Tag +1: Nachtrag zum Fazit und „der Tag danach“

Ich habe eine Sache, die mir wichtig ist, beim Fazit vergessen. In den 80er Jahren warb, ich glaube „Head & Shoulders“ mit dem Spruch „You never get a second chance to make a first impression.“ (Du bekommst nie eine zweite Chance, den ersten Eindruck zu machen.) Ich weiß noch, dass mein Vater diesen Spruch bemerkenswert und intelligent fand. Auf jeden Fall ist der Spruch eines: wahr.

In der Gruppe habe ich aktiv und passiv die Erfahrung gemacht, dass der erste Eindruck aber oft täuscht. Ich habe oft gehört, dass mein erster Eindruck bei anderen erst einmal negativ war, sich aber im Laufe der Zeit deutlich ins Positive hin verbessert hat. Und genauso hatte ich von einigen meiner Gruppenkollegen zuerst einen eher schlechten Eindruck, der sich aber genauso, nachdem ich die Leute besser kennengelernt habe, deutlich verbessert hat.

Was schlussfolgere ich also? Natürlich kann sich jeder mehr Mühe mit dem ersten Eindruck, den er oder sie verbreitet, machen. Aber viel wichtiger ist vielleicht, dem anderen eine zweite und sogar eine dritte Chance zu geben, anstatt das Gegenüber sofort als unwürdig abzuhaken. In der Gruppe haben wir das, so sieht es aus, alle getan. Weil wir in der Gruppe auch kaum eine andere Wahl hatten. Und wir haben alle sehr davon profitiert.

Also sollte man das Sprüchlein vielleicht so anpassen:

„You always have a second chance not to rely on a first impression“

(Du hast immer eine zweite Chance, Dich nicht auf einen ersten Eindruck zu verlassen)

Ich werde daran arbeiten, dieses Sprüchlein zu beherzigen.

Okay, nun zum „Tag danach“. Ich war ja erst kurz vor null Uhr nachhause gekommen, wegen des mutmaßlichen Suizids in Ennepetal-Gevelsberg. Dann hatte ich noch ein wenig aufgeräumt, begeistert bestaunt, was meine lieben Frankfurter Freunde mir hier hinterlassen haben (ich bin froh, dass die nicht auch noch das Klo geputzt haben…) und gebloggt. Ich war erst kurz vor drei Uhr im Bett.

Dementsprechend spät fand ich am „Tag danach“ erst aus dem Bett, es mag so gegen 11:00 Uhr gewesen sein (unzuverlässige Angabe, zu dem Zeitpunkt hatten noch nicht alle meine Uhren den Weg 360 Grad des Minutenzeigers in die „Neuzeit“ gefunden). Ich war erst einmal dankbar, noch Urlaub zu haben. Das Wetter war akzeptabel, bewölkt, aber auch Sonne dabei.

Frühstück

Lecker Frühstück dank meiner Frankfurter Freunde.

Ich frühstückte aus den Resourcen, die man mir hier einkauft hatte, mit Aufbackbrötchen, Käse, Vogel in Scheiben, Kaffee, und frischgepresstem Orangensaft. Nach dem Frühstück tat ich etwas, was ich in Wuppertal noch ausgeblendet hatte, weil ich mir darum noch keinen Kopf machen wollte: Ich meldete mich zur Anomalie in Utrecht an.

Eine Anomalie ist ein Ingress-Event, das weltweit in vielen großen Städten zeitgleich stattfindet. Erst vor kurzem, während meines Wuppertal-Aufenthaltes, fand u.a. in Hannover ein solches Event statt, bei dem auch meine hiesige Clique in Osnabrück teilnahm und sehr viel Spaß zusammen hatte. Utrecht ist bei der kommenden Anomalie eine sogenannte „primary site“. Hier kämpfen tausende Spieler beider Fraktionen um die Vorherrschaft. Ich glaube, ich habe noch nicht so alle Details verstanden, aber im Prinzip geht es darum, zu einem bestimmten „Checkpoint“, das bedeutet, zu einem konkreten Zeitpunkt, in einem begrenzten Gebiet die Nase vorne zu haben, z.B. am meisten Portale zu halten. Das Spieltechnische an sich ist, wie ich befürchte, sogar eher öde, aber der soziale Aspekt und das tam-tam drum herum könnte sehr viel Spaß machen.

