Tag 38 – Psycho Abschluss, Pilates, Dr. Wald und BSI-Bögen

Die Nacht war suboptimal. Ich wachte irgendwann auf und hatte Probleme, wieder einzuschlafen. Als das gelungen war, klingelte plötzlich irgendwann (vielleicht gegen 06:00 Uhr) plötzlich mein Telefon am Bett und weckte mich. „Ja?“ „Müller hier. Waren Sie vorhin bei meiner Kollegin?“ (Name von der Red. geändert) „Nein!“ „Na, dann hat sich das erledigt!“ klick. ?!?!?
Na toll!

Telefon, das blöde Schwein!

Unglaublich. Noch am Abend, beim zu Bett gehen, hatte ich das Ding hier mit einem zärtlichen Blick bedacht und mich darüber gefreut, dass es nie klingelt. Und prompt dudelt das Schwein mitten in der Nacht.

Ich stand gegen 07:00 Uhr auf und ging in Sportklamotten zum Frühsport. Dieser fand im Raum Wuppertal unter der Führung der indisch angehauchten Sporttherapeutin statt, genau die, die mich bei der Einzel-Physio immer so gefoltert hat. Daher wichen die Übungen auch wieder von denen ab, die die anderen Sporttherapeuten so machen lassen. Wir praktizierten auch wieder die berühmte Tassenübung. Anschließend ging es zum Frühstück.

Danach hatte ich Einzel-Psycho. Genauer gesagt, mein Abschluss-Gespräch. Es galt, ein paar Formalitäten zu erledigen. Ich hatte ein bisschen gehofft, in dieser letzten Sitzung noch sowas wie ein Patent-Rezept für meine zukünftige Entwicklung zu bekommen, eine Antwort darauf, wo ich mir künftig Hilfe zur Verwirklichung meines Hauptziels finden kann. Leider bin ich nicht wirklich mit einem befriedigenden Masterplan, der mich voll überzeugt, da wieder rausgegangen. Irgendwas muss ich aber machen, wenn die ganze Sache hier mehr bringen soll als eine zwischenzeitliche Besserung und Erholung. So die absolute Erleuchtung ist mir leider immer noch nicht gekommen, aber das wäre vielleicht auch mit Verlängerung nicht passiert. Weiter ins Detail mag ich hier nicht gehen.

Anschließend hatten wir Therapie-Gruppe. Inzwischen haben wir fünf neue Leute in unserer Gruppe, das werden wohl in der kommenden Woche noch mehr – bis auf zwei Leute werden wir „alten“ in der kommenden Woche auch nach und nach verschwinden. Die „Neuen“ sind allesamt mit ihren Hunden hier. Da Hunden eine therapeutische Wirkung zugeschrieben wird, haben wohl einige Kliniken Konzepte entwickelt, Hunde zusammen mit ihren Haltern unterzubringen. „Meine“ Klinik hat genau in dieser Woche damit begonnen, ebenfalls Hunde mitsamt ihrer Herrchen und Frauchen aufzunehmen. Leider (auch wenn mancher das anders sehen wird) kommen die Hunde nicht mit in die Therapiegruppen, das würde ich sehr lustig finden. Es ist natürlich wichtig, die anderen Patienten von den Hunden abzuschirmen, d.h. es gibt ein Haus, in dem demnächst nur „Hunde-Patienten“ wohnen werden. Die Hunde sind in der Lobby, den Therapie- und Gemeinschaftsräumen nicht erlaubt, sie dürfen sich nur im Haus 4 aufhalten. Daher wurden extra neue Eingänge geschaffen, damit die Hunde nicht durch die Lobby in Haus 4 müssen. Mir scheint das bisher ganz gut zu funktionieren, ich habe bisher keinen einzigen Hund gesehen.

Wegen der neuen Leute machten wir ein Kennenlernspiel, d.h. wir bildeten Paare oder kleine Gruppen aus alten und neuen Patienten, die sich gegenseitig interviewen. Ob Zufall oder nicht, irgendwie fanden sich immer Leute zusammen, die irgendwie zusammen passten. Meine Partnerin im Spiel hatte ursprünglich Datenverarbeitungs-Kauffrau gelernt, und auch wenn sie nicht mehr im IT-Fach arbeitet, so interessiert sie sich immer noch für die Materie. Wir fragten uns also gegenseitig bzgl. Familie, Hobbys etc. ab – unsere Krankheitsproblematik, die natürlich auch ein Thema gewesen wäre, ließen wir außen vor, wenn auch nicht bewusst. Wir plauderten sehr aufgeschlossen miteinander. Anschließend stellten wir uns dann auch gegenseitig in der großen Runde vor, und das lief alles ganz gut, auch bei den anderen.

