Die Münze – Teil 25

Alle sahen auf den Bildschirm. Er zeigte nur eine schwarze Fläche. Wenn darunter nicht einige Zahlen und Schaltflächen zu sehen gewesen wären, hätte man auch denken können, er sei ausgeschaltet. Der Professor hatte eindeutig mit einer anderen Darstellung gerechnet. Er griff zum Telefon, das auch auf dem Schreibtisch stand und sein Finger schwebte kurz über der Kurzwahltaste, neben der ein Schildchen „Hitachi Kundendienst“ zu lesen war. Dann besann er sich eines Besseren und warf einen Blick auf seine linke Hand. „Sowieso schon wieder viel zu lang.“, murmelte er, zog eine Schublade auf, der er eine kleine Schere entnahm. Kurz entschlossen schnitt er sich ein Stück vom linken Daumennagel ab, öffnete die Tür vom „Kleiderschrank“, nahm die Münze heraus und legte stattdessen den abgeschnittenen Daumennagel auf den Objektträger. Dann schloss er die Tür wieder und klickte auf dem Bildschirm erst auf „speichern“ und dann auf „Neue Aufnahme“. Das Kamerabild seines Daumennagels erschien, und MacIntyre zielte mit dem roten Quadrat und drückte eine Taste. Nachdem der Fortschrittsbalken am Ende angekommen war, erschien die Vergrößerung. Diesmal war ein Bild zu sehen, wie es die Männer noch aus dem Biologieunterricht kannten – annähernd ovale Gebilde mit einem dunklen Punkt darin. Zellen. „Ich dachte für einen Moment, das Gerät sei schlicht defekt.“, erklärte der Professor, „Aber dies hier sieht genauso aus, wie es aussehen sollte, und das zeigt mir, dass das Mikroskop absolut in Ordnung ist. Das Objekt von Mr. Summers lässt sich nur nicht seine innere Struktur so einfach entlocken – seine Beschaffenheit ist offenbar so dicht, dass unser Gerät hier nicht hochauflösend genug ist, um sie zu zeigen. Es sei denn…“ „Was meinen Sie?“, fragte Andrew gespannt. „Ach, wahrscheinlich ziemlicher Humbug, aber angesichts der seltsamen Eigenschaften halte ich fast alles für möglich. Es sei denn, das Objekt stört irgendwie gewissermaßen absichtlich die Vergrößerung.“, führte Professor MacIntyre seinen Gedanken zu Ende.

„Wie auch immer, an dieser Stelle stoßen wir hier an unsere Grenzen.“, erklärte der Professor. „Vielleicht hätten wir mit einem Tunnelrastermikroskop mehr Erfolg. Drüben im Zentrum für Nanowissenschaft haben die eins, aber da habe ich keinen Einfluss und kann nicht garantieren, dass wir dort kurzfristig einen Termin bekommen.“ „Was sind denn jetzt unsere weiteren Optionen, wenn wir überhaupt noch welche haben? Und was ist Ihr bisheriges Fazit?“, fragte Andrew. „Nun, Ihr Objekt hat außergewöhnliche Eigenschaften, die nach meinem Wissen bei allen Materialien, egal, ob Element oder Legierung, egal ob natürlichen Ursprungs oder menschengemacht, nirgendwo sonst zu finden sind. Einige dieser Eigenschaften, insbesondere die hohe Dichte, erschweren weitere Untersuchungen. Theoretisch kann ich nur zu drei Schlüssen kommen: 1. Es gibt geheime Verfahren jenseits meiner Vorstellungskraft und jenseits des allgemein anerkannten, wissenschaftlichen Wissens, die es ermöglichen, Material wie jenes, aus dem Ihr Objekt besteht, herzustellen. 2. Es gibt Orte auf diesem Planeten, die unbekannt und wahrscheinlich schwer zugänglich sind, beispielsweise die Tiefsee, an denen man Stoffe findet, die uns noch völlig unbekannt sind. Das ist denkbar, denn wir wissen beispielsweise über ausgedehnte Meeresgebiete unterhalb von ein paar tausend Meter Tiefe weniger, als zum Beispiel über den Mars. 3. Ihr Objekt stammt überhaupt nicht von der Erde. Das klingt fantastisch, aber auch nicht mehr als die ersten zwei Punkte. Und das bringt mich endlich zu der ultimativen Frage: Woher haben Sie Ihre ‚Münze‘, Mr. Summers?“

Andrew seufzte und erwiederte: „Sie haben sich ganz schön lange geduldet, bis Sie diese Frage stellten. Wenn Sie mir versprechen, bis auf Weiteres Stillschweigen über meine Münze und alle Untersuchungsergebnisse walten zu lassen, verrate ich es ihnen. Der Professor versprach es, und Andrew erzählte ihm die Geschichte, die er Mr. Jameson und Mr. Miles am Abend zuvor beim Bier erzählt hatte. „Nun, direkt vom Himmel gefallen. Was es nicht alles gibt.“, staunte der Professor. „Und wie geht es nun weiter?“ „Das weiß ich auch nicht. Haben Sie eine Idee?“, fragte Andrew. „Sie werden sich schon irgendwann damit abfinden müssen, dass Sie mehr Leute einweihen müssen, wenn Sie mehr erfahren wollen. Es sieht so aus, als bräuchte es sowohl die besten Köpfe als auch die besten Gerätschaften, die wir als Menschheit insgesamt zu bieten haben, um dem Geheimnis auf den Grund zu gehen. Als erstes würde ich eine Untersuchung im CERN in Genf vorschlagen. Wir in Cambridge unterhalten dorthin ausgezeichnete Beziehungen, wir konnten einiges zur Kontruktion von ATLAS, dem großen Detektor des Large Hadron Colliders beitragen. Der LHC wird im allgemeinen als „größte Maschine der Welt“ bezeichnet. „Ist das nicht das Ding, welches womöglich Mini-Schwarze-Löcher produziert?“, platzte Mr. Miles dazwischen? „Ja, und außerdem kann das ‚Ding‘ die Kinder von der Schule abholen, Wäsche waschen, Pizza backen und Geschirr spülen.“, antwortete der Professor trocken. „Alles nur wirre Verschwörungstheorien von Leuten, die einen Synchotronspeicherring nicht von einem U-Bahn-Tunnel unterscheiden könnten. Nun, Mr. Summers, ich könnte da etwas arrangieren. Das würde mindestens einige Wochen, eventuell einige Monate dauern, aber sind Sie grundsätzlich interessiert?“ „Darüber muss ich erst in Ruhe nachdenken. Ich möchte zunächst nachhause fahren, um eine Weile an andere Dinge zu denken und mir dann die weiteren Schritte überlegen. Aber wir sollten unbedingt Kontakt halten.“ „Gewiss.“, antwortete MacIntyre, „Hier haben Sie meine Karte, da steht alles drauf.“ „Vielen Dank. Und auf Wiedersehen. Wir hören voneinander.“, sagte Andrew. Er und Mr. Jameson, der wieder sehr wortkarg geblieben und sich aufs Zuhören beschränkt hatte, verabschiedeten sich von Professor MacIntyre und Mr. Miles, verließen das Mott-Gebäude und begaben sich zum Parkplatz, um mit dem Vauxhall die lange Heimreise anzutreten.

Fortsetzung folgt…

Über michikarl

Ich möchte den Werbetreibenden, die heutzutage mehr Daten über Individuen sammeln als die Geheimdienste dieser Welt, nicht kostenlos Informationen zur Verfügung stellen. Obwohl ich das mit Sicherheit auch hiermit bereits getan habe.
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