Die Münze – Teil 44

Der Attentäter zoomte die Fahrzeuge näher heran und entdeckte die Limousine des Herrschers. Er richtete die Waffe erneut aus und entdeckte hinter einer Panzerglasscheibe, von der man fälschlicherweise annahm, sie wäre mehr als ausreichend für alles, was potentielle Feinde des Herrschers aufzubieten hätten, den Kopf des Autokraten. Er atmete ruhig und richtete den für das bloße Auge unsichtbaren Markierungspunkt, den er in seinem Visier jedoch scharf und deutlich sehen konnte, auf die linke Schläfe des Kopfes. Er atmete noch einmal ein und betätigte den Auslöser im selben Moment, als unvermittelt, wie aus dem Nichts, ein Arm von hinten kam und die Waffe hochriss.

Mit einem lauten Knall und 20.000 m/s verließ das Geschoss den – im ausgezogenen Zustand – zweieinhalb Meter langen Lauf der Waffe. Mit aufgerissenen Augen blickten Attentäter und der Unbekannte auf die lange Plasmaspur, die das Geschoss hinter sich herzog. Sie markierte den Weg, den das Geschoss genommen hatte – und der knapp über das Dach der Limousine hinweg in einem flachen Winkel Richtung Himmel führte. Es hatte das Fahrzeug des Herrschers durch das Eingreifen des Fremden verfehlt.

Der Attentäter löste sich aus seiner Starre, doch der Fremde war etwas schneller gewesen: Der Mann, der ganz offensichtlich ein Krieger war, hatte sich offensichtlich von hinten leise wie eine Katze durch den Tunnel angeschlichen, während er die Waffe ausgerichtet hatte. Nun stand der Krieger mit höhnischer Miene vor ihm und sagte „Ihr glaubt wohl, Ihr seid die Einzigen, die tricksen, manipulieren, spionieren und Leute umdrehen können? Ich kannte Euren Plan, und nun ist er vereitelt! Es gibt nur eine Strafe für den versuchten Herrschermord, und die ist seit vielen Generationen festgelegt und sofort zu vollstrecken!“ Mit diesen Worten zog er mit einer fließenden, oft geübten Handbewegung seinen traditionellen Dolch aus seiner Scheide und rammte ihn dem Attentäter, der die ganze Zeit wie gelähmt gewesen war, in die Brust.

Nur eine knappe Sekunde später ertönte ein weiterer Knall, der dem ersten sehr ähnlich klang, nur von etwas weiter weg. Der Kopf des Kriegers zuckt zum geöffneten Spalt der Falltür und erstarrte. Was er sah, ließ ihn erblassen: Eine zweite Plasmaspur begann an einem nicht auszumachenden Ort auf der anderen Seite der Straße und endete … inmitten der Fahrzeugkolonne, die inzwischen angehalten hatte. Trotz der Entfernung nahm er Schreie wahr. Der Krieger blickte durch das Visier der Waffe, richtete es auf die Limousine des Herrschers und zoomte näher heran. Er sah ein Loch in der Heckscheibe des Wagens, die offenbar von einem zweiten Geschoss durchschlagen worden war, und ein weiteres im Dach. Das Geschoss war, wie es aussah, durch das Dach wieder ausgetreten. Außerdem sah er eine Menge Blut. Und Angehörige seines Clans, die die Türen des Fahrzeuges geöffnet hatten und voller Entsetzen ihre Hände vor das Gesicht schlugen.

Der Attentäter wusste, dass seine Zeit gekommen war. Er war zusammengesackt, nahm nun aber noch einmal seine letzten Kräfte zusammen, um sich aufzurappeln. Nachdem er mühsam einen Mund voll Blut ausgepuckt hatte, blickte er seinem Mörder ins Gesicht und sagte seine letzten Worte: „Ihr glaubt wohl, Ihr seid schlau genug, alle von uns zu erwischen? Weit gefehlt.“. Damit schloss er die Augen, sank wieder zusammen und tat wenig später seinen letzten, mühsamen Atemzug.

Der entsetzte Krieger konnte nicht wissen, dass er längst nicht mehr Teil des perfides Selbstschutzplanes der Herrscher-Kaste war, ebenso wenig wie die Tatsache, dass diese in nur wenigen Stunden komplett Opfer des von ihnen selbst geplanten Genozids werden würde. Um sich die Schande und den schmerzvollen Tod zu ersparen, wandte er seinen noch blutbefleckten Dolch gegen sich selbst.

Inzwischen hatte das Geschoss des toten Attentäters längst das Gravitationsfeld des Planeten verlassen. Es hatte die Waffe weit oberhalb der Fluchtgeschwindigkeit verlassen, ohne irgendwo einzuschlagen reichte die Reibung der Atmosphäre nicht aus, um es soweit zu verlangsamen, dass das Schwerefeld des Planeten es noch einzufangen zu vermochte. Das scheibenförmige Projektil, welches sich noch immer mit der hoher Winkelgeschwindigkeit, die der ausgefeilte Mechanismus der Waffe ihm mitgegeben hatte, um seine Hochachse drehte, machte nicht viel später einen kleinen Schlenker um einen der drei Monde des Planeten, um dann seinen Weg in den tieferen Raum fortzusetzen. Eine ganze Weile, nach kosmischen Maßstäben nur einen kurzen Augenblick später verließ das Geschoss das Sonnensystem. Seine Bahn war von der Gravitation anderer Planeten beeinflusst worden, doch keiner der Himmelskörper fing die kleine Scheibe ein.

Milliarden von Jahren später erreichte das Projektil nach ca. 170.000 Lichtjahren Reise ein Sonnensystem in einer anderen, fremden Galaxie. Das Licht der noch jungen Sonne spiegelte sich auf der immer noch perfekten Metalloberfläche der kleinen Scheibe. Ein kundiger Betrachter vom Herkunftsort des Geschosses hätte die stilisierte Form des Zentralkontinentes eines Planeten, der längst nicht mehr existierte, erkannt, zusammen mit dem Punkt, der die Hauptstadt symbolisierte. Und die Schrift, die übersetzt etwa bedeutete: „Standardgeschoss für mittelschwere Magnetwaffen, Normgröße 3. Imperiale Munitionswerke Raumkubus C.“ Die Herrschenden waren sich ihrer Überlegenheit so sicher gewesen, dass sie als Zeichen ihrer Macht Gegner eines Waffengangs nicht über den Absender ihrer Geschosse im Unklaren ließen.

Das Geschoss wurde vom Gravitationsfeld des gelben Zwergs eingefangen und begann, über hunderte Millionen Jahre eine langgezogene, ellipsenförmige Bahn um die Sonne zu ziehen, ähnlich wie Kometen es tun. Doch dann kam der Zeitpunkt, an dem der dritte Planet zur richtigen Zeit am richtigen Ort war, um die kleine Scheibe anzuziehen. Der Eintrittswinkel in die Atmosphäre des kleinen, blauen Planeten passte auch, und so fand nach fast endlos langer Reise ein kleines, seltsames Stück Metall von weit, weit weg ihr neues Zuhause.

ENDE.

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Über michikarl

Ich möchte den Werbetreibenden, die heutzutage mehr Daten über Individuen sammeln als die Geheimdienste dieser Welt, nicht kostenlos Informationen zur Verfügung stellen. Obwohl ich das mit Sicherheit auch hiermit bereits getan habe.
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Eine Antwort zu Die Münze – Teil 44

  1. Elisabeth van Nguyen schreibt:

    WOW!!

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