Tag 42 – Die Bahn kommt. Manchmal nur von Wuppertal-Oberbarmen bis nach Ennepetal-Gevelsberg.

Da ich um 07:00 Uhr Frühsport hatte, stand ich um 06:40 Uhr auf, und schlüpfte in die Sportklamotten. Als ich in der Lobby ankam, lungerte dort schon eine Gruppe lustloser Frühsportler in spe herum. Der Therapeut hingegen war weit und breit noch nicht zu verorten. So wurden schon wenige Minuten nach 07:00 Uhr Träume vom vorzeitigen Frückstück, Kaffee und Brötchen genährt. Ich ging in Richtung Pflege, um mich ggf. nach dem Verbleib zu erkundigen, aber da sah ich den Sporttherapeuten schon anrücken. Ich blieb hinter ihm zurück, um die Gesichter der hoffnungsfroh auf den möglichen Ausfall unbeliebten Sporteinheit Wartenden zu beobachten. Erwartungsgemäß verfinsterte sich für einen Augenblick die eine oder andere Miene, doch dann fügten wir uns alle ins Unvermeidliche.

Dreißig Minuten später hatten wir sämtliche Gelenke einmal durchbewegt und konnten unser wohlverdientes Frühstück einnehmen.

Meine nächste Anwendung hatte ich um 09:00 Uhr – auf dem Therapieplan stand nur „Wellnessgutschein“ in Physio 3. Ich hatte also nach dem Frühstück mehr als eine Stunde Zeit. Die Nacht war etwas kurz gewesen, also legte ich mich noch einmal hin und schlief noch eine Runde.

Kurz vor 09:00 Uhr ging ich, gespannt, was mich wohl erwarten würde, in den Sportbereich. Dort erwartete mich bereits derselbe Sporttherapeut, bei dem ich auch schon Frühsport gehabt hatte, und ließ mich in einen der Physio-Räume. Er fragte mich, ob mir Wärme wohl täte, was ich bejahte. Er zeigte mir ein zusammengerolltes Handtuch und fragte, ob ich schon einmal mit der „Heißen Rolle“ behandelt worden wäre. Nein, war ich noch nicht, also gab es eine Premiere. In das zusammengerollte Handtuch würde kochendes Wasser gegossen, so erklärte der Therapeut, dann würde damit mein Rücken behandelt. Also machte ich mich oben rum frei und legte mich auf den Bauch. Die Rolle war wirklich ziemlich heiß, aber die Berührungen nur sehr kurz, so dass das angenehm und gut auszuhalten war. Ich konnte hinterher nicht sagen, dass ich mich deutlich besser fühlte als vorher, aber die Behandlung an sich war ganz angenehm.

Ich hatte wieder mehr als eine Stunde Zeit und legte mich nochmal ins Bett.

Um 11:00 Uhr war Walking angesagt. Wir hatten ja tatsächlich fast eine Woche durchgehend Sonnenschein und keinen Niederschlag, so auch heute. Also war die Wanderung durch den Wald wieder einmal ganz schön. Einen Teil der Strecke ging ich neben Ritalinetta und bekam eine Menge Zukunfspläne verklickert. Mal ein ganz neues Gefühl, niemanden vollzutexten, sondern mehr zu schweigen und zuzuhören…

In der Nähe ging teilweise auch der Sporttherapeut (diesmal ein anderer). Es kam das Thema auf, dass ein Mit-Patient heute morgen verfrüht abgereist war – eigentlich wäre er, genau wie ich, erst morgen fällig gewesen. Aber er musste mit dem Zug in die Nähe nach Rostock und wollte sich nicht der Streik-Willkür der GDL aussetzen. Also hatte er sich nach Absprache mit der Klinik vorzeitig abgeseilt. Ich bin gar nicht erst auf diese Idee gekommen. Der Sporttherapeut äußerte sich, als ich erwähnte, morgen abzufahren, dass er sich diesen Stress nicht antun würde und dass es mir auch keiner übel genommen hätte, wäre ich schon heute abgereist. Das gab mir zu denken.

