Astonishing – Part Two

So saß ich also nun im Zug nach Bochum. Was war es doch wieder einmal für ein innerliches Hin und Her gewesen. Schon vor Monaten hatte einer meiner besten Freunde angemeldet, dieses Jahr mit mir zu Dream Theater zu wollen. Da wusste ich noch gar nichts vom Konzept der Tour. Leider konnte ich zu dem Termin, an dem mein Freund konnte, nicht – ich hatte eine Aufgabe in der Probebühne, nur einen winzigen Auftritt, aber Pflicht ist Pflicht. Mein Freund wiederum konnte aufgrund seiner Pflichten nicht mit nach Bochum. Ein anderer Freund ebenfalls nicht. Mist!

So hatte ich hin und her überlegt. Außerdem hatte ich mir in der vergangenen Woche eine veritable Erkältung zugezogen. Ein weiteres Problem: Nach dem Konzert fuhr der nächste Zug nach Osnabrück erst um 03:16 Uhr zurück! Also wären da mitten in der Nacht über vier Stunden Zeit zu überbrücken, womöglich in der Kälte…

Aber schließlich bestellte ich mir in letzter Minute doch noch ein Ticket. Auch das war nicht ohne Komplikationen, ich hatte aufgrund einer anderen Bestellung beim selben Anbieter gedacht, ich könne es mir selber ausdrucken. Doch weit gefehlt – es blieb nur die Option Eillieferung für 9,90 Euro. Egal, dann so. Dann stand in der Mail des Anbieters, ich müsse zum Empfang zuhause auch noch anwesend sein! Okay, ich war am Mittwoch anwesend und schrieb meinen Kollegen, ich käme später zur Arbeit und feierte Bereitschaftsstunden ab. Ich harrte zuhause auf das Türklingeln des UPS-Mannes, doch es klingelte nicht. Um 11 Uhr fand ich das Ticket dann im Briefkasten vor. Na toll… aber auch egal. Ich hatte es!

Es ist da - Das Astonishing-Ticket! Nur blöd, dass nicht einmal "The Astonishing" draufsteht!

Es ist da – Das Astonishing-Ticket! Nur blöd, dass nicht einmal „The Astonishing“ draufsteht!

Ich hatte dann noch über Google Maps die Kneipen und Restaurants und deren Öffnungszeiten in der Nähe des Bahnhofs und des RuhrCongress-Zentrums (wo das Konzert stattfand) gecheckt. Der ursprüngliche Plan A war, nach dem Konzert irgendwo einzukehren, was zu essen und zu trinken und bis Ladenschluss um 02:00 Uhr dort zu bleiben und meinen Blog zu schreiben. Danach dann noch eine Stunde Ingress zocken in der Bochumer Innenstadt, dann würde auch mein Zug schon fahren. Akzeptabel.

Allerdings wusste ich, dass mein Chorleiter Kai, ebenfalls großer Dream-Theater-Fan, mit einem Freund ebenfalls zum Konzert fuhr. Ich besorgte mir von einem Chorkollegen seine Handynummer und whatsappte ihm, worauf er mir anbot, mich mit zurück zu nehmen. Also wurde Plan A zu Plan B.

Ich hatte noch richtig Angst bekommen, weil ich beim Heraussuchen des Zuges übersehen hatte, dass ich in Dortmund umzusteigen hatte – und dort nur 4 Minuten Zeit dafür hatte. Sowas ist gefährlich mit der Deutschen Bahn, das geht gerne mal schief. Und mit dem Zug einer Stunde später wäre ich zu spät in Bochum gewesen… das war gewagt, ich hätte normalerweise eine Stunde früher fahren sollen!

Aber es klappte alles, der Zug war pünktlich, der ICE stand auf dem Nebengleis bereit, und nach weiteren zehn Minuten Fahrt (lohnte nicht mal, das iPad zum bloggen rauszuholen) war ich in Bochum.