In der Hintergrundstory des Spiels, welche ich nicht verfolge, wird natürlich noch erklärt, was es mit diesen Anomalien fiktiv auf sich hat. Jedenfalls habe ich mich an drei Stellen angemeldet: Bei Enlightened Deutschland, denn die haben einen Reisebus organisiert, der in Hannover startet und voll mit „Fröschen“ nach Utrecht fährt. Dessen Route führt über Osnabrück, und so fährt Enlightended Osnabrück (Teamname: ChaOS) da mit. Zweitens habe ich mich bei Niantic (Tochterfirma von Google, Macher des Spiels) für das Event angemeldet, und noch mal bei Enlightened International, wo ich anzugeben hatte, in welchem Clusterteam ich spielen möchte. Also einiges an Formalitäten. Mir ist auch richtig bewusst geworden, was für massive Institutionen um das Spiel entstanden sind. Enlightened Deutschland betreibt eine Webseite, eine Bankverbindung und organisiert alles mögliche – da engagieren sich also Leute so richtig. Für die ist Ingress nicht nur ein Zeitvertreib nebenbei, sondern ein massives Hobby, in das richtig Zeit investiert wird.

Ich bin gespannt, am 20.06.2015 ist es soweit, und wenn ich es irgend schaffe, schreibe ich am Sonntag danach hier im Blog einen Bericht.

Bob wird ausgepackt

Meine knallorangene Hartschale, aka „Bob“, vor dem Auspacken. Vorne: Indoor-Schuhe, die auch leider Outdoor verwendete, EierPad in der Hülle, basecom-Handtuch und eine weiße Box, die Arduino-Zubehör enthält.

Dann stand Koffer auspacken und Wäsche waschen auf dem Programm. Das mit dem Wäsche waschen klappte nicht: Als ich den Wasserhahn aufdrehte, kam das Wasser an der falschen Stelle aus dem Hahn, also nicht nur in den Schlauch zur Waschmaschine. Mist! Aber: Nicht aufregen, handeln. Ich hatte noch Hanf (nicht zum rauchen, sondern als Dichtungsmaterial) da, fand aber meine Drahtbürste, mit der man das Zeug um die Verschraubung verstreicht, nicht. Ich habe das selbst noch nie gemacht, aber ich war bereit, das auszuprobieren.

Also fuhr ich mit dem Fahrrad los, erst zum Supermarkt, Waschmittel kaufen, danach zur Bank, und dann auf zum Baumar… STOP!

Warum zum Geier soll ich denn das selbst reparieren? Dafür ist der Vermieter, bzw. Hausmeister zuständig. Ich bin auf den Trichter gekommen, weil ich schon mal aus irgendeinem Grund den Wasserhahn einmal abgebaut hatte. Anschließend war der nicht mehr dicht auf das Rohr zu bekommen, also hatte ich einen neuen Hahn besorgt, ein sehr kompetenter Mitarbeiter des Baumarktes hat ihn mir eingehanft (super Dienstleistung!) und ich hatte ihn dran geschraubt, danach war es jahrelang alles dicht. Wohl deswegen sagte mir mein Hirn zuerst „mach mal selbst“. Damals fand ich das angemessen, weil ich es auch irgendwie selbst verbockt hatte.

Diesmal aber nicht. Also fuhr ich nachhause und sprach dem Hausmeister auf seinen AB, dass ich um Reparatur bitten möchte. Dies ist übrigens ein klassisches Beispiel dafür, wie ich mir im Alltag immer wieder mal das Leben unnötig schwer mache, weil ich nicht um Hilfe bitte, selbst wenn die mir zusteht. Ich könnte auch wahrscheinlich öfter mal bei Freunden fragen, mit anzufassen, aber ich hab einfach die Gewohnheit und Tendenz, Sachen alleine zu machen. Vielleicht, weil ich es nicht mag, mich von anderen abhängig zu machen, oder aus falschem Stolz. Aber ich möchte das nicht mehr, das Leben könnte einfach sehr viel einfacher sein, wenn ich mir mehr helfen ließe. Und das werde ich künftig tun. Ich werde auch um Hilfe gebeten, ich helfe gern, und jedem steht es immer frei, „Nein“ zu sagen. Wenn man jemanden sehr mag, freut man sich ja sogar, helfen zu können, jedenfalls geht es mir so.

Fröschlein

Fröschlein ist zuhause.

Zurück in der Wohnung hätte ich noch tausend Sachen machen, z.B. mich über Möglichkeiten, meine Ziele zu verwirklichen, informieren können. Aber es war schon Nachmittag, und die Sonne schien auf meine Balkonseite. Also beste Bedingungen, um meine neue „Chillout-Area“, die meine Frankfurter Freunde so liebevoll gestaltet hatten, einzuweihen. Also setzte ich mich auf meinen neuen Gartenstuhl und genoss die Zigarre, und zwei Herforder Pils, die mir die Frankfurter noch zusätzlich spendiert hatten (wirklich, das ganze Wellness-Paket!). Dazu tat meine neue Bose-Box einen guten Job zusammen mit Steely Dan – ich hätte es nicht gedacht, aber das Teil klingt besser als mein Ghettoblaster von 1986… Wer mag, höre sich in dem Youtube-Beitrag unter diesem Absatz meinen Lieblinstitel (ist auch titelgebend für das Album) an. Lasst Euch von dem Saxophon-Choas am Anfang nicht beirren… Und wer mag und des Englischen mächtig ist, achte auch die Lyrics, die eingeblendet werden.

