Die Münze – Teil 14

Nachdem das erledigt und der kleine Schlitz notdürftig mit Silikon abgedichtet war, dachte er nochmal über die ungewöhnlichen Löcher nach. Hatte irgendwer ihm doch einen subtilen Streich gespielt? Oder war die Münze anfangs so heiß gewesen, dass sie durch Dach und Decke wie ein heißes Messer durch ein Stück Butter gegangen war? Plötzlich klingelte es. Obwohl Andrew eigentlich so sehr darauf gewartet hatte, war er einen Moment lang doch überrascht. Er eilte zur Tür. Es war tatsächlich ein Paketlieferdienst mit seiner Lieferung, welche in mit dem Logo des Technikversands bedruckten Karton verpackt war. Nachdem er seine Unterschrift auf eines dieser seltsamen Geräte gekritzelt hatte, die Mitarbeiter der Lieferdienste heutzutage immer hatten, schloss er die Haustür und öffnete hastig im Wohnzimmer das Päckchen.

Er holte das Dosierleistungsmessgerät aus seiner Schachtel, schlug das Heftchen mit der Bedienungsanleitung auf und setzte die mitgelieferten Batterien ein. Das Gerät hatte ein paar Tasten für verschiedene Messbereiche, eine große Digitalanzeige, und einen mechanischen Hebel, mit dem man die Fensteröffnung des Zählrohres für wahlweise nur Gammastrahlung, Beta- und Gammastrahlung oder Alpha-, Beta- und Gammstrahlung einstellen konnte. Er beließ den Hebel auf „nur Gamma“, schaltete das Gerät ein und drückte die Taste mit dem Radioaktivitätssymbol. Somit sollte das Gerät der Bedienungsanleitung nach die Strahlendosis in Mikrosievert pro Stunde anzeigen. Das Display zeigte 0,887 μSv/h1 an. Andrews Recherchen am Vortag hatten ergeben, dass in Cornwall die natürliche Strahlungsexposition zu den höchsten in England gehörte, weil die hügelige Gegend hier aus vulkanischem Granit mit hohem Urananteil bestand. Der Wert war angeblich fast dreimal so hoch wie der Durchschnittswert auf der britischen Insel. Allerdings war der Wert mit im Internet mit 7,8 mSv/a2 angegeben, nicht in μSv/h, was sein Gerät anzeigte. Nun, das war aber leicht umzurechnen, schließlich war es kein Geheimnis, dass ein Jahr 365 Tage, ein Tag 24 Stunden, also 8.760 Stunden hatte und dass 1 mSv = 1.000 μSv entsprach. Der Umrechnungsfaktur von mSv/a zu μSv/h war also ungefähr 0,114. Also multiplizierte Andrew die 7,8 mSv/h mit 0,114 und kam auf 0,8892. Wow. Tatsächlich fast das, was sein Gerät tatsächlich anzeigte.

Also bestand keine Gefahr, zumindest nicht, solange die Münze vergraben blieb. Aber irgendwie traute Andrew dem Gerät trotz des sinnvollen Ergebnisses auf dem Display nicht recht über den Weg. Irgendwie wollte er das Gerät gerne insofern testen, was es anzeigte, wenn es wirklich mit irgendeiner Strahlungsquelle konfrontiert würde. Aber wie konnte er das machen? Schließlich kam man aus gutem Grund an radioaktives Material nicht so ohne weiteres heran. Andrew überlegte ein Weile und verwarf Schnapsideen wie eine Röntgenuntersuchung bei seinem Orthopäden mit heimlichem Einsatz seines Dosierleistungsmessgeräts. Das war ihm nun eindeutig zu doof. Irgendwann erinnerte er sich an die Wecker und Armbanduhren aus seiner Kindheit, deren Zifferblätter in der Nacht leuchteten. Sie waren mit einer Farbe gemalt, die Radium enthielt, dessen Gefährlichkeit durch die Radioaktivität erst in den fünfziger Jahren untersucht wurde. Verboten wurde die Herstellung solcher Zifferblätter dann erst in den sechziger Jahren. Gefährlich war die radiumhaltige Farbe dabei weniger für die Nutzer der Uhren als für diejenigen, die diese Zifferblätter herstellten und ständig mit der gefährlichen Substanz hantierten. Leider besaß Andrew keine solche Uhr mehr. Doch ihm fiel ein, dass er sich mal mit einem Freund, mit dem er sich ab und zu zum Angeln traf, einmal über das Thema unterhalten hatte, und dass der ihm gesagt hatte, dass er noch eine solche Uhr besaß, sie aber lieber im Keller aufbewahrte, um nicht „verstrahlt“ zu werden. Das war doch einen Versuch wert! Er nahm das Telefon und wählte Alberts Nummer aus seinem Notizbuch. Albert nahm nach dem dritten Läuten ab und erklärte sich bereit, ihn zu empfangen.

