Persepolis – Teil 3

Angekommen auf dem Messegelände in Utrecht hackten wir zuerst die restlichen zwei oder drei Portale der in Osnabrück begonnenen Mission „NDS goes Utrecht“. Und „wir“ bedeutet in diesem Kontext wahrscheinlich: Die ganze Busladung.

Ingress Persepolis Animaly und DatingFair

Messegelände Utrecht: Ingress Persepolis Anomaly und DatingFair

Eine große, elektronische Anzeigetafel verkündete: 20. Juni Ingress Persepolis. 20. – 21. Juni Dating Fair. Aha. Interessante Kombination. Auf dem Vorplatz der Messehallen waren farbige Striche zu sehen, auch ein grüner und ein blauer, ein stetiger Strom von Resistance- („Schlümpfe“) und Enlightened-Spielern („Frösche“) schlenderte den Strichen ihrer jeweiligen Fraktionsfarbe über den Platz und in eine Messehalle. So auch wir, „Team ChaOS“. In den Hallen setzten sich der blaue und der grüne Strich in Form von Teppichen dieser Farbe fort, und so wurden wir in eine riesige Halle geleitet. Hier hing das Persepolis-Logo von der Decke, und die letzten Meter vor der NIANTIC-Anmeldung strahlten blaue und grüne Scheinwerfer von einer langen Traverse auf die jeweiligen Fraktionen herab, die also in ihren jeweiligen Farben leuchteten. Ein wenig Schlangestehen war angesagt, aber es ging sehr fix. Ein junger Mann in blauem T-Shirt und grünem Hut (sowas nennen wir „cross-faction“) bot selbstgebackene Muffins aus einem Bauchladen an. Neben der Schlange saß eine Frau und offerierte Gesichtsbemalung mit grüner oder blauer Farbe. Ein paar Leute, die nicht zu „ChaOS“ gehörten, hatten sich bereits im Bus grüne Kriegsbemalung angelegt.

Auf dem Weg zur Registrierung

Auf dem Weg zu Registrierung sieht man hier eine Schlange Schlümpfe in einer Messehalle in Utrecht

Schließlich an der NIANTIC-Anmeldung angekommen erhielten wir einen Persepolis-Stempel (auf Hand oder Arm), einen kleinen, roten Umschlag und ein weißes Kärtchen mit fremdartigen Zeichen und einem QR-Code. In dem Umschlag befanden sich zwei Kärtchen mit sogenannten Passcodes. Diese kann man bei der Ingress-App (auch „Scanner“ genannt) eingeben und bekommt dann z.B. Punkte (AP), Energie (XM), Gegenstände oder Medaillen. Ein Code war für die Persepolis-Badge, eine virtuelle Medaille, die im Spielerprofil angezeigt wird und zeigt, dass man an Persepolis teilgenommen hat. Für den anderen bekam man quasi als Bonus 10 Level 8 Powercubes (man braucht für alle Spielaktionen Energie, die man einsammeln kann, oder man verwendet einen Powercube, um seine Energie aufzuladen). Außerdem war noch ein Aufkleber mit dem Ingress-Logo in der Tüte. Die weiße Karte enthielt ein Rätsel. Mit dem QR-Code gelangte man auf eine Webseite, auf der man die Lösung eingeben konnte. Das Rätsel hatte schnell irgendwer gelöst und über die diversen Kommunikationskanäle, die Smartphones so bieten, weitergeleitet. Das Codewort war „Nursemaid“. Für die Antwort gibt es wohl auch irgend ne Medaille für das Profil.

Schlangestehen für die Registrierung

„Wir gehen alle auf den Strich“ – Ingress-Spieler beider Fraktionen stehen an auf dem Weg zur Registrierung. Ein Junger Mann bietet Muffins an.