Auf der Website des Veranstaltungsortes stand für die Anfahrt vom HbF, man solle die Buslinie 488 Richtung Riemke nehmen. Ich fand am Busbahnhof den richtigen Bussteig und die Abfahrtszeit des Busses um 19:08 Uhr, was mir noch knapp 10 Minuten Zeit ließ, ein paar blaue Portale am Busbahnhof zu vernaschen. Zur Not hätte ich den Veranstaltungsort auch zu Fuß lt. Google Maps noch rechtzeitig erreichen können (in 27 Minuten).

Vor dem RuhrCongress in Bochum

Vor dem RuhrCongress in Bochum

Auch die Busverbindung klappte problemlos, und so traf ich ca. 40 Minuten vor Veranstaltungsbeginn im RuhrCongress-Zentrum (übrigens in unmittelbarer Nachbarschaft zum Stadion des VfL Bochum und zum Starlight Express – Theater gelegen) ein. Davor hatten sich schon Schlangen gebildet, aber es ging ruckzuck voran. Im Gebäude wurde meine Karte abgerissen, und ich sah zuerst einen NOMAC. Dies war ein verkleidetes, kugelförmiges Display mit einer Kamera obendrauf. Das Display zeigte teilweise das Design des NOMACs von vorne, teilweise die Perspektive des NOMACs (aus Sicht der Kamera, aber verfremdet und mit allerlei technischem Spielkram unterlegt, Fadenkreuz und so etwas, ein bisschen wie in einem Computerspiel oder das Head-up-Display eines Kampfflugzeugs). Dann wurde ein Countdown eingeblendet, und bei null wurde ein Foto geschossen. Dann wurde darunter ein Name aus dem Astonishing-Universum angezeigt, anschließend eine Web-Adresse, unter der man dan wohl sein Foto finden könne. Hab gerade nachgeguckt, aber noch nichts gefunden… Wie auch immer, die Verkleidung von dem Ding sah bisschen schäbig aus, aber das kugelförmige Display und das Screendesign fand ich recht beeindruckend.

NOMAC

Ein „NOMAC“ – Daneben eine Dame vom Stab, die die Leute animierte, sich vom NOMAC knipsen zu lassen.

Dann gab ich meine Jacke bei der Garderobe ab und traf allsbald meinen Chorleiter und seinen Kumpel. Wir verabredeten, uns nach dem Konzert am Eingang zu treffen, und ich holte mir ein Pre-Show-Bier. Schließlich wurde es dann Zeit, und ich begab mich zum Platz in Reihe 10, Platz 4. Zu meiner Rechten saß ein stiller, etwas blasser Jüngling (vielleicht 17, vielleicht Anfang 20…), der mir ebenfalls alleine zur Show gekommen zu sein schien. Zu meiner Linken saß ein gut gelaunter Mann, vielleicht eher so in meinem Alter, und daneben saß wohl dessen Kumpel, und man scherzte angeregt auf Stammtisch-Niveau – mal nett gesagt. Ich erhaschte einen – offenbar auf alle anderen Konzertbesucher bezogenen Kommentar, man solle nicht so viel Kiffen, das würde man selbst schon erledigen. Oh, na toll! Leider wurde für mich der Mensch zwei Plätze links neben mir während des Konzertes zu einer echten Plage, es ist nicht übertrieben zu sagen, dass er mir das Konzert regelrecht zumindest zum Teil durch sein Verhalten verdarb.