Anschließend war Mittagessen angesagt.

Danach ging es zum Patientenforum. Das dauerte insgesamt ziemlich lange, fast eine Stunde. Erstens waren viele Zettel im Kummerkasten zu klären, einer der Oberärzte bekam das Wort und sprach über die Änderungen bezüglich der neuen Bewohner mit den vier Pfoten. Dann spielte eine von den kommende Woche die Klinik verlassenden Mit-Patientin der Runde ein Lied über einen Ghettoblaster vor und ging anschließend auf den deutschsprachigen Text ein. Ich habe den Interpreten und den Titel vergessen, es ging irgendwie darum, dass er sich nach Problemen wiedergefunden hat und nun wieder in den Spiegel gucken und sagen kann „alles ist gut so“. Er hat das Lied nach einer abgeschlossenen Drogenkarriere geschrieben. Die Mit-Patientin fand anschließend einige passende Worte dazu, verknüpft mit ein paar Anekdoten aus ihrem eigenen Klinikdasein und Abschiedsworten.

Es galt, neue Patientensprecher zu wählen. Dann kamen noch mal alle, die die Klinik kommende Woche verlassen, nach vorne. Ich las, wie mit den Patientensprechern abgesprochen, vor dem Forum noch mal meine Kurzgeschichte vor. Einige Leute verließen nach und nach den Saal, weil wir durch lange Reden und viele Kummerkastenzettel schon überzogen hatten und Termine anstanden. Das störte mich aber nicht weiter.

Nach meiner Geschichte verlas eine scheidende Frau aus einer anderen Gruppe noch ein selbstverfasstes Gedicht mit dem Titel „Jetzt“, dass mir ganz gut gefiel – mal nichts gereimtes, sonder Prosa. Mal was anderes. Für meine Geschichte bekam ich noch ein bisschen positives Feedback, sowohl von einem Patienten, als auch von einem Oberarzt und der Ergo-Therapeutin, die ich später in MAT hatte.

Schließlich war das Patientenforum zuende, und ich kam noch rechtzeitig zu Sport + Bewegung. Dort lagen schon Turnmatten ausgebreitet auf dem Boden. Hilfe, das roch nach Bodenturnen! Es war dann wieder mal eine Einheit Pilates, die teilweise auf den Matten stattfand. Einige Übungen fielen mir echt schwer, aber diesmal hielt ich es einigermaßen tapfer durch.

Danach konnte ich endlich duschen. Anschließend war sofort MAT Gruppe angesagt. Wir bekamen alle denselben Lückentext, in dem schlicht alle Vokale, Umlaute und ein y fehlten. Dann hatten wir 20 Minuten Zeit, die Lücken aufzufüllen. Ich konnte das ganz gut, vor allem ging es am Ende automatisch immer schneller, und ich war als erster fertig. Komplett geschafft hatten es, glaube ich nur zwei Leute. Aber ich hatte vier Fehler drin. Wie auch immer, der Text war ein Gedicht namens Dr. Wald von Förster Helmut Dagenbach aus dem Jahre 1986.

Anschließend war gegen 16:00 Uhr fast Feierabend. Nur noch Wochenendplanung um 19:00 Uhr stand auf dem Zettel. Normalerweise machen wir das in der Gruppe „irgendwann zwischendurch“ aus. Aber da wir so viele neue Leute in der Gruppe haben, beschlossen wir, das diesmal nach Plan zu machen. Unmittelbar nach der Therapiegruppe, wie wir das bisher manchmal gemacht haben, hatten wir heute einfach keine Zeit. Überhaupt, es war in sofern ein anstrengender Tag, dass zwischen den einzelnen Anwendungen nie Zeit für einen Kaffee oder ein Nickerchen war, nach Sport + Bewegung hatte ich zwar 30 Minuten Zeit, aber die brauchte ich zum Teil zum duschen.

Ich lungerte faul in der Lobby herum, holte mir zwei Kugeln Eis vom schon wieder vor dem Haupteingang parkenden Eiswagen, und trank Kaffee. Vor dem Abendessen machte ich noch meinen Sojourner-Spaziergang zum Kreisel.

Anschließend gab es Abendessen. Danach war es schon Zeit für die Wochenendplanung. Raum London war abgeschlossen, also trafen wir uns schließlich in Oslo. Wir „alten“ erzählen ein bisschen was über die Freizeitmöglichkeiten in Wuppertal und Umgebung (Wuppertaler Zoo, Schloss Burg, Ausflüge nach Köln oder Düsseldorf etc.), und dass wir morgen mit ein paar Leuten in ein Schwimm- und Saunabad nach Gevelsberg fahren wollen. Es stießen auch noch Leute aus anderen Gruppen zu uns, die ihre eigene Gruppe zur Wochenendplanung nicht gefunden haben. Wie gesagt, immer wieder ein schwieriges Thema – aber für mich heute zum letzten Mal.

