Die Münze – Teil 13

Andrew gähnte. Der Tag war irgendwie anstrengend gewesen. Die Anspannung, die er wegen seines ungewöhnlichen Fundes befallen hatte, war zwar einerseits anregend, aber sie forderte auch ihren Tribut. Er hatte die Angst bezüglich der möglichen Gefahr, die von der Münze ausging, nicht völlig abschütteln können und fragte sich, ob er angesichts dessen würde schlafen können, aber kurz nachdem er sich hingelegt hatte, übermannte ihn auch schon der Schlaf.

03. Juli 2017, 08:33 AM, Portreath, England
Andrew erwachte wie üblich ohne einen Wecker zur üblichen Zeit. Ziemlich schnell fielen ihm die seltsamen Erkenntnisse des vorangegangenen Tag wieder ein, auch seine Besorgnis in Bezug auf die mögliche Gefahr, die von der in seinem Garten vergrabenen Münze ausgehen mochte, und seine Bestellung des Dosierleistungsmessgerätes. Wenn alles wunschgemäß klappte, würde das Gerät heute geliefert und ihm Klarheit verschaffen. Hoffentlich war das Ergebnis, dass die Münze ungefährlich wäre und ihm nicht der baldige Krebstod aufgrund einer hohen Strahlendosis drohte!

Die Lieferung war für die Mittagszeit angekündigt, er hatte also noch ein paar Stunden Zeit. Nichtstun würde ihn nur noch nervöser werden lassen, also erledigte er schnell seine Morgentoilette, nahm eine Tasse Tee und eine Schüssel Cerealien zu sich und fuhr mit dem Vauxhall in den Nachbarort Pool. In der ehemaligen Bergarbeitersiedlung suchte er den Baustoffhandel seines Vertrauens auf. Hier erwarb er das Holz, welches er nach entsprechender Bearbeitung in seiner Werkstatt verwenden würde, um sein Treppengeländer wiederherzustellen. Es war nur eine etwa viertelstündige Fahrt nachhause, die Einkaufsfahrt hatte insgesamt nur eine gute Stunde in Anspruch genommen. Andrew nahm seine Einkäufe aus dem Kofferraum des Vauxhalls und brachte das Holz in seine Werkstatt. Es war gut, sich zu beschäftigen. Nur nicht ins Grübeln kommen!

Was nun? Seitdem Fiona ihn vor Jahrzehnten zum ersten Mal besucht hatte, war er nicht mehr so erpicht auf das Läuten einer Türklingel gewesen. Hoffentlich klappte es überhaupt heute wie versprochen mit der Lieferung des Dosierleistungsmessgeräts. Nun, das dumpfe Warten war nicht seine Sache. Er nahm das Telefon, suchte die Nummer des Dachdeckers aus seinem Notizbuch und wählte. Der Dachdeckermeister höchstpersönlich nahm seinen Anruf entgegen, und Andrew vereinbarte einen Termin zur Dachreparatur. Es würde schwierig werden, dem Handwerker die seltsame Beschädigung im Dach zu erklären, aber ein Problem nach dem anderen. Apropos Dach – bisher hatte es zum Glück seit dem „Münzeinschlag“ nicht geregnet, aber das musste ja nicht bis zur Reparatur so bleiben. Also tat er gut daran, das Loch im Dach so gut wie möglich abzudichten, bis die Reparatur erfolgen würde. Andrew ging in den ersten Stock. Zuerst holte er sich einen Stuhl aus dem Schlafzimmer, den er unter das Loch in der Zimmerdecke stelle und erkletterte. Dieses Loch würde er auch so bald wie möglich zuspachteln und übermalen. Als er es, auf dem Stuhl stehend, näher in Augenschein nahm, wollte er das umso mehr schnell tun. Das Loch war irgendwie merkwürdig – es sah aus, als sei es sauber ausgefräst oder ausgestanzt worden. Die Tapete an der Decke war an den Rändern des Lochs weder durch die Hitze der Münze angesengt, noch ausgefranzt. Das schmale, rechteckige Loch sah so exakt aus, wie der Münzschlitz eines Spielautomaten. Mindestens.

Andrew öffnete die Bodenklappe, zog die Bodenleiter herunter und kletterte mühsam hinauf. Solche Turnübungen hatte sein kaputtes, linkes Bein nicht so gerne, aber er biss die Zähne zusammen und stieg Stufe für Stufe hinauf. Oben angekommen musste er erst einmal ein wenig verschnaufen. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn, dann betrachtete er den „Münzschlitz“ im Boden von der anderen Seite. Auch hier, wo die Münze die Holzdielen durchschlagen hatte, sahen die Kanten des Schlitzes so sauber aus, als sei das Loch nicht durch einen zufälligen Einschlag entstanden, sondern von einem geschickten Handwerker mit hervorragendem Werkzeug ausgefräst und anschließend geschliffen worden. Keine Splitter, keine verkohlten Stellen. Andrew drehte den Kopf, um das Loch im Dach selbst zu suchen. Das war gar nicht so einfach, denn der kleine Schlitz fiel in der Isolierung nicht sofort auf. Aber nachdem Andrew durch das Loch im Boden auf das viereckige Loch im Erdgeschoss, wo der Pfosten gewesen war, gepeilt und die imaginäre Linie in Richtung Dach verlängert hatte, konnte er den Schlitz in dem dunklen Isolationsmaterial doch ausmachen.

Er zog die Arbeitshandschuhe an, die er mitgebracht hatte, um seine Hände vor der Glaswolle zu schützen. Dann wühlte er in dem Dämmstoff herum, bis er die Dachpfannen dahinter betrachten konnte. Das würde ohnehin nach dem Austausch kaputter Dachpfannen neu gemacht werden müssen. Andrew staunte. Er hatte mit einer oder mehreren völlig zerschlagenen Dachpfannen gerechnet. Aber auch hier machte er wieder dieselbe Beobachtung wie schon bei dem Loch im Boden: Der Schlitz war exakt und sauber – und die betroffene Dachpfanne ansonsten intakt. Das würde in der Tat schwer zu erklären sein. Nun, dafür war der Schlitz nun umso leichter abzudichten. Allerdings hatte Andrew sich das anders vorgestellt gehabt, das war dann eher eine Sache für die Silikonspritze anstelle von Plastikplane, Hammer und Nagel – was er mitgebracht hatte. Also musste er sich wohl oder übel noch einmal nach unten in die Werkstatt und noch einmal hier herauf bemühen.

Fortsetzung folgt…

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Über michikarl

Ich möchte den Werbetreibenden, die heutzutage mehr Daten über Individuen sammeln als die Geheimdienste dieser Welt, nicht kostenlos Informationen zur Verfügung stellen. Obwohl ich das mit Sicherheit auch hiermit bereits getan habe.
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3 Antworten zu Die Münze – Teil 13

  1. michikarl schreibt:

    Hi. Falls jemand täglich liest, ich hatte am Wochenende Besuch und keine Gelegenheit zum Schreiben. Mittlerweile habe ich auch keinen „Puffer“ mehr – was hier zu lesen ist, stellt bis auf einen Absatz auch den gegenwärtigen Stand dar (außer in meinem Kopf). Viel Spaß weiterhin.

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