Die Münze – Teil 37

Ein Jahr später
Am Ende war fast alles so gelaufen, wie Andrew es sich vorgestellt hatte. Er hatte die Münze dem Volk des Vereinigten Königreiches geschenkt, allerdings mit einem Satz an Bedingungen. Dazu gehörte, dass er selbst völlig anonym bleiben wollte, denn er hatte weder Lust auf Presserummel, noch auf pilgernde Hobby-Ufologen, die zwischen seinen Dahlien herumtrampelten. Eine weitere Bedingung war, dass die Münze über 100 Jahre nicht zu veräußern sei, nach Ablauf dieser Zeit wäre der Verkauf nur nach einer positiven Volksabstimmung möglich. Ferner wurde auf seine Bedingungen hin ein bescheidenes Gebäude in Cambridge errichtet, in dem die Münze für jeden zu besichtigen war, der ein moderates Entgelt entrichtete. Die Erlöse wurden dazu verwendet, das Gebäude, das Personal und die umfangreichen Sicherheitsmaßnahmen zu unterhalten.

Natürlich wurde die Ausstellung, die auch Bilderwände und Erklärungstafeln enthielt, welche zeigten bzw. erklärten, welchen Weg die Münze durch die Labore der Welt genommen hatte und was dabei herausgekommen war, auch ausgiebig in den Medien behandelt. In der Pressemitteilung stand über die Herkunft der Münze dasselbe wie auf den Erklärungstafeln der Ausstellung: „Von einem anonymen Finder auf dem britischen Festland aufgefunden.“ Die Besucher der Ausstellung waren hauptsächlich die Einwohner von Cambridge, natürlich ebenfalls die vielen Studenten, Touristen und natürlich Ufo-Gläubige und Science-Fiction-Fans aus aller Welt.

Im Internet entstanden in Windeseile abstruse Verschwörungstheorien. Eine der kreativsten war die Überzeugung, bei der Münze handle es sich in Wirklichkeit um ein miniaturisiertes Raumschiff, in dem winzige, intelligente Wesen sich auf einer Aufklärungsmission befanden. Im Rahmen der Ausstellung würden diese genauso interessiert auf die Besucher blicken, wie die Besucher die Münze bzw. das Mini-Raumschiff ansahen. Die kleinen Bohrungen am Münzrand seien die Beobachtungsluken, hinter denen die Außerirdischen sich geduldig ihren Studien widmeten. Eines Tages würde das kleine Schiff lautlos starten, weniger lautlos das Dach durchbrechen und in den Tiefen des Alls verschwinden. Später erschien sogar ein Roman, der auf dieser Idee basierte.

Nicht alles war nach Andrews Geschmack verlaufen. So hatte er zum Beispiel vor der Eröffnung der Ausstellung eine Einladung von der Queen persönlich in den Buckingham-Palast erhalten, die ihm höchstselbst für sein Geschenk an das Volk des Vereinigten Königreichs danken wollte. Andrew war kein Royalist, aber den Termin abzusagen kam für ihn dennoch nicht infrage, es wäre ihm allzu unhöflich erschienen. Also kaufte er sich einen neuen Anzug und stieg auf der Air Force Base in den bereitstehenden Helikopter, um mitsamt Münze und Sicherheitsteam zu QE2 geflogen zu werden, wo er der betagten, aber dennoch rüstigen Dame die Münze höchstpersönlich überreichte. Immerhin erfolgte der Besuch unter absolutem Ausschluss der Öffentlichkeit.

Als der größte Rummel sich schließlich gelegt hatte, besuchte Andrew wie ein ganz normaler Bürger erstmals die Ausstellung. Das Gebäude, welches nicht weit vom Gebäudekomplex des Cavendish Laboratory errichtet worden war, war klein, schmucklos und hatte keine Fenster. Nachdem Andrew sich ein Ticket gekauft hatte, betrat er den Ausstellungsraum. In der Mitte des Raumes stand ein großer Kasten aus Panzerglas, in dessen Mitte die Münze in der Luft schwebte und sich langsam um ihre Hochachse drehte. Unter Ausnutzung der besonderen, elektromagnetischen Eigenschaften war es technisch einfach gewesen, die Münze trotz ihrer vergleichsweise hohen Masse durch ein rotierendes Magnetfeld schweben und sich drehen zu lassen. Andrew betrachtete die kleine Metallscheibe fasziniert, als sähe er sie zum ersten Mal. Über dem Glaskasten stand in großen Lettern ein Satz, der seine Idee gewesen war. „WE WILL NEVER KNOW“.1

ENDE (Teil A)
1Wir werden (es) niemals wissen
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Über michikarl

Ich möchte den Werbetreibenden, die heutzutage mehr Daten über Individuen sammeln als die Geheimdienste dieser Welt, nicht kostenlos Informationen zur Verfügung stellen. Obwohl ich das mit Sicherheit auch hiermit bereits getan habe.
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2 Antworten zu Die Münze – Teil 37

  1. Elisabeth van Nguyen schreibt:

    Äh – und jetzt? Wann kommt Teil B? Oder machst Du erst eine Schaffenspause???

  2. michikarl schreibt:

    Gemach, gemach! Kommt ja alles noch. Ich mache nur ein paar Tage Pause, vermutlich geht es am Wochenende weiter. Hab ja in Grundzügen Teil B schon im Kopf, seitdem ich angefangen habe… Wird wahrscheinlich kürzer als Teil A, aber warten wir es ab. Teil A ist auch wesentlich länger geworden als ich dachte.

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