf er meiner Klugscheißerei ein trotziges „Ja“ entgegenwarf, was ich schon wieder lustig fand… Trotzdem bin ich davon überzeugt, dass sich die Leistungsfähigkeit im Allgemeinen bis zum 20. oder vielleicht 25. Lebensjahr erst aufbaut und dann wieder abfällt.

Die „Motorischen Fähigkeiten“ wurde dann in vier Faktoren unterteilt:

  • Ausdauer
  • Kraft
  • Beweglichkeit
  • Koordination

Für diese vier Faktoren gab es dann jeweils erst eine Definition und dann Studienergebnisse in Form von Liniendiagrammen, wie sich das jeweilige Kriterium in Abhängigkeit zum Lebensalter jeweils bei Männern und Frauen entwickelt.

Zu guter Letzt gab es einen Fünf-Punkte-Motivationsplan für Sport:

  1. Setzen Sie sich realistische Ziele
  2. Seien Sie sparsam mit Belohnungen!
  3. Nehmen Sie Rückschläge sportlich!
  4. Suchen Sie sich einen Trainingspartner!
  5. Ritualisieren Sie Ihr Training!

Für alle Punkte nannte der Therapeut Beispiele. Bei Punkt 1 und 4 dachte ich für mich schon mal „check!“ und machte mentale Haken dahinter. Denn sowohl ein Ziel als auch einen Trainingspartner habe ich schon. Cool!

Anschließend hatte ich um 09:30 Uhr „Abschluss Facharzt“. Das bedeutet, ich dackelte mit meinem Laufzettel zu meiner Ärztin. Da setzte ich meinen Leo unter zwei Papiere, unter anderem unter eine Liste der Leistungen, die die Klinik erbracht hat (soundsooft Gestaltungstherapie, soundsooft Walking, soundsooft Deprigruppe etc.) und bekam meinerseits ihren Leo in meinen Laufzettel. Wir sprachen über meinen Gesamtzustand und insbesondere über meine Einzelphysios, sie meinte, ich mache einen klareren, festeren Eindruck als bei der Aufnahme, prima, das war’s.

Ich hatte eine knappe Stunde Zeit, in der ich nochmal Körperkontakt zu meiner Matratze aufnahm.

Anschließend war um 11:15 Uhr Fitnesstraining, ich ging wieder über die komplette Zeit (etwa 40 Minuten) auf das Laufband bei 1,8 km/h und übte richtig gehen. Danach gab es Mittagessen, Geschnetzeltes von einem toten Tier mit Reis. Und Salat.

Nach dem Mittagessen war ich noch mal kurz in meinem Zimmer, anschließend war um 13:30 Walking. Das heisst, ich war erst kurz auf meinem Zimmer, war um 13:00 Uhr in der Lobby, stellte dann fest, dass Walking erst um 13:30 Uhr anstand, und schrieb dann zwischenzeitlich noch ein bisschen an dem Vorgänger-Eintrag von diesem hier (der mit Fußball und Modern Talking).

Dann also Walking. Ich ging wieder mit der schnellen Truppe und dachte anfangs, diesmal würde ich das bereuen, weil mein Fahrwerk schon am Anfang zu rumzuzicken begann. Es wurde dann aber besser, und ich kam zurecht. Es war wieder ausreichend warm und sehr sonnig, wir gingen wieder eine Waldstrecke, eine, die ich noch nicht kannte.

Wieder in der Klinik ging ich unter die Dusche. Ich wollte doch wohlriechend bei der folgenden Gestaltungstherapie um 15:00 Uhr auflaufen. Tja, Gestaltungstherapie… das hat bei mir oft Stress ausgelöst. Ich hatte mir vorgenommen, mich darauf mental vorzubereiten und es als Training anzusehen. Doch irgendwie fühlte ich mich nicht wirklich vorbereitet. Als ich beim Werkraum ankam, waren meine Gruppenkollegen ähnlich unmotiviert. Die Therapeutin kam mit acht Minuten Verspätung, wir hatten schon ein wenig darauf gelauert, dass die Einheit vielleicht ausfiele. Die sehr sympathische Therapeutin tat mir ein wenig leid, weil ihr Fach bei uns immer auf so wenig Gegenliebe stieß. Ich fragte sie, ob das bei anderen Gruppen auch so sei, und sie antwortete vorsichtig, unsere Gruppe sei die einzige, die das so zum Ausdruck brächte…

