Die Münze – Teil 24

11. August 2017, 10:15 AM, Cambridge, England
Andrew, Mr. Jameson und Mr. Miles betraten erneut das Cavendish Laboratory und fuhren mit dem Aufzug hinauf in die zweite Etage, wo sie Professor MacIntyre in seinem Büro aufsuchten. Die beiden Männer aus Portreath hatten bereits gepackt und ausgecheckt, als sie sich mit Mr. Miles, der noch einen Tag länger in Cambridge bleiben wollte, zum Frühstück trafen. Nach dem Frühstück waren die drei dann wieder zum Institut gefahren.

MacIntyre bat die drei Männer in sein Büro, nachdem sie angeklopft hatten, und bot ihnen eine Tasse Tee an, die alle dankend annahmen. „Nun, heute steht also die mikroskopische Untersuchung an. Ich habe das Hitachi bereits gebucht, allerdings mussten sich leider einige Studenten, die zuvor auf der Liste standen, hinten anstellen. Eines der kleinen Privilegien, die man als Professor den Studierenden gegenüber genießt.“ Der Professor erlaubte sich ein kleines Lächeln. „Ach ja, Mr. Summers, ich habe noch ein kleines Souvenir für Sie.“, bemerkte MacIntyre, griff in die Tasche seiner Tweedhose und warf Andrew einen Gegenstand zu. Andrew fing das Ding reflexartig auf und erkannte es als eine Art Kopie seiner Münze aus Kunststoff. Er holte das Original hervor und verglicht beides. Die Farbe, das Gewicht und wie sich die Oberfläche anfühlte passte, alles nicht. Die Abmessungen hingegen waren exakt dieselben, und Legende und das Bild „der Insel“ waren erstaunlich genau reproduziert. Der Professor schmunzelte und sagte „Ich habe über Nacht den 3D-Drucker angeworfen, das war kein Problem, nachdem ich ja alle räumlichen Daten nach dem Scan auf meinem Rechner hatte.“ „Möchten Sie das nicht lieber behalten? Ich habe doch schon das Original.“, fragte Andrew. „Ach was. Ich kann mir ja jederzeit eine neue Kopie machen.“, winkte der Professor ab.

„Wollen wir dann?“, fragte der Professor, nachdem alle ihren Tee ausgetrunken hatten. Alle nickten, standen auf und folgten dem Professor auf den Flur. Das Labor für Mikroskopie befand sich in einem benachbarten Gebäude des Instituts, dem sogenannten Mott-Building, wie der Professor unterwegs erklärte. Das Gebäude war ein in seiner Gesamtheit schwer zu erfassendes, architektonisches Monstrum. Es sah ein wenig so aus, als habe man zunächst ein riesiges, flaches Gebäude hochgezogen, um dann, als es für die Zwecke nicht mehr ausreichte, ein ebenso hässliches, etwas kleineres Gebäude auf das Dach des ersten Gebäudes zu setzen. Um dann, als das auch nicht mehr ausreichte, das zweite Gebäude mit weiteren An- und Aufbauten zu versehen. Die flachen Dächer waren voll gestellt mit Klimaanlagen, Rohrleitungen, Photovoltaik-Modulen und anderen Gerätschaften, deren Zweck nicht zu erahnen war. Die vier Männer überquerten einen Weg und betraten das nach dem ehemaligen Cavendish-Professor (und natürlich Nobelpreisträger) Nevill Francis Mott benannte Gebäude.

Sie fuhren mit dem Aufzug in das dritte Obergeschoss, in dem sich die Elektronenmikroskope befanden. Vor einer Tür zückte Professor MacIntyre wieder einmal seine Chipkarte, und die drei Besucher folgten ihm in den Laborraum, der sich dahinter befand. „Das ist es.“, sagte Professor MacIntyre, und deutete auf etwas, das ein wenig aussah wie ein kleiner Kleiderschrank mit angrenzendem Schreibtisch, auf dem sich ein Computerterminal befand. „Das ist was?“, fragte Mr. Miles verständnlislos. „Das ist unser Hitachi S5500, das neuste und beste Gerät im Arsenal. Damit werden wir dem Objekt von Mr. Summers einmal näher auf die Pelle rücken. Wenn ich bitten dürfte?“, antwortete Professor MacIntyre. Andrew griff in seine Umhängetasche und händigte dem Professor die Münze aus. Dieser öffnete eine Tür am „Kleiderschrank“. Dahinter wurden komplizierte Apparaturen sichtbar, offenbar das gepriesene Elektronenmikroskop. Der Professor legte die Münze auf eine Art Schlitten, der offenbar auf drei Achsen verfahrbar war – ähnlich wie bei dem 3D-Scanner am Vortag. Dann schloss er die Tür wieder und setzte sich an das Terminal. Nachdem MacIntyre sich eingeloggt und ein paar Schaltflächen auf dem Bildschirm angeklickt hatte, erschien ein vergrößertes Kamerabild der Münze auf seinem Bildschirm. Er drückte eine Taste, und ein kleines, rotes Quadrat erschien auf der Münze. Mit dem Scrollrad der Maus vergrößerte er den Bildausschnitt, was alleine die Kamera so hochauflösend hinbekam, dass man die sechseckige Form des Punktes auf „der Insel“ erkannte. MacIntyre fuhr den Objektträger ein wenig nach links und nach oben, bis das Sechseck genau in dem roten Quadrat lag. Dann betätigte er eine Taste. Der Bildschirm wurde dunkel, ein Fortschrittsbalken erschien, und ein leises Summen ertönte aus dem „Kleiderschrank“.

Nach etwa zwei Minuten, in denen niemand etwas sagte, erreichte der Fortschrittsbalken den rechten Anschlag, „100%“ stand in grünen Lettern daneben. Der Bildschirm flackerte kurz.
„Was zum Teufel… ?“, rief der Professor aus.

Fortsetzung folgt…

Über michikarl

Ich möchte den Werbetreibenden, die heutzutage mehr Daten über Individuen sammeln als die Geheimdienste dieser Welt, nicht kostenlos Informationen zur Verfügung stellen. Obwohl ich das mit Sicherheit auch hiermit bereits getan habe.
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Eine Antwort zu Die Münze – Teil 24

  1. Pavangu schreibt:

    Now that’s some serious cliffhanger.. 😀

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