Die Münze – Teil 36

26. September 2022, 06:35 PM, Portreath, England
Andrew beendete gerade den Abwasch nach seinem Abendessen, als das Telefon klingelte. Er wischte sich die Hände am Geschirrhandtuch trocken und angelte sich den Hörer des Küchentelefons von der Wand. Nachdem er sich gemeldet hat, drang eine bekannte Stimme aus der Hörmuschel: „Hier spricht Vice Admiral Moore.“ „Oha, hatte man den gestrandeten, alten Seebären am Ende doch tatsächlich noch befördert. Gut für ihn.“, dachte Andrew. Er hatte lange nichts mehr von Moore gehört. Anfangs hatte sich der Rear Admiral noch ein paarmal wie versprochen gemeldet und ihn inoffiziell über den Verbleib der Münze informiert, doch seitdem das geheimnisvolle Objekt seine Reise durch die Labore in aller Welt angetreten hatte, wusste Moore nichts mehr zu berichten.

Andrew hatte sich längst wieder in seinen überschaubaren Alltag mit Einkauf, Hausarbeit, Gartenarbeit, einem gelegentlichem Besuch im Pub oder im Kino und ein wenig Bastelei mit Holz eingefügt. Anfangs hatte er noch gelegentlich mit Mr. Jameson ein Bier getrunken und über die Angelegenheit gesprochen, doch diese Treffen wurden immer seltener und hörten schließlich ganz auf, als der Gesprächsstoff zu dem Thema am Ende mehrere Mal wiedergekäut worden war und nichts Neues mehr hinzukam. Sein kurzes Abenteuer vor fünf Jahren hatte er gedanklich zu den Akten gelegt, nur noch ganz selten kam ihm die seltsame Münze in den Sinn. Der größte Teil der meist spekulativen Berichterstattung in den Medien war an ihm vorbei gegangen.

Doch nun hatte er Vice Admiral Moore am Apparat. „Was gibt es Neues?“, fragte Andrew wissbegierig. „Ich würde das am liebsten persönlich mit Ihnen besprechen.“, antwortete Moore. „Passt es Ihnen morgen abend?“ „Sie machen es aber spannend. Aber in Ordnung, morgen Abend passt mir. „Gut, wir kommen gegen acht.“, entgegnete der Offizier knapp. „Wir?“, fragte Andrew. „Wundern Sie sich bitte nicht, dass ich wieder von einigen Schwerbewaffneten begleitet werde. Die sind diesmal nicht dazu da, Sie einzuschüchtern, sondern zu unser beider Schutz.“ „Wieso benötige ich Schutz?“, antwortete Andrew, aber es klickte in der Leitung. Der Vice Admiral hatte aufgelegt.

27. September 2022, 08:01 PM, Portreath, England
Das lauter werdende Röhren schwerer Dieselmotoren durchbrach die Stille am abendlichen Lighthouse Hill. Andrew ging in die Küche und spähte durch die Gardine des Fensters zur Straße. Mehrere Geländefahrzeuge der Armee standen an der Straße. Alsbald quollen über zwanzig Männer mit Sturmgewehren und Tarnkleidung heraus und verteilten sich um das Haus herum. Bei dem Anblick wurde Andrew für einen Moment trotz der Ansage des Vice Admirals mulmig zumute. Doch dann sah er Moore selbst, in Begleitung von vier Bewaffneten auf seine Haustür zumarschieren. Das bieder anmutende „Ding-Dong“ der Türklingel stand in einem bizarren Widerspruch zu dem Ambiente in seinem Garten, welches eher an einen Kriegschauplatz oder wenigstens einen Actionfilm erinnerte. Nun denn. Andrew öffnete die Haustür und bat den Vice Admiral und seine Männer herein. Tee und Kekse standen in der Küche schon bereit, und Andrew bat den Offizier, am Küchentisch Platz zu nehmen. „Alles schon einmal dagewesen.“, dachte er, als er Moore eine Tasse Tee eingoss.

Der Vice Admiral griff in seine Manteltasche und legte ohne Umschweife eine Metallschatulle auf den Tisch und klappte sie auf. Im Inneren lag in einer Vertiefung einer Schaumstoffpolsterung die Münze. „Nicht dass sie dieses Schaumstoffpolster irgendwie nötig hätte.“, knurrte Moore. „Im Verlaufe der diversen Versuche, die in den vergangenen fünf Jahren mit ihr gemacht wurden, hat sich herausgestellt, dass sie praktisch unzerstörbar ist. Selbst wenn unmittelbar neben ihr eine Nuklearwaffe detonierte würde, trüge sie keinen Kratzer davon.“ Ehrfürchtig streckte Andrew die Hand aus „Darf ich?“, fragte er fast schüchtern. Moore griff nach seiner Aktenmappe, zog ein Blatt Papier hervor und legte es vor Andrew hin, der unten seine eigene Unterschrift erkannte. Es war das Papier, welches er bei Moores letztem Besuch vor fünf Jahren unterschrieben hatte. „Selbstverständlich dürfen sie. Ist schließlich Ihr Eigentum.“, ermutigte der Vice Admiral. Andrew nahm die schwere Schatulle in die eine Hand, kippte sie und ließ sich die schwere Münze in die andere Hand fallen. „Wirklich?“, fragte er erstaunt. „Ich hatte angenommen, das Papier sei nur eine Farce, und ich sähe die Münze nie wieder.“ „Hätte das Objekt irgendeinen praktischen Wert, so wäre es vielleicht so gekommen. Aber da sich der praktische Nutzen des Gegenstandes auf die Funktion als Türstopper oder Briefbeschwerer beschränkt, hat man sich schließlich entschieden, dass britisches Recht britisches Recht bleibt. Sie haben das Objekt auf Ihrem eigenen Grundstück gefunden, es ist Ihres.“