Ich erledigte noch das Ausfüllen eines BIS-Bogens. Einen identischen Bogen hatte ich auch unmittelbar nach der Ankunft bereits auszufüllen gehabt, und nun wird wohl ein „Vorher“/“Nachher“-Vergleich gefahren. Zunächst gibt es eine Menge Fragen, die sich alle auf die vergangenen sieben Tage beziehen. Beispielsweise „Haben sie in den letzten sieben Tagen Selbstmordgedanken / Probleme beim Einschlafen / Schwindel- oder Ohnmachtsanfälle / Herz- oder Brustschmerzen … etc. gehabt? Hier ist jeweils auf einer Skala von 0 bis 4 zu bewerten, wie sehr das zutrifft. Dann gibt es da noch Fragen, bei denen man z.B. zwischen

  • Ich bin nicht trauriger als sonst
  • Ich bin oft traurig
  • Ich bin ständig traurig
  • Ich bin so traurig, dass ich es nicht aushalte

wählen muss. Stimmt so nicht hundertprozentig, aber in etwa. Ich kenne diese Bögen schon, weil sie auch in der Psychotherapie verwendet werden, wahrscheinlich als Momentaufnahme für die Berichte. Ich finde sie bescheuert, insbesondere den zweiten Teil, weil da die Auswahlantworten irgendwie nie das hergeben, was ich gerne ankreuzen möchte. Zwischen „ich bin nicht traurig“ und „ich bin oft traurig“ fehlt z.B. die Antwortmöglichkeit „ich bin selten traurig“ oder „ich bin manchmal traurig“. Und bei jeder Frage sind eine oder mehrere Antwortmöglichkeiten mit „…als sonst“ formuliert, also innerhalb dieser sieben Tage im Vergleich zu sonst. Okay, ich kreuze (nur als Beispiel, nicht wirklich zutreffend) also z.B. „ich bin nicht trauriger als sonst“ an, obwohl es mir in den sieben Tagen womöglich beschissen ging – nur halt genauso beschissen wie vorher. Ich bin also nicht trauriger als sonst, sondern genauso traurig wie immer. Das müsste doch eigentlich immer mal wieder ein völlig falsches Bild ergeben. Keine Ahnung, entweder, man hat sich dabei was gedacht, und ich liege falsch, oder da haben irgendwelche Paragraphenreiter einfach Schwachsinn verzapft.

Das ist jedenfalls ein super Beispiel dafür, wie man durch die Formulierungen der Antwortmöglichkeiten in solchen „Umfragebögen“ die Ergebnisse absichtlich oder unabsichtlich verfälschen kann, und wie wichtig es ist, diese schlau zu überlegen, wenn man wirklich wissen will, was Sache ist. Vor allem, wenn aus Ergebnissen solcher Fragebögen heraus tatsächlich irgendwelche Entscheidungen gefällt werden. Und auch das zeigt wieder, wie viel an dem guten, alten Spruch „glaube keiner Statistik, die Du nicht selbst gefälscht hast“ dran ist.

Wie auch immer, der Tag war im Prinzip rum. Im Vortragsraum trafen sich einige Leute, um Musik zu machen, mit Klavier, Gitarre, Cachon und Bongos. Ich schaute kurz rein und sang mit der Runde z.B. „Lady in Black“ und „Let it be“. Bald entschied ich mich aber, mich lieber in mein Zimmer zurückzuziehen und zu bloggen. Ich schaue aber wohl gleich noch mal, ob da noch was läuft. Aber ich hätte nichts dagegen, mal nicht all zu spät ins Bett zu kommen. Denn die Nacht war ja nicht so toll, und der Tag bot keine Möglichkeiten für ein Nickerchen zwischendurch.

Mein Therapieplan morgen:

09:00 Uhr – Gesundheitsvortrag (ich glaube, über Thema Burn-out)

10:05 Uhr – Abschluss RR + Gewicht (also Blutdruck messen und auf die Waage in der Pflege)

Danach soll es mit vielen aus meiner Gruppe nach Gevelsberg zum Schwimmen und evtl. Saunieren gehen (ich weiß noch nicht, ob ich Lust auf Sauna habe).

Bis morgen.

Advertisements

Über michikarl

Ich möchte den Werbetreibenden, die heutzutage mehr Daten über Individuen sammeln als die Geheimdienste dieser Welt, nicht kostenlos Informationen zur Verfügung stellen. Obwohl ich das mit Sicherheit auch hiermit bereits getan habe.
Dieser Beitrag wurde unter Wuppertal veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s