Nach der Anmeldung bei NIANTIC teilte sich der blau-grüne Strom nach links (blau) und rechts (grün) auf, dort leuchteten die jeweiligen Anmeldeschalter der beiden Fraktionen. Und hier hatte ich ein Problem. In der Schlange hatten wir von Enlightened-Mitarbeitern Kärtchen mit QR-Codes bekommen, über die wir unsere Anmeldung aktivieren konnten oder so. Das klappt bei mir nicht. Wahrscheinlich hatte ich mich online bei Enlightened Deutschland mit der falschen Gmail-Adresse angemeldet. Ich habe zwei davon, weil ich mich einmal neu beim Spiel hatte anmelden müssen. Jedenfalls war meine Online-Anmeldung nicht durchgegangen, was ich die ganze Zeit nicht realisiert hatte – meine Daten waren alle abrufbar, ich hatte das zuvor noch mal gecheckt. Ich besprach das mit einer der Mitarbeiterinnen am Enlightened-Counter. Schließlich wies ich mich durch das Vorzeigen meines Scanners mit Enlightened-Anmeldung als „Frosch“ aus – da ich mit Level 16 das gegenwärtig höchst mögliche Level habe, welches man nicht „mal so eben“ erreichen kann, reichte das als Legitimation, tatsächlich zum grünen Team zu gehören. Ich bekam eine der durchsichtigen, grünen Karten zum Umhängen, die ihre Träger als Enlightened-Spieler auswiesen. Die waren recht schön gestaltet, mit dem Ingress-Logo, der Aufschrift „Enlightened Utrecht“, dem angedeuteten Turm des Utrechter Doms, zwei springenden Fröschen und dem Motto „Illustra nos“ (dürfte, wenn mich mein schwachten Lateinkenntnisse nicht im Stich lassen, „erleuchte uns“ heißen). Allerdings bekam ich eine blanke Karte, nicht mit eingelasertem Spielernamen – ich war ja offenbar nicht angemeldet. Die anderen hatten alle personifizierte Versionen, was natürlich als Souvenir wesentlich cooler ist. Naja, egal – ist auch nur ein Stück Plastik letzenendes, und ich konnte mitspielen. Das Ding ist übrigens oben in dem Header-Bildchen mit dem Persepolis-Logo zu sehen.

Viele Ingressspieler verloren in der großen Messehalle

Insgesamt waren schon viele Spieler da – aber die Halle war auch echt riesig, so dass die ziemlich verloren aussahen.

Damit waren wir durch die Anmeldungen durch, hatten aber noch Zeit. Einer der Kollegen aus „Team ChaOS“ musste sich noch eine SIM-Karte besorgen, wir spielten noch eine sehr kurze Mission in der Nähe und gingen dann zum nahegelegenen Bahnhof, bei Burger King was zu essen besorgen ggf. die Toilette frequentieren. Auf dem Platz vor dem Bahnhof sollte eigentlich auch ursprünglich auch Fotos (und vermutlich auch Video) mit allen Spielern von NIANTIC-Leuten geschossen werden, für deren Google-Plus- und sonstigen Webseiten und sicherlich auch den nächsten Ingress-Report über Persepolis. Als wir dort dann mit unserer fast vollen Mannschaftsstärke (eine niederländische Webseite textete von ca. 4.000 Spielern beider Fraktionen) herumlungerten, tauchte Anne Beutemüller (sowas wie die deutsche NIANTIC-Repräsentantin und Presseprecherin, arbeitet in Hamburg, ist leider Schlumpf) mit einem eher niedlichen Megaphon auf und forderte die Menge auf Englisch auf, das Feld zu räumen, die Polizei hätte entschieden, dass wir unsere Versammlung dort nicht abhalten dürften. Wir wurden zu einem anderen Platz dirigiert, wo sich alle Spieler sammelten.

Mann, das war echt schon ein heftiger Anblick, bei dem mir fast ein bisschen mulmig wurde. Einige Spieler beider Fraktionen schwenkten große Fahnen mit den Fraktionslogos und ihren Teamnamen oder Ortsgruppenbezeichnungen. Teiweise waren die allerdings sehr schön und phantasievoll gestaltet. Trotzdem hatte ich irgendwie unwillkürlich Bilder vor Augen, wie es sie in Deutschland Mitte und Ende der 30er Jahre gegeben hat. Was ja ein Quatsch ist – schließlich waren es hier zwei opponierende Parteien, und beim Fußball gibt es ja ähnliche Bilder auch. Wobei diese Angelegenheit, abgesehen vom Spiel selbst, absolut entspannt und friedlich ablief. Es war auch fast keine Polizei zu sehen, man rechnete also offenbar auch nicht wirklich mit Schwierigkeiten.

