Die Münze – Teil 43

Der Attentäter kauerte in seinem Versteck und wartete auf den Augenblick, der die Geschichte für immer verändern würde. Den Augenblick, der seit mehreren Generationen vorbereitet worden war, seitdem seine Vorgänger entschieden hatten, dass die Herrschaft der Autokraten ein Ende haben müsse. Dieser Augenblick war nun sehr nahe. Denn ein Inspektionsbesuch des Primes, des Ersten der Herrscher, stand unmittelbar bevor. Jede Herrschergeneration besuchte die Umschlagstation auf der Großen Ringinsel genau einmal. Der Zweck dieser sogenannten Inspektion war weniger der, den Untertanen auf die Finger zu sehen; dazu fehlte den Herrschern in der Regel die Expertise. Es ging um pure Machtprojektion, darum, zu zeigen, wer hier wirklich das Sagen hatte, damit die Kaste der Arbeiter und Bauern auf keinen Fall vergäße, wer die Herrschenden waren.

Natürlich reisten die Herrschenden im Gefolge von hunderten Kriegern. Diese landeten zuerst auf der Großen Ringinsel und sicherten den Weg vom Flugfeld zur Umschlagstation. Natürlich fuhren der Herrscher und die Krieger in gepanzerten Fahrzeugen. Sowohl der Prime als auch seine Entourage fühlten sich sicher. Der letzte Attentatsversuch war viele Generationen her und nur noch ein seichter Schatten auf vergilbten Seiten der Geschichtsbücher. Und natürlich war er außerdem gescheitert. All das ließ das Selbstvertrauen der Besucher ins Kraut schießen, während die Wachsamkeit darunter litt.

In seinem Versteck prüfte der Attentäter die Zeit und stellte fest, dass nun die Waffe in Stellung gebracht werden musste. Die Waffe war aus Einzelkomponenten konstruiert, die jene Agentinnen erbeutet hatten, welche die Krieger unterwandert hatten. Sie war auch nach Plänen konstruiert, die auf dieselbe Art und Weise beschafft worden waren – allerdings mit einigen cleveren Modifikationen, die ihre Effizienz erheblich steigerte. Das Geschütze war eine Railgun, die Wuchtgeschosse unter Einsatz von extrem starken Magnetfeldern auf 20.000 Meter pro Sekunde beschleunigen konnte. Die Mündungsenergie des Geschosses beim Verlassen der Waffe betrug 735 Megajoule. Die zugehörige Munition war auch bei den Kriegern erbeutet worden, was der Maxime „Schlagt den Gegner mit seinen eigenen Waffen.“ entsprach.

Das Versteck des Attentäters befand sich etwa einen Kilometer entfernt von der Zufahrtsstraße der Umschlagstation, eine Strecke, die das Geschoss in weniger als einer Millisekunde zurücklegen würde. Es war unterirdischer Raum, der durch einen mehrere Kilometer langen Tunnel mit einem unauffälligen Haus mitten in einem entsprechend weit entfernten, unauffälligen Dorf stand. Auf einer durch Gasdruckzylinder zu öffnenden Falltür stand eine schief zusammengezimmerte, kleine Hütte. Diese war von Kindern als Spielhaus errichtet worden, die zu Arbeiterfamilien aus dem besagten Dorf gehörten. Die Eltern der Kinder arbeiteten überwiegen in der Umschlagstation und hatten noch gestern in ihrer Hütte eine Clubsitzung abgehalten, natürlich ohne zu wissen, was sich unterhalb ihres stolzen Hauptquartiers befand. Auch die Eltern waren völlig ahnungslos, worauf ihre Kinder spielten.

Der Attentäter stellte zunächst ein massives Dreibein auf. Auf dieses wurde die aus mehreren Teilen bestehende, erstaunlich kompakte Waffe montiert. Sie konnte von einem Mann getragen, allerdings nicht ohne das massive Stativ abgefeuert werden, obwohl sie ihre Projektile völlig rückstoßfrei verschoss. Der Attentäter montierte das Zielvisier und schloss die Waffen an die Energieversorgung und das Kühlsystem an. Dann öffnete er den Verschluss, legte das Geschoss ein und schloss die Waffe wieder. Zuletzt schaltete er Stromversorgung und Kühlsystem ein und wartete. Kurz darauf knackte es in seinem Kopfhörer: „Sichtkontakt“, meldete ein Späher in der Nähe der Straße. Der Attentäter drückte auf die Taste, die die Falltür einen Spalt auffahren ließ und richtete die Waffe aus. Er blickte durch das Zielvisier und sah die Staubwolke der nahenden Fahrzeugkolonne des Herrschers.

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Über michikarl

Ich möchte den Werbetreibenden, die heutzutage mehr Daten über Individuen sammeln als die Geheimdienste dieser Welt, nicht kostenlos Informationen zur Verfügung stellen. Obwohl ich das mit Sicherheit auch hiermit bereits getan habe.
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