Ich hatte meinen Laufzettel vergessen (da es für uns die letze Einheit Gestaltungstherapie war, brauchten wir noch die Unterschrift) und flitzte kurz los, um den zu holen. Danach ging es an die Aufgabe: Meditatives Malen mit Fingerfarben. Jeder bekam ein A4-Blatt. Es gab keine konkrete Aufgabe, was zu malen sei. Zuerst würden wir eine kurze Fantasiereise vorgelesen bekommen. Anschließend sollten wir uns Farbpaletten mit Fingerfarben unserer Wahl bestücken und dann in uns hineinhorchen, und unseren Gefühlen entsprechend etwas gestalten. Dabei liefe Musik, aber wir sollten natürlich die Klappe halten.

Okay, es ging los. Die Fantasiereise war was seltsames über eine Mondnacht mit einer Musik für den Mond, nach der wir tanzten (imaginär, natürlich). Leicht surreal. Dann ging es an das Ausstatten der Farbpaletten. Ich wartete erst bis alle anderen sich ausgerüstet hatten und nutzte die Zeit, zu gucken, was ich so fühle. Viel kam nicht rum, aber ich spürte ein leicht warmes Gefühl und wollte demnach was mit warmen Farben machen. Dann kam ich irgendwie an einen Sonnenuntergang auf dem Meer. Ein ruhiges, aber zugleich kraftvolles Bild (und eins, was ich halbwegs würde manierlich hinbekommen, auch wenn es darauf überhaupt nicht ankam). Ich holte mir also die Farben, die ich benutzten wollte (zu meiner Schande muss ich gestehen, dass Grün nicht dabei war…) und legte los.

Es machte mir schon ein bisschen Spaß. Es war ja keine Gruppenarbeit, ich konnte malen, was ich wollte, und das Herumpanschen mit den Fingerfarben gefiel mir auch. Ich wurde nur knapp einigermaßen fertig und musste mich am Ende etwas beeilen. Die Therapeutin hatte uns nicht gesagt, wie viel Zeit wir hätten und die Uhr abgehängt, weil wir das auch ohne zeitliche Vorgabe machen sollten, aber dennoch war unsere Zeit natürlich begrenzt.

Sonnenuntergang in Fingerfarbe

Mein „Sonnenuntergang in Fingerfarbe“. Dafür, dass ich mich bezüglich meiner malerischen und zeichnerischen Fähigkeiten eher unbegabt finde, gefällt mir das Bild gar nicht so schlecht. Dass der Himmel aussieht wie eine Deutschlandfahne war nicht beabsichtigt und ist mir auch erst beim Hochladen des Fotos aufgefallen.

Anschließend gab es natürlich eine Feedback-Runde. Wir sollten beschreiben, wie wir zu unserem Bild gekommen sind, wie es uns im Vergleich zu vor der Aktion denn ginge (nirgendwo greift das Klischee „was macht das mit Ihnen?“ besser als in Gestaltungstherapie) und wie wir das Malen mit den Fingern empfunden haben. Als die Reihe an mir war, beschrieb ich, wie ich von warmen Farben zum Sonnenuntergang gefunden habe, dass ich nach der Übung deutlich entspannter war als vorher, und dass mir die Fingerfarben auch zugesagt haben.

Zum Schluss erklärte sie, dass das Arbeiten mit den Fingern einerseits natürlich dieses Empfindungsfeedback geben, andererseits uns ein Stück Kontrolle nehmen sollte. Mit einem Pinsel kann man kontrollierter, präziser malen, als mit den Fingern. Die Kontrolle abzugeben bedeutet „loslassen“, was zur meditativen Übung sinnvoll sei.

Gut, damit war ich für heute durch mit dem Pflichtprogramm. Zunächst war mit nach Kaffee und Kuchen. Da aber der Eiswagen wieder vor der Tür stand, nahm ich statt Kuchen lieber zwei Kugeln Eis in der Waffel. Und einen Café Latte mit Amaretto-Aroma (nur Aroma, da ist kein Alkohol drin).