Aber es ist schon krass, wie NIANTIC es mit Ingress geschafft hat, die Massen zu motivieren, in Bewegung zu bringen. Und auch wenn mir nichts von Gewalttaten von Anhängern der einen Fraktion gegen die andere bekannt ist, so ergibt sich durch die Fraktionszugehörigkeit schon ein „Wir“ und „Die“. Das ist auch okay für mich, nur reagiere ich ziemlich empfindlich, wenn jemand die Leute der gegnerischen Fraktion ernsthaft schlecht macht (im Scherz ist natürlich okay). Aber es wird halt von einigen Leuten schon pauschalisiert, die Schlümpfe seien ja generell blöder oder unfreundlicher oder was auch immer. Ist ja auch kein Wunder – bei der Anzahl von Spielern auf beiden Seiten ist es ja logisch, dass Idioten dabei sind (wie auch bei jeder Fanbasis der Fußballvereine), die schnell mal alle auf der gegnerischen Seite in eine Schublade stecken. Dabei ist es doch sicherlich meist eher Zufall, auf welcher Seite man landet. Viele entscheiden sich ja nicht so wirklich, sondern wählt eine Seite, weil die Freunde, die einen rekrutieren (heisst wirklich so…) auf derselben Seite sind. Ich z.B. wurde von einem Arbeitskollegen rekrutiert, der Enlightened ist. Sonst wäre ich vielleicht Schlumpf geworden, ich finde erst mal Widerstand eigentlich cooler. Das sind Leute, die sich nicht der herrschenden Klasse (wie damals den Nazis) unterordnen, sondern gegen sie kämpfen. Enlightened hingegen erinnert an die Illuminati, die in der polulären Literatur wie bei Dan Brown (und erst recht Robert Shea und Robert Anton Wilson) eher als Böse dargestellt werden. Wie auch immer, nun bin ich halt Frosch, aber wäre ich ein schlechterer Mensch, wenn ich Schlumpf wäre? Es ist halt schon ein Massenphänomen, und da muss man immer aufpassen, den Kopf einschalten und gucken, wo man da eigentlich mitmacht und wie weit.

Ich denke auch immer mal wieder darüber nach, wie viel Zeit ich dafür investiere, und wenn ich sehe, wie die Leute unterwegs sind, wie viel Engagement und auch Geld aufgebracht wird. Kann man das nicht sinnvoller nutzen, frage ich mich manchmal. Aber dann muss man sich diese Frage bei jeder Freizeitbeschäftigung genauso stellen. Klar, alles was Sport ist, dient ja der Gesundheit. Aber erstens muss man sich auch die Frage stellen, ob alles, was man in der Freizeit tut, unbedingt Sinn ergeben muss. Dafür ist Freizeit doch da, auch mal völlig sinnlose Dinge tun zu dürfen. Und: Ingress hat schon so manche Couch-Potato dazu gebracht, vom Sofa und vom heimischen Bildschirm aufzustehen und richtige Kilometer in der richtigen Welt zurückzulegen und richtige Leute dabei zu treffen – auch wenn wir die meiste Zeit auf den Smartphonebildschirm gucken, wir treffen uns ja doch in der echten Welt. Und manche Spieler arbeiten international zusammen.

Aber ich frage mich auch manchmal, was NIANTIC (also Google) alles so mit den gesammelten Daten anstellt. Es ist ja ein Hammer, was da anfällt: Tonnenweise Bewegungsdaten von sehr vielen Menschen. Die meiste Kommunikation läuft auch über Hangouts oder Google Plus, beides Google-Systeme. Damit kann eigentlich alles an Spieldaten (die eigentlichen Spielaktionen natürlich sowieso) personalisiert getrackt, gespeichert und analysiert werden. Aber es fallen auch wahnsinnige Mengen empirischer Daten an, Material für Studien und Dissertationen. Zum Beispiel kann man analysieren, wie sich das durchschnittliche Verhalten von Spielern ändert, wenn man Parameter des Spiels ändert – und Antworten auf Fragen wie „wie motiviert man die Spieler, weiterzuspielen – was motiviert Menschen überhaupt?“ finden.

In meiner Phantasie gibt es Analysten, die die Kommunikation zwischen den Spielern analysieren, mit dem Ziel, herauszufinden, welche Spieler besonderes strategisches oder organisatorisches Geschick aufweisen. Denn beides ist für die Umsetzung ehrgeiziger Ziele, wie z.B. Felder über ganze Kontinente zu spannen, erforderlich. Vielleicht klingelt es bei solchen Leuten mal an der Tür, und dubiose Zeitgenossen mit Sonnenbrille und Sportsakko fragen, was man denn von einem gutbezahlten Job in den USA halten würde?

Nun, ich komme nicht in Frage, ich zocke halt ein bisschen, halte mich aber aus größeren, organisatorischen Sachen lieber raus – ich will nur spielen. Also: Zurück zum Spiel.