Denn diese der Darbietung in meinen Augen völlig unwürdige Person legte über die komplette Dauer der Veranstaltung ein Verhalten an den Tag, welches bei einem „gewöhnlichen“ Rockkonzert Open-Air akzeptabel gewesen wäre – aber nicht bei dieser Veranstaltung mit kompletter Bestuhlung in einer Halle. Die meisten im Auditorium lauschten eher andächtig und verfolgten die Handlung auf den Videoscreens, wenn auch natürlich manche ein wenig körperlich mitgingen und geklatscht und gejubelt wurde. Dieser Mensch aber rauchte und kiffte die ganze Zeit, zappelte albern herum, spielte „Airdrums“ und rief teilweise herablassende Kommentare wie „Ihr Flitzpiepen“ oder „Ausziehen!“. MANN! Ich war selten so kurz davor, ernsthaft handgreiflich zu werden! Soll der Vollpfosten zu Jürgen Drews gehen, wo er hingehört – oder aber die Kunst genießen, wie es sich gehört! Ich werde immer noch ganz aggressiv, wenn ich daran denke. Und leider konnte ich mich so nicht auf Handlung und Musik konzentrieren, wie ich wollte und nicht tief eintauchen in Atmosphäre und Geschichte von „The Astonishing“. Immerhin kann ich das jetzt als Ausrede dafür gebrauchen, dass mir viele Details entgangen sind.

Der Saal vor Beginn des Konzertes

Der Saal vor Beginn des Konzertes. Hinter der Bühne sieht man fünf der insgesamt acht Display-Elemente. Die fünf Elemente zeigen die Karte von „The Great Northern Empire of the Americas“ an.

Als erstes nahm ich natürlich den Bühnenaufbau wahr, noch bevor ich zu meinem Platz ging. Mike Manginis mächtiges Schlagzeug war in Bühnenmitte aufgebaut, links daneben stand Jordan Rudess Workstation (Keyboard) auf dem üblichen dreh- und schwenkbaren Ständer, der diesmal allerdings quasi vollverkleidet war. Sah nicht besonders toll aus, hätte man sich sparen können. Vor dem Schlagzeug James LaBries Mikrofonstativ, links davon John Myungs (Bass) Fußpedale und ein iPad auf einem Stativ, rechts davon die Pedale von John Petrucci – also eigentlich alles wie immer. Ansonsten vielen nur acht besonders geformte LED-Wände auf, eine dieser Display-Flächen war unterhalb des Schlagzeugs zu sehen. Diese acht unterschiedlichen Displays bildeten zusammen die Projektionsfläche für zunächst eine animierte Kartendarstellung des fiktiven „Great Northern Empire of the Americas“ – und später für die animierte Handlung von „The Astonishing“.

Dann kam die Ansage, man solle seine elektronischen Geräte ausschalten und dürfe nicht fotografieren oder filmen, gefolgt von einer erzählerischen Einleitung der Handlung. Dann erschien eine Schwadron NOMACs zu den Klängen von „Descent of the NOMACS“ auf dem achtteiligen Display. Es gibt auf dem Album 5 Tracks, in denen ausschließlich die Geräusche der NOMACs zu hören sind. Das Spektrum reicht dabei von an elektronische Spielsachen der 80er Jahre gemahnendes Gedüdel über mechanische Servo- und Fluggeräusche bis zu einem tiefen Tuten. Dieses erinnert an das Horn eines Ozeanriesen, oder an die Tripods in Steven Spielbergs Verfilmung von „Krieg der Welten“ von 2005. Jedenfalls deutet ein solches Tuten normalerweise an, dass etwas Großes kommt (etwa ein Ozeanriese, ein Tripod oder wie in diesem Fall, die Ouvertüre von „The Astonishing“). Diese Multimedia-Show wurde dazu noch sehr eindrucksvoll durch die Licht-Choreographie (ich denke, man kann das durchaus so nennen) untermalt.

Blick von meinem Platz auf die Bühne

Der Blick von meinem Platz auf die Bühne. Ich bitte um Entschuldigung, das ist ein echt schlechtes Handy-Foto. Zu sehen sind die acht Display-Elemente: Die fünf leuchtenden Streifen in der Mitte, links und rechts auf der Bühne sieht man zwei treppenstufenhafte Gebilde, das sind ebenfalls LED-Elemente, das achte befindet sich unter dem Schlagzeug.

