Die Münze – Teil 26

Unbekannter Ort, irgendwo im Vereinigten Königreich, am selben Tag
Rear Admiral Moore saß an seinem Schreibtisch und las die aktuellen Erfahrungsberichte von der ersten Testfahrt der „HMS Queen Elizabeth II“. Der neue Flugzeugträger, der 2020 operationsbereit sein sollte, interessierte ihn einfach weit mehr als das, was die jungen Eierköpfe, für die er verantwortlich war, mit ihren Computern ausbrüteten. Als er vor 35 Jahren hilflos mitansehen musste, wie der brennende Treibstoff einer argentinischen Exocet-Rakete französischer Bauart seinen Zerstörer „HMS Sheffield“ langsam in eine lodernde Fackel verwandelte, wurden Kriege noch nicht von hemdsärmligen, Milchbubis mit Maus und Tastatur geführt. Und der Falkland-Krieg war von den beiden Flugzeugträgern „HMS Invincible“ und „HMS Hermes“ entscheidend zu Gunsten des Vereinigten Königreichs beeinflusst worden.

Und nun saß er hier, nur weil es irgendwelchen Papiertigern gefallen hatten, ihn zu dieser Bande von Lauschern zu schicken. Vermutlich, weil er eine Zeit beim Marinegeheimdienst in seiner Vita aufwies. Leider hatte er dort nach Ansicht seiner Vorgesetzten offenbar keinen allzu schlechten Job gemacht, um es bescheiden zu formulieren. Und was hatte er nun davon? Ein Büro drei Stockwerke tief unter der Erde, weitab von der See, und ohne jede Möglichkeit, aus seinem Bürofenster die Masten und Radarkuppeln von am Kai liegenden Kriegsschiffen sehen zu können. Er hatte diesen Ausblick von seinem Büro in Devonport, wo normalerweise immer ein paar Fregatten der Duke-Klasse lagen, sehr gemocht. So sah seiner Ansicht nach echte Hardware aus, nicht wie diese Schränke mit den blinkenden und mit bunten Kabeln vernetzten Kisten zwei Stockwerke tiefer. „Herzlich willkommen bei Tempora.“, hatten die Typen vom GCHQ zu ihm gesagt, „Hier werden Kriege gewonnen – oder noch besser, verhindert.“ Was immer man heutzutage unter Krieg verstand.

Es klopfte an der Tür. Moore grunzte ein missgelauntes „Herein.“ Ein junger Mann im Range eines Lieutenant Commander erschien und grüßte. Für den Geschmack des Rear Admiral etwas zu lässig, aber naja, er musste sich eingestehen, dass sie hier nun einmal nicht auf dem Deck eines Zerstörers standen und er selbst nur einen verdammten Schreibtisch kommandierte. Immerhin war das Hemd des jungen Mannes frisch gestärkt und die Krawatte gebügelt, selbst das war heutzutage ja nicht mehr selbstverständlich. „Stehen Sie bequem. Was gibt es denn?“, ermunterte er den jungen Mann, zur Sache zu kommen. „Sir, wir haben da etwas abgefangen, was unsere Computer als ‚hoch relevant‘ eingestuft haben.“ „So, ihre Computer haben das also eingestuft, wie? Und wie haben Sie selbst es eingestuft?“, fragte der RDML. Der junge Mann verzog keine Miene. „Nun, ich halte es ebenfalls für zumindest beachtenswert und relevant genug, um an Ihre Tür zu klopfen.“ Moore musste schmunzeln. Der junge Mann hatte offenbar Rückgrat. „Also, was haben Sie denn da?“, fragte er. „Einen Dialog per Whatsapp aus Cambridge.“, war die Antwort. „Hm. Whatsapp… ich glaube, dass ist dieses Ding, welches meine jüngste Tochter auf ihrem Mobiltelefon hat und ohne das sie, glaube ich, nicht leben kann. So was Ähnliches wie SMS, oder? Das überwachen wir auch?“ Der RDML stellte sich absichtlich etwas dümmer als er war, um zu prüfen, ob der Jüngere respektvoll bleiben würde. Das war der Fall, die Antwort war von Tonfall und Wortwahl her absolut korrekt. „Sir, Whatsapp ist eine Applikation für Smartphones, mit der Textnachrichten, Bilder und Videos ausgetauscht werden. Sie ist die verbreitetste ihrer Art und wurde vor ein paar Jahren von Facebook gekauft. Whatsapp wird von einer Milliarde Menschen benutzt – jeden Tag. Und selbstverständlich überwachen wir das.“ „Das könnte angesichts der langhaarigen, ungewaschenen Subjekte, mit denen Alicia leider zu tun zu haben scheint, ja wirklich ganz nützlich sein…“, dachte Moore, sprach den Gedanken aber nicht aus. „Okay.“, sagte er stattdessen, „Um was geht es da genau?“.

Fortsetzung folgt

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Über michikarl

Ich möchte den Werbetreibenden, die heutzutage mehr Daten über Individuen sammeln als die Geheimdienste dieser Welt, nicht kostenlos Informationen zur Verfügung stellen. Obwohl ich das mit Sicherheit auch hiermit bereits getan habe.
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