Die Münze – Teil 7

„Haben Sie weitere Beobachtungen gemacht?“, fragte Andrew wissbegierig. „Nun, einige. Aus Sicht der Numismatik, also betrachtet als Münze, haben wir es hier augenscheinlich mit einer sogenannten Ronden-Kombination zu tun. Die innere Scheibe mit dem Motiv ist der Farbe nach aus einer anderen Legierung als der äußere Ring mit der Legende…“ „Was ist eine Legende?“, unterbrach Andrew. „So nennen wir eine ringförmig um das Motiv angeordnete Schrift, wie sie hier offenbar vorliegt. Der innere Teil wird bei Ronden-Kombinationen auch gerne als ‚Pille‘ bezeichnet. Das ist gegenwärtig durchaus modern, wir finden so etwas z.B. bei den 1- und 2-Euro-Münzen. Noch etwas: Seltsam sind diese Bohrungen am Rand. So etwas habe ich noch nie gesehen. Man könnte das schon als eine Art Rändelung durchgehen lassen, aber üblich ist das nicht.“

„Wie ist denn Ihr Fazit?“, fragte Andrew gespannt. „Naja, ich habe Ihnen einen eher allgemeinen Vortrag über Numismatik gehalten, um ein wenig zu verschleiern, dass ich Ihrem Fund ziemlich ratlos gegenüber stehe.“, bekannte der Münzhändler. „Apropos Fund: Darf ich fragen, woher Sie das Objekt eigentlich haben?“ „Nun, ich habe es zuhause in einem Spalt entdeckt, vielleicht steckte es dort schon, als die Vorbesitzer meines Hauses dort wohnten“, log Andrew, „Wie ist denn nun Ihr Fazit?“

„Nun gut, ich kann Ihnen allenfalls meine Vermutungen unter Vorbehalt mitteilen.“, sagte Mr. Jameson etwas zurückhaltend. „Zunächst einmal kann ich zum Motiv überhaupt nichts sagen. Es sieht aus, als sei es eine stilisierte Insel mit einem hervorgehobenen Ort, vielleicht einer Stadt. Die Linien könnten Längen- und Breitengrade sein. Da aber mehrere dieser Linien über die mutmaßliche Landmasse gehen, müsste das dann eine ziemlich große Insel sein. Ich bin nie besonders gut in Geografie gewesen, aber ich glaube, eine Insel dieser Form und Größe existiert nicht. Ich würde eher auf eine fiktive Darstellung tippen, oder auf die künstlerische Interpretation eines Mythos wie Atlantis.

Zur Legende kann ich ebenfalls kaum etwas sagen, ich bin kein Semiotiker. Es sieht ein bisschen danach aus, als hätte jemand mit simplen Mitteln eine Art Geheimschrift erfinden wollen. Aber sie hat andererseits auch die nüchterne Anmutung von Logik und Geometrie. In der Regel tragen moderne Münzen Angaben über ihren Wert, das Ausgabeland und das Prägungsjahr. Allerdings ist nichts davon wirklich obligatorisch, und alle diese Angaben könnten in der für uns nicht lesbaren Legende auch enthalten sein. Bezüglich möglicher Fertigungsverfahren habe ich Ihnen eigentlich schon alles gesagt. Ich würde ausschließen, dass Ihr Fund vor dem Ende des vergangenen Jahrtausends angefertigt wurde. Ob geprägt, ob mit spanenden oder thermischen Verfahren produziert, in jedem Fall waren hier hochpräzise CNC-Maschinen am Werk. Was die ‚Rändelung‘ angeht, das könnte sowohl eine Verzierung sein als auch ein geduldeter Nebeneffekt des Fertigungsverfahrens. Sie fragen mich, ob hier eine Münze vor uns liegt? Ich kann es Ihnen nicht sagen. Es könnte eine Münze sein. Oder eine Art geheimes Erkennungszeichen. Oder eine Duschmarke von einem Campingplatz.“

Fortsetzung folgt…

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Über michikarl

Ich möchte den Werbetreibenden, die heutzutage mehr Daten über Individuen sammeln als die Geheimdienste dieser Welt, nicht kostenlos Informationen zur Verfügung stellen. Obwohl ich das mit Sicherheit auch hiermit bereits getan habe.
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