Im Gegensatz zu dem bereits abgereisten Mit-Patienten hatte ich aber regulär lediglich 1:42 h Fahrzeit nach Osnabrück. Also könnte ich auch bequem noch alle Anwendungen bis zur letzten, Musiktherapie um 15:00 Uhr, mitnehmen, und danach immer noch fahren. Ich wäre vielleicht sogar früh genug zuhause, um noch was von der heutigen Chorprobe mitzubekommen. Dachte ich zumindest…

Nach dem Walking ging ich duschen und dann mittagessen. In der Schlange traf ich einen Gruppenkollegen, der ein Auto dabei hatte, wie ich wusste. Den fragte ich, ob er mich später wohl bis zur Bushaltestelle am Kreisel fahren würde. Er sagte, er würde mich sogar bis zum Bahnhof Wuppertal-Oberbarmen fahren. Also machten wir 17:00 Uhr als Abreisezeit ab, und ich ging zur Rezeption, damit die mein Taxi für morgen abbestellen konnten. Danach ging ich essen. Es gab gegrillte Hähnchenschenkel mit Reis und Ratatouille.

Der nächste Punkt auf der Tagesordnung war eine PMR-Session um 13:00 Uhr. Ich hatte noch 20 Minuten Zeit, also fing ich schon mal an, zu packen, bevor ich dorthin ging. Ich konnte mich, da ich nun schon an die Heimfahrt und zuhause dachte, schlechter als sonst konzentrieren, aber einigermaßen entspannt habe ich mich trotzdem.

Ab 13:30 Uhr hatten wir Therapiegruppe mit unserer Bezugstherapeutin. Wir entschieden uns, die Sitzung wieder draußen im „Raucherrondell“ abzuhalten. Da ich der nächste war, der abreisen würde, war ich im Fokus. Ich kannte das ja schon von all jenen, die bereits abgereist waren. Zunächst wurde ich gefragt, was ich denn mitnähme. Ich antwortete, dass ich zumindest jetzt ein konkretes Ziel hätte, an dem ich arbeiten möchte, was ja schon viel wert ist. Nur fehle mir noch der konkrete Masterplan, wie ich das umsetzen kann. Eigentlich habe ich mehr als ein Ziel, mindestens drei, aber ein Hauptziel.

Dann sollten mir alle Wünsche mit auf den Weg geben. Da kamen sehr viele, sehr warme Worte, eine richtige warme Dusche. Da war von „Intelligenz“, „guter Allgemeinbildung“, „Humor“, aber auch „Herzenswärme“ die Rede. Es gab auch eine kritische Äußerung, ich würde zu lange um den heissen Brei herumreden und es würde immer sehr lange dauern, bis ich zum Punkt käme. Ich weiß das, weil ich das auch schon von anderen daheim gehört habe. Ich solle da mal drüber nachdenken. Da kam dann ein Stop von der Therapeutin, das sei für mich nicht einfach durch „drüber nachdenken“ zu ändern, weil das nach ihrer Ansicht zu meinem Krankheitsbild gehöre. Und ich würde ihrer Ansicht schon seit meiner Kindheit darüber nachdenken. Ist nicht ganz falsch, genauso, wie die Aussage, dass ich manchmal viel um den heissen Brei herumrede, nicht falsch ist. Einer aus der Gruppe der neuen Leute sah das zwar anders, aber ich sehe das schon als Problem, ich wäre schon manmal gerne kurz und präzise in meiner Artikulation. Es gab aber in der Gruppe auch die Meinung, dass bei mir auch das „um den Brei herumreden“ oft interessant sei. Nun, das ist halt Geschmacksache, und ich bin auch dem kritischen Gruppenkollegen dankbar für sein Feedback.

Ziemlich unmittelbar im Anschluss an die Gruppentherapie hatten wir dann Musiktherapie – zum ersten und letzten Mal, davon gab es nur eine Einheit. Das ist auch outgesourced, denn das macht kein Therapeut der Klinik, sondern ein Trommel-Lehrer von außerhalb. Bei dem kann man auch außerhalb der Therapie gegen ein bezahlbares Entgelt an Workshops teilnehmen, so ähnlich wie bei der Sache mit dem Linedance.

Ein ziemlich alternativ anmutender, männlicher Mensch erschien auf der Bildfläche. Das heißt, zuerst nahm man ihn aus weiter Ferne akustisch war, da beide Fußgelenke mit Schellenkränzen angetan waren, die sich bei jedem Schritt des Trägers deutlich meldeten. Wir gingen mit unserem Trommellehrer in den Vortragsraum, in dem schon ein Stuhlkreis aufgebaut war. Vor jedem Stuhl stand eine Trommel, man frage mich nicht, wat genau für’n Ding. Ich habe leider vergessen, zu fragen.

