Die Münze – Teil 42

Diese Phase der Gesamtoperation war die absolut höchste Stufe des kompletten Mehrgenerationen-Plans. Keine andere Teilkomponente war kritischer, keine war umstrittener. Insbesondere in ethischer Hinsicht, denn völlig ungeschönt lief die Manipulation der Biomonitoring-Protokolle im Kontext des Gesamtplans auf etwas hinaus, welches man mit einem einzigen Wort beschreiben konnte: Massenmord.

Auf den Punkt gebracht ging es darum, ein Computervirus in die Biomonitoring-Protokolle einzuschleusen. Dieses hatte folgende Aufgabe: Umprogrammierung der Prozesse bei den Geburten der Herrscher und der Krieger. Nachdem das Virus seine Arbeit getan und sich selbst anschließend gelöscht hatte, um keine Spuren zu hinterlassen, wurde bei den Geburten der Krieger-Kaste fortan das Programm mit den manipulierten Gen-Stämmen ausgesetzt. Ohne, dass jemand in der Herrscher- oder der Krieger-Kaste es wusste, gab es bei den Kriegern ab diesem Zeitpunkt keinen biologischen Selbstzerstörungs-Mechanismus mehr. Die Neugeborenen der Herrscher-Kaste hingegen bekamen weiterhin das Biomonitoring-Implantat eingepflanzt … und zusätzlich wurde das Genmanipulationsprogramm nun ebenfalls bei ihnen selbst umgesetzt. Anders gesagt, die Neugeborenen trugen ab nun ohne das Wissen der Herrscher nicht nur den Auslöser der biologischen Waffe in sich, sondern auch die Waffe selbst – die nun gegen sie selbst gerichtet war.

In den Kreisen des Geheimbundes war diese Handlungsweise kontrovers diskutiert worden. Die Kaste der Arbeiter und Bauern war überwiegend friedliebend. Für die Gegner stellte diese Vorgehensweise die eigene Kaste moralisch auf dieselbe Stufe wie die der Herrscher. Die Befürworter, die sich am Ende durchsetzen, konterten, das perfide Verfahren sei schließlich nicht ihre Idee gewesen, sondern die der herrschenden Kaste. Und durch die Umkehr des Verfahrens würde ja nicht nur das tödliche Ende der Waffe gegen die Herrscher gerichtet, sondern gleichzeitig von den Kriegern abgewandt. Der Mord ginge damit zuletzt auf die Herrscher selbst zurück. Außerdem war „Schlagt den Gegner mit seinen eigenen Waffen“ eine weitere Maxime der Gesamtoperation.

Nachdem jedenfalls die Manipulation der Biomonitoring-Protokolle vollzogen war, arbeitete die Zeit für die Schöpfer des Mehrgenerationen-Plans und ihre Nachkommen. Denn immer mehr Angehörige der Herrscher-Kaste trugen nichtsahnend beide Komponenten der Biowaffe in sich, Auslöser und Bombe, gewissermaßen. Immer mehr derjenigen Herrscher, die nur den Biomonitor trugen, verstarben und wurden zumindest so alt, dass sie nicht mehr von strategischer Bedeutung für den Plan waren.

Schließlich näherte sich der Plan der Endphase: Dem Attentat. Auch wie dieses anzugehen wäre, war ein umstrittenes Thema im Planungsstab gewesen. Naheliegend war, einfach eine der eingeschleusten, falschen Kriegerinnen mit der Durchführung zu beauftragen, und viele der durchtrainierten, jungen Damen wären nur allzu bereit dazu gewesen. Zwar waren auf dem Zentralkontinent, wo die Herrscher lebten, Waffen absolut verboten, und die automatisierten Kontrollen waren scharf und unbestechlich. Aber in den Händen der Kämpferinnen konnte jeder Gegenstand zu einer tödlichen Waffe werden, und zur Not wären die bloßen Hände selbst ausreichend, um ein Herrscher-Leben zu beenden.

Dennoch wurde diese Option verworfen. Es ging darum, welches Zeichen man für die Kaste der Krieger setzen wolle und vor allem darum, was später in den Geschichtsbüchern stehen würde. Ohne ein exaktes Konzept, was „hinterher“ passieren würde, wäre der gesamte Mehrgenerationen-Plan sinnlos gewesen. Das neue System sollte nicht auf dem Mord durch eine eingeschleuste Kämpferin in der Hauptstadt auf dem Zentralkontinent seinen Anfang nehmen. Es sollte auf der größten der Ringinseln, wo die Verwaltung der Arbeiter- und Bauen-Kaste ihren Sitz hatte und von wo aus die meisten Nahrungsmitteltransporte zum Zentralkontinent starteten, seine Geburtsstunde erleben. Genau hier würde die künftige Hauptstadt gegründet werden. Genau hier würde die neue Zeit beginnen.

Über michikarl

Ich möchte den Werbetreibenden, die heutzutage mehr Daten über Individuen sammeln als die Geheimdienste dieser Welt, nicht kostenlos Informationen zur Verfügung stellen. Obwohl ich das mit Sicherheit auch hiermit bereits getan habe.
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