Albert wohnte in Redruth, nur eine knappe Viertelstunde Autofahrt entfernt. Andrew packte das Messgerät ein und stieg in den Vauxhall. Nach kurzer Fahrt über die B3300 kam er an seinem Ziel an und klingelte an Alberts Tür. Der Freund öffnete und bat ihn herein. „Nun, was kann ich für Dich tun, Du klangst etwas geheimnisvoll am Telefon. Was ist der Anlass des plötzlichen Besuchs?“ Andrew hatte sich eine Erklärung für die Anschaffung seines Dosierleistungsmessgeräts überlegt. Er holte das Gerät hervor und erklärte Albert, dass er es gerne anhand von dessen alter Armbanduhr mit dem Radiumzifferblatt testen wolle. Natürlich wollte der wissen, woher das plötzliche Interesse an der Messung von Radioaktivität herrühre. Andrew erklärte, er hätte Bedenken wegen der maroden Atomanlagen in Winfrith und Bridgewater und wolle einfach rechtzeitig Bescheid wissen. Albert lachte nur und meinte, beide Anlagen seien doch mehr als 100 Meilen entfernt und überhaupt, was Andrew denn im Gefahrenfall überhaupt zu unternehmen gedächte? Aber schließlich winkte er ab und holte die alte Tissot aus dem Keller. „Ein tolles Ding!“, sagte er, als er die zwei Flaschen Dunkelbier, die er ebenfalls mitgebracht hatte, abstellte. „War mal richtig teuer, und sie läuft auch immer noch, wenn man sie aufzieht, und sogar recht präzise. Aber tragen mag ich sie doch nicht mehr.“ Andrew nahm einen Schluck von dem wohlschmeckenden Getränk, holte das Gerät hervor, stellte den Hebel auf Alpha-, Beta- und Gammastrahlung und schaltete es ein. Albert mustere es mit unverhohlenem Interesse. Das Display zeigte 0,889 μSv/h. Andrew brachte das Gerät näher an die Uhr heran und der Wert stieg auf 0,910 μSv/h. Danach stand er auf und entfernte sich mit dem Gerät von der Uhr. Er öffnete die Terassentür, ging auf die Terasse und stellte sich hinter die Mauer. Die Anzeige des Messgerätes zeigte nur noch 0,886 μSv/h. Als er sich der Uhr wieder näherte, stieg der Wert wieder. Okay. Das musste genügen, mehr konnte er nicht erwarten. Andrew trank sein Bier aus und bedankte sich bei Albert, der zwar amüsiert wirkte, aber dankenswerterweise keine misstrauischen Fragen stellte. Nachdem er sich, nicht ohne das Versprechen zu geben, sich bald wieder einmal zum Fischfang zu verabreden, verabschiedet hatte, fuhr er zurück nach Portreath, um die Münze wieder auszugraben.

Fortsetzung folgt…

1Mikrosievert pro Stunde
2Millisievert pro Jahr
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Über michikarl

Ich möchte den Werbetreibenden, die heutzutage mehr Daten über Individuen sammeln als die Geheimdienste dieser Welt, nicht kostenlos Informationen zur Verfügung stellen. Obwohl ich das mit Sicherheit auch hiermit bereits getan habe.
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4 Antworten zu Die Münze – Teil 14

  1. michikarl schreibt:

    Puh. Ich verzettle mich manchmal viel mehr, als ich eigentlich möchte. Außerdem hoffe ich, dass ich mich nicht verrechnet habe. Zwar ist die Mathematik dahinter wirklich simpel, aber ich bin auch wirklich nie gut in Mathe gewesen. Und in meinem Freundeskreis befinden sich ja nun einmal eine Diplomingenieurin die an einer Forschungseinrichtung für Hochenergiephysik tätig ist, ein Physiklehrer, sowie ein Doktor der Physik – die mich alle wahrscheinlich demnächst auseinanderpflücken werden…

    • Elisabeth van Nguyen schreibt:

      Nun, ich gehöre ja nicht zu den erwähnten Menschen, die dazu etwas sagen könnten. Vielleicht auch deswegen gebe ich Dir insofern Recht, dass Du Dich vielleicht manchmal tatsächlich ein wenig verzettelst. Die vielen technischen Details lassen die Story für mich jetzt stellenweise etwas langatmig werden – ich hätte langsam gern mal einen Fortschritt auf der Makro-Ebene. Aber das liegt sicher auch an meinem mangelnden technisch-naturwissenschaftlichen Interesse….

  2. michikarl schreibt:

    Hallo Big Sis. Du hast völlig recht. Es wird Zeit, dass die Geschichte wieder mehr Tempo aufnimmt. Aber ich muss gestehen, dass nicht nur ich die Geschichte beeinflusse – es ist in gewisser Hinsicht auch umgekehrt, die Geschichte arbeitet auch mit mir. Ich weiss ungefähr, wo ich hinwill, und einige Wegpunkte habe ich auch schon lange im Kopf, aber einzelne „Routenabschnitte“ dazwischen ergeben sich erst beim Schreiben. Einige davon sind wahrscheinlich auch entbehrlich, das wird mir selbst aber erst hinterher klar. Immerhin lasse ich ja auch vor der Veröffentlichung niemanden drüber gucken. In gewisser Hinsicht ist das Ganze ja auch ein Experiment für mich…

  3. Elisabeth van Nguyen schreibt:

    Und das lohnt sich in jedem Fall! Und ist ja auch eine Erfahrung – dass die Geschichte sozusagen in einen Dialog mit dem Autor tritt. Dabei merkt man dann natürlich auch etwas von der Interessenlage des Autors und was ihn besonders interessiert. Im Falle einer weitergehenden Veröffentlichung würde man das Ganze dann wahrscheinlich noch überarbeiten und Längen rausnehmen – ist bei Predigten übrigens auch nicht anders…. Na, ich bin gespannt, wohin Du die Geschichte noch führst – und sie Dich!

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