Die Münze – Teil 20

Andrew steckte die Karte in den Schlitz an der Tür zum Labor, in dem der Professor, Mr. Miles und Mr. Jameson vermutlich schon seinen Bringservice erwarteten. Der Summer ertönte, und er trat ein. Professor MacIntyre saß nach wie vor am Terminal, die beiden Numismatiker standen am 3D-Scanner und beobachteten die Maschine, wie sie langsam die Münze mit Licht abtastete. Auf dem größten der Bildschirme war inzwischen eine hochauflösende, dreidimensionale Darstellung der Münze fast vollendet. „Bitte sehr, meine Herren.“, sagte Andrew höflich, verteilte die Snacks und Getränke unter den Dreien und gab dem Professor die Chipkarte zurück. „Vielen Dank.“, sagte der Professor und biss mit Behagen in sein Gurkensandwich. Andrew hatte noch nie verstanden, was seine Landsleute an ein paar wässerigen Gurkenscheiben zwischen Weißbrotdreiecken fanden – er zog eine kräftige Scheibe Käse oder Salami dem grünen Gemüse deutlich vor. Er probierte von seinem Tee und seinem Muffin, und in der Tat, beides schmeckte nicht schlecht.

Während die vier Männer sich über ihre Zwischenmahlzeit hermachten, gab der Laborcomputer irgendwann drei leise Pieptöne von sich. Der Professor stellte seinen Pappbecher ab und sah auf die Monitore. „Der Scan ist fertig.“, stellte er fest. Er bewegte den Trackball, und die Drahtgitter-Abbildung der Münze drehte sich auf dem Schirm, mal um die X-, mal um die Y-, und mal um die Z-Achse. Die Darstellung war sehr detailliert, inklusive der Bohrungen an der Kante, der stilisierten Landkarte (falls es denn eine solche war) und der Legende aus den seltsamen Symbolen. MacIntyre zoomte auf den Punkt auf der „Insel“ und stellte diesen stark vergrößert da. „Sehen sie mal da. Der Punkt ist nicht einfach ein Kreis – es ist ein perfektes Hexagon. Mit bloßem Auge war das gar nicht zu sehen…“ „Interessant, aber weitere Erkenntnisse bringt uns das auch nicht.“, dachte Andrew, während er beobachtete, wie der Professor weiter an seinem Trackball herumdrehte. MacIntyre betätigte ein paar Tasten, und Maßpfeile mit Zahlen erschienen in der Grafik. Zunächst vermaß er exakt die Dicke und den Durchmesser der Münze, dann folgten Tiefe und Durchmesser der Bohrungen, Durchmesser der „Pille“ sowie weitere Maße in Bezug auf das Bild von der „Insel“ und die Legende. Schließlich schien der Professor zufrieden. „Soweit, so gut, in diesem Labor sind wir fertig. Die Vermessung ist abgeschlossen. Das Datenpaket mit den Ergebnissen geht jetzt komplett durch absolut sichere, interne Leitungen an meinen Bürorechner. Dasselbe passiert übrigens auch mit den anderen Messungen, die noch ausstehen.“ Der Physiker betätigte noch ein paar Tasten, klickt mit dem Trackball, dann verschwand die Darstellung der Münze und zwei Eingabefelder für „Benutzer“ und „Passwort“ erschienen stattdessen auf dem Bildschirm. MacIntyre nahm die Münze mühsam vom Objektträger des Scanners und gab sie Andrew.

Wieder auf dem Flur meldete sich Mr. Jameson zu Wort: „Nun, meine Herren, das ist zwar alles sehr interessant, aber all das dauert ja auch seine Zeit. Ich ziehe es vor, lieber in der Hotelbar noch ein oder zwei Dunkle zu mir zu nehmen.“ „Da sage ich nicht nein, Herr Kollege!“, entgegnete Mr. Miles und leckte sich über die Lippen. „Gehen sie nur, ich bleibe hier und beobachte aus erster Hand, was für Geheimnisse der Professor meiner Münze noch zu entreißen vermag.“, sagte Andrew. Die beiden Münzexperten verabschiedeten sich und fuhren mit dem Aufzug ins Erdgeschoss hoch, während der Professor und Andrew auf der Ebene blieben. MacIntyre führte Andrew nur wenige Türen weiter zu einem anderen Labor und steckte sein Karte den Schlitz. Er öffnete die Tür, dahinter herrschte Dunkelheit, bis der Professor den Lichtschalter betätigte und Leuchtstoffröhren an der Decke flackernd zum Leben erwachten. „Schön. Hier muss ich keine Studenten hinaus scheuchen. Auf die Dauer wäre mir das auch zu teuer.“, schmunzelte der Physiker. „Nun, weiter geht’s. Wir werden das gute Stück jetzt erst einmal wiegen.“ Andrew händigte dem Professor die Münze wieder aus.

Es folgte eine lange Reihe von Tests mit verschiedenen Apparaturen. Der Professor arbeitete unermüdlich, und Andrew sah zu. Bei einem Test riss der Physiker plötzlich überrascht die Augen auf. „Was ist denn los?“, fragte Andrew? „Es geht um die elektrische Leitfähigkeit des Objekts, genauer gesagt, des äußeren Rings.“, antwortete MacIntyre ungläubig. Oder anders gesagt, den spezifischen Widerstand, den Kehrwert der Leitfähigkeit. Der Punkt ist… vorausgesetzt, hier liegt kein Fehler in der Messung vor… dass der unter den gegebenen Bedingungen, also unter Normaldruck und 22 Grad Celsius gleich Null ist.“ „Sie meinen, der Ring ist supraleitend?“ „Es sieht ganz so aus, und das unter diesen normalen Bedingungen. Metalle müssen normalerweise unter Normaldruck extrem gekühlt werden, um supraleitend zu werden. Die höchste, mir bekannte Sprungtemperatur hat Schwefelwasserstoff, allerdings unter extrem hohem Druck, und die liegt bei 203 Kelvin bzw. -70 Grad Celsius. Aber das hier… ist wirklich extrem erstaunlich!“ „Sie sagten, diese einzigartige Materialeigenschaft bezöge sich explizit auf den Ring. Was ist denn mit der Pille, der inneren Scheibe? Das scheint ja, zumindest der Farbe nach, ein anderes Material zu sein.“, fragte Andrew. „Auch das ist erstaunlich. Bezogen auf die elektrische Leitfähigkeit ist das innere Material das genaue Gegenteil im Vergleich zum Ring: Das ist der perfekteste Isolator, also Nichtleiter, den ich jemals untersucht habe. Auch die Materialien, die wir im allgemeinen als Nichtleiter bezeichnen, haben keinen unendlich hohen, spezifischen Widerstand, und man kann immer noch eine Restleitfähigkeit messen. Hier an der inneren Scheibe aber nicht – zumindest sind unsere Geräte hier dafür offenbar nicht empfindlich genug.“

Fortsetzung folgt…

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Über michikarl

Ich möchte den Werbetreibenden, die heutzutage mehr Daten über Individuen sammeln als die Geheimdienste dieser Welt, nicht kostenlos Informationen zur Verfügung stellen. Obwohl ich das mit Sicherheit auch hiermit bereits getan habe.
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