Zuerst erzählte der Mann allgemein etwas über Musik als Kraftquelle, und über die Entstehung des Trommelns und seine afrikanische Herkunft. Später ging es dann um verschiedene Rhythmen, insbesondere solche aus Kuba. Dann ging es darum, dass viele afrikanische Rhythmen sehr komplex sind, aber nie aufgeschrieben würden – Noten liest da keiner. Da wird einfach nachgespielt, und um sich die Rhythmen besser merken zu können, werden dazu gerne Sprüchlein mitgesprochen, jede Silbe entspricht dann einem Schlag.

Trommel

Die Trommel aus der Perspektive des Trommlers. Viel ist ja nicht davon zu sehen, aber vielleicht weiß Satay-Spieß, oder auch meine Schwester, die davon ja auch etwas versteht, trotzdem, was das eigentlich ist.

Apropos Schlag, wir erlernten erst eine grundsätzliche Schlagtechnik, nämlich, dass man nicht mit Kraft auf die Trommel haut, sondern lediglich seine Hände hebt und dann die Schwerkraft nutzt, um sie auf die Trommel fallen zu lassen. Man soll Arme und Hände locker lassen, als wäre man eine Marionette, dessen Spieler an den Fäden zieht, wenn die Arme gehoben werden sollen – und die Fäden einfach loslässt, wenn man auf die Trommel hauen soll. Das ist weniger anstrengend und klingt auch viel lockerer. Außerdem erlernten wir ein paar grundlegende Schläge, ich habe aber schon wieder vergessen, wie die heißen. Einer war einfach der Bassschlag in der Mitte der Trommel.

Wir erlernten dann unter Verwendung von Sprüchlein einen sehr einfachen Rhythmus, den wir eine ganze Weile spielten. Ich glaube, insbesondere den Herren der Schöpfung kam das mit den Sprüchlein ein wenig oder auch sehr dümmlich vor, ich kann mich da auch nicht ausnehmen. Es machte mir aber dennoch leidlich Spaß. Zwei Gruppenkollegen, dem Keeper und seinem besten Kumpel, stiegen dann aber irgendwann aus. Die machte das Ganze eher aggressiv, was ich verstehen kann, ich habe ja solche Erfahrungen z.B. bei mancher Sportstunde gemacht. Ich fand es, naja, so halb gut. Von mir aus hätten wir auch gerne was etwas anspruchsvolleres machen können, als immer nur diesen einen, simplen Rhythmus mit Breaks und zwischenzeitlichem in-die-Hände-klatschen.

Der Trommelmann erzählte brachte dann auch noch Analogien zu natürlichen Rhythmen, wie dem Herzschlag, dem Atem, den Jahreszeiten, dem Erwachen und Ersterben in der Natur etc. und fing dann irgendwann auch noch mit Yin und Yang an. Naja. Mag ja was dran sein, aber ist halt nicht so meine Schiene.

Wie auch immer, das Ganze dauerte 90 Minuten. Ich hatte so mit einer Stunde gerechnet, und mein Plan war, dann noch eine halbe Stunde mit ein paar Leuten einen Kaffee zu trinken und in aller Ruhe Tschüss zu sagen, dann eine halbe Stunde zu packen, und um 17:00 Uhr mit dem freundlichen Kollegen aus der Gruppe zum Bahnhof Oberbarmen zu fahren. Nun war es aber schon 16:30 Uhr, und es würde alles knapp werden. Ich musste ja auch nicht nur packen, sondern mich auch noch an der Rezeption und in der Pflege abmelden. Ich entschied mich (vermeintlich, wie sich zeigen sollte) gegen den Stress und für die Verschiebung meiner Abreise auf 18:00 Uhr. Und holte mir zuerst ein Spaghettieis vom Eiswagen vor der Kliniktür (anstatt Kaffee), welches ich mir dann auf der Terrasse zu Gemüte führte.