Außerdem hatte ich mich zu 17:00 Uhr für eine Waschmaschine eingetragen. Als ich mit meinem Rucksack voller Wäsche in Richtung Keller ging, fing mich eine Dame ab. Sie sagte, es sei ihr furchtbar peinlich, aber sie habe nicht gewusst, dass man sich für die Maschinen eintragen müsse, beide seien leer gewesen, und sie habe nun beide mit Beschlag belegt. Na, super. Gut, ich fragte, wann denn ihrer Meinung nach die Wäsche fertig sei. Sie meinte, 17:20 Uhr. Okay, ich dackelte also wieder in mein Zimmer. 17:30 Uhr ging ich wieder mit meiner Wäsche in den Keller, wo die besagte Dame vor den beiden Maschinen stand, die beide noch nicht fertig waren. Ich wurde langsam sauer, weil das Hin- und Hergedackel mich echt nervte. Haus 4, in dessen Keller die Waschküche ist, steht etwas abseits, ich muss, um dahin zu kommen, den gesamten Gebäudekomplex durchqueren – zwei Stockwerke runter, durch den Flur, die Lobby, noch eine Etage tiefer und dann durch den langen Gang unter dem Parkplatz durch zu Haus vier. Und man kann einen Waschgang nicht abbrechen.

Ich verzog mich, weil ich keine Lust hatte, die gute Frau, die sich ungefähr achtmal entschuldigte, anzuschreien, in den „Pub“. Als ich zurückkam, hatten sich noch andere „Waschinteressenten“ angesammelt. Und da wurde ich dann doch noch etwas giftig. Mir erschloss sich nicht, wie man bei der Wohnungsführung die Einweisung mit der Waschliste verpassen kann. Und die Waschliste, die neben den Maschinen liegt, übersehen kann. Und außerdem nicht kapieren kann, dass man bei 120 Bewohnern (ich schrieb mal früher von 200, das war nicht richtig) zwei Maschinen nicht ohne Anmeldung betreibt. Trotzdem, es klingt jetzt vielleicht so, aber ich unterstellte der Dame keinen Vorsatz. Wie auch immer, ich biss die Zähne zusammen und versuchte, mir klarzumachen, dass mir das spätestens morgen früh völlig egal sein würde, so dass es sich nicht lohnte, mich aufzuregen. Irgendwann war dann auch doch eine Maschine fertig, und ich konnte meine Wäsche rein schmeißen.

Danach machte ich meinen Sojourner-Spaziergang zum Kreisel.

Wieder in der Klinik ging ich zum Abendessen. Heute gab es schon wieder (das hatten wir kürzlich erst, mit Lasagne abends) eine „Aktion“, was bedeutet, ein warmes Essen anstelle von Brot mit Aufschnitt. Was übrigens nicht jeder gut fand. Naja, ich mochte das Essen (Putenbruststreifen mit Gemüse und Reis).

Danach ging ich aufs Zimmer, chatten und bloggen. Zwischenzeitlich war die Maschine fertig, also konnte ich die Wäsche in den Trockner umfüllen. Auf dem Rückweg zum Zimmer wurde ich in der Sitzecke bei der Pflege zu einem Kaffee eingeladen, den ich dankend annahm. Dann war ich wieder im Zimmer, weiterbloggen, weiterchatten. Trockner lt. Timer im Schlaufon nach anderthalb Stunden auch fertig, zurück in die Waschküche, weit gefehlt. Die Anzeige bei meinem Trocknerprogramm zeigt 51 Minuten an, aber nach anderthalb Stunden standen immer noch 17 Minuten drauf. Egal, das Trocknerprogramm kann man abbrechen, was ich auch tat. Also packte ich die einigermaßen trockenen Klamotten in den Rucksack, um sie zurück im Zimmer zusammenzufalten. Das dauerte eine ganze Weile.

Als ich fertig war, tippte ich schnell noch diesen Eintrag runter, und nun muss ich dringend ins Bett. Ich habe morgen Frühsport. Bis dann!

Mein Therapieplan für morgen:

07:30 Uhr – Frühsport

08:30 Uhr – Psychotherapie Abschlussgespräch

10:00 Uhr – Therapiegruppe

13:00 Uhr – Patientenforum

14:00 Uhr – Sport & Bewegung

15:30 Uhr – MAT Gruppe

19:00 Uhr – Wochenendplanung

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Über michikarl

Ich möchte den Werbetreibenden, die heutzutage mehr Daten über Individuen sammeln als die Geheimdienste dieser Welt, nicht kostenlos Informationen zur Verfügung stellen. Obwohl ich das mit Sicherheit auch hiermit bereits getan habe.
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