Während „Descent of the NOMACs“ komplett eine Einspielung war, erschienen dann zur Ouvertüre („Dystopian Ouverture“) Dream Theaters Instumentalisten Jordan Rudess (Keyboards), Mike Mangini (Schlagzeug), John Myung (Bass) und John Petrucci (Gitarre) auf der Bühne und wurden mit Applaus empfangen. Ich hatte in einem Bericht zum Konzert in Hannover gelesen, die Ouvertüre sei für die Live-Aufführungen etwas anders arrangiert, damit Rudess mehr Instrumentalparts auf seinem Keyboard spielen könne. Mir fiel auf, dass sie tatsächlich etwas simpler gehalten war als auf der CD, beispielsweise wurde auf die chorische Untermalung des „Brother Can You Hear Me“-Themas verzichtet.

Während der Ouvertüre wurde auf dem unterteilten Display „The Great Northern Empire Of The Americas“ aus der Luft dargestellt, dazu Schwadronen von NOMACS und schwer geknechtete Menschen, die offenbar in Schmieden arbeiteten, jedenfalls sah man viel Feuer und große Vorschlaghammer schwingende Schattenrisse.

Nach der Ouvertüre, die – wie es eine Ouvertüre nun einmal so macht, wesentliche, spätere Themen des Werks aufgriff, vorüber war, wechselte Petrucci auf eine semiakkutische Gitarre und Sänger LaBrie betrat, untermalt von den ersten Klängen von „The Gift Of Music“ die Bühne. In den Applaus nach diesem Titel begrüßte er artig das Auditorim mit einem „Gutennabend, Bochum!“ – gefolgt von der Gitarrenballade „The Answer“.

Hörprobe: The Gift of Music – und so sehen ansonsten übrigens NOMACS aus.

Diese Titel wie auch das folgende „A Better Live“ drücken allesamt die Situation der Personen aus Ravenskill aus, so dass hier die Szenerie und die Personen von dort auf dem Display gezeigt wurden. Ravenskill ist offenbar recht idylisch gelegen, umgeben von Wald, da könnte man mal Urlaub machen… Allerdings sah man bei „A Better Live“ auch das Trainingslager der „Ravenskill Militia“, wo mit mittelalterliche Hieb- und Stichwaffen der Kampf trainiert wurde.

Bei „Lord Nafaryus“ hingegen wurde das Setting der unbenannten Hauptstadt und des Palastes der herrschaftlichen Familie gezeigt. Und wie sich, analog zum Text, die ganze Familie auf die Reise nach Ravenskill macht. Übrigens mit einer Art Flugscheibe mit einem Geländer ringsherum, auf dem die Familie stehend nach Ravenskill entschwebte. Alles ein wenig seltsam: Es gibt die ebenfalls schwebenden NOMACs, somit also eine Schwebe-Technologie, die allem, was wir heute in der Richtung haben, überlegen zu sein scheint, aber die Palastwache trägt mitnichten Strahlenkanonen, sondern mittelalterliche Wurfspieße. Die Architektur der Hauptstadt wiederum sieht nach Science Fiction aus, die Kleidung, die Waffen und Ravenskill hingegen nach Mittelalter. Wahrscheinlich konnte Petrucci sich einfach nicht zwischen „Star Wars“ und „Games of Thrones“ entscheiden.

Nun, ich werde darauf verzichten, den gesamten Konzertverlauf weiter im Detail zu beschreiben. Unter dem Strich fand ich die Animationen gelungen. Die Bewegungen der Figuren und Objekte mutete zwar etwas simpel an, beispielsweise bewegten sich die Gesichtszüge der Charaktere nicht wirklich, abgesehen von rudimentären Bewegungen von Haaren und Augen. Dennoch waren die Bilder selbst, also die Figuren und Hintergründe sehr schön gestaltet, teilweise sehr detailliert, manchmal auch nur als Silhouetten. Das gab dann einen schönen Effekt: Wenn die Bandmitglieder von vorne nicht angestrahlt wurden, wurden sie ebenfalls vor den leuchtenden LED-Wänden zu Silhoutten, als wären sie in diesem Moment selbst Teil der Video-Show. Das passierte insbesondere bei den vielen Auf- und Abtritten der Band, wenn zwischendurch die Einspieler der NOMAC-Tracks kamen. Grundsätzlich war eigentlich immer nur auf der Bühne, wer auch spielte oder sang, weshalb es viel Auf und Ab gab. Beispielsweise kam bei den Stücken, die zunächst nur mit Klaviertönen begannen (wie etwa „The X Aspect“), auch erst nur Jordan Rudess auf die Bühne.