Danach ging ich auf mein Zimmer, um weiter zu packen. Meine Güte! Normalerweise bin ich recht schnell beim Packen. Aber es hatte sich viel Zettelkram angehäuft, der sortiert werden musste, einiges war wegzuschmeißen, es hatten sich Geschenke (u.a. von der Verwandten aus dem Sauerland zu Ostern und der Frosch meiner sportlichen Chat-Freundin) angesammelt, ich musste meine Pieps-Schaltung, mit der ich die Wasserspender-Fehlfunktion simulieren wollte, wieder auseinandernehmen… Es dauerte lange. Und ich hatte nicht bis 18:00 Uhr Zeit, denn ich musste ja noch meinen Zimmerschlüssel an der Rezeption abgeben und mir da auch eine Unterschrift holen. Und die hatten nur bis 17:30 Uhr geöffnet, glücklicherweise hatte ich daran gedacht, mich danach zu erkundigen. Und so hatte ich dann doch noch Stress. Ich bekam auch nicht alles in den Koffer (Bob) und meinen Rucksack, mit denen ich angereist war, ich musste zusätzlich eine Plastiktüte bemühen.

Während ich packte, hörte ich laut Musik durch meine Bose-Box. Irgendwann stoppte die Musik, stattdessen dudelte der Klingelton (nix spezielles, da ich mein Telefon eh meistens lautlos habe, spiele ich da keine speziellen Sachen mehr drauf wie früher…). Es war Ritalinetta, die nach meiner Zimmernummer fragte. 412, wieso? Sie stünde vor meiner Tür und wollte sich verabschieden. Sie wollte irgendwohin los und die Gelegenheit nicht verpassen, tschüss zu sagen. Das hat mich echt gefreut. Und ich wurde gedrückt.

Mit Müh und Not schaffte ich es, noch rechtzeitig mit meinen Klamotten an der Rezeption zu sein und den Schlüssel abzugeben (den ich mir noch mal wiederholte, weil ich noch was aus meinem Schließfach holen musste). Dann holte ich mir die letzte Unterschrift für meinen Laufzettel aus der Pflege und bekam meinen vorläufigen Entlassungsbrief. Damit waren die Formalitäten erledigt und ich war abreisebereit. Aber es war halt noch nicht 18:00 Uhr. Immerhin, ein Gruppenkollege saß mir gegenüber, und so konnte ich mich von diesem auch noch richtig verabschieden. Ansonsten war keiner aus der Gruppe in der Lobby, und ich kannte auch die Zimmernummern nicht. Nunja, es haben mir ja alle in der Gruppe ihre guten Wünsche mitgegeben, und wir haben ja unsere Whatapp-Gruppe, also passt das schon. Nur leider konnte ich die Wartezeit auch nicht mehr mit einem letzten, leckeren Dallucci-Kaffee überbrücken, weil die schon Feierabend gemacht hatten.

Schließlich war mein Chauffeur (übrigens der beste Kumpel des Keepers) pünktlich am Start. Wir verfrachteten meine schweren Gepäckstücke in seinen Corsa, und los ging es nach Oberbarmen-Bahnhof, wo wir uns verabschiedeten. Ich hatte noch 20 Minuten Zeit und genehmigte mir zwei Cheeseburger und eine mittlere Cola vom hiesigen McDonald’s.

Dann ging ich zum Gleis, mein Zug war pünktlich da. Der erste Halt auf dem Weg nach Hagen war Ennepetal-Gevelsberg. Nachdem der Zug, so schien es zumindest, ganz normal gehalten hatte, kam eine Durchsage: „Wegen eines Personenschadens im Gleis voraus verzögert sich die Weiterfahrt um, äh, unbestimmte Zeit.“ Lauter Unmut brach unter den Passagieren aus, und natürlich die Suizid-Vermutung. Ich hatte noch ein bisschen Hoffnung, dass es vielleicht ein anders gearteter Unfall wäre, der ja dann auch nicht unbedingt tödlich sein müsste. Dann kam aber leider eine zweite Durchsage, die Sache könne so zwei Stunden dauern, und man solle doch am besten aussteigen und mit dem Bus zum Gevelsberger Hauptbahnhof und von da aus weiter fahren. Da dachte ich dann auch, dass es bestimmt ein tödlicher Unfall bzw. wahrscheinlich ein Suizidfall war. Man erfährt das ja nie wirklich genau, wenn man nicht gerade so ignorant ist, sich die Schnauze der Lok einmal aus der Nähe anzusehen. Als häufiger Fahrgast bei der Bahn hatte ich so eine Situation mindestens schon einmal. Natürlich war ich auch ärgerlich wegen der Verzögerung, und weil ich nicht recht wusste, wie es jetzt weiterginge, und natürlich hatte ich wegen meines Ärgers ein schlechtes Gewissen. Denn was da wahrscheinlich passiert war ist so unendlich viel Schlimmer als ein paar Stunden Verspätung, zumal die in meinem Fall noch nicht mal irgendwelche ernsthaften Folgen hatten – denn ich hatte ja die Zeit.