Andrew wog die Münze in seiner Hand. „Es gibt eine neue, recht spektakuläre Erkenntnis bezüglich des Objekts.“, holte der Vice Admiral nach einem ausgiebigen Schluck aus seiner Teetasse aus. „Nach gründlichen Forschungen und Berechnungen unterschiedlicher Teams hat man das Alter des Objekts herausgefunden. Demnach ist es mehr als doppelt, sogar fast dreimal so alt wie unser Sonnensystem. Über 12 Milliarden Jahre alt, um eine Zahl zu nennen. Das ist mehr als alles andere ein Beweis dafür, dass das Objekt nicht von hier stammt.“ Andrew blickte sprachlos auf die Münze in seiner Hand und schluckte. „Wir wissen das erst seit gestern, es wird aber nicht lange dauern, bis die Medien sich über diese Sensation hermachen. Das Thema köchelt immer wieder auf kleiner Flamme in der Boulevard-Presse, in zweifelhaften Wissenschaftsmagazinen im Fernsehen und natürlich im Internet vor sich hin. Vieles davon ist absoluter Schwachsinn, aber nicht alles. Einige der Wissenschaftlicher, die mit dem Objekt zu tun hatten, haben wohl nicht dicht gehalten. Wie auch immer, ich wollte Sie persönlich über diese Entwicklung informieren, daher die Eile.“

Andrew schwieg weiterhin. Moore fuhr fort: „Über die Implikationen wurde und wird natürlich viel geredet, das ist ja selbstverständlich. Die Fachleute sind sich einig, dass das Objekt nicht auf natürlichem Wege so entstanden ist, also wurde es gefertigt. Von offenbar intelligenten Wesen, die nicht von unserem Planeten stammen. Damit wäre die Frage, ob es intelligentes Leben da draußen gibt, oder vielmehr, gab, geklärt.“ „Wieso gab?“, warf Andrew ein, beantwortete sich aber dann seine Frage selbst: „Ach so. Wenn die Münze vor über 12 Milliarden Jahren hergestellt wurde, dann ist die Zivilisation, aus der sie stammt, womöglich seit Milliarden von Jahren Vergangenheit.“ „Viele, die sich mit dieser Frage beschäftigt haben, halten das für sehr wahrscheinlich. Um welche Sonne auch immer der Planet, von dem Ihr Objekt stammt, kreiste, sie existiert wahrscheinlich längst nicht mehr. Vielleicht hat sich die Spezies auch schon Milliarden Jahre zuvor selbst vernichtet, so wie es uns vielleicht auch ergehen könnte. Aber das kann niemand wissen. Vielleicht ist man auch zu anderen Sternen aufgebrochen und siedelt noch immer irgendwo da draußen.“ Andrew blickte die Münze immer noch verklärt an.

„Eines muss Ihnen klar sein.“, sagte der Vice Admiral schließlich, nachdem er seine Teetasse geleert hatte. „Auch wenn der praktische Wert des Objektes gleich Null ist, so ist es doch das Einzige seiner Art auf diesem Planeten, somit ist sein ideeller Wert gigantisch. Mit der offiziellen Bestätigung von Fachleuten und einem entsprechenden Medienecho werden Ihnen einige Leute, die es sich leisten können, zig oder gar hunderte Millionen Pfund dafür bieten, ob es nun eine Münze ist oder nicht. Deswegen übrigens auch die Schutztruppe, ginge die Mona Lisa jemals auf Reisen, würde sie mindestens ebenso scharf bewacht.“

Andrew schluckte und runzelte die Stirn. Er dachte einen Augenblick nach. „Wissen Sie, Geld interessiert mich einfach nicht so besonders. Ich habe alles, was ich brauche, und ich beabsichtige nicht, mich zu bereichern um anschließend in Dekadenz zu verfallen.“, sagte er schließlich und befürchtete, der Vice Admiral würde ihn umgehend in die Schublade stecken, die dieser für Vollidioten bereithielt. Stattdessen musterte Moore ihn mit unverhohlenem Respekt und entgegnete „Gut. Was haben Sie dann im Sinn? Möchten Sie das Objekt einfach behalten? Es könnte schwierig werden, Ihre Sicherheit und die des Gegenstands zu gewährleisten, ohne dass Ihre Freiheit dabei beeinträchtigt wird.“ „Ich habe da etwas anderes im Sinn.“, antwortete Andrew.

Fortsetzung folgt…

Über michikarl

Ich möchte den Werbetreibenden, die heutzutage mehr Daten über Individuen sammeln als die Geheimdienste dieser Welt, nicht kostenlos Informationen zur Verfügung stellen. Obwohl ich das mit Sicherheit auch hiermit bereits getan habe.
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