Die Displays zeigten, im Gegensatz zu anderen Dream Theater-Konzerten übrigens niemals Detailaufnahmen der Spielfertigkeit wie Rudess‘ Klaviatur oder Petruccis Griffbrett, sondern ausschließlich die animierte Handlung oder irgendwelche fließenden Muster. Das war aber für mich auch nicht nötig, ich konnte die Musiker sehr gut sehen. Rudess schwenkte wie immer gerne mal seine Workstation so, dass man ihm auf die Tasten schauen konnte, und Petruccis Finger wie kleine Eichhörnchen über sein Griffbrett huschen zu sehen, als wäre es die einfachste Sache der Welt, war wie immer ein beeindruckender Anblick.

Und wie gefiel es mir? Nun, ganz am Anfang bekam ich vor Ergriffenheit und Begeisterung schon mal etwas Schnappatmung, und bei „Act Of Faithe“ rannen mir die Tränen in Bächen die Wangen herunter, besonders bei dieser Stelle:

„My music player,
my private paradise,
my music player,
a refuge I must hide.
And lost at sea forever
I drifted far away“.

Keine Ahnung, es mag noch so kitschig sein, mich berührte das irgendwie.

Andere Titel, von denen ich zuvor dachte, dass sie mich live richtig kicken würden, ließen mich aber vergleichsweise kalt, etwa „Brother Can You Hear Me“. Das ist eine bombastisch arragierte Hymne, die aber live ohne Orchester und Chor für mich einfach nicht richtig zündete. Es ist einfach zu ernüchternd, auf eine noch leere Bühne zu schauen, während die Hörner und Trompeten des – rein akustisch eindrucksvollen – Intros erschallen. Vorhin, als ich mir das noch mal aus der Konserve anhörte, musste ich einfach nochmal ein paar Runden im Gleichschritt zur Musik um meinen Couchtisch marschieren, so sehr packt mich das normalerweise.

Insgesamt waren das die beiden großen Abtörner bei dem Konzert:

1. Der bereits erwähnte Vollpfosten zwei Plätze neben mir
2. Die vielen vorproduzierten Klänge anstelle von Live-Orchester und Chor

Ich habe in einem Interview gelesen, dass halt Dream Theater nicht von Orchester und Chor unterstützt würde – es sei denn, für eine Aufzeichnung für DVD/Bluray. Also wusste ich das, auch von zwei Konzertberichten aus Hannover, schon vorher. Und falls ich mitbekomme, dass die es irgendwann komplett fett mit allem Drum und Dran aufführen, werde ich wohl tief in mein Sparschwein greifen und nach New York (oder wohin auch immer) fliegen müssen. Es fiel mir einfach schwer, zu unterscheiden, was genau eingespielt wurde, und was Rudess über sein Keyboard lösen konnte. Bei einer guten Live-Band (und das ist Dream Theater ohne Zweifel) ist es einfach schade, wenn so viel nicht live ist.

Nun, es war klar, dass es ein sehr ungewöhnliches Rock-Konzert würde. Der Applaus zwischen den einzelnen Stücken kam mir immer etwas verhalten vor, vielleicht auch deswegen, weil diese Zäsuren sowieso irgendwie die Handlung ungewohnt (im Vergleich zum Hören der CD-Fassung) unterbrachen. Ganz ohne Interaktion mit dem Publikum ging es doch nicht ab, zum ersten Mal ermunterte James LaBrie das Publikum bei „A Life Left Behind“ zum Mitsingen, aber viel kam nicht – auch von mir nicht, weil das keiner meiner Lieblingstitel ist und ich den Text nicht kannte.