Kirche oder Kapelle in Ennepetal

Dieses kleine, hübsche Sakralgebäude steht unmittelbar bei der Bushaltestelle, von wo aus wir gestrandeten Bahnfahrer einen Bus Richtung Hagen bestiegen… Ich weiß leider nicht, wie es heißt, und Google Maps weiß das auch nicht.

Okay, ich entschied mich gegen das Warten im Zug, und verließ mit sehr vielen sehr ratlosen (mir ging es ja nicht anders) Fahrgästen die Bahn. Wir strebten auf eine Bushaltestelle zu, ich verließ mich da auch ein Stück weit auf den Herdentrieb. Einige Leute bestellten sich Taxis. Ich bekam irgendwann mit, dass Buslinie Nummer soundso zum Gevelsberger Hauptbahnhof führe, von da aus könne man mit einer anderen Buslinie oder der S-Bahn weiter zum Hagen Hbf. Also nahm ich mit vielen anderen gestrandeten Bahnfahrern den Bus der Linie soundso und fuhr in dem überfüllten Viehekel Richtung Gevelsberg Hbf. Irgendwann kamen wir zu einer Haltestelle, von der, so hieß es, auch ein Bus Nummer Soundso nach Hagen führe. Einige stiegen aus, so auch ich. Dann hieß es, es sei günstiger, bis zum Gevelsberg Hbf zu fahren, weil man von dort aus mit der S-Bahn schneller in Hagen sei, also stiegen einige wieder in den Bus ein. Ich nicht, ich beschloss, es mit dem Bus zu versuchen. Der würde allerdings erst in ca. 20 Minuten kommen. Also tat ich, was jeder Ingress-Spieler tut, wenn er an einem fremden Ort mit Portalen ist und Zeit hat: Unique Visits und unique captures sammeln. Die Haltestelle lag in der Nähe einer Schule, und es gab einiges an Portalen in der Umgebung. Natürlich entfernte ich mich nicht weit von der Bushaltestelle und hatte die Uhr immer im Auge.

Straße in Gevelsberg

Eine idyllische Straße in Gevelsberg… nur, dass ich hier eigentlich gar nicht hin wollte! Gefühlt war ich noch nicht sehr weit gekommen (und geografisch auch nicht).

Also drehte ich eine kleine Runde, bei der ich so sechs oder sieben Portale bearbeiten konnte, und kehrte dann zur Bushaltestelle zurück. Der Bus kam, und wir stiegen ein. Es war wieder sehr voll, wenn auch nicht so schlimm wie im Bus zuvor. Irgendwann hatte ich sogar einen Sitzplatz. Es waren über 20 Stationen zu fahren. Immerhin konnte ich auf der Fahrt noch ein paar Uniques sammeln. Es war aber gar nicht so einfach, gleichzeitig mit dem Smartphone und drei Gepäckstücken zu hantieren, die natürlich auch im Bus den Gesetzen der Trägheit ausgesetzt waren…

Gegen 20:10 Uhr kamen wir in Hagen an. Um 20:01 Uhr war ein Zug nach Osnabrück abgefahren, also ca. 50 Minuten warten. Was soll man machen? Ich holte mir wieder etwas von McDonald’s und verzehrte das draußen auf dem Vorplatz des Bahnhofs, wo Tische und Stühle standen. Ich hatte auch hier zwei bis drei Portale in Reichweite, mit denen ich ein bisschen rumbasteln konnte. Ansonsten: Quizduell und ein bisschen chatten auf dem Kanal, wo wir unsere Patientengruppe haben. Man kann gegen Smartphones sagen, was man will, wenn man alleine ist und Zeit totzuschlagen hat, sind sie Gold wert.