Leider begannen dann gleich mehrere Leute, ihren Rasen zu mähen. Unter anderem auch direkt unter meinem Balkon, mit einem großen Aufsitzmäher. Und ich hatte meine Zigarre noch nicht zuende geraucht. Aber was soll’s – ich war noch so tiefenentspannt, dass ich mir sagte, okay, dann keine Musik, sondern Ohropax.

Aber dann sah ich, wie sich die mir bekannte Frau des Hausmeisters mit dem Nachbar, der unter mir wohnt, unterhielt. Ich sprach sie also auf mein Wasserhahn-Problem an, und sie verwies mich an ihren Mann, der auf dem Mäher saß. Danach übernahm sie seinen Platz am Steuer des Gefährtes, und der Hausmeister begleitete mich in meinen Keller, um das Problem zu sichten. Er besah sich den Hahn und versprach, mir in den kommenden Tagen einen neuen zu besorgen und einzubauen.

Und so hatte ich aus der Not (Rasenmäherlärm) eine Tugend (Reparatur organisiert) gemacht und war guter Dinge. Inzwischen war die Frau des Hausmeisters mit dem Mähen fertig, und ich konnte meine Zigarre zu Ende rauchen.

Ich habe im Büro einen Kalender stehen, den mir die Neue Osnabrücker Zeitung geschenkt hat. Ein Monatsspruch lautet:

Die Dinge sind nicht so wie sie sind,
sondern was man aus ihnen macht.

Das ist wahr.

Es gibt da einen Film, der mir sehr gefällt, „About Time“ („Alles eine Frage der Zeit“). Der Protagonist hat darin eine angeborene Fähigkeit, in die Vergangenheit zurückzukehren. Am Ende des Films erlebt er denselben Tag zweimal: Zuerst angespannt und gestresst, die Schönheit des Lebens um ihn herum gar nicht wahrnehmend, und am Ende des Tages ist er geschafft. Beim zweiten Durchlauf ist er freundlich zu allen, nimmt sich Momente Zeit, seine Umgebung wahrzunehmen, freut sich über einen Erfolg, anstatt ihn selbstverständlich zu nehmen und lächelt sehr viel. Am Ende des Tages geht er sehr viel glücklicher ins Bett. Zuletzt reist er nicht mehr in die Vergangenheit, weil er gelernt hat, auch so immer das Beste aus seiner Zeit zu machen.

Und genauso ist es tatsächlich, das hat mir der „Tag danach“ deutlich gezeigt. Ich hätte mich normalerweise über das Wasserhahnproblem und den Rasenmäherlärm beim Chillen sehr geärgert. Aber ich habe das Beste draus gemacht, und ich wünsche mir, das in Zukunft zu lernen, so zu leben.

Nach dem Chillout kochte ich die Nudeln mit der Fertigsoße von … na, Ihr wisst schon, zum Abendessen.

Eine knappe Stunde nach dem Abendessen klingelte „hpaos“, ein hiesiger Ingress-Kollege. Wir fuhren los und pickten drei weitere Leute auf, mit denen wir uns verabredet hatten. Dann ging es nach Telgte im Münsterland, das war vorher komplett blau und hinterher fast komplett grün. Aber da spare ich mir ausnahmsweise mal weitere Details. War ein spaßiger Abend mit der Clique.

Tja, das war es dann mit meiner Berichterstattung aus Wuppertal. Es hat mir viel Spaß gemacht, zu schreiben und Euch teilhaben zu lassen. Vielen Dank an alle Leser, dass ihr mir die Treue haltet und mich begleitet habt. Vermutlich wird der nächste Bericht zur Persepolis-Anormalie kommen.

Bis dann.
Der Michi

Ingress-Stats Wuppertal – Summe

Translator Trekker Explorer Pioneer Builder Purifier
TOTAL 18.172 186 km 659 383 7.387 6.343

PS: Schon krass, alleine mit Ingress 186 km zu Fuß zurückgelegt zu haben. Aber andererseits, der erste und bisher einzige Level-16-Frosch in Osnabrück hat in einer einzigen Woche 162 km zu Fuß zurückgelegt…

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Über michikarl

Ich möchte den Werbetreibenden, die heutzutage mehr Daten über Individuen sammeln als die Geheimdienste dieser Welt, nicht kostenlos Informationen zur Verfügung stellen. Obwohl ich das mit Sicherheit auch hiermit bereits getan habe.
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