Nicht lange vor der Pause gab es dann noch eins meiner persönlichen Highlights, das längste Stück der CD, „A New Beginning“. In diesem Song überzeugt Faithe, unterstützt von ihrer Mutter, ihren Vater, Gabriel noch einmal anzuhören. Nach fünf Minuten mit Gesang endet der Titel mit einem mehr als zweiminütigen Gitarrensolo. Dazu stellte sich John Petrucci breitbeinig auf James LaBries Platz in der Bühnenmitte und lieferte wie immer gnadenlose Perfektion ab. Im Gegensatz zur CD-Fassung wurde hier ein – aus meiner Sicht – Schwachpunkt vermieden: Auf der Studiofassung wird dieses grandiose Solo am Ende langsam ausgeblendet. Live kam es zu einem soliden, knackigen Abschluss.

Nach „The Road To Revoluten“ – übrigens auch wie „Brother Can You Hear Me“ ein wiederkehrendes, zentrales Thema von „The Astonishing“ war Act I zuenede, und es ging in eine 20-minütige Pause, in der ich mir ein weiteres Bier gönnte.

Act II begann mit dem instumentalen „2285 Entr’acte“ – sowas wie einer zweiten Ouvertüre zum 2. Akt. Die Handlung bewegte sich nun auf den Showdown zu, schön gestaltet war dann auf den Displays das Amphitheater „Heaven’s Cove“ zu sehen. Als dann Faithe tot und Gabriel seinen Schrei ausgestoßen hatte („The Last Farewell“) kam dann „Hymn Of A Thousand Voices“. Da klatschten dann alle mit. Zu meiner großen Freude machte der blasse Jüngling dasselbe wie ich: Die 1 jedes zweiten Taktes mitklatschen. Denn so ist es im Song: Alle acht Schläge ertönt ein Klatschen, und während die meisten entweder jeden Schlag oder die 1 jedes Taktes klatschten, machten ich und der junge Mann neben mir es so wie es auf der CD zu hören ist. Inhaltlich ist „Hymn Of A Thousand Voices“ die Wendung, als die Musik zurückkehrt und Faithe von den Toten aufersteht. Und am Ende des Titels stand auch das ganze Auditorium für standing ovations. Ein toller, intensiver Moment.

Nachdem dann all die dramatischen Ereignisse geschehen waren, kam die Band zum vorletzten Titel (wenn man mal vom NOMAC-Track „Power Down“ absieht), nämlich „Our New World“. Hier animierte LaBrie abermals zum Mitsingen. Da der Refrain ziemlich simpel ist, kam diesmal auch Echo vom Publikum:

„We build a new world,
a better world.
We build a new world,
our new world.“

Der Jüngling rechts neben mir war nun gar nicht mehr so zurückhaltend wie am Anfang, sondern er blieb (im Gegensatz zu mir und so ziemlich allen anderen) stehen und sang laut mit. Das fand ich aber mehr als okay – vor allem, weil es bei ihm eher von Respekt als dem Gegenteil davon wie bei dem Idioten zwei Plätze zu meiner Linken aussah.

Nach dem Titel verließ die Band die Bühne. Ich wusste von Berichten aus Hannover, dass es keine Zugabe geben würde – aber man war ja noch den letzten, namensgebenden Titel „The Astonishing“ des Albums schuldig, und so wurde das quasi als Zugabe gespielt. Dazwischen kam natürlich noch der letzte NOMAC-Track „Power Down“ – der Moment, in dem die NOMACs abgeschaltet werden und vom Himmel fallen, was auf den Displays dann zu sehen war.

Darauf kam die Band zurück und spielte den Schluss-Titel „The Astonishing“, in dem unter anderem auch wieder die zwei zentralen Themen „Brother Can You Hear Me“ und „Road To Revolution“ vorkommen. Hier meinte ich doch zumindest zu erhaschen, wie Rudess die Harfenklänge beim chorischen Knabengesang (Einspielung, nicht LaBrie)

„Father I will make you proud, rest in peace“ (Xander)

und später einige Flötenklänge seiner Workstation entlockte. Achja, zu LaBries Gesang: Es war schon beeindruckend, wie unterschiedlich LaBrie ansonsten die unterschiedlichen Charaktere der Geschichte interpretierte. Ich fragte mich, was er davon über Variantion seiner Stimme schaffte, und was Effekt war. Da muss dann ggf. jemand in der Technik ein genaues Drehbuch haben, denn er selbst hatte keine Pedale wie die beiden Johns für ihre Saiteninstrumente…

Nach dem Ende dann nochmals donnernder Applaus im Stehen, Verneigen der Band, Abspann (Credits) auf den Videowänden. Und danach dann nochmal ein großer NOMAC, dessen „Augen“ noch einmal rot aufflackern. Fortsetzung?

Fazit: Natürlich lieferte Dream Theater wie immer absolute, musikalische Perfektion ab. Light- und Multimediashow dazu waren echt toll. Dennoch wollte sich die totale Verzückung bei mir nur selten einstellen (aber immerhin, besser als nie). Das lag an den bekannten zwei Gründen und vielleicht auch daran, dass durch das Konzept des Konzertes mit dem Konzept der nahtlosen Story und bestuhltem Auditorium das Publikum, das nun einmal bei Live-Konzerten ein wichtiger Teil der Atmosphäre ist, eher zurückhaltend war (außer dem Idioten zu meiner Linken). Meiner Ansicht nach wäre es mit Chor und Orchester grandios – aber das ist finanziell und logistisch für Dream Theater vielleicht nicht zu stemmen bzw. ein zu großes Risiko. Ohne das allerdings war es irgendwie ein Zwischending zwischen Oper/Musical-Charakter und Rockkonzert – und weder das eine noch das andere so richtig.

Bühne

Mittig im Bild: Jordan Rudess vollverkleidete Workstation mit Notendisplay und einem zusätzlichen iPad für was auch immer. Ein Kontinuum hatte er diesmal nicht dabei, es wurde einfach nicht gebracht. Rechts Manginis imposantes Schlagzeug.

Nach Ende der Darbietung machte ich noch vor der Bühne ein Foto von Rudess‘ Workstation (zusammen mit einigen anderen), wurde dann aber von einem wichtigtuerischen Anzugträger mit den Worten „Hier passiert nichts mehr“ zurückgedrängt. Ach wirklich?

Draußen holte ich meine Jacke von der Garderobe, ging nochmal für kleine Jungs und traf dann meinen Chorleiter samt Kumpel vor dem Eingang. Wir mussten nur eine Treppe runter in die Tiefgarage, wo der SUV meines Chorleiters geparkt war. Wir waren dann ratzfatz auf der Autobahn und danach gerne mit 170-180 km/h unterwegs. Ich wurde dankenswerterweise bis vor die Haustür geliefert, wo ich fast Strich null Uhr ankam.

Das war’s dann für diesmal. Danke fürs Lesen!

Ein paar Links zum Thema:

offizielle Astonishing-Website – Bilder und Beschreibungen zu allen Charakteren, Bilder zu den Settings, Tracklistings, Hintergrundstory (sehr detailliert).

Bericht über die Astonishing-Premiere in London (Englisch)

Konzertbericht über den die Deutschland-Premiere in Hannover

Über michikarl

Ich möchte den Werbetreibenden, die heutzutage mehr Daten über Individuen sammeln als die Geheimdienste dieser Welt, nicht kostenlos Informationen zur Verfügung stellen. Obwohl ich das mit Sicherheit auch hiermit bereits getan habe.
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