Auf der großen Tafel im Bahnhofsgebäude erfuhr ich dann, dass mein Zug ca. 10 Minuten Verspätung hatte, was meine Wartezeit in Hagen auf über eine Stunde vergößerte. Also drehte ich noch eine kleine Runde auf dem Vorplatz bzgl. der dortigen Portale und ging dann zum Gleis, wo ich immerhin auch noch zwei Portale in Reichweite hatte. Hmja, das gute Gleis 7/8, das kannte ich schon von meinem Besuch bei meinen Verwandten im Sauerland her…

Schließlich kam der verspätete ICE, ich wuchtete mein Gepäck hinein und fand auch gleich ein lauschiges Plätzchen an einem dieser Tische. So konnte ich bequem mein Laptop draufstellen und schon einmal beginnen, diesen Beitrag zu tippen. Das verkürzte mir auf der ansonsten ereignislosen Fahrt auch gut und produktiv die Zeit.

Schließlich kam ich gegen 22:40 in Osnabrück an, ca. 2:20 h später als geplant. Mein Bus direkt bis nachhause fuhr erst um 23:07 Uhr. Ich nahm dann schon mal einen anderen Bus, den ich am Neumarkt (ein großer Busbahnhof und Knotenpunkt in der City) wieder verließ. Grund: Hier zu warten lohnte sich eher, mehr Portale. Ich ging zu Fuß zur nächsten Haltestelle Kamp und bastelte dabei an den Portalen auf dem Weg herum, wofür die Zeit locker reichte.

Schließlich kam der Bus, und ich konnte nachhause fahren. Noch fünf Minuten Fußweg, dann hatte ich es endlich geschafft. Irgendwie hatte ich es geschafft, ohne mich groß aufzuregen – bis kurz vor Schluss, als mir bei der Vorbereitung des Ausstieges aus dem letzen Bus des Tages der ziemlich schwer beladene „Bob“ auf den Fuß fiel. Da musste ich schon kurz ein wenig fluchen.

Ambiente auf dem Balkon

Meine neue, wie es in der Karte auf dem Küchentisch heisst, „aufgepimpte Chillout-Area“ auf dem Balkon. Echt, ein Hammer, sowas Tolles hätte ich niemals erwartet! Das Unterteil des Tisches besteht übrigens stilvoll aus einem Kasten Newcastle Brown Ale, den ich einem Ingress-Kollegen verdanke.

Zuhause erlebte ich eine grandiose, tolle, und einfach unglaublich geile Überraschung. Während meiner Abwesenheit hatten meine „Handtaschenfreundin“ und ihr Mann, beide aus Frankfurt, meine Wohnung zur Übernachtung genutzt, um eine gemeinsame Freundin in Osnabrück zu besuchen. Man hatte mir geschrieben, dass man einige biologische Experimente aus meinem Kühlschrank entfernt hätte (ich habe meine Abfahrt hier schlecht geplant und vorher nicht alle verderblichen Waren konsumiert oder weggeschmissen) und dafür einige Sache auf meinem Balkon, meinem Küchentisch und in meinem Kühlschrank deponiert hätte.

Darauf hatte ich mich auch schon während meiner Heimreise gefreut. Aber was ich vorfand, übertraf meine Erwartungen bei weitem. Das erste, was ich vorfand, war ein Gartenstuhlkissen auf meiner Couch. Wow, man hat mir einen Gartenstuhl geschenkt!? Auf dem Balkon hatte man aufgeräumt, einen Gartenstuhl hinterlassen, aus einer alten Bierkiste und einem Brett ein Beistelltischchen improvisiert und außerdem noch zwei Blümchen im Kübel aufgestellt. In einem Blecheimer daneben lagen drei Flaschen Bier. Ich kam mir vor wie in so einer Sendung auf RTL (oder so), in der irgendwelchen Leuten die Wohnung komplett einmal durchrenoviert und umgestaltet wird. So was wie „Pimp my ride“ mit Wohnungen.

Startset

Das „Start-Set“, welches mir meine Freunde aus Frankfurt in meiner Küche hinterlassen haben. Sogar eine Zigarre für meine neue Chill-Area auf dem Balkon ist dabei!

In meiner Küche fand ich auf dem Küchentisch eine Art „Start Set“: Aufbackbrötchen, Wasser, Apfelsaft, Orangen, ein großes Snickers, eine kleine Packung Oreos, Nudeln, Nudelsoße. Und im aufgeräumten Kühlschrank lagen vier weitere Flaschen Bier, Parmesankäse und Aufschnitt.

Kühlschrankinhalt

Auch das gehört zum „Start-Set“: Man hat nicht nur die biologischen Kulturen aus meinem Kühlschrank entfernt (und mutmaßlich als Bio-Waffe gewinnbringend an einen sympathischen Diktator im nahen Osten verhökert), sondern auch noch leckere Sachen für das Frühstück morgen eingekauft!

Ich schäme mich fast dafür, bei dem Anblick nicht in Tränen ausgebrochen zu sein, das wäre jedenfalls angemessen. Wie reich kann man denn bitte schön noch mit guten Freunden beschenkt sein? Ich glaube, ich muss wieder in Reha, selten bin ich so verwöhnt worden – nicht nur hier habe ich so unglaublich tolle und liebevoll überlegte Sachen vorgefunden, auch das eigens gedrehte Video, der eigens genähte Frosch, die vielen lieben Karten, Briefe und Süssigkeiten, die man mir in die Klinik geschickt hat…


DANKE !!!

Und auch, was man mir heute alles so gesagt hat, was in mir selbst steckt, womit ich so aus anderer Quelle beschenkt (oder gesegnet) worden bin… was mich so als Mensch ausmacht und irgendwie wohl auch der Grund ist, warum ich so tolle Freunde habe, auch dafür bin ich dankbar, und auch dafür hat mir der Aufenthalt in der Klinik die Augen geöffnet. Aber gleich möchte ich meine Augen lieber schließen und zur Nachtruhe übergehen.

Herforder Pils

Mittwoch, 22.04.2015: Mein erstes Bier nach sechswöchiger Abstinenz. Natürlich auch aus dem „Start-Set“ der Freunde aus Frankfurt. Lecker war’s!

Nur noch schnell ein paar Fotos und Ingress-Stats hinzufügen… das Fazit folgt dann morgen.
Gute Nacht!

Ingress-Stats:

Translator Trekker Explorer Pioneer Builder Purifier
letzter Stand 35.286 1.976 km 3.100 1.851 75.369 55.502
Jetzt 35.619 1.981 km 3.129 1.869 75.700 55.619
Delta 333 5 km 29 18 331 117

Über michikarl

Ich möchte den Werbetreibenden, die heutzutage mehr Daten über Individuen sammeln als die Geheimdienste dieser Welt, nicht kostenlos Informationen zur Verfügung stellen. Obwohl ich das mit Sicherheit auch hiermit bereits getan habe.
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4 Antworten zu Tag 42 – Die Bahn kommt. Manchmal nur von Wuppertal-Oberbarmen bis nach Ennepetal-Gevelsberg.

  1. Elisabeth schreibt:

    Es wird sich, soweit man das sehen kann, wohl um eine Djembe handeln. Also, mir macht Trommeln ja immer Spaß. In unserer leider nicht mehr existenten Samba-Gruppe hatten wir auch immer nette Sprüchlein für die Breaks, z.B. „Cai- pirinha an der Co- pa- Cabana“…

    Also dann: Welcome home and back to normal! – wenn auch mit teilweise geänderter Perspektive.

  2. satayspiess schreibt:

    Deine Schwester hat Recht, Das ist ’ne Djembé! Aus Afrika. Wahrscheinlich hast du „open“, „slap“ und „bass“ (ein bisschen Bass!) gelernt. 🙂
    Der Trommellehrer trug nicht zufälligerweise einen Vornamen, der mit „R“ begann? Oder einen Nachnamen mit „K“? 🙂

    • michikarl schreibt:

      Hi Spiess! Nee, der Nachname beginnt mit B. Und ja, ich glaube das waren die drei Schläge…

      • satayspiess schreibt:

        Na, das wäre ja auch ein riesen Zufall gewesen, wenn das ausgerechnet mein allererster Trommellehrer gewesen sein sollte! 🙂
        bass = mit der vollen Hand in die Mitte des Fells
        open = mit den Fingern auf den Rand des Fells, für einen offenen Ton
        slap = auch mit den Fingern auf den Rand des Fells, aber mehr „peitschend“ als beim „open“ für einen harten Ton, der nicht nachhallt 🙂

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