Wir sammelten uns also auf dem Platz, Fahnen wurden geschwenkt, helium-gefüllte Froschballons waren zu sehen, und irgendwann tauchten auf einem Dach ein paar Gestalten mit großer Fotoausrüstung auf. Die mussten ziemlich brüllen, um sich verständlich zu machen und machten auf mich, was die Lenkung der Massen angeht, einen leicht hilflosen Eindruck. Dann wurde Suzanna Moyer angekündigt. Das ist eine – neutrale – „investigative Journalistin“, die in regelmäßig erscheinenden Videos, dem „Ingress-Report“ die fortlaufende, fiktive Geschichte erzählt, aber immer gemischt mit realen Geschehnissen wie eben den Anomalien, wo sich echte Menschen in der echten Welt treffen, um zu spielen. Sie ist also so eine Art „Ingress-Promi“, eine capuccinobraunhäutige, attraktive Frau wohl um die 30. Sie besorgte sich das Megaphönchen von Anne Beutemöller („is this thing on?“) und begrüsste beide Fraktionen. Sie erzählte, was vom Ausgang der Anomalie abhängt (hab ich wieder vergessen, aber es geht halt darum, wie die Geschichte weitergeht) und stellte die obligatorischen Fragen: „Enlightened, will you be victorious today?“ und „Resistance, will you be victorious today?“ – natürlich gaben sich beide Parteien siegessicher.

Nach dem Fototermin war dann noch etwas Zeit, sich mit seinen Cluster-Teams zusammenzufinden und die Lokalitäten aufzusuchen, die die TLs und OPs für die jeweiligen Teams eingeteilt hatten. Ich hatte bis zum Schluss nicht ganz kapiert, wie groß unser Team werden würde und wer dazu gehören würde. Insgesamt waren wir ein internationales Großteam, zu dem auch eine Gruppe Spanier gehörte, welches aber dann wieder in kleinere Einzelteams zerfiel. Am Ende blieben wir dann doch „Team ChaOS“, dazu aber ein auswärtiger TL (junger Mann, Mitte 20, sehr begeistert und engagiert bei der Sache, hat seinen Job gut gemacht) mit einer etwa gleichaltrigen, jungen Dame (vielleicht seine Freundin?), außerdem stieß noch ein Mann zu uns, der etwa mein Alter (geschätzt) hatte. Damit war unser Cluster-Team also 12 Leute stark. Unser TL wurde noch organisatorisch von einem aus unserm Osnabrücker Team unterstützt, der schon Erfahrung als TL aus der Shonin-Anomalie in Hannover mitbrachte. Die beiden führten uns zum ersten Measurement zu dem Portal, welches wir zu halten hatten.

to be continued…

Über michikarl

Ich möchte den Werbetreibenden, die heutzutage mehr Daten über Individuen sammeln als die Geheimdienste dieser Welt, nicht kostenlos Informationen zur Verfügung stellen. Obwohl ich das mit Sicherheit auch hiermit bereits getan habe.
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2 Antworten zu Persepolis – Teil 3

  1. Souri schreibt:

    Als „junger Mann, Mitte 20, sehr begeistert und engagiert bei der Sache, hat seinen Job gut gemacht“ (Danke für die Blumen) habe ich mir gerade noch mal die schönen Beiträge zur Utrecht Anomalie durchgelesen und an mein Team in Wien geschickt, jetzt habe ich schon wieder richtig Lust. Bist du auch wieder dabei?

    • michikarl schreibt:

      Hallo Souri, ich melde mich recht spät zurück. Tja, ich muss gestehen, dass ich mich ziemlich zurückgezogen habe und Ingress zur Zeit nur nebenbei auf sehr niedrigem Niveau (sowohl was Taktik als auch Engagement angeht) spiele. Das liegt vor allem an meinen Prioritäten, ich habe mit einem Theater-Projekt (Amateurtheater in Osnabrück) sehr viel zu tun, außerdem mit einem Chor, in dem ich singe. Zuletzt kam noch dazu, dass ich seit 5 Monaten nicht mehr Single bin und die liebe Dame natürlich auch gerne ihren Anteil an meiner Freizeit bekommt (sie hat nicht mal n Smartphone, obwohl sie erheblich jünger als ich ist). Im Moment überlege ich sogar, ganz aufzuhören. Ich habe von meinem Arbeitgeber ein Windows-Phone bekommen, und der sähe gerne, dass ich nur noch dieses Gerät benutze. Bisher habe ich aber noch nicht vor, mich von meinem privaten Androiden zu trennen. Das Kernteam von ChaOS allerdings ist nach wie vor recht aktiv, soweit ich weiß, haben die bei „Obsidian“ (Kopenhagen) irgendwo an der Nordsee ein Ankerportal für ein Feld über Dänemark gehalten. Tja… wäre ich Mitte 20 oder hätte ich sonst keine Hobbys, wäre ich sicherlich auch mit Feuereifer dabei, aber es sieht halt bisschen anders bei mir aus. Liebe Grüße, Michi

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