Die Münze – Teil 8

„Ein über dreieinhalb kg schweres Dusch-Token? Nicht sehr praktisch. Was soll der Sarkasmus?“, bemerkte Andrew, etwas verdutzt. „Wäre als Zahlungsmittel genauso unpraktisch.“, konterte Mr. Jameson. „Übrigens, eine Frage haben Sie mir noch nicht gestellt.“, sagte Mr. Jameson ruhig. „Was für eine Frage?“, fragte Andrew. „Überlegen Sie mal.“, insistierte der Münzhändler. Andrew dachte nach. Dann dämmerte ihm, worauf Jameson hinauswollte. „Ähm… was ist meine Münze Ihrer Meinung nach wert?“ „Das interessiert Sie herzlich wenig.“, schmunzelte der Münzhändler, der es offenbar in jeder Hinsicht faustdick hinter den Ohren hatte. „Das glaube ich Ihnen so wenig, wie dass sich die Münze mehrere Jahrzehnte in Ihrem Haus befand, bevor Sie sie fanden.“ „Aber…“, stammelte Andrew, ziemlich aus dem Konzept gebracht. „Wissen Sie, diese Pennytaucher von der ‚Escurio‘ stellen die Frage nach dem Wert spätestens an zweiter Stelle. Ich weise sie dann höflich darauf hin, dass Sie einfach auf die Münze gucken sollen, was drauf steht, worauf sie dann in der Regel beleidigt wieder abziehen. Ihr Fall liegt da wohltuend anders. Deswegen verzeihe ich Ihnen auch alles, was Sie mir vielleicht nicht ganz wahrheitsgemäß erzählt haben. Sie werden Ihre Gründe haben.“ Andrew war ziemlich perplex, was eine gewisse Pause entstehen ließ.

„Und wie verbleiben wir nun?“, brachte er schließlich heraus. Verdammt, dieser gerissene Münzhändler brachte es tatsächlich fertig, dass er sich mit seinen über sechszig Jahren noch grün hinter den Ohren fühlte. „Nun, ich mache Ihnen einen Vorschlag: Wenn Sie einverstanden sind, fertige ich Fotografien des Objektes an. Ich habe im Internet Benutzerkonten in den einschlägigen Foren zum Thema Numismatik und dementsprechende Kontakte. Es ist ein Geben und Nehmen, man tauscht sich halt aus. Mit ihrem Einverständnis würde ich die Bilder posten und meine Kollegen um ihre Meinung fragen.“ Andrew zögerte kurz. „In Ordnung, aber nur unter einer Bedingung: Halten Sie bitte das ungewöhnliche Gewicht der Münze zunächst geheim.“, antwortete er schließlich. „Sie haben mein Wort.“, entgegnete Mr. Jameson. „Okay. Das genügt mir.“, nickte Andrew, worauf der Münzhändler in einen Nebenraum ging und mit einer erstaunlich modern und hochwertig aussehenden Spiegelreflexkamera mit einem großen Objektiv zurückkam. Er ging nochmals nach nebenan und hatte diesmal ein kleines Stativ und eine Art „Mini-Lightroom“ mit einer Fotoleuchte daran dabei. „Es kommt durchaus nicht selten vor, dass ich Münzen fotografiere, um mir die Meinung von Kollegen in aller Welt über das Internet einzuholen.“, bemerkte Mr. Jameson, dem Andrews erstaunter Blick nicht entgangen war. Mit routiniert wirkenden Handgriffen schraubte der Münzhändler die Kamera auf das Stativ, stöpselte den Stecker der Fotoleuchte in eine Steckdose und arrangierte die Münze in den kleinen Lightroom, dessen weiße Wände in Verbindung mit der Fotoleuchte Schattenbildung weitgehend verhindern würde.

„Ich werde auf jeden Fall Avers und Revers fotografieren, wie ich es immer mache, auch wenn wir hier nicht sicher sagen können, was hier was ist, weil ja beide Seiten identisch zu sein scheinen. Vielleicht sieht jemand später auf den Bildern doch einen Unterschied, der uns entgangen ist. Außerdem werde ich Detailaufnahmen von Motiv, Legende und ‚Rändelung‘ machen.“, erklärte Mr. Jameson, der sich sofort daran machte, diese Ankündigungen umzusetzen. Mit flinken Fingern stellte er die Kamera ein, drückte den Auslöser, änderte Postion der Münze und die Einstellungen der Kamera und löste erneut aus. Klick. Klick. Klick. „Nun denn.“, sagte er schließlich, „Werfen wir mal einen Blick auf die Bilder.“ Er holte einen Laptop unter der Theke hervor, nahm die Speicherkarte aus der Kamera und schob sie in den Computer. Nachdem er die Bilder von der Speicherkarte auf das Gerät kopiert hatte, drehte er den Laptop so, dass Andrew die Aufnahmen begutachten konnte. Wieder einmal staunte Andrew. Was immer Jameson machte, machte er offenbar gut. Die Bilder waren scharf, kontrastreich und detailliert. Die Makroaufnahmen von Motiv, Legende und Rändelung waren vergrößerte Darstellungen. Andrew stutzte. Was hier auffällig war, war das, was man nicht sah. Er griff erneut nach seiner Brieftasche, entnahm ihr einige Münzen musterte sie aus der Nähe. Alle hatten kleine Kratzer, Schrammen oder Flecken. Die Detailaufnahmen jedoch zeigten absolut nichts dergleichen, Die Münze sah selbst in der Vergrößerung fabrikneu und makellos aus. Weder der Sturz durch sein Dach, noch das Eindringen in das Hartholz seinen Treppenpfostens noch das Feuer hatten ihr das Geringste anhaben können.

Fortsetzung folgt…

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Über michikarl

Ich möchte den Werbetreibenden, die heutzutage mehr Daten über Individuen sammeln als die Geheimdienste dieser Welt, nicht kostenlos Informationen zur Verfügung stellen. Obwohl ich das mit Sicherheit auch hiermit